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Aus Rücksicht auf Muslime verzichten immer mehr Schulen und Kitas auf Schweinefleisch – das sorgt jetzt für Streit

KIEL. Die CDU in Schleswig-Holstein will Schweinefleisch auf den Tellern von Mensen und Kantinen sehen – und hat damit eine bundesweite Debatte ausgelöst. In einem CDU-Antrag für die Sitzung des Kieler Landtags in der kommenden Woche heißt es: „Die Landesregierung wird aufgefordert, sich dafür einzusetzen, dass Schweinefleisch auch weiterhin im Nahrungsmittelangebot sowohl öffentlicher Kantinen als auch in Kitas und Schulen erhalten bleibt.“ Hintergrund: Muslime essen aus Glaubensgründen kein Schweinefleisch.

Schwein steht in immer mehr Schulen und Kitas auf dem Index - ein Problem? Foto: Tim Ellis / flickr (CC BY-NC 2.0)

Schwein steht in immer mehr Schulen und Kitas auf dem Index – ein Problem? Foto: Tim Ellis / flickr (CC BY-NC 2.0)

„Immer mehr Kantinen, Kitas und Schulen nehmen Schweinefleisch aus ihrem Angebot, um auf religiöse Gebräuche Rücksicht zu nehmen”, sagte CDU-Fraktionschef Daniel Günther zu dem Antrag, über den zunächst die “Lübecker Nachrichten” berichteten. Die CDU halte das für falsch. „Wir setzen auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung. Dazu gehört in unserer Kultur auch der Verzehr von Schweinefleisch”, so Günther. Eine „Schweinefleischpflicht“ freilich plane die CDU nicht.

Die Beobachtung der schleswig-holsteinischen CDU scheint korrekt zu sein – und einen bundesweiten Trend zu beschreiben. Tatsächlich gibt es immer mehr Kita- und Schulträger, die Schweinefleisch komplett aus ihrem Angebot streichen. Die „Rheinische Post“ zitiert beispielsweise einen Bonner Caterer: „Von den 60 Schulen und Kindertagesstätten, die wir beliefern, verzichten rund zehn inzwischen komplett auf Schweinefleisch.“ Und in einigen Städten Nordrhein-Westfalens – vor allem in Städten mit hohem Migrantenanteil wie im Ruhrgebiet – gebe es in allen Schulen und Kitas kein Schweinefleisch mehr. Dafür würden, so die Zeitung, seitens der Anbieter vor allem praktische Argumente angeführt: Für eine Großküche sei es zu kompliziert, nur für einen Teil der Kinder schweinefleischfrei zu kochen.

SPD, Grüne und FDP lehnten eine den Schweinefleisch-Vorstoß der CDU beim Kita- oder Schulessen ab und äußerten vor allem in sozialen Netzwerken beißenden Spott über die Idee, die im Zusammenhang auch mit dem starken Zuzug muslimischer Flüchtlinge steht. „Nein, es ist nicht der 1. April“, schrieb der Grünen-Bundestagsabgeordnete Konstantin von Notz, seine Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt meinte bei Twitter: „#CDU fordert Integrationspflicht für Vegetarier.“ SPD-Bundesvize Ralf Stegner spottete: „Vegetarier,Veganer + Moslems in politischer Dreieinigkeit: Machtübernahme in SH-Kantinen.“ FDP-Parteichef Christian Lindner twitterte: “Erst #Veggieday, jetzt #Schweinefleischpflicht.” Sein Partei-Vize und Kieler Fraktionschef Wolfgang Kubicki warnte vor der „Diskriminierung von Rindfleisch“.

Für die rot-grüne Landesregierung von Schleswig-Holstein nahm Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) Stellung: „Staatlichen Handlungsbedarf kann ich nicht erkennen. Und schon gar nicht teile ich die Verkürzung unserer grundgesetzlichen Werte auf die Pflicht, Kotelett oder Hack zu essen.“

Ein Blick ins benachbarte Dänemark zeigt allerdings, dass die Nord-CDU mit ihrem Einsatz für Schweinefleisch nicht allein steht. Bereits im Januar hatte der Stadtrat der dänischen Hafenstadt Randers einen „Frikadellen-Krieg“ entfacht: Er beschloss, dass in den öffentlichen Kantinen auch Schweinefleisch angeboten werden muss. „Die Regelung ist flexibel, sprich es muss auch eine Alternative geben, wenn es etwa Kinder gibt, die kein Schwein essen“, ergänzte eine Sprecherin der Kommune auf Anfrage.

Auch in Frankreich tobt ein Kulturkampf ums Schweinefleisch. Seit über 30 Jahren gibt in den dortigen Schulmensen sogenannte Ersatzgerichte, die angeboten werden, wenn Schweinefleisch auf dem Speiseplan steht. In mehreren Städten soll sich das nun ändern. Bürgermeister wollen Alternativ-Gerichte für Muslime und Juden aus dem Angebot verbannt sehen. Das Argument: Das sei nicht religionsneutral im Sinne der Laizität, die in der französischen Verfassung verankert ist.

