Startseite ::: Praxis ::: Fachlehrermangel wirkt sich aus: Immer mehr Kollegen müssen unterrichten, was sie nicht studiert haben

Fachlehrermangel wirkt sich aus: Immer mehr Kollegen müssen unterrichten, was sie nicht studiert haben

DÜSSELDORF. Immer öfter müssen Lehrer Fächer unterrichten, die sie nicht studiert haben. Die Ursache: Es gibt Mangelfächer wie Mathematik und Physik, und in denen wird der Mangel immer gravierender. Für die betroffenen Lehrkräfte ist der fremde Stoff häufig eine Herausforderung.

Schwierig für Fachfremde: die Frage nach dem Warum beantworten. Illu: Chris Potter / flickr (CC BY 2.0)

Schwierig für Fachfremde: die Frage nach dem Warum beantworten. Illu: Chris Potter / flickr (CC BY 2.0)

„Anfangs war ich einverstanden, auch Englisch zu unterrichten, obwohl es nicht mein Fach ist. Ich dachte, dass es für eine Weile sei (Schwangerschaftsurlaub). Okay auch, dass ich in der eigenen Klasse fachfremd Englischunterricht gebe. Aber mittlerweile habe ich insgesamt drei Englischklassen. Es wächst mir auf die Dauer über den Kopf. Von meinen 26 Stunden Unterricht sind 13 fachfremd. Das ist eine irre Belastung“, so berichtet eine Lehrerin in einem Pädagogen-Forum. Sie schreibt weiter: „Meine eigentlichen Fächer unterrichte ich mit absoluter Begeisterung – da bin ich Spezialistin, da kann ich Kids auch motivieren. Die Belastung aber, etwas zu unterrichten, was ich nur so halb kann, macht mir sehr zu schaffen.“ Wie sei das denn eigentlich juristisch, fragt sie „Muss ich so viel fachfremd unterrichten?“

Die Antwort von Experten: Ja. „Jeder Schulleiter kann die Erteilung fachfremden Unterrichts anordnen und die Lehrperson hat in der Regel keine Handhabe, ihn zu verweigern“, heißt es in dem Aufsatz „Fachfremd erteilter Mathematikunterricht – ein zu vernachlässigendes Handlungsfeld?“ des Duisburger Mathematikprofessors Günter Törner. Tatsächlich steht beispielsweise in der Dienstordnung für Lehrer in Nordrhein-Westfalen: „Wenn es zur Vermeidung von Unterrichtsausfall oder aus pädagogischen Gründen geboten ist und die entsprechenden fachlichen Voraussetzungen vorliegen, sind Lehrer und Lehrerinnen verpflichtet, Unterricht auch in Fächern zu erteilen, für die sie im Rahmen ihrer Ausbildung keine Lehrbefähigung besitzen. Eine Verpflichtung zur fachfremden Erteilung von Religionsunterricht besteht nicht.“

An den Grundschulen ist es – aufgrund des Klassenlehrerprinzips – normal, dass Lehrer auch fachfremd unterrichten müssen. An den weiterführenden Schulen aber wird fachfremd erteilter Unterricht schnell zum Problem: Das zunehmende fachliche Niveau bringt Lehrkräfte unter Druck, die sich im Stoff nicht sicher fühlen.

Aus gutem Grund, wie der Chemie-Didaktiker Prof. David-S. Di Fuccia in einem Vortrag betont: „Fachlichkeit ist insofern mehr als Fachwissen, als es für einen Lehrer eben nicht reicht, Erkenntnisse der Fachwissenschaft zu wissen oder auch anwenden zu können. Ein Lehrer, der Inhalte an seine Schüler vermitteln soll, muss die Erkenntnisse verstanden haben, er muss eben nicht nur Antworten auf die Frage ‚was‘ – das wäre das reine Fachwissen – oder ‚wie‘ – das wäre das Fachwissen verbunden mit der Anwendung – haben, sondern er muss die wichtigste Frage der Lernenden beantworten können: ‚warum?‘“. Konkret, auf die Naturwissenschaften bezogen: „Warum werden Kartoffeln beim Kochen weich, Eier aber hart?“

Der Anteil fachfremd erteilten Unterrichts wird zwar nirgends flächendeckend erhoben. Berichte allerdings häufen sich, die vermuten lassen, dass der Anteil bundesweit steigt: „Knapp 6000 Unterrichtsstunden wurden im vergangenen Schuljahr an Essener Haupt-, Real- und Gesamtschulen sowie an den Gymnasien von Lehrern ‚fachfremd‘ unterrichtet – also von Pädagogen, die eigentlich in den betroffenen Fächern dafür gar nicht ausgebildet sind. Besonders oft mussten Lehrer einspringen in den Fächern Mathe, Deutsch und den so genannten „Mint“-Fächern, also den Naturwissenschaften und technischen Fächern“, heißt es beispielsweise in einem aktuellen Bericht des Portals „Der Westen“.

