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Hochschulen und Wissenschaftler bekommen Milliarden vom Bund – Kritiker: Das ändert nichts am Grundproblem der maroden Hochschulen

BERLIN. Wieder verkünden die Forschungsminister Wohltaten für die deutschen Hochschulen. Zu den komplizierten Finanzströmen für Forschung und Lehre kommen bald zwei weitere Füllhorn-Programme hinzu. Am Grundproblem ändert das nichts, sagen Kritiker.

Ein Rekordandrang von 2,8 Millionen Studenten, marode Labore, überfüllte Hörsäle – das ist die weniger glamouröse Seite des deutschen Hochschulsystems. Auf der anderen Seite stehen schmucke Milliardenprogramme, mit denen die lukrative Spitzenforschung, aber künftig auch kleinere Hochschulen und der Forschernachwuchs gefördert werden. Bund und Länder haben sich nach ihrer neuen Exzellenzinitiative für Spitzenforschung auf zwei weitere, allerdings deutlich weniger teure Großprojekte verständigt. Auch in diesem Fall müssen die Ministerpräsidenten und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) Mitte Juni noch zustimmen – dies gilt aber als Formsache. Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) sprach nach der Sitzung der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) von einer «Gesamtstrategie zur Stärkung der deutschen Hochschulen».

1000 Nachwuchswissenschaftler werden gefördert

So soll es von 2017 bis 2032 ein mit insgesamt rund einer Milliarde Euro ausgestattetes Förderprojekt für den wissenschaftlichen Nachwuchs geben. Es stelle sicher, dass bundesweit 1000 sogenannte Tenure-Track-Professuren entstehen, die nach Auslaufen des Programms in 15 Jahren von den Ländern dauerhaft weiterfinanziert würden, sagte Wanka am Freitag in Berlin.

In dem in den USA schon länger üblichen Tenure-Track-Verfahren qualifizieren sich Promovierte für eine Lebenszeit-Professur. Erreichen sie die mit der Uni vereinbarten Ziele in Forschung und Lehre, wird ihre Stelle nach etwa sechs Jahren entfristet. Die Bildungsgewerkschaft GEW kritisierte: «1000 neue Stellen sind gut – aber sie decken den Bedarf an den Hochschulen nicht. Wir brauchen 5000 zusätzliche Tenure-Track-Professuren.»

Was würde Humboldt von der heutigen Bildung denken? Humboldt-Denkmal vor der Berliner Humboldt-Universität. Foto: Dierk Schaefer / flickr (CC BY 2.0)

Was würde Humboldt von der heutigen Bildung an den Unis denken? Humboldt-Denkmal vor der Berliner Humboldt-Universität. Foto: Dierk Schaefer / flickr (CC BY 2.0)

Das Programm strahle nicht nur auf die Professoren-Ebene aus, sondern auch auf den wissenschaftlichen Mittelbau, insofern werde hier «ein Kulturwandel realisiert», sagten hingegen Wanka und ihre Kollegin, die stellvertretende GWK-Vorsitzende Eva Quante-Brandt (SPD). «Tenure-Track» könne «zu einer deutlichen Verjüngung der Professorenschaft führen», fügte die Bremer Senatorin hinzu.

Gesellschaftlich relevante Forschung wird gefördert

Neben der Exzellenzförderung für forschungsstarke Unis sollen in einer zweiten Initiative zwischen 2018 und 2027 kleine und mittelgroße Universitäten sowie Fachhochschulen mit 550 Millionen Euro bezuschusst werden. Die Bedingung: Ihre Arbeit muss für Wirtschaft oder Gesellschaft besonders relevant sein, entscheidend sind Kooperationen und Transfer. Das Programm «Innovative Hochschule» hatte Wanka im Gezerre um die Exzellenzinitiative ins Spiel gebracht – um auch einen bisher oft im Schatten stehenden Wissenschaftssektor langfristig zu fördern. Der Bund übernimmt 90 Prozent der Kosten, den Rest gibt das Land, in dem die jeweilige Hochschule ihren Sitz hat.

«