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Finnland streicht die Schreibschrift aus dem Lehrplan – Kinder sollen mit Tastatur lernen

HELSINKI. Ausgerechnet Finnland, das seit PISA vielen Staaten als vorbildlich in Sachen Bildung gilt, gibt eine der wichtigsten Kulturtechniken auf: Zum Herbst 2016 wird das Vermitteln der Schreibschrift aus dem Lehrplan für die Grundschulen gestrichen. Ab dann steht es den Lehrern frei, den Kindern Schreiben nur noch mittels Tastatur und Druckbuchstaben beizubringen. Dies berichtet die „Helsinki Times“. In Deutschland formiert sich bereits Widerstand gegen solche Reformbestrebungen, auch wenn sich die Probleme mit der Handschrift in den Schulen offenbar häufen. Der Deutsche Lehrerverband und das Schreibmotorik Institut, Heroldsberg, haben Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland, Österreich und der Schweiz aufgerufen, sich an einer Umfrage zum Thema zu beteiligen.

Handschreiben wird immer mehr aus dem Alltag verdrängt - ein Problem offenbar auch in den Schulen. Foto: Jonathan Kim / flickr (CC BY-NC 2.0)

Handschreiben wird immer mehr aus dem Alltag verdrängt – ein Problem offenbar auch in den Schulen. Foto: Jonathan Kim / flickr (CC BY-NC 2.0)

„Flüssiges Tippen auf der Tastatur ist eine wichtige Kompetenz”, so begründet  Minna Harmanen  vom finnischen Bildungsministerium die angestrebte Reform. Das Ministerium sei dabei, die Richtlinien für den neuen Schreibunterricht zu erarbeiten. Harmanen räumt ein, dass der Verzicht aufs Handschreiben eine große kulturelle Umwälzung bedeutet, allerdings könnten sich die Schulen langfristig darauf einstellen. So dürften sie weiterhin – wenn sie es denn unbedingt wollen – auch die Schreibschrift vermitteln.

Allerdings, so meint Harmanen, sei das Tippen leichter mit dem Alltag der Schüler in Verbindung zu bringen als das Handschreiben. „Handschrift zu benutzen, und vor allem die Buchstaben miteinander zu verbinden, ist für viele Schüler schwer“, sagt sie. Als Lehrerin in der Sekundarstufe habe sie festgestellt, dass vielen Kindern und Jugendlichen schon heute die zusammenhängende Schönschrift so lästig ist, dass sie ihre Arbeiten oft in Druckbuchstaben verfassen. Manche hätten sogar Schreibblockaden, wenn sie mit zusammenhängender Handschrift arbeiten müssen.

Tatsächlich hat das Problem, dass die Handschrift im Alltag zurückgedrängt wird, offenbar auch die deutschen Schulen erreicht. Der Deutsche Lehrerverband (DL) stellt fest, dass sich Klagen aus der Lehrerschaft über Probleme mit der Handschrift von Schülern häufen. „Der Anteil der schreibschwachen Kinder und Jugendlichen dürfte zwischen 20 und 50 Prozent liegen“, schätzt DL-Präsident Josef Kraus. Er und sein Verband wollen jetzt genauer wissen: Wie gravierend sind die Probleme mit dem Handschreiben tatsächlich? Und was lässt sich dagegen tun? Der Deutsche Lehrerverband und das Schreibmotorik Institut, Heroldsberg, haben deshalb nun eine bundesweite Umfrage unter Lehrern gestartet, die Antworten auf diese Fragen liefern soll. Hunderte von Lehrern haben bereits mitgemacht – weitere Beteiligungen sind erwünscht, um ein möglichst umfassendes Bild zu bekommen.

Kraus dazu: „Wir möchten auf die Probleme mit der Handschrift öffentlich aufmerksam machen. Dazu benötigen wir zunächst einmal eine Bestandsaufnahme. Dann wollen wir der Politik geeignete Maßnahmen vorschlagen. Ohne den Ergebnissen vorgreifen zu wollen, so ist doch deutlich: Wir benötigen mehr Förderung der Grob- und Feinmotorik schon in den Kindertagesstätten und dann in den Grundschulen.“ Kraus betont, dass es tendenziell einen Zusammenhang zwischen Lernleistung von Schülern und der Güte ihrer Handschrift gebe. „Wer gut und versiert schreibt, der prägt sich Geschriebenes besser und konzentrierter ein, er ist intensiver bei der Sache, er schreibt bewusster, setzt sich intensiver mit dem Inhalt und dem Gehalt des Geschriebenen auseinander.“ Der Deutsche Lehrerverband kooperiert bei der Umfrage mit dem Schreibmotorik Institut, Heroldsberg, das auf diesem Gebiet forscht und arbeitet. News4teachers

Hier geht es zu der Umfrage unter Lehrerinnen und Lehrern zum Thema Handschreiben.

7 Kommentare

  1. mehrnachdenken

    Na, da wird es bestimmt nicht mehr lange dauern, bis die GEW (das ist die Lehrergewerkschaft, die ständig nach “besserer Bildung” Ausschau hält), auf diesen Zug aufspringt.

    Der Grundschulverband wird sich bestimmt gerne anschließen, weil sich die ach so bedauernswerten Kleinen doch so schwer tun mit der Schreibschrift. Deshalb hoben die “schlauen” oder sollte ich besser geschäftstüchtigen Macher des Verbandes ja die Grundschrift aus der Taufe.

  2. das ist absehbar. in 50 jahren oder so halte ich das für gängige praxis, spätestens wenn die händischen analphabeten als lehrer in der grundschule arbeiten.

  3. Milch der frommen Denkungsart

    Bereits die letzte Dudenreform war ja ein Kniefall vor der fortschreitenden Legasthenisierung auch unserer Gesellschaft !

    • stimmt. es wurden viele vormals falsche schreibweisen als korrekte alternative zugelassen. wenn man aber bedenkt wie viele “th” im laufe der vergangenen 100 jahre abgeschafft wurden, ist das auch ein zeichen einer sprachentwicklung.

  4. Ist Finnland wirklich noch unser Vorbild???

    Ich kann mich gut mit der sogenannten “Grundschrift” anfreunden, der hier auch verfemten Handschrift, die fast wie eine Druckschrift aussieht (andere Schriften können dann wirklich später im Kunstunterricht gelernt werden und jeder darf auswählen, welche er übernimmt), aber nur noch Tastatur lernen, das geht mir zu weit.

    • Da bin ich ganz bei ihnen, “sofawolf”.
      Finnland ist schon lange nicht mehr mein Vorbild. Dazu brauchte es nicht erst die Abschaffung der Handschrift.

  5. …wenn die Finnen tatsächlich das Vermitteln einer Handschrift aus dem Lehrplan streichen, kann ich das bei allem Respekt nur mit einem übermäßigen Alkoholkonsum der dafür verantwortlichen Politiker während des langen dunklen skandinavischen Winters erklären.

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