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Hintergrund: Wie oft in Deutschlands Kinderzimmern vorgelesen wird – und was es bewirkt

BERLIN. Einschlaf-Ritual oder gezielte Förderung? Regelmäßiges Vorlesen wirkt sich einer Studie zufolge positiv auf den schulischen Erfolg von Kindern aus. Und: Das Bildungsniveau der Eltern spielt dabei keine Rolle.

Wie viel wird in Deutschlands Kinderzimmern vorgelesen?

Mindestens jedes dritte Elternpaar liest Kindern, die noch nicht selbst lesen und schreiben können, mehrmals in der Woche vor. Das geht aus einer am Montag vorgestellten Studie der Stiftung Lesen hervor. 18 Prozent der Befragten nehmen sogar täglich ein Buch für ihre Sprösslinge zur Hand. Doch es läuft auch anders: 15 Prozent lesen ihrem Nachwuchs seltener als einmal die Woche vor, weitere 15 Prozent nie. In dieser Gruppe gibt es auch keine großen Änderungen: Schon 2014 ergab die Studie, dass rund 30 Prozent aller Eltern in Deutschland ihren Kindern selten oder gar nicht vorlesen.

Hat Vorlesen Einfluss auf den schulischen Erfolg?

Zu dem Ergebnis kommt zumindest die Studie. Die Durchschnittsnote im Fach Deutsch liegt demnach für Acht- bis Zwölfjährige, denen täglich vorgelesen wurde, um sieben Zehntel über der von Kindern, deren Eltern selten oder nie zum Buch greifen. Auch in anderen Fächern wie Biologie oder Kunst schneiden sie besser ab.

84 Prozent der fleißigen Vorleser sagten: «Mein Kind ist gut in der Schule.» Bei den Nicht-oder Selten-Vorlesern gab das nur knapp jeder Dritte an. Bei den Kindern selbst hielt sich aus der ersten Gruppe jedes Zweite für schulisch erfolgreich – von den wenig Belesenen waren es 12 Prozent.

Wie wirkt sich das Bildungsniveau der Eltern aus?

Die Unterschiede bei den Schulnoten sind davon unabhängig. Die Anteile der Kinder mit sehr guten oder guten Deutschnoten waren demnach bei sämtlichen Bildungsschichten ähnlich. Nach Erkenntnissen der Studienautoren haben auch alle anderen Zusammenhänge zwischen Vorlesen und Verhalten der Kinder nichts mit dem Schulabschluss der Eltern zu tun.

Der Bildungserfolg insgesamt wird nach einer Befragung vom Institut für Demoskopie Allensbach indes maßgeblich vom Elternhaus beeinflusst. Demnach gehen Schüler aus sogenannten bildungsfernen Elternhäusern dreieinhalb Mal so oft auf Sekundarschulen jenseits von Gymnasium oder Gesamtschule.

Wie wirkt sich Vorlesen abgesehen vom schulischen Erfolg aus?

Sogar auf den «Ernst des Lebens» können Bücher Kinder demnach schon früh vorbereiten. 80 Prozent der belesenen Acht- bis Zwölfjährigen glauben, dass ihre Mitschüler sie als «sehr zuverlässig» oder als jemanden, der «normalerweise nie zu spät» kommt, beschreiben würden.

«Diese Kinder sind zupackend und aktiv», erklärt die Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung, Simone Ehmig. «Diese Kinder sind eher bereit, in ihrem späteren Berufsleben Verantwortung zu übernehmen und kreativ Dinge voranzubringen.» Bei den Kindern, deren Eltern selten oder nie Bücher für sie zu Hand nehmen, hielt sich nicht einmal jedes Zweite für zuverlässig und pünktlich.

Hat der Buchkontakt auch Auswirkungen auf das Interesse an anderen?

Das lässt sich zumindest aus den Einschätzungen von Eltern und Kindern folgern. Rund 90 Prozent der Vielvorleser sagten, ihr Kind, «spielt gern mit anderen zusammen» und «knüpft schnell neue Freundschaften». Andere Eltern sagten das deutlich seltener über ihre Sprösslinge.

Sind die positiven Eigenschaften wirklich Folge des Vorlesens?

Das fragten sich die Studienautoren auch – und machten die Gegenprobe. Sie ermittelten auch die sozialen Erfahrungen der Kinder, die deren Verhalten ähnlich positiv hätten beeinflussen können. Das Ergebnis: Auch sozial eher isolierte Kinder zeigten die positiven Eigenschaften, wenn ihnen viel vorgelesen wurde.

Welchen Einfluss haben Inhalt und Art des Buches?

Das wurde in der Studie nicht erhoben. «Ich glaube, dass es gar nicht so sehr auf den Inhalt ankommt», sagt Jörg Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen. Zudem gebe es nicht «den» einen Lesestoff für eine bestimmte Altersklasse. Welche Bedeutung die Art des Buches hat, erforschte die Studie im Vorjahr. Ergebnis: Das Medium spielt keine Rolle. Es kann das klassische Kinderbuch sein, aber auch ein Tablet oder Computer. Vor allem Väter schätzen demnach neue Technik. Von Antonia Lange, dpa

10 Kommentare

  1. Mehr solcher Untersuchungen. Es hängt nicht zu allererst am Geldbeutel oder am Bildungshintergrund der Eltern, wie erfolgreich Kinder in der Schule sind. Es hängt davon ab, ob sich die Eltern um ihre Kinder kümmern und ob ihnen etwas am Schulerfolg der Kinder liegt.

