Startseite ::: Politik ::: „Sexuelle Vielfalt“ vs. „Schützt unsere Kinder“: Bei der „Demo für alle“ prallen Welten aufeinander

„Sexuelle Vielfalt“ vs. „Schützt unsere Kinder“: Bei der „Demo für alle“ prallen Welten aufeinander

STUTTGART. Ein Aktions- und Bildungsplan, der auch unter Schülern für mehr Verständnis für Homo- und Transsexuelle sorgen soll, erregt die Gemüter. Zwei Demonstrationen stießen deshalb jetzt in Stuttgart aufeinenander – eine dagegen und eine dafür. Die Positionen der beiden Lager könnten kaum unterschiedlicher sein. Und doch gibt es eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit: Beide Seiten haben für feine Argumentationen zumeist wenig übrig; unterstellt wird den jeweils Andersdenkenden oft verschwörerische Absichten.

Nach Angaben der Veranstalter nahmen 2.416 Menschen an der "Demo für alle" teil. Foto: Demo für alle

Nach Angaben der Veranstalter nahmen 2.416 Menschen an der „Demo für alle“ teil. Foto: Demo für alle

Die Veranstalter der «Demo für alle» haben ihre Kundgebung gut vorbereitet: Auf dem Schillerplatz steht eine Bühne, es spielt Livemusik. Pinke und blaue Luftballons werden verteilt, Teilnehmer recken Transparente mit der Aufschrift «Indoktrination stoppen» oder «Schützt unsere Kinder» in die Höhe. Sie wollen so ihrem Ärger Luft machen und demonstrieren gegen einen Aktionsplan des Sozialministeriums für die Gleichstellung von Homosexuellen mit Heterosexuellen. Fast 1.000 Teilnehmer zählt die Polizei, die Veranstalter zählten 2.416 Teilnehmer.

«Ich bin für die traditionelle Familienstruktur», erzählt ein evangelischer Pfarrer, der aus Weinheim (Rhein-Neckar-Kreis) in die Landeshauptstadt gefahren war. Er befürchtet, dass der Aktionsplan das traditionelle Familienbild untergräbt. «Der Aktionsplan will zum Beispiel den Duden überarbeiten.» Er aber wolle seine Kinder vor einer solchen Gender-Ideologie schützen. «Ich bin gegen Diskriminierung, aber der Staat sollte die Ehe und Familie schützen», sagt der 49-Jährige.

Auch Andreas Bichler aus Lahr im Schwarzwald hat ähnliche Sorgen. Er befürchtet, dass durch den Aktionsplan «moralische Grenzen verschwimmen». Der 40-Jährige protestiert auch gegen den Bildungsplan. Er glaubt, dass seinen Zwillingstöchtern im Unterricht etwas aufgedrängt werden könnte, was sie gar nicht wollten. Als ein Redner am Samstag ruft, «Erziehung ist Elternrecht», klatscht er energisch in die Hände.

Zum sechsten Mal protestieren die Gegner des Bildungsplans, erstmals auch gegen den Aktionsplan. Nach dem Bildungskonzept der Landesregierung sollen Schüler lernen, sexuelle, ethnische, kulturelle und religiöse Vielfalt zu akzeptieren. Die Gegner kritisieren, das sensible Thema Sexualität überfordere die Kinder. Während der Bildungsplan von 2016 an gelten soll, wird das von Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) erarbeitete Konzept wohl noch vor der Sommerpause in Kraft treten – es will die Gleichstellung von Homosexuellen mit Heterosexuellen voranbringen. Ziel des Konzepts ist es, «die Öffentlichkeit für das Recht auf Gleichbehandlung und Nichtdiskriminierung zu sensibilisieren». Es umfasst Maßnahmen, die Vorurteile gegenüber „lesbischen, schwulen, bisexuellen, transsexuellen, transgendern, intersexuellen und queeren“ Menschen (LSBTTIQ) abbauen sollen. Insgesamt eine Million Euro hat Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) dafür zur Verfügung gestellt.

An der Ausarbeitung ist unter anderem das Landesnetzwerk LSBTTIQ beteiligt, das sich für die geschlechtliche Vielfalt einsetzt. Während der Bildungsplan aus dem Kultusministerium sich explizit an die Schulen im Südwesten richtet, will der Aktionsplan die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Sexualität in der Gesellschaft unterbinden. Die Pläne Altpeters hatten großen Protest ausgelöst.

