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Studie: Jeder fünfte Hauptschüler scheitert am Berufsübergang

MÜNCHEN. Jeder fünfte Hauptschüler scheitert am Übergang in Ausbildung und Beruf – und das in einer Boomregion wie München. Zu diesem Ergebnis kommt eine Längsschnittstudie, die Hauptschulabsolventen über vier Jahre nach ihrem Schulabschluss begleitet hat. Die Wege vieler Jugendlicher sind dabei von Brüchen und Umwegen gekennzeichnet, die psychische und gesundheitliche Kettenreaktionen auslösen können.

Jugendliche, die nach neun Jahren die Hauptschule verlassen, wissen oft nicht, welche beruflichen Möglichkeiten ihnen offenstehen. Eltern, Peergroups, soziale Netzwerke und Lehrer spielen eine große Rolle bei der Frage, „was will ich eigentlich später werden?“. Grundsätzlich haben sie es schwer auf dem Arbeitsmarkt.

Die bunte Welt der Berufsorientierung. Für viele Hauptschüler sieht die Realität anders aus Foto: Dirk Vorderstraße / flickr (CC BY 2.0)

Die bunte Welt der Berufsorientierung. Für viele Hauptschüler sieht die Realität anders aus Foto: Dirk Vorderstraße / flickr (CC BY 2.0)

Die meisten Hauptschulabsolventen träumen von einem nahtlosen Übergang von der Schule in die Lehre und von einer Vollerwerbstätigkeit bis zur Rente. Doch die Realität sieht anders aus. Das Abitur und der mittlere Schulabschluss werden mehr und mehr zum Standard auf dem Ausbildungsmarkt, schreibt noch im April der Deutsche Gewerkschaftsbund zur Veröffentlichung einer Studie.

Fast 44.000 offene Ausbildungsplatz-Angebote der bundesweiten IHK-Lehrstellenbörse hatte die Gewerkschaftsdachorganisation ausgewertet. Auf etwa zwei von drei Plätze bräuchten Hauptschüler sich gar nicht erst zu bewerben, weil sie durch die formalen Anforderungen von vornherein ausgeschlossen würden. Fast 70 Prozent der Jugendlichen im dualen Ausbildungsystem verfügten mittlerweile über einen mittleren oder gehobenen Abschluss.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gingen 2012 rund 43 Prozent der Jugendlichen, die die Hauptschule absolviert haben nach ihrem Schulabschluss in das „Übergangssystem“ über, von den ausländischen Hauptschülern gar knapp 57 Prozent. Besonders bedrückend daran ist, dass Kinder und Jugendliche mit Kriegs- und Fluchterfahrungen an den Hauptschulen überdurchschnittlich häufig vertreten sind.

Doch auch ohne diese traumatisierenden Vorerfahrungen lastet der Misserfolg beim Übergang ins Berufsleben vielfach bleiern auf den Jugendlichen, wie die Ergebnisse einer Münchner Schulabsolventenstudie belegen, die das Deutsche Jugendinstitut im Auftrag der Stadt München als Längsschnittstudie durchgeführt hat. Vier Jahre lang befragten die Forscher Hauptschulabsolventen nach ihrem Werdegang im Anschluss an die Schule.

Trotz einer guten Situation auf dem Münchener Ausbildungs- und Arbeitsmarkt scheitern demnach gut ein Fünftel der Hauptschulabsolventen und knapp die Hälfte der ehemaligen Förderschüler am Einstieg in Ausbildung und Beruf. Häufig führten gesundheitliche und psychische Belastungen dazu, dass diese Jugendlichen Ausbildungen abbrechen, als Ungelernte arbeiten, erwerbslos sind oder erfolglos an berufsvorbereitenden Programmen teilnehmen.

Die Umwege und Brüche verstärkten dabei die psychischen und gesundheitlichen Probleme der ohnehin oft mehrfach belasteten Jugendlichen noch. Eine Reihe der Befragten, verliert dann unter deutlichem Druck den eigentlichen Wunschberuf aus den Augen und landet bisweilen in einem ungeliebten Ausbildungsberuf, der dann abgebrochen wird. „Viele dieser benachteiligten Jugendlichen betrachten den Abbruch einer Ausbildung als erneutes Scheitern und trauen sich keinen beruflichen Neubeginn zu“, sagt Dr. Tilly Lex, Mitautorin der Studie.

Institutionelle Unterstützungsangebote, die schulische Berufsorientierung eingeschlossen, empfänden die Jugendlichen vielfach als wenig hilfreich, wenn nicht behindernd und demotivierend. Im Spannungsdreieck von eigenen, individuellen Vorstellungen, familiären Einflüssen und „institutionellen Handlungsanforderungen“ werde die Korrektur von Ausbildungsentscheidungen oft schwierig. Erwarte die Familie meist eine Fortsetzung der angestrebten Berufswege, werde seitens der professionellen Unterstützer wie oft schon seitens der Lehrer in der Regel eine Anpassung im Sinne geringerer Ansprüche erwartet.

