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Kulturwissenschaftlerin, die seit Jahren über Abi-Bräuche forscht: Entwicklung von Köln war absehbar

KÖLN. In Köln sind gleich mehrere Abifeiern aus dem Ruder gelaufen, es gibt sogar Schwerverletzte. Die Kulturwissenschaftlerin Katrin Bauer hat sich wissenschaftlich mit Abi-Bräuchen beschäftigt. Sie hält die Eskalation für ein Randphänomen – das aber eine neue Qualität habe.

"Wir hatten auch schon letztes Jahr in Köln eine ähnliche Situation": Kölner Abiturienten 2015 in einem selbstgedrehten Video. Screenshot

„Wir hatten auch schon letztes Jahr in Köln eine ähnliche Situation“: Kölner Abiturienten 2015 in einem selbstgedrehten Video. Screenshot

Nachdem sich in Köln rivalisierende Abiturienten ein Scharmützel mit Schwerverletzten geliefert haben sollen, fragt sich so mancher: Was hat das noch mit Abi-Scherzen zu tun? Die Kulturwissenschaftlerin Katrin Bauer vom LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn beschäftigt sich schon sehr lange mit den Ritualen von Abiturienten. Im Interview berichtet sie von den ersten Anzeichen für die Eskalation, die neue Tradition der Mottowoche und warum man in den Randalen auch eine Form von Reaktion auf Vorangegangenes sehen könnte.

Als Sie erfahren haben, dass vermeintliche Abi-Streiche in Köln wohl nun auch Verletzte gefordert haben – hat Sie das überrascht?

Bauer: So richtig überrascht hat es mich nicht. Wenn man sich die letzten zwei, drei Jahre anguckt, hat es sich ein wenig angedeutet. Wir hatten auch schon letztes Jahr in Köln eine ähnliche Situation mit nicht ganz so vielen teilnehmenden Abiturienten und nicht ganz so viel Gewalt. Es gab schon erste Anzeichen. Dass es dieses Jahr so massiv und tatsächlich auch gewalttätig geworden ist, hat eine neue Qualität.

In der Stadt gibt es offenbar rivalisierende Gymnasien, deren Abiturienten sich seit einigen Jahren gegenseitig provozieren. Kennt man das auch aus anderen Städten?

Bauer: Das ist in Köln wahrscheinlich eine relativ spezifische Situation, weil wir sehr viele Gymnasien auf engem Raum zusammen haben. Und bei den Abi-Gags geht es eigentlich immer darum, sich selber als Stufe kollektiv zu erleben und eine ganz starke Identität zu stiften. Und das geschieht häufig in Abgrenzung zu anderen, in diesem Fall in Abgrenzung zu anderen Schulen. Das ist ein Phänomen, was wir generell – schon seit den 90er Jahren – bei den Abi-Gags beobachten können.

Mal zum Abi-Scherz an sich gefragt: Anscheinend hat sich da ja viel verändert in den vergangenen Jahrzehnten?

Bauer: Abi-Gags kennen wir eigentlich erst seit den 1970er Jahren. Wenn man sich die 60er und die Studentenprotestgeneration anschaut, dann gab es da so etwas eigentlich überhaupt nicht. Da hat man sich das Abi-Zeugnis zuschicken lassen. Danach veränderte sich etwas, auch durch die Oberstufenreform, so in den 70er Jahren, in denen eher harmlosere Spielchen und Streiche gespielt werden. Und ab so den 90er Jahren wird das ganze professioneller, dann stehen die Abi-Shows im Mittelpunkt. Seit den letzten zehn Jahren ungefähr haben wir die Mottowoche als relativ neues Element, was wahrscheinlich aus den USA zu uns gekommen ist. Die Schüler verkleiden sich in der letzten Schulwoche und geben sich jeweils ein anderes Motto.