Auf dem Schlossplatz hat sich die Gegendemonstration «Stuttgart ist und bleibt bunt» formiert. Auch hier haben die Veranstalter eine Bühne aufgebaut. Die Kundgebung beginnt zehn Minuten verfrüht, es ertönt Musik mit den Liedtext «Respect all the people». Nach Angaben der Polizei haben sich hier rund 500 Befürworter versammelt.

Die Demonstranten treten für gleichgeschlechtliche Vielfalt ein. Sie tragen Buttons mit der Aufschrift «Gegen Homophobie» und schwenken Flaggen mit Regenbogenfarben. Auf einem Transparent steht groß: «Der Tag wird kommen, an dem Transparente nicht mehr nötig sind. Gegen Homophobie».

Unter ihnen ist Christian Kröper. «Ich demonstriere für gleichgeschlechtliche und sexuelle Vielfalt», erklärt der 26-Jährige. Er studiert Englisch und Informatik auf Lehramt. Die Vorwürfe, dass Kinder unter einer Sexualisierung des Unterrichts leiden, kann er als angehender Lehrer nicht verstehen. «Die Schüler sollen eben gerade wissen „Mit mir ist nichts“», wenn sie merkten, dass sie schwul oder lesbisch seien, sagt er.

Auch einige linksradikale Demonstranten sind gekommen. Sie sehen in der «Demo für alle» die Verbreitung rechter Ideologie. Ein 24-jähriger Student spricht von Parallelen zur islamkritischen Pegida-Bewegung. «Ich bin gegen rechte Gesinnung und Ansichten der Alternative für Deutschland, die dort drüben verbreitet wird», sagt er und zeigt in Richtung Schillerplatz.

Die beiden Demonstrationen liegen nur wenige Meter auseinander, die Polizei ist mit einem Großaufgebot vor Ort. Als sich die Veranstaltung der Gegendemo auflöst, wird es für die Polizisten brenzlig. Während sich die meisten Teilnehmer friedlich auf den Heimweg machen, haben sich rund 100 Gegner der Kundgebung am Schillerplatz versammelt. Mit Trillerpfeifen und Parolen sind vor allem Linksradikale zu sehen und zu hören.

Als die «Demo für alle» dann zu einer Abschlusskundgebung in Richtung Staatstheater zieht, müssen sich Hunderte von Polizisten zwischen die Lager stellen. Obwohl einige Linksradikale die Gegenseite zu provozieren versuchen, kommt es nach Angaben der Polizei zu keinen größeren Zwischenfällen. Nur eine kleine Gruppe der Gegendemonstranten sorgt für Aufsehen. Sie hatte sich zwischenzeitlich mit Trillerpfeifen auf die Kundgebung am Schillerplatz geschlichen, wurde von den Beamten aber schnell wieder vor die Absperrung gesetzt. Julian Valachovic, dpa

Zum Bericht: Jetzt tobt der Streit um „sexuelle Vielfalt“ auch in Niedersachsen

 

11 Kommentare

  1. Liebe Redaktion, danke für den ausführlichen und augenscheinlich ausgewogenen Bericht von den beiden Demos – ich fand es schade, dass im Radio noch nichts davon zu hören war.
    Mich wundert, dass sie das umkämpfte Anliegen als „für die Gleichstellung von Homosexuellen mit Heterosexuellen“ beschreiben – ist das nicht verkürzt? Außer L und S gibt es ja noch die vielen anderen „Gender“, zahlenmäßig zwar wohl nur sehr wenige Personen, aber in dem Aktionsplan werden sie ausführlich bedacht;
    siehe
    http://ba-wue.lsvd.de/2015/02/26/fortschritte-bei-der-erstellung-des-aktionsplans-fuer-akzeptanz-und-gleiche-rechte/ und
    https://demofueralle.files.wordpress.com/2014/11/mac39fnahmenkatalog.pdf

  2. Ich verstehe einfach nicht, warum ausgerechnet immer Demonstranten aus dem linken Lager, das sich verbal hoch und heilig für Humanität, Toleranz, Akzeptanz usw. einsetzt, unflätig und aggressiv werden gegenüber Menschen, die eine andere Meinung vertreten als sie. Da stimmt doch was nicht.