Das Hamburger Abendblatt berichtet: „Als Anfang 2014 bekannt wurde, dass 15,1 Prozent der Mathematikstunden in den Klassen fünf bis zehn an den Stadtteilschulen nicht von ausgebildeten Mathelehrern gegeben werden, war die Aufregung groß. In Ländervergleichsstudien schneiden Hamburger Schüler in Mathematik regelmäßig unterdurchschnittlich ab. Schulsenator Ties Rabe (SPD) startete als Konsequenz die ‚Mathematik-Initiative‘, und seit Beginn dieses Schuljahres dürfen von Klasse sieben an keine Mathestunden mehr von fachfremden Lehrern erteilt werden. Vom übernächsten Schuljahr an sind Mathelehrer von Klasse fünf an vorgegeben. Jetzt stellt sich heraus, dass auch im Lernbereich Gesellschaftswissenschaften häufig keine für die Fächer ausgebildeten Lehrer unterrichten.“

Das Problem: Es gibt Mangelfächer, Fächer also, die von immer weniger Junglehrern besetzt werden. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise sind das am Gymnasium und in der Gesamtschule unter anderem Mathematik, Physik, Informatik, Latein, Kunst und Musik. Und dieser Mangel reißt Löcher auch an anderen Stellen: Hat ein Pädagoge zum Beispiel die Qualifikation in den Fächern Physik und Deutsch, unterrichtet er so gut wie nur Physik, denn Physiklehrer gibt es einfach nicht so viele. Die Folge: Deutsch wird im Zweifel von einem Kollegen unterrichtet, dem die entsprechende Ausbildung fehlt.

Daran wird sich auch auf absehbare Zeit nichts ändern. „Wir haben keine Planwirtschaft. Jungen Menschen wird nicht vorgeschrieben, was sie zu studieren haben, um sie dann zwangsweise irgendwo einzusetzen“, erklärte die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) unlängst gegenüber dem „Westen“: „Das ist ein nicht zu 100 Prozent steuerbarer Prozess.“ News4teachers

Hier ist die aktuelle Bedarfsprognose für Fachlehrer in NRW.

6 Kommentare

  1. Ja, so ist es.

    Aber was tun, wenn die Lehrer fehlen?!? Der Staat kann ja wirklich niemanden zwingen, Lehrer zu werden. Vielleicht sollte er sich aber fragen, warum es so wenige werden wollen – trotz des guten Gehalts.

    Wir müssen endlich anfangen, wieder über die Arbeitsbedingungen zu reden und nicht nur über Gehaltserhöhungen (damit man die Arbeitsbedingungen weiter erträgt).

  2. Hier ist doch mal was, das die Bertelsmann-Stiftung untersuchen könnte.

    • Die propagiert den fachfremden Einsatz. Sie hat die entsprechenden Didaktiker auf ihrer Seite.

      Fachfremd unterrichtende Lehrkräfte sind näher an der Schülerschaft – also genau eine Buchseite im Voraus. So unterrichtet man Schüler und keine Fächer. Diese finnische Erkenntnis beruht auf der Tatsache, dass bei tiefstehender Sonne geistige Zwerge enorme Schatten werfen.

  3. Dann reden Sie über die Arbeitsbedingungen, ich über die Gehaltssteigerungen bzw. über eine bundeseinheitliche Lehrereingruppierungsordnung und die prozentuale Anhebung von Beamtenbesolungen auf der Grundlage von Netto-Tariferhöhungen sowie die Einführung der Paralleltabelle.

    Ansonsten bleibt es jedem überlassen seine Arbeitsleistung an die vorherrschenden Verhältnisse anzupassen. Jeschlechter die bedingungen, umso weniger Einsatz. Leider machen es die meisten kollegen und Kolleginnen genau andersherum, sie versuchen die schlechten Verhältnisse durch höheren Einsatz zu kompensieren. Dadurch wird der Arbeitgeber größt möglichst entlastet und muss gar nicht erst politisch aktiv werden und kann den “faulen Säcken” noch zusätzliche Arbeit aufdrücken. All inclusive sozusagen

  4. Tja auch die Ergebnisse der Teds-M-Studie oder der Coactiv-Studie belegen, dass gute fachliche Ausbildung Bedingung für guten Unterricht ist!!! Diese Studien sollte sich auch Herr Precht mal ansehen 🙂

    • Richtig. Für die Schüler reicht der Inhalt eines Tellers, der Lehrer muss ein gehöriges Stück über den Tellerrand hinausschauen um den zu vermittelnden Inhalt übergeordnet einordnen zu können, d.h. genau:

      Grundschullehrer brauchen einen groben Überblick über den Stoff mindestens der Klassen 5 und 6.
      Sek I-Lehrer brauchen einen Überblick über den Sek II-Stoff ihrer Fächer und natürlich auch von der Grundschule.
      Sek II-Lehrer brauchen einen Überblick über den Sek I- und Grundschulstoff ihrer Fächer sowie den Anfängerteil der Universität. Bei den diversen Zusatzqualifikationsseminaren Mathematik Sek II darf das bezweifelt werden …

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*