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„Ein Kraftakt“ – Schulen nehmen immer mehr Seiteneinsteiger auf

ESSEN. Immer mehr Kinder ohne Deutschkenntnisse kommen aus anderen Ländern nach Deutschland. Auch für sie gilt die Schulpflicht. Für den regulären Unterricht werden sie in Seiteneinsteigerklassen fit gemacht.

Hussein blickt mit großen Augen auf den Papp-Osterhasen, den seine Lehrerin Ljubov Jakovleva-Schneider vor der Tafel in die Luft hält. Der Hase lächelt. «Was ist das?», fragt Jakovleva-Schneider die Klasse. Die Schüler sollen Wörter zum Thema Ostern nennen. Osterlamm, Fastenzeit, Frühlingserwachen rufen sie. Verschiedene Akzente sind zu hören. «Ostertiger!», ruft Hussein vorlaut und lacht. Der Junge aus Libyen geht in die Seiteneinsteigerklasse 5/6 des Gymnasiums Essen Nord-Ost (Geno).

Natürlich weiß Hussein, dass der Osterhase kein Tiger ist. Aber er albert nun mal gern, denn wie er selbst sagt, Schule macht ihm Spaß. Vor sieben Monaten kam der 12-Jährige mit seiner Familie aus dem vom Bürgerkrieg zerrütteten nordafrikanischen Staat nach Deutschland, seit November besucht er das Geno. In der Seiteneinsteigerklasse ist Hussein mit 14 weiteren ausländischen Schülern aus zwölf Ländern zusammen. Sie kommen etwa aus dem Iran, Irak, Syrien, Italien und Albanien, sie lernen vier Tage die Woche intensiv Deutsch und auch Englisch. Nach einem Jahr werden sie in reguläre Klassen gehen.

Für seine Mitschüler hat Hussein heute Süßigkeiten mitgebracht. Fröhlich zieht er die Schokolade aus einem Beutel und legt sie auf die Tische. Jakovleva-Schneider freut sich darüber, sie lacht viel mit den Kindern. Die Lehrerin weiß, dass viele von ihnen Schlimmes erlebt haben, von Krieg und Gewalt traumatisiert sind. «Wir wollen, dass sie in der Schule Spaß haben und so viel wie möglich über die Kultur lernen», sagt die Pädagogin. Aber es wird auch Druck gemacht, denn die Kinder, die bei Null anfangen, sollen Deutsch so schnell wie möglich lernen, um sich integrieren zu können.

Allein 2014 kamen mehr als 40 000 Flüchtlinge nach NRW. Im ersten Schulhalbjahr 2014/2015 wurden schätzungsweise rund 10 000 Kinder aus Flüchtlingsfamilien an NRW-Schulen aufgenommen. Martin Schneider, Dezernent der Bezirksregierung Düsseldorf, erläutert: «Vor einem Jahr hatte ich in Essen noch 14 solcher Klassen, jetzt sind es schon gut 60, allein an der Schulform Gymnasium.» Die Schulpflicht gilt für alle – auch für Kinder, die vielleicht wieder abgeschoben werden.

Zur Zeit kommen viele Kosovo-Albaner. «Da richten wir dann Klassen ein und eventuell sind die Kinder dann nach vier Wochen wieder weg», sagt Schneider. Sinnvoll und rasch müssen sie untergebracht werden. Für alle Beteiligten – Schulen, Schulämter, Behörden – sei das ein Kraftakt. Schließlich könnten die Schüler nicht einfach in überfüllte Klassen gestopft werden. Doch nicht nur an Schulraum mangele es, auch Lehrer gebe es nicht genug. Zwar hat die Landesregierung für dieses Jahr 300 zusätzliche Stellen bewilligt, dennoch müssen laut Schneider auch Lehrer ohne Zusatzausbildung die Anfänger unterrichten.

Die Seiteneinsteiger -Klasse in Essen. (Foto: privat)

Die Seiteneinsteiger -Klasse von Jakovleva-Schneider in Essen. (Foto: privat)

Solche Anfänger sind auch Roja und Rojadjar, denn es ist ihre erste Schulstunde am Geno. Deutsch sprechen sie noch nicht. Aus Syrien floh das Geschwisterpaar nach Deutschland. Sie zeigen wie schnell Kinder lernen. Als Jakovleva-Schneider Rojadjar nach vorne bittet, zeigt er auf die Figur und flüstert: «Osterhase.» Seine Schwester ist bei der Eiersuche in der Klasse die Schnellste, hält ihr Fundstück triumphierend in die Luft: «Osterei!» «Innerhalb eines Jahres werden sie viel besser sprechen als ihre Eltern», prophezeit die Lehrerin. Seit 11 Jahren leitet sie Seiteneinsteigerklassen.

Hussein ist nach den paar Wochen in der Schule schon so weit, dass er aus dem Arabischen übersetzen kann. «Er ist einer der besten der Klasse», sagt Jakovleva-Schneider. Zwar passieren ihm immer wieder kleine Rechtschreibfehler, der Dativ sitzt noch nicht so recht und mit dem Gedicht «Das Osterei» von Hoffmann von Fallersleben ist er auch ein wenig überfordert, trotzdem verständigt er sich auf Deutsch sehr gut. Neben seinem Heft liegt ein Zettel. «Fußball» übt er dort zu schreiben. «Sport finde ich am besten», sagt er.

Jakovleva-Schneider ist stolz auf jedes einzelne Kind. Ihr Ziel ist es, ihre Schützlinge nicht nur zu integrieren, sondern ihnen auch Träume zu ermöglichen. Varnika (13) zum Beispiel, geht jetzt nach einem Jahr in die Regelklasse und hat zusätzliche Deutschförderung. Vor zweieinhalb Jahren kam sie aus Sri-Lanka. Kunstlehrerin oder Architektin würde sie gern werden, sagt Varnika. Die Lehrerin ist zuversichtlich. Denn die Schülerin malt bereits beeindruckende Bilder, die in den Fluren des Geno ausgestellt sind. «Es ist wichtig, zu erkennen, dass es für die Kinder auch weitergeht», sagt die Deutschlehrerin.  Larissa Lee Beck, dpa

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