    • mehrnachdenken

      Offensichtlich halten sich diese Leute für „unfehlbar“ und ihre Programme für den Beginn „paradiesischer Zustände“ bei uns.
      Sie könnne oder wollen auch nicht wahrhaben, dass es noch andere Sichtweisen gibt. Wie ein kleines Kind im Trotzalter schlagen sie verbal und physisch aggressiv um sich, um ihr Ziel dennoch zu erreichen.

      Für mich dokumentiert sich in diesem Verhalten eine gewisse geistige Unreife und die Unfähigkeit, Gegensätze oder Konflikte friedlich zu diskutieren und auszutragen.

      Wie oft erlebten wir es schon in der Vergangenheit, dass sich Revolutionäre an die Macht putschten mit dem Versprechen für eine gerechtere und friedlichere Zukunft.
      Erreichten sie ihr Ziel, entpuppten sie sich nicht selten als grausame Tyrannen, die sprichwörtlich über Leichen gingen.
      George Orwell beschreibt so einen Prozess recht eindrücklich in „Farm der Tiere“.

  3. Liebe Laura,

    einer Ansicht nach gibt es

    1. weder ein (geschlossenes) linkes Lager, genauso wenige wie es ein (geschlossenes) rechte Lager oder eine gute, demokratische Mitte gibt. Es handelt sich doch immer um eine Vielzahl von verschiedenen Gruppen oder Diskursgemeinschaften, die manche politische Ansichten teilen und andere eben nicht.

    2. Deshalb läuft m. E. auch der Begriff „immer“ ins Leere, den du benutzt hast.

    3. Und unflätig werden Menschen aus allen Gruppen ggü Menschen aus anderen Gruppen. Auch das ist nicht spezifisch für „Linke“ sondern eher eine für Menschen allgemein und Menschen, die das mit der Meinungsfreiheit nicht ganz verinnerlicht haben im Besonderen.

    Insofern würde ich mit Schubladen und subsumierenden Begriff vorsichtig sein, weil die den differenzierten Blick auf eine komplexe Realität nur verstellen und zu falschen (Vor-)Urteilen führen.

    Und dann noch ein wenig Meinung:

    Es ist schon fast komisch, wenn sich die Gruppierung das Motto „Demo für alle!“ gibt und eigentlich mit „alle“ nur diejenigen meint, die so sind wie sie, während alle anderen in Schule und Erziehung nicht repräsentiert werden sollen.

    Niemand will ihnen ihre Lebensweise kaputt machen, niemand ihre „Ehe“ und „traditionelle Familie“ gefährden. Es geht schlicht darum, gleiche Rechte für diejenigen einzufordern, die in ihrem aktuellen Konzept von „Normalität“ keinen Platz haben und daher die Unnormalen, die Anderen, die Abnormen, die „Schwulen“ sind. Früher wurden diese Menschen vergast und umgebracht, heute werden sie gemobbt, sozial ausgeschlossen und diskriminiert. Es geht um eine Beendigung genauer dieser Diskriminierung und um eine Weitung dessen, was als „normal“ gilt. Nämlich, das Menschen unterschiedlich sein können und sie trotzdem Menschen mit unveräußerlichen Rechten sind.

    Warum diese „traditionelle Familien“ und „Schützt unsere Kinder“-Freunde das als Angriff auf sich und ihre Lebensweisen werten, bleibt mir wirklich schleierhaft.

    • Komisch, Schubladen darf es offenbar nur für Rechte geben, aber nicht für Linke. Oder würden sie bei der ständig und häufig zu Unrecht herbeigeredeten „rechten Gewalt“ auch so viele Anstrengungen unternehmen, um ihre Herkunft zu vernebeln?
      Sie möchten wissen, „Warum diese „traditionelle Familien“ und „Schützt unsere Kinder”-Freunde das als Angriff auf sich und ihre Lebensweisen werten“. Mein Tipp zur Erkenntnis: Sich nicht dumm stellen, sondern Logik zulassen!

