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Flüchtlinge gegen Lehrermangel – Pilotprojekt startet mit 25 Teilnehmern

POTSDAM. Kommt nach den „Flüchtlingskindern“ nun der „Flüchtlingslehrer“? Angesichts der großen Zahl von Flüchtlingen in schulpflichtigem Alter fehlen derzeit In allen Bundesländern Lehrer. Der Arbeitsmarkt ist weitgehend leergefegt. Unterrichtende Pensionäre, Studenten, Seiteneinsteiger, Teilzeitkräfte – allerorten versuchen Schulpolitiker dem Mangel mit kreativen Lösungen zu begegnen. An der Universität Potsdamm startet nun ein Pilotprojekt mit dem geflüchtete Lehrer fit gemacht werden, ihren Beruf auch in Deutschland auszuüben. Das Interesse ist groß. Eine Konkurrenz für die deutschen Kollegen sieht Projektleiter Frank Ahlgrim angesichts der aktuellen Lage in dem Programm nicht.

Die 23-jährige Syrerin Alaa Kassab steht an der Tafel und unterrichtet Englisch. «Good morning», schreibt sie, darunter «Guten Morgen». Dann schüttelt sie die schwarzen Locken und lacht. «Sieht das nicht albern aus?» fragt sie den Kameramann, der sie dabei filmt. Noch steht sie nicht vor einer Schulklasse, sondern in einem Raum voller Journalisten. Kassab ist eine von 25 Teilnehmern des ersten Kurses eines Programms der Universität Potsdam, das geflüchtete Lehrer für den Unterricht an deutschen Schulen fit machen soll. Die Aufmerksamkeit der Medien für das Projekt ist groß – es gilt als das erste seiner Art in Deutschland.

Mit dem Intensivsprachkurs geht es los, im Herbst soll die Einführung ins Schulsystem folgen. Bild: Simon Fraser University / flickr (CC BY 2.0)

Mit dem Intensivsprachkurs geht es los, im Herbst soll die Einführung ins Schulsystem folgen. Bild: Simon Fraser University / flickr (CC BY 2.0)

«Die ganz banale Idee war, Brandenburg braucht Lehrer, und gleichzeitig kommen ganz viele Lehrer ins Land, deren Qualifikation nicht abgefragt wird», erzählt die Bildungswissenschaftlerin Miriam Vock, die das Projekt im Herbst 2015 ins Leben gerufen hat. Flüchtlinge, die in ihren Heimatländern ein abgeschlossenes Studium sowie Berufserfahrung als Lehrer hatten, lernen zunächst 6 Monate lang 5 Tage die Woche Deutsch. Vom Herbst an nehmen sie dann zusammen mit deutschen Lehramtsstudenten an Seminaren teil und lernen das deutsche Schulsystem kennen. Zum Schluss absolvieren sie ein Praktikum an einer Schule. Dann können sie unterrichten, so der Plan.

Was ursprünglich als kleines Programm mit nur 15 Plätzen geplant war, wuchs schnell an: Über 700 Bewerbungen trafen aus ganz Deutschland ein. Mittlerweile finanziert das Brandenburger Wissenschaftsministerium 75 Plätze und die Uni plant eine Fortsetzung im Wintersemester. «Uns haben unglaublich viele positive Rückmeldungen erreicht, ganz viele Unterstützungsangebote, Lob, Anerkennung», sagt der Mitinitiator des Programms, Frederik Ahlgrimm.

Vereinzelte Beschwerden, dass keine arbeitslosen deutschen Lehrer gefördert würden, hält Ahlgrimm angesichts des akuten Lehrermangels für Unsinn: «Das hat nichts mit Flüchtling oder nicht zu tun. Uns ist neulich erzählt worden, dass arbeitslose Förster eingestellt werden, um Biologie zu unterrichten. Man hat im Moment zu wenig Lehrer, und dann werden Leute befristet eingestellt, denen man das zutraut.»

Im ersten Sprachkurs sitzen 25 Männer und Frauen im Alter zwischen Mitte 20 und Mitte 50. Es sind 17 Pädagogen und acht Teilnehmer, die erst noch studieren wollen. Sie büffeln gerade die Feinheiten deutscher Uhrzeiten – fünf vor halb sieben, fünf nach halb sieben. Im Deutschen beginnen sie bei Null, nur Englischkenntnisse waren eine Voraussetzung, um in das Programm aufgenommen zu werden. Die Fächer der geflüchteten Lehrer umspannen die ganze Bandbreite von Englisch und Mathe bis Physik und Informatik.

Die Englischlehrerin Alaa Kassab ist von der Atmosphäre begeistert. «Alle freuen sich, hier zu sein und zu lernen», sagt sie. Sie hatte über das Internet von dem Programm erfahren. «Ich freue mich sehr darauf, in ein paar Jahren vor einer Klasse voller Kinder zu stehen», sagt sie. «Ich denke, es wird sehr anders sein als in Syrien.»

Nun hoffen alle Beteiligten, dass das Projekt auch an anderen Orten Deutschlands Schule macht: Zwei Hochschulen hätten bereits um Gespräche gebeten. (Christina Peters, dpa)

zum Bericht: Geflüchtete Lehrer für Deutschlands Schulen – Pilotprojekt beginnt

3 Kommentare

  1. dann hoffen wir mal, dass diese Lehrer auch anständig bezahlt werden. ich habe aber Zweifel, weil sie keinen als gleichwertig anerkannten Abschluss haben und die daf/daz-Honorarlehrer trotz anerkanntem Abschluss unter aller Kanone bezahlt und behandelt werdrn.

  2. Soso, es gibt also keine deutschen Lehrer und deshalb müssen, quasi in einem Akt von Notwehr, syrische Flüchtlinge und Förster eingestellt werden. Für wie blöd hält man uns denn? Ich selbst bin Englischlehrer mit 2. Examen und erhalte – wie viele deutsche Lehramtsabsolventen – nur Zeitverträge, für die ich teilweise, um sie annehmen zu können, von Freitag auf Montag spontan umziehen und das Bundesland wechseln muss.
    Nach Auskunft des hessischen Kultusministeriums existieren für den Beginn des kommenden Schuljahres allein in Hessen 5.000 Bewerber.
    Es gibt sie also doch, die Lügenpresse!

  3. P.S.
    Ich habe nichts gegen Flüchtlinge, ich unterrichte selbst deren in Kinder im Deutsch als Fremdsprache (DaF). Ich habe aber etwas dagegen, wenn ständig behauptet wird, der Lehrermarkt sei „leergefegt“, wenn ich und viele meiner Kollegen und Kolleginnen, die ein jahrelanges und kostspieliges Lehramtsstudium absolviert haben, keine Planstellen erhalten und stattdessen pädagogische Laien zu denselben Konditionen eingestellt werden. Hier wird doch wohl versucht, den Bildungsnotstand in D mit geringstmöglichen Mitteln zu entschärfen. Das Bildung kostet, sich aber auf Dauer bezahlt macht, werden deutsche Politiker wohl nie begreifen.

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