  2. Sollte sich Schule nicht auf Kinder mit unterschiedlichen Hintergründen einstellen und ihnen die Förderung zuteil werden lassen, die sie brauchen, auch wenn die Eltern – aus welchen Gründen auch immer – nicht so handeln (können), wie es sinnvoll wäre?

    Schule könnte (und sollte m. E.) genau hier Ausgleiche schaffen, denn die Kids können doch nichts für ihre Eltern, verdienen doch aber Förderung als kleine Individuen.

    • Sollte also Schule die guten und in ihrer frühen Kindheit gut geförderten Schüler links liegen lassen und sich nicht um diese kümmern, nur damit die Bildungsschere nicht zu groß wird? Es wird immer Eltern geben, die sich die Förderung ihrer eigenen Kinder nicht nehmen lassen. Diese Kinder werden immer einen Vorteil gegenüber nicht geförderten haben, egal wie schlecht oder gut der Unterricht ist.
      Natürlich könnten Lehrer ihren zukünftigen Schülern schon im Alter von 3 Jahren vorlesen. Auch beeinflusst die Einstellung der Eltern gegenüber der Schule und ihren Lehrern entscheidend den Schulerfolg. Was sollen Lehrer diesbezüglich machen, wenn es zu Hause heißt, der ist doch eh nur doof, glaub doch dem nix?

  3. Milch der frommen Denkungsart

    D‘ accord – doch muß man letztlich ebenso der unbequemen Wahrheit ins Auge blicken, daß nämlich auch
    die ausgeklügeltste Förderungsartistik einen trockenen Genpool nicht ausgleichend aufzufüllen vermag.

    • Ich möchte nur noch mal daran erinnern:

      http://www.news4teachers.de/2015/11/verbaut-das-missverstaendnis-individuelle-foerderung-zukunfstchancen-analyse-eines-praktikers/

      Diese alarmierende Schilderung finder aus meiner Sicht überhaupt nicht die gebührende Beachtung.
      Liegt es vielleicht daran, dass sich die meisten L nun fragen, ob sie mit ihrer „Förderitis“ tatsächlich richtig liegen?
      Immerhin hinterfragt der Autor jahrelang praktizierten Unterricht. „Individuelle Förderung“, das Zauberwort schlechthin für inklusiven oder immer heterogeneren Unterricht, in dem alle Sch passgenaue, auf sie zugeschnittene Lehrpläne bekommen, die sie zu optimalen Abschüssen führen.
      Sollte es stimmen, was der Autor recht überzeugend darstellt, fällt doch der so genannte moderne Unterricht, ja, sogar alles, was sich Reformpädagogen oder die sich dafür halten, immer wieder an super klingenden Ideen aus dem Hut zaubern, wie ein Kartenhaus zusammen.

    • Zum Thema Gene und Lernen ein spannender Artikel, der einen Blick auf verschiedene Gruppen von Migranten wirft. Die Gene kommen da nur ein einziges Mal vor.

      Die Bildungsaspirationen der Eltern sind dafür sehr prominent vertreten. Viel wichtiger ist also das soziale Setting und der kulturelle Background der Kinder.

      http://www.zeit.de/2015/24/intelligenz-schule-kinder-familie/komplettansicht

      • ZEIT: Welche Rolle spielt in der vietnamesischen Kultur die Idee von der Begabung?

        Helmke: Dieser Punkt ist ganz zentral. Deutsche Eltern und, soviel ich weiß, auch türkische entschuldigen schwache Leistungen viel eher mit einer mangelnden Begabung. Bei Vietnamesen – wie auch Chinesen, Koreanern oder Japanern – ist das völlig anders. Das haben die großen kulturvergleichenden Studien der amerikanischen Forscher Stevenson und Stigler bereits vor mehr als zwanzig Jahren gezeigt. Danach spielt die Begabung in asiatisch geprägten Lernkulturen als Bedingung des Lernerfolges nur eine untergeordnete Rolle. Dort ist man der Ansicht, dass es jeder schaffen kann, wenn er sich nur genügend anstrengt.

        ZEIT: Und wenn ein Kind scheitert?

        Helmke: Das ist die Schattenseite: Vietnamesische Kinder, deren Begabung genetisch bedingt nicht so ausgeprägt ist, haben es schwer. Denn die Ausrede: „Ich bin dafür nicht begabt“, wird nicht akzeptiert. Eltern von Schulversagern verlieren ihr Gesicht.

        Selbst wenn der Zusammenhang von Begabung und Lernerfolg ignoriert wird, gibt es ihn trotzdem.
        Bei Misserfolgen lastet aber ein starker Druck auf den Kindern und noch mehr auf deren Eltern.

        Beachten Sie bitte, dass es in den asiatischen Kulturkreisen offensichtlich eine zu Deutschland entgegengesetzte Haltung zum Lernen, zur Schule und den Lehrkräften gibt. Lernen, wie es dort verstanden wird, heißt bei uns doch abfällig „stures Pauken“.
        Wer von den hiesigen Sch bringt denn noch diese Disziplin auf?
        Im Vergleich zum asiatischen Raum lernen die Sch bei uns unter „paradiesischen“ Bedingungen.

        • Vietnamesen und Chinesen sind zwar Ausländer, sie haben aber keinen oder zumindest einen anderen Migrationshintergrund als den, den die Politik mit dem Wort Migrationshintergrund sehr positiv klingend umschreibt.

          • Na werden Sie doch mal konkret. Wen meinen Sie denn mit „positiv umschreibt“?

            Meine Sie türkischstämmige Deutsche?

            Dann bitte mal den Artikel lesen, weil über diese Gruppe gibts auch eine Aussage. Vielleicht wird Ihnen die aber nicht gefallen…

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