    • „Deshalb läuft m. E. auch der Begriff “immer” ins Leere, den du benutzt hast.“

      Mit „immer“ sind einfach alle bisherigen Demonstrationen gemeint. Wenn du die Medienmeldungen nachliest, kannst du feststellen, 1. dass (mit Ausnahme eines Falles) Aggressionen von der „linken“ Seite ausging und 2. dies in den Zeitungen, Fernsehen und Rundfunk in der Regel so verklausuliert und beschönigend berichtet wurde, dass man es nur durch genaues Lesen oder Vergleichen verschiedener Quellen erkennen kann.

  4. Ich oute mich als Bildungsplangegner, und ich war auf der Demo. Ich habe überhaupt nichts gegen Homosexuelle (oder LSBTTIQ). Aber ich habe was dagegen, daß demnächst meine Kinder in der Schule lernen sollen was Dildos sind, und wofür man Lederpeitschen noch einsetzen kann. Über einen „Puff für Alle“ unterhalte ich mich als Erwachsener normalerweise nicht, aber die Kinder sollen ab der 7.Klasse hier zu Experten werden. Diese Diskussionen gehören in die privaten Schlafzimmer oder Folterkammern, aber nicht in die Klassenzimmer. Ich bin halt ein „Ewiggestriger“.
    Würde die rot-grüne Landesregierung ein vernünftiges Programm zur Förderung der Toleranz von Homosexuellen (oder LSBTTIQ) auflegen, würde es diese Demos vermutlich gar nicht geben. Aber auf der Demo als Nazi beschimpft zu werden zeigt mir, daß sich die Bildungsplanbefürworter überhaupt nicht mit der Sache auseinander gesetzt haben, sondern nur das von den Medien verzerrte Bild aufgreifen.
    Auf mich gibt der Bildungsplan und das Aktionsbündnis ein zu extremes Bild ab. Zu offensichtlich soll hier der „Gender-Mainstream“ gegen den Willen eines (vermutlich) großen Teils der unwissenden Bevölkerung durchgedrückt werden. Daß dabei laut Aktionsbündnis „Kontrolle der Medien“ und Sanktionsmaßnahmen gegen Einrichtungen mit „veraltetem Menschenbild“ eingesetzt werden sollen, rückt das Ganze in ein gefährliches Licht. Hier im Ländle wurden ~200.000 Unterschriften abgelehnt, in Frankreich ~700.000.
    Lehrer, wacht auf! Auf der nächsten Demo will ich Euch Alle sehen!
    Outings sind ja gerade modern: Ich bin Christ. Jetzt ist es raus. Das tut gut.
    Und mit Jesus lasse ich Euch in Ruhe 😉

    • mehrnachdenken

      Danke für die offenen Worte!

      Richtig, „Kontrolle der Medien“ und „Sanktionsmaßnahnmen gegen Einrichtungen mit veraltetem Menschenbild“
      sind doch klare Zeichen für einen Überwachungsstaat und Gesinnungsschnüffelei.
      „Kontrolle der Medien“, das Ziel haben die Gender-Ideologen doch inzwischen fast erreicht.

      Schon jetzt müssen Studenten an einigen Studienorten Haus- oder Examensarbeiten gegendert schreiben. Ansonsten werden sie abgelehnt.

    • Ich möchte Ihnen ebenfalls danken. Hier ist ein Beitrag von Klaus Kelle zu lesen, der ebenfalls bei der“Demo für alle“ war:
      http://denken-erwuenscht.com/2-416-gegen-den-irrsinn/

  5. @Laura
    Das verstehen wohl viele nicht und sagen sich genauso wie Sie: „Da stimmt doch was nicht.“ Die meisten Medien hüten sich allerdings davor, diese und andere Ungereimtheiten aus der Schweigespirale herauszuholen.
    Die WELT ist vor wenigen Tagen etwas aus der Reihe getanzt und hat relativ klare Worte gefunden: „Es gibt offenbar zwei Arten von Gewalt: Die linke ist in Ordnung, die rechte geht nicht. Diese Heuchelei ist unerträglich und nicht zu akzeptieren. Dennoch hört man sie überall.“
    http://www.welt.de/debatte/kommentare/article138588414/Die-Toleranz-dieser-Linken-ist-fast-schon-korrupt.html

  6. Laut „Faire Medien“ hat auch dpa die „Demo für alle“ erneut falsch dargestellt:
    https://fairemedien.de/

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*