Startseite ::: Thema des Tages ::: Bald nur noch Senioren-Sprech? Wie das Niederdeutsch gerettet werden soll

Bald nur noch Senioren-Sprech? Wie das Niederdeutsch gerettet werden soll

BAD ZWISCHENHAHN. 2,5 Millionen Menschen in Deutschland «snacken platt», sprechen also nieder- beziehungsweise plattdeutsch. Die Zahl schrumpft, doch gibt es Menschen, die mühsam Begriffe sammeln – oder sogar neue kreieren. In Mecklenburg-Vorpommern sollen jetzt die Schulen das  Niederdeutsch retten.

Verbreitungsgebiet der heutigen niederdeutschen Mundarten. Karte: Wikimedia Commons

Verbreitungsgebiet der heutigen niederdeutschen Mundarten. Karte: Wikimedia Commons

«Wiesmaokende Stiekeleschke», «Adderbast-Ahorn» oder «Hoppen – krüppt ünnern Tuun dör» – oft erzählen plattdeutsche Namen viel über Charakter und Wesensart von Pflanzen. So auch die «Weismachende (Täuschende) Stachelesche», der Schlangenhaut- oder «Adderbast»-Ahorn oder eben der «Hoppen», der Hopfen, der unterm Zaun durchkriecht. Meist sind die Namen in umfangreichen Plattdeutsch-Nachschlagewerken überliefert oder sie werden neu entworfen.

Ulrich Sachweh kommt vom Fach und ihm hat es die exakte Benennung der Pflanzen und Gehölze seit Jahren angetan. Der pensionierte Berufsschullehrer und Diplomagraringenieur sammelt auf Aberhunderten von Seiten botanische, hochdeutsche und plattdeutsche Pflanzennamen. Sein Antrieb: «Das Existierende bewahren und das Fehlende ergänzen.» Oft ist es ein mühevolles Ringen im Gespräch mit Kennern des Plattdeutschen, manchmal geht es «nur» um einzelne Buchstaben und regionale Feinheiten.

In einer schwarzen Kladde hat Sachweh auf rund 550 enggedruckten großen Seiten vor allem Gehölze detailreich aufgelistet. Er arbeitet mit dicken Fachbüchern und plattdeutschen Lexika, spricht mit früheren Dorfschullehrern, Landwirten und Waldarbeitern – immer auf der Suche nach den richtigen Worten und Wendungen. «Die Forstleute hier in der Region nennen die Kiefer zum Beispiel „Pienappel“», sagt er. Für die Vogelbeere, die gewöhnliche Eberesche, hat er über 100 Namen gefunden. «Oft unterschieden die sich nur um „u“ oder uu“.»

Der gebürtige Dresdner, Jahrgang 1941, ist in der Lüneburger Heide aufgewachsen und seit Mitte der 1970er Jahre in Bad Zwischenahn im Oldenburgischen zuhause. «Ich spreche platt, aber eigentlich ist es auch ein Kauderwelsch», sagt er vorsichtig. Deshalb stimmt er sich mit vielen ab, auch wenn es um neue Namen wie «Botterlickerstruuck» für Schmetterlingsstrauch geht. Mit seinem früheren Schüler Aloys Pöhler bildet er ein ideales Duo. Pöhler ist Südoldenburger und tief verwurzelter Höltinghausener. Und: Er hat seit Jahrzehnten eine Bioland-Baumschule.

«Als ich zur Schule kam, habe ich nur plattdeutsch gesprochen», erinnert sich der 59-jährige Pöhler. Und er spricht es auch heute täglich in der Familie. «Das machen aber nur noch die Wenigsten. Wir versuchen, das Plattdeutsche auch im Alltag lebendig zu halten und ein Aspekt sind die Pflanzen.» In seiner Baumschule tragen schon zahlreiche Gehölze plattdeutsche Namensschilder.

