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Studie: Kinder können sich immer schlechter in andere einfühlen – «Babywatching» wirkt dagegen

FRANKFURT/MAIN. Hortkinder schauen fremden Müttern zu, wie sie sich um ihre Babys kümmern. Anschließend sprechen sie darüber. Die ungewöhnliche Methode stärkt einer Studie zufolge die Entwicklung der Kinder. Das ist den Wissenschaftlern zufolge nötig: Kinder können sich offenbar immer schlechter in andere einfühlen.

Weckt Empathie bei Kindern: ein Baby.  Foto: christina rutz/flickr (CC BY 2.0)

Weckt Empathie bei Kindern: ein Baby. Foto: christina rutz/flickr (CC BY 2.0)

Wenn Kinder Mütter im Umgang mit ihren Babys beobachten, stärkt dies laut einer Studie ihre Entwicklung auf mehreren Ebenen. Die Empathie-Fähigkeit der Kinder habe sich im Gegensatz zu Gleichaltrigen deutlich verbessert, sagte der Münchener Kinderpsychiater und Psychoanalytiker Karl Heinz Brisch in Frankfurt. Auch die Sprachentwicklung sei besser geworden. Aggressionen und Angststörungen hätten abgenommen. Zudem sei die Feinfühligkeit der Mütter, die sich mit ihren Babys beobachten ließen, gewachsen.

Das ist das Ergebnis einer zweijährigen Untersuchung mit Drei- bis Elfjährigen in Frankfurt zum sogenannten Babywatching. 46 Kindergarten- und Hortkinder haben dabei den Umgang von zehn Müttern mit ihren Babys beobachtet und dazu Fragen von Fachkräften beantwortet. Nach Angaben der Stadt nahmen insgesamt 33 Gruppen teil, 64 pädagogische Fachkräfte wurden ausgebildet. Die Frankfurter Psychoanalytikerin und Kinderärztin Angela Köhler-Weisker hält die Ergebnisse für einleuchtend und das Projekt für eine «sehr gute Idee». Viele Einzelkinder hätten nur selten die Gelegenheit, Mütter mit Babys zu beobachten, sagte die Leiterin der Babyambulanz des Anna-Freud-Instituts.

«Wir stellen immer mehr fest, dass Kinder sich nicht mehr ausreichend in andere einfühlen können», sagte Brisch, leitender Oberarzt an der Kinder- und Poliklinik der Ludwig-Maximilian-Universität München. Dies werde sich voraussichtlich in den nächsten Jahren noch verschlechtern. «Da kommt eine Lawine auf uns zu.»

Gründe seien große Krippen- und Kita-Gruppen, gewachsene Ansprüche, mehr Aufgaben für die Erzieher und viele Kinder mit Sprachproblemen. Viele Kinder würden auch schon wenige Wochen nach der Geburt in Krippen mit zu wenigen Erziehern betreut. Empathie sei «etwas menschlich sehr Notwendiges, sonst können wir keine dauerhaften, befriedigenden Beziehungen eingehen, weder mit Freunden und Partnern, noch später mit Kindern», sagte Brisch. Normalerweise lernten Kinder Empathie bei ihren Eltern und in guten Bindungsbeziehungen. Ansonsten drohten «große Schwierigkeiten in der Schule und mit ihren Klassenkameraden und überall».

Untersuchungen in Österreich mit 250 Grundschulkindern und in Kindergruppen in München hätten zu den gleichen Ergebnissen geführt, sagte Brisch. Er ist nach eigenen Angaben der Erfinder des Projekts, das bereits in England, Holland, Neuseeland und Israel angewandt werde. Die Marienschule im hessischen Limburg habe es in ihre Ausbildung für Erzieher aufgenommen. Auch in München und Frankfurt solle es fortgesetzt werden. dpa

Zum Bericht: Modell für Deutschland – Babys unterrichten an Bremens Schulen

2 Kommentare

  1. Warum muss eine künstliche Methode zum Erlernen von Empathie wie “Babywatching” herhalten, wenn es eine natürliche gibt, mit der die Menschheit seit ihrem Bestehen gute Erfahrungen gemacht hat?
    Irgendwie ist es traurig, dass Hortkinder wie in einem Film “erleben” müssen, wie Mütter mit ihren Babys umgehen, damit ihr verkümmerndes Einfühlungsvermögen angeregt wird.
    Dass sich bei Hortkindern vermutlich noch weitere geistig-seelischen Fähigkeiten unterentwickeln, ist wohl wahrscheinlich.

  2. Wenn das so weitergeht, gibt es demnächst noch “Seniorenwatching”. Kinder können wöchentlich zusehen, wie schwer es alten Menschen fällt, sich die Zehennägel zu schneiden. Wie wird eine Prothese am besten gereinigt? Der Anblick einer Anguck-Oma, die sich einen Stützstrumpf an- oder auszieht, ist bestimmt auch bildend…

    Und so wie das “Babywatching” für Manager gut sein soll, würde natürlich auch die Sozialkompetenz von Managern durch Stuhlkreissitzerei mit einstündigem Seniorenwatching gefördert.

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