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Alter Streit, neu belebt: Grundschule führt Deutschpflicht auf dem Pausenhof ein

ZÜRICH. Eine Grundschule in der Schweizer Ortschaft Egerkingen führt angesichts einer wachsenden Zahl von Migrantenkindern im kommenden Schuljahr eine Deutschpflicht ein: Wer auf dem Schulgelände eine andere Sprache spricht, muss nachsitzen. Das hat der Gemeinderat als Schulträger nun beschlossen. Höchststrafe: zehn zusätzliche Stunden Deutschunterricht, deren Kosten die jeweiligen Eltern zu tragen haben. 550 Franken, also rund 500 Euro werden fällig. Auch in Österreich wird aktuell über eine Deutschpflicht auf den Schulhöfen diskutiert. In Deutschland ist die Debatte nicht unbekannt: Schon vor Jahren preschte damit der FDP-Vorsitzende Christian Lindner vor.

Nur noch Deutsch oder Schweizerdeutsch auf dem Schulhof? Foto: Wladyslaw / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Nur noch Deutsch oder Schweizerdeutsch auf dem Schulhof? Foto: Wladyslaw / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Hochdeutsch und Schweizerdeutsch, immerhin, sollen erlaubt bleiben. Schweizer Kinder fühlten sich aber ausgegrenzt, wenn ihre Klassenkameraden eine andere Sprache sprächen, so argumentiert die Gemeinde. Die neue Sprechordnung sieht dreistufige Sanktionsmaßnahmen vor. Wer zum ersten Mal erwischt wird, erhält einen mündlichen, beim zweiten Mal einen schriftlichen Verweis. Beim dritten Verstoß gegen die Deutsch-Pflicht wird der Pflicht-Deutschkurs fällig – und die 550 Franken für die Eltern. Unklar ist allerdings, ob die Regelung Bestand haben wird. Sie sei „rechtlich in einem Graubereich“, räumte die Gemeinde ein. Doch es sei darum gegangen, mal Klartext zu sprechen.

In Österreich ist derzeit die steirische Landesschulratspräsidenten Elisabeth Meixner (ÖVP) laut Medienberichten mit der Empfehlung unterwegs, Deutsch als Pausensprache verbindlich einzuführen. Die Empfehlung richte sich an die Schulleitungen, so Meixner. Sie betonte in der „Kronen Zeitung“, dass es den Schulen freistehe, sie in ihre Hausordnung zu übernehmen. Sie beinhaltet jedenfalls den Vorschlag, „dass die Pausengespräche in der Unterrichtssprache geführt werden“. Eine Kontrolle sei aber unrealistisch. Im Sinne einer Vereinbarungskultur empfahl Meixner: „Keine Strafen, keine Kontrolle, keine Sanktionen“.

Auch in Deutschland hat es immer wieder Schulen gegeben, die eine Deutschpflicht auf ihrem Gelände eingeführt haben – so in Berlin, Stuttgart und Neunkirchen. Eine Berliner Realschule im Stadtbezirk Wedding mit einem Migrantenanteil von fast 90 Prozent begründete die schon seit Jahren bestehende Regelung mit einem besseren Schulklima. Der Grund für die Verpflichtung der Schüler sei einfach gewesen, so erklärte der Schulleiter: Manche Schüler dachten, andere redeten schlecht über sie, weil sie deren Sprache nicht verstanden. „Wir fragten uns gegenseitig: Wieso benutzen wir nicht eine Sprache?“ Mittlerweile müsse jeder Schüler, der in die Schule aufgenommen wird, eine Bildungsvereinbarung unterschreiben, in der er sich unter anderem verpflichtet, überall deutsch zu sprechen. Die Konflikte zwischen Schülern hätten seitdem abgenommen, berichtete der Schulleiter gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“. Auch die Schülerleistungen hätten sich verbessert. „Mehr Schüler schaffen den Realschulabschluss, mehr finden eine Lehrstelle und mehr gehen aufs Gymnasium“, sagte der Direktor.

Zuvor, bereits 2010, hatte der FDP-Vorsitzende Linder mit einem entsprechenden Vorschlag für Schlagzeilen gesorgt – war aber prompt von der Kultusministerkonferenz ausgebremst worden, die solche Regelungen ablehnte. Auch die aktuellen Diskussionen in der Schweiz und in Österreich haben Widerspruch ausgelöst. „Ich halte es nicht nur für großen Blödsinn, sondern auch für diskriminierend und schädlich. Blödsinn ist es, weil Kinder auf dem Schulhof ohnehin nicht das Deutsch lernen, das sie im Unterricht brauchen. Schädlich ist es, weil man den Schülern zeigt, dass man ihnen einen Teil ihrer Persönlichkeit, nämlich eine andere Sprache zu sprechen, verbieten kann“, erklärte Ursula Neumann, emeretierte Professorin für Erziehungswissenschaften an der Uni Hamburg in der Wiener „Presse“.

Und selbst der Leiter der betroffenen Grundschule im Schweizer Egerkingen ist nicht begeistert von der neuen Regelung. „Es entspricht nicht den Tatsachen, dass unsere Schule ein Ausländerproblem hat“, sagte er gegenüber der Zeitung „20 Minuten“. „Wir haben wie an jeder Schule anständige und weniger anständige Kinder. Die meisten Probleme haben wir aber nicht mit Kindern mit Migrationshintergrund.“ News4teachers

 

3 Kommentare

  1. Ich finde das komisch. Man weigert sich hartnäckig, Deutsch in der Verfassung zu verankern (in Deutschland) und man findet nichts dabei, wenn allüberall jede Kleinigkeit neuerdings auf Englisch daherkommt, aber in den Pausen soll Deutsch vorgeschrieben sein. Mit oder ohne all die vielen Anglizismen?

    Neben der Frage, wie man das kontrollieren und notfalls auch beweisen will, frage ich mich vor allem, was denn Kinder machen sollen, die nunmal (noch) nicht genügend Deutsch können, um sich mit anderen auf Deutsch zu verständigen? Einfach schweigen?

    • Was hat ein Schweizer Erlass mit dem Deutschen Grundgesetz zu tun? Die Conföderation Helvetica ist ohnehin drei-sprachig, wieso also die beschränkung auf Deutsch?

      In NRW ist Deutsch allenfalls Unterrichtssprache, mehr nicht. In welcher Verkehrssprache die Schüler mit den Eltern oder unter einander kommunizieren ist deren Sache.

  2. @ dickebank, ich bezog mich natürlich mit meiner Meinung auf Deutschland.

    Zitat: „Auch in Deutschland hat es immer wieder Schulen gegeben, die eine Deutschpflicht auf ihrem Gelände eingeführt haben – so in Berlin, Stuttgart und Neunkirchen.“

    Ist die Schweiz nicht sogar viersprachig? (+ Rätoromanisch)

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