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Nicht fürs Gymnasium, fürs Leben lernen wir – und zwar von Harald Schmidt

ERFTSTADT. Geht doch – so möchte man fast sagen. Seit einer Woche diskutiert Deutschland über den Tweet einer Schülerin, dem zufolge die Alltagstauglichkeit der Schule (insbesondere des Gymnasiums) zu wünschen übrig lässt. Schon bietet ein Gymnasium im rheinischen Erfstadt zwei reguläre Unterrichtsstunden mit Harald Schmidt an, um die Schüler von dessen geballten Lebensweisheiten profitieren zu lassen. Doch zwischen seinen Witzen und Zoten tritt der einstige Late-Night-Talker durchaus für klassische Werte ein.

Gut drauf in der Schule: Harald Schmidt (Archivbild). Foto: Dimitri b. / Wikimedia Commons (CC BY 3.0)

Gut drauf in der Schule: Harald Schmidt (Archivbild). Foto: Dimitri b. / Wikimedia Commons (CC BY 3.0)

So schnell kann es gehen: Nach einem knappen Jahr Fernsehabstinenz ist Harald Schmidt (57) kaum wiederzuerkennen. Im dicken Rollkragenpulli erscheint er am Donnerstagmorgen in der Aula des Ville-Gymnasiums in Erftstadt-Liblar bei Köln. «Ich hab‘ mich als Herbergsvater verkleidet.» Schließlich ist es ja keine Fernsehshow, in der er auftritt, sondern eine offizielle Schulveranstaltung.

Mit dieser Begründung hat die Schule auch mehreren großen Fernsehsendern den Zutritt untersagt – eine Haltung, die Schmidt imponiert: «Das ist die Liga des Plattenproduzenten, der die Beatles weggeschickt hat.» Es ist dann zwar eine Bühne, auf der der Entertainer Platz nimmt, aber die grelle Beleuchtung erinnert ihn doch ein wenig an «erweiterte Verhörmethode». Schmidt soll 200 Oberstufenschülern beweisen, dass man in der Schule doch fürs Leben lernt.

«Ihr kommt bald alle auf diesen berühmten Arbeitsmarkt», warnt der Schulpflegschaftsvorsitzende Damian van Melis. Da kann es nicht schaden, mal mit Leuten aus der Praxis zu reden. Der Schülersprecherin Viola hat er vorher eingeschärft, dass sie nicht vor frechen Fragen zurückschrecken soll – Schmidt habe schließlich selbst fünf Kinder, der sei das gewohnt. Die Schüler haben allerdings gar keine besondere Scheu vor dem Gast – weil sie ihn höchstens vom Hörensagen kennen.

Der publikumsentwöhnte Ex-Moderator ist sichtlich gut aufgelegt. Er selbst sei immer gern zur Schule gegangen, sagt er, «aus Geselligkeitsgründen». Frage von Niklas: «Hatten Sie auch Lehrer, die Sie nicht so toll fanden?» Antwort: «Tausende! Ich war natürlich der Lehrer-Parodist. Wenn es auf Schulausflug ging, saß ich sechs Stunden vorne neben dem Fahrer mit Mikro in der Hand.» Sein liebstes Parodieobjekt: der Mathelehrer mit dem Spitznamen «Idi». «Nach Idi Amin. Das war damals so’n Diktator.»

Im Abitur hatte er eine 2,7 – trotz einer 6 in Sport. Damals habe ihm sein Sportlehrer gesagt: «Du wirst schon sehen, wo du mit deiner Art landest!» Im Nachhinein gibt er ihm recht – denn nun sitzt er hier in dieser spröden Provinzschule. «Also hört auf eure Pädagogen!»

Zu diesem Punkt will Jan gern noch Genaueres wissen: «Ist Ihre Karriere jetzt zu Ende oder warum sind Sie heute an unserer Schule?» Schmidt rückt etwas auf dem alten roten Sofa herum, das er sich mit der Schulsprecherin teilt. «Gute Frage. Das ist dieses pseudo-amerikanische „Ich möchte dem Land etwas zurückgeben, das ich nie von ihm bekommen habe“.»

Und tatsächlich versucht er zwischen seinen Witzen, Zoten und Lästereien einige klassische Werte zu vermitteln. «Enthusiasmus und Eigeninitiative sind durch nichts zu ersetzen!» Die Schüler sollen beruflich das machen, wofür sie sich wirklich begeistern. Und sie sollen sich in Bescheidenheit üben: «Ich selbst bin aufgewachsen mit dem Satz „Das können wir uns nicht leisten“. Das geht super. Als ich im Monat 500 D-Mark hatte, bin ich wunderbar damit ausgekommen. Wir leben doch in Deutschland in einem paradiesischen Zustand.» Wer das nicht glaube, solle sich mal in einem Entwicklungsland umsehen.

Als die Schüler beklagen, sie hätten so wenig Spaß im Unterricht, gibt er ihnen den Tipp: «Ihr müsst den Spaß dort rausziehen, wo er gar nicht vorgesehen ist.» Das sei später nicht anders – er könne auch nicht über Comedy-Sendungen lachen, wohl aber über die Betroffenheitsreportagen von «37 Grad» im ZDF.

Auch für Bewerbungsgespräche hat er einen Rat: «Man legt sich vorher ein paar Antworten zurecht und versucht dann, die irgendwie an den Mann zu bringen. Das ist ein Erfolg meines Geschäftsmodells, dass ich unabhängig von den Fragen antworte.»

Als er merkt, dass die große Pause naht, entlässt er die Schüler. Lateinlehrer Doktor Dieter Esser bedankt sich im Namen der Schulleitung. Man habe jetzt ein ganz klares Bild von Harald Schmidt in seiner Jugend vor Augen: «Ne faule Sau, die schlecht in der Schule war, aber ganz klare Interessen hatte.» Die Schüler mögen ihre Schlüsse daraus ziehen. Von Christoph Driessen, dpa

2 Kommentare

  1. Das ursprüngliche Sprichwort geht auf Seneca zurück:
    Non vitae, sed scholae discimus („Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir“)

    Im frühen 19. Jahrundert wurde es umgedreht in die heutige, bekanntere Form. Es wäre aber immerhin schon ein Fortschritt, wenn alle Schüler zumindest für die Schule lernen würden. Viele brauchen es nicht, weil die Anforderungen für die Abschlüsse durch die Politik immer weiter gesenkt wurden und sicherlich auch noch weiter sinken werden.

  2. Herr Schmidt konnte den ein oder anderen Schüler mit Sicherheit motiviert Eigeninitiative zu zeigen. Sehr schade, dass er sich am Ende von jemandem beleidigen lassen muss, der unter Garantie nicht auf einer Bühne 2 Stunden lang am Stück die Menschen zum Lachen bringt. Neid? Respektlosigkeit als „gutes“ Vorbild?

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