Richtige Anarchie war man aus den Schulen ja eigentlich im Großen und Ganzen nicht mehr gewohnt. Schüler berichteten gelegentlich, dass oft auch ziemlich strikte Regeln für Abi-Scherze ausgegeben würden. Hat die Eskalation damit etwas zu tun?

Bauer: Was man schon beobachten kann ist, dass die Abi-Gags in den vergangenen Jahren stärker reglementiert wurden durch die Schulen, auch aufgrund von Vorfällen mit Alkohol. Abiturienten mussten teilweise richtige Verträge unterschreiben und wurden haftbar gemacht für eventuelle Schäden. Teilweise wurden Abi-Gags verboten oder abgesagt. Es kann schon sein, dass das hier sozusagen die Reaktion darauf ist. Dass man sagt: Wir gehen aus dem Schulgebäude raus und verlagern es ein Stück weit in den öffentlichen Raum.

ZUR PERSON: Katrin Bauer (39) ist Kulturwissenschaftlerin beim LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn. Sie beschäftigt sich schon seit langer Zeit mit den Traditionen und Bräuchen angehender Abiturienten. Interview: Jonas-Erik Schmidt, dpa

Die aktuelle Lage
Nach den Ausschreitungen bei Abiturstreichen in Köln ist es in der Nacht zum Mittwoch nach Angaben der Polizei ruhig geblieben. Auseinandersetzungen wie an den Tagen zuvor seien nicht gemeldet worden, sagte ein Sprecher der Polizei am Mittwochmorgen.

In der Nacht zu Dienstag war die Kölner Randale so eskaliert, dass zwei Jugendliche schwere Kopfverletzungen erlitten. Die Polizei ermittelt wegen Verstößen gegen das Waffengesetz, Körperverletzung und Landfriedensbruch. Bereits in der Nacht zu Montag hatten mehrere Hundert Abiturienten insgesamt 15 Einsätze der Polizei ausgelöst und Sachbeschädigungen an sieben Gymnasien verursacht. Kölns Schuldezernentin Agnes Klein hatte kritisiert, Jugendliche nähmen das Abitur als Vorwand, «um in ihrer Freizeit Gewalt gegen Mitschüler, Polizisten und Gebäude auszuüben». dpa

Zum Bericht: Geschmacklos: Hier spielen Abiturienten eine Hinrichtung – eskalierende Mottowoche treibt Polizei und Pädagogen um

3 Kommentare

  1. Entwickeln sich neue archaische Stammesstrukturen? Oder werden hier offline die Gewalt- und Strategiespiele nachgespielt, bei denen sich die Jungs während der Schulzeit „entspannten“?

  2. Frau Bauer irrt. Bei meinem Abi 1969 war es auch schon Tradition, einen Abistreich zu machen. Er war aber auf die eigene Schule beschränkt und hatte wirklich noch mit einem Streich zu tun. Über einen Mitschüler, der Sohn eines Lehrers war, ergaunerten wir uns den Schulschlüssel und räumten in einer Nacht- und-Nebel-Aktion sämtliche Sportgeräte (Barren, Böcke, Kästen, aber auch jede Menge Tische) in den Verwaltungsflur und blockierten so den Zugang zur Verwaltung. Ansonsten waren noch jede Menge Luftballons im Spiel. Was waren wir stolz. Was wir nicht wussten: Der arme fleißige Hausmeister hat bis zum nächsten Morgen alles alleine wieder weggeräumt… Das war in etwa die Qualität der damaligen Streiche. Da ging es noch ohne Gewalt.

  3. Leider stellt Frau Bauer die Ereignisse in keinen Zusammenhang mit möglichen externen Variablen, wie den Druck im G8 Gymnasium, die Sinnleere vieler Fächer und Stoffe im G8 – Bulimie-Verfahren und auch nicht in den Zusammenhang mit Jugend und Gesellschaft, in der sie lebt.
    Das aber verlangt eine kulturwissenschaftliche Studie .

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