In vielen Fällen entsteht dadurch eine nur zunächst paradox erscheinende Situation: ,So fühlen sich die Jugendlichen auf der einen Seite fremdbestimmt und streben nach stärkerer Autonomie in der Entwicklung ihrer Lebensentwürfe. Andererseits sähen sie sich gerade von Seiten institutioneller Akteure mit erweiterten Autonomieerwartungen im Berufsübergang konfrontiert, denen sie angesichts schwieriger Ausgangsbedingungen vielfach kaum gerecht werden können. Nicht wenige entziehen sich dann diesem Druck durch Aufnahme einer ungelernten Tätigkeit.

Angesichts der geschilderten, für die jungen Menschen unerfüllbaren Erwartungen empfehlen die Autoren der Studie unter anderem eine stärkere Wahrnehmung der persönlichen Belastungen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Rahmen der professionellen Unterstützung. Es sei Aufgabe für Schule und Ausbildung eine Lernumgebung zu schaffen, in der sie auch mit ihren lebensweltlichen Kontexten wahrgenommen würden.

Ebenso benötigten die jungen Erwachsenen noch nach der Schule verlängerte Orientierungsphasen die Selbsterfahrungsgelegenheiten böten, ohne bedrohliche Entwicklungs- und Behauptensanforderungen. Diese biete etwa das bayerische FSJ, in dem die Freiwilligen von der Berufsschulpflicht befreit sind.

Zentral für die langfristige Qualifikation der gefährdeten Jugendlichen, seien stärker aufeinander bezogene Maßnahmen, die vor allem die individuelle Lebensplanung und das psychische Wohlergehen der Betroffenen in den Mittelpunkt stellten. Hierzu gehörten ein niedrigschwelliges psychotherapeutisches Angebot ebenso wie eine assistierte Ausbildung oder eine neutrale Meditation bei Problemen in der Berufsschule. Ganz entscheidend sei, dass sich eine zentrale Bezugsperson instanzenübergreifend um die Jugendlichen kümmere.

Eine bessere Koordinierung der vorhandenen Angebote sei also dringend erforderlich damit es zu einer vernetzten Zusammenarbeit von Schulen, Ärzten, Polizei, Kinder- und Jugendmigrationsdiensten sowie der Sozialarbeit komme. Denn der Trend könnte sich in Zukunft verstärken: In München leben immer mehr Kinder und Jugendliche mit traumatisierenden Kriegs- und Fluchterfahrungen. Ihre Integration könne nur gelingen, wenn es entsprechende Angebote für sie gebe. (zab)

– zur Studie: „Prekäre Übergangsverläufe. Entstehungsbedingungen risikobehafteter Übergänge“

• zum Bericht: Unternehmen sehen schulische Qualifikation von Azubis nur mittelmäßig – werden Hauptschüler abgehängt?
• zum Bericht: 80 Prozent Flüchtlinge – Eine Hauptschule entwickelt sich zur Erstaufnahmestelle

5 Kommentare

  1. Wie wäre es als Erstes die 6-jährige Hauptschule verbindlich für alle einzuführen?

  2. Interessant, wie mehrjährige Bildungserfahrung der Hauptschulabsolventen mit der aktuellen Flüchtlingsproblematik vermischt werden.

    Die Zahlen lassen sich ganz einfach „verbessern“, wenn man an Stelle der Haupt- und Förderschüler _alle_ Schüler als Grundgesamtheit nimmt. Angesichts des vollkommen kaputten Schulsystems mit dem Gymnasium als inoffizieller Hauptschule — die Schulform, die die meisten Schüler eines Jahrgangs besuchen — wird sich das in näherer Zukunft nicht ändern.

  3. Als Hauptschüler noch 30% eines Jahrgangs waren, scheiterten deutlich weniger als 20%. Seltsam?
    Übrigens gab es 1980 auch noch Arbeitsplätze für Ungelernte, von denen man (beim Lebensstandard von 1980!) leben konnte.

    • Damals war Deutschland noch Produktionsstandort, es gab noch keine Teilzeit, es gab noch den Eisernen Vorhang, der viele Billiglohnländer unerreichbar machte usw.

      • … und es gab noch keine Leiharbeitsklitschen.

        Heute reicht der HA ja nicht einmal mehr für einen Arbeitsvertrag bei einer Zeitarbeitsfirma. Da bleibt nur noch der „Arbeiterstrioch“ an den Hauptausfallstraßen der Gewerbegebiete …

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