Der „Deutschlandfunk“ sprach mit Jean-Paul Beneytou, dem Bürgermeister der 20.000-Einwohner-Stadt Chilly-Mazarin. Der hat den Schulkantinen klare Anweisung gegeben: Wenn Schweinefleisch auf der Speisekarte der Schulkantinen steht, wird kein Ersatzgericht mehr serviert. Wie die Bürgermeister eines halben Dutzend französischer Städte – darunter Toulouse und Perpignan – meine Beneytou , es könne nicht sein, dass das muslimische Kopftuch oder die jüdische Kippa an Frankreichs Schulen verboten sind, in den Kantinen aber ein Recht auf Essen nach religiösen Vorschriften gelte. “Ich halte niemanden davon ab, seine Religion zu praktizieren. Ganz gleich, welche Religion: katholisch, buddhistisch, jüdisch oder muslimisch. Ich respektiere alle Religionen, aber nicht in der Schule.”

Religiöse Spannungen, so Beneytou, hätten in den Schulen zugenommen; im Rathaus häuften sich Beschwerden von Eltern, die Extrawürstchen für muslimische Kinder beklagten. Zu Recht, bekräftigt der Lokalpolitiker. „Wenn ein Schüler zum Beispiel kein Rindfleisch oder Lamm mag, kein Ei oder Fisch – bekommt er in der Kantine kein Ersatzgericht angeboten. Warum soll dann ein Schüler darauf Recht haben, nur weil er kein Schwein isst?! Um alle gleich zu behandeln, habe ich entschieden, keine Unterschiede mehr zu machen: Alle haben das Gleiche auf dem Teller”, so sagte der Bürgermeister gegenüber dem Sender.

Er hat dabei Unterstützung von prominenter Seite: Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, Chef der konservativen Republikaner, sagte in einem Fernsehinterview: Das „Prinzip der Laizität”, also der strengen Trennung von Kirche und Staat, verbiete eine Aufteilung der Schulmenüs nach Religion. News4teachers / mit Material der dpa

11 Kommentare

  1. Weil ich eine Vegetarierin in der Klasse habe, darf ich dann nur noch vegetarische Menüs anbieten?
    Lasst doch die Kirche im Dorf, die Moschee in der Stadt, die Synagoge am Ort.
    Mindestens 2 Gerichte sollten zurAuswahl stehen:
    Ein veganes und eines mit gekennzeichnetem Fleisch.
    Dann muss halt der Moslem vegan essen, wenn er kein Schweinefleisch will oder darfl!
    Ich mag keinen Kohlrabi. Habe ich deswegen Anspruch darauf, dass kein Gericht mehr mit Kohlrabi angeboten wird?
    Solange eine tragbare Alternative angeboten wir, ist alles in Butter.
    rfalio

  2. Geht es wirklich hier nur um Muslime? Ich zweifle daran. Bei den zitierten Spöttern aus SPD, Grüne und FDP ist keine eigene Haltung zur Schweinefleischfrage erkennbar – wollen sie einfach nur dem politischen Gegner schaden? Oder geht es um die Durchsetzung der “richtigen” (= vegetarischen) Lebensweise?

    • glaube ich nicht. Ich denke es geht hauptsächlich um die Muslime (und die Vegetarier). rfalios Vorschlag ist prima, weil er beiden gerecht wird.

  3. Den Ernährungswissenschaftler will ich sehen, der Schweinefleisch als essentiellen Bestandteil gesunder Ernährung bezeichnet. Das ist nicht als ein plumper Versuch, sich im Rahmen der ‘oh mein Gott, oh mein Gott, die ganzen Migranten nehmen uns unsere Kultur weg’-Hysterie zu profilieren.

    • Richtig, essenziell ist Schweinefleisch nicht. Eine generell vegetarische oder gar vegane Ernährung halte ich bei Heranwachsenden aber für zwingend zu vermeiden. Da kein Mensch in der Schule für eine ausgewogene Ernährung jeden Tag Fleisch essen braucht, können die Muslime an den Schweinefleischtagen auch mal vegan oder vegetarisch essen, selbst wenn das zwei oder drei Mal pro Woche sein sollte.

      Proteste sind aber durchaus möglich, wenn man sich die Fleischtheken in türkischen Supermärkten ansieht. Sie lassen nämlich auf große Portionen im Allgemeinen und viel Fleisch im Speziellen schließen.

  4. Aus Rücksicht auf Muslime kein Schweinefleisch anbieten? Ja klappt’s noch??? Und demnächst nur noch im Burkini ins Schwimmbad oder was? Es reicht so langsam. Toleranz ist keine Einbahnstraße und kann auch von den anderen verlangt werden! Keiner zwingt Muslime Schweinefleisch zu essen und wenn zum Gericht mit Schweinefleisch eine Alternative angeboten wird, muss das doch reichen. Und falls ein Moslem sich trotzdem daran stört, dass irgendwo Schweinefleisch angeboten und verzehrt wird, dann hat er halt Pech gehabt. Er muss ja nicht in Deutschland bleiben, wenn es ihn so sehr stört.

  5. Dann müchte ich im Umkehrschluss in allen muslemischen Ländern auch Schweinefleisch auf den Speisekarte sehen.

  6. Und ich müchte im Umkehrschluss von alle Schweinefleisch-Esser mal vernünftiges Deutsch lesen.

    • wir müchte das auch.

    • Oh, Anna, wie peinlich! Lesen Sie sich Ihren Satz im Hinblick auf “vernünftiges Deutsch” mal durch! Wer macht mehr Fehler, Sie oder Onkel?
      Warum werden Sie, Bernd und Co. eigentlich immer so bissig und persönlich, wenn jemand Ihre als “links” bekannten Ansichten nicht teilt?

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