Was mit der stetig wachsenden Namensliste geschehen soll, wissen beide noch nicht so recht. Es könnte ein Buch werden, obwohl es schon viele renommierte plattdeutsche Fachbücher gibt. «Wir sind noch in der Sammelphase», sagt Sachweh. Zunächst sollen jedenfalls mehr Gehölze aufgezeichnet werden. Auf Pöhlers Hof wird übrigens auch sonst Platt gepflegt. Im ehemaligen Hühnerstall – dem «Hölker Häuhner Huus» – gibt es ein volles Kulturprogramm, zu dem in diesem Herbst ein «plattdeutscher musikalisch-literarischer Spaziergang» gehört.

Ist die Regionalsprache Plattdeutsch bedroht? «Das ist eine sehr reale Gefahr», antwortet Christiane Ehlers vom Instiut für Niederdeutsche Sprache in Bremen. «Innerhalb einer Generation sinkt die Sprecherzahl um 50 Prozent», skizziert sie den Trend. Und: «Platt-Snacker» sind meist im Alter von «50+». An schriftlichen Werken mangelt es nicht. «Jährlich kommen 150 bis 200 Bücher auf niederdeutsch heraus», sagt Ehlers.

Das Institut bemüht sich, die Sprache lebendig zu halten. «Platt is cool» und «Plattsounds» sind Initiativen für junge Menschen und Bands. Wie jede Sprache muss Platt Herausforderungen etwa durch die digitale Wortwelt meistern. Beispiel: «Smartphone». Im Plattdeutschen heißt es passend und griffig «Plietsch-Fon». Das wäre dann auf Hochdeutsch wohl in etwa «Schlau-Fon».

Das Land Mecklenburg-Vorpommern hat jetzt eine Initiative gestartet, die Pflege der niederdeutschen Sprache in Kitas und Schulen voranzubringen. So soll es künftig möglich werden, ab Klasse sieben Niederdeutsch als zweite Fremdsprache zu lernen und an vier Gymnasien oder Gesamtschulen darin auch das Abitur abzulegen. Lehrbücher und Unterrichtsmaterialien sollen entwickelt werden. An der Universität Greifswald soll ein «Kompetenzzentrum für die Didaktik des Niederdeutschen» eingerichtet werden, um die Lehrerausbildung zu stärken. Von Helmut Reuter, dpa

Zum Bericht: Platt-Deutsch als Abiturfach: Brodkorb legt Bildungsprogramm für «modernes Heimatgefühl» vor

3 Kommentare

  1. Das ist alles leider vergebliche Liebesmüh – so schade ich es auch finde. Wenn die Menschen Plattdeutsch im Alltag nicht mehr benutzen, weil zu wenige andere ihn beherrschen, wird es seinen Gebrauchswert verlieren und aussterben. Was heute noch Plattdeutsch genannt wird, ist ja meistens nur ein Mischmasch aus Hoch- und Plattdeutsch. Übrig bleiben letztlich ein paar Gedichte und Lieder, die bei irgendwelchen Festen vorgetragen und vorgesungen werden.

    Das Plattdeutsche wird aber noch eine Zeit lang überleben im Niederländischen (inklusive Flämischen) und im Afrikaans, die daraus entstanden sind und in einigen „Sprachinseln“ deutscher Minderheiten im Ausland. Zumindest so lange, bis wir alle Englisch sprechen. 😉

    Ein Professor sagte übrigens einmal, Englisch sei der größte Dialekt des Plattdeutschen. Eine interessante Perspektive (im doppelten Sinne), finde ich. 🙂

  2. Ups, neues Profilbild? Da habe ich wohl meine E-Mail-Adresse falsch eingegeben. Wie könnte ich das ändern?

  3. Ich frei mi over Jo Interess an de Oostfreeske Taal.
    Plees, sük ju daarför in, dat de plattdüütske Spraak in Oostfreesland erhollen un fördert word !

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*