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Neuer Ärger für Stoch: Verdrängt das Thema Medienbildung die Informatik aus den Schulen? Die Wirtschaft motzt

STUTTGART. Ob Inklusion, das Thema „sexuelle Vielfalt“ im Unterricht oder der muttersprachliche Unterricht: Der Ärger scheint für Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch (SPD) kein Ende zu nehmen. Jetzt das nächste Streitthema: Kommt beim künftigen Schwerpunkt Medienbildung die Informatik unter die Räder? Die Wirtschaft und die Opposition befürchten dies. Stoch sieht hingegen einen Sturm im Wasserglas – denn die Informatik werde vielmehr gestärkt.

Hat's auch nicht leicht: Baden-Württembergs Kultusminister Stoch. Foto: SPD-Fraktion im Landtag Baden-Württemberg

Hat’s auch nicht leicht: Baden-Württembergs Kultusminister Stoch. Foto: SPD-Fraktion im Landtag Baden-Württemberg

Geplante Neuerungen beim Informatik-Bildung an weiterführenden Schulen sorgen für Wirbel. Sie solle künftig in die fächerübergreifende Medienbildung einfließen, teilte das Ressort von Kultusminister Andreas Stoch (SPD) am Dienstag in Stuttgart mit. Auf einem Basiskurs Medienbildung von 35 Unterrichtsstunden in Klasse fünf, in dem auch Informatik Unterrichtsgegenstand ist, sollen nach dem neuen Bildungsplan 2016 alle weiteren Klassen aufbauen. Die Kritik an einem «Verwässern» informationstechnischer Bildung bei Opposition und und Fachleuten folgte auf dem Fuß.

Bisher wurde laut Ministerium Informatik punktuell gelehrt – ohne Vorgabe des Unterrichts-Umfangs. Demnach bedeuten die vorgesehenen Änderungen im neuen Bildungsplan, über die zuerst die «Heilbronner Stimme» berichtet hatte, keine Streichung der informationstechnischen Grundbildung. Vielmehr werde der Themenbereich aufgewertet durch eine erstmalige «durchgängige Verankerung informationstechnischer Kompetenzen». Die Grünen-Bildungsexpertin Sandra Boser pflichtete bei: IT-Praxis und zusätzlich dazu eine umfassende Medienpädagogik zögen sich im neuen Bildungsplan stärker als roter Faden durch die Schulfächer als es bisher der Fall gewesen sei.

Der Landeselternbeirat (LEB) hat hingegen kein Verständnis für die Pläne. Auch die Fachlehrer laufen Sturm gegen das «Verschwinden der Informatik» in der Unter- und Mittelstufe. Die Gesellschaft für Informatik bangt um den dringend benötigten Nachwuchs im High-Tech-Land Baden-Württemberg. Die Pläne im Kultusministerium stünden auch im Widerspruch zum Engagement von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) für die intelligent vernetzte Produktion im Zuge der Industrie 4.0.

Das bestreitet das Staatsministerium auch mit Blick auf den ersten Nachtragshaushalt, mit dem das Land die Erprobung von digital gestützten Lern- und Forschungsmethoden an allen Schul- und Hochschularten fördert. Kretschmanns Herausforderer Guido Wolf, CDU-Spitzenkandidat für die Landtagswahl, betonte: «Grün-Rot hat bei diesem zentralen Zukunftsthema anscheinend überhaupt keinen Plan, geschweige denn eine abgestimmte Vorgehensweise.»

Die Arbeitgeber in Baden-Württemberg forderten ein verpflichtendes Stundenkontingent für IT-Grundbildung über die Klassen fünf bis zehn hinweg. Die Vorgaben seien zu unverbindlich und ihre Umsetzung bleibe dem jeweiligen Lehrer überlassen. Die zukünftigen Herausforderungen erforderten mehr und eine verbindlichere informationstechnische Allgemeinbildung als im Bildungsplan 2004. Bislang gibt es Informatik nur in der gymnasialen Oberstufe als Wahlfach. Ab 2017 können Gymnasiasten das Fach auch im schriftlichen Abitur wählen.

Der LEB-Vorsitzende Carsten Rees sagte zu Stochs Plänen: «Das überrascht und verwirrt uns, da wir im Bereich Informatik bereits ein Defizit haben und noch nachlegen könnten.» Medienbildung und Informatik förderten völlig unterschiedliche Kompetenzen. Die Informatik ziele auf das problemlösende Denken ab. Die Medienbildung lehre den Umgang mit den neuen Medien. Für beide Bereiche sei eine «gigantische Weiterbildungsoffensive» nötig. Der Bildungsexperte der FDP, Timm Kern, meinte: «Der Kultusminister hat ganz offenbar den Unterschied zwischen Informatik und Medienbildung nicht verstanden.» CDU-Landeschef Thomas Strobl forderte Investitionen in die Lehrerweiterbildung und in die IT-Ausstattung in den Schulen.

Die Fachgruppe der Informatiklehrer in Baden-Württemberg befürchtet, dass die Unterrichtsziele auf «minimale Anwenderkompetenzen» beschränkt werden. Grund sei die mangelhafte fachliche Qualifikation der Lehrkräfte. Den Schülern dürfe aber der Erwerb einer Informatik-Bildung nicht vorenthalten werden. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft mahnte: «Die beste Bildungsplanreform nutzt nichts, wenn sie nicht durch Weiterbildung flankiert wird.»

Die Gesellschaft für Informatik (GI) wandte sich gegen das «Verwässern» der Informatik; dadurch fühlten sich noch weniger junge Menschen berufen, das Fach zu studieren. Im für Baden-Württemberg prägenden Auto- und Maschinenbau seien diese Fachleute unverzichtbar, sagte die Vizesprecherin der GI-Regionalgruppe Stuttgart/Böblingen, Andrea Herrmann. «Wir wundern uns schon, dass bisher so wenig läuft.» Bitkom beziffert die Zahl der offenen Stellen für IT-Spezialisten auf bundesweit 40.000.

Zum Bericht: Keine Spur von AmtsmüdigkeitStoch will wieder Kultusminister werden

Ein Kommentar

  1. Vielleicht werden durch Medienkunfe Schüler für das Informatikstudium begeistert. Derzeitiger Informatikunterricht in Gymnasien hat nachweislich gegenteiligen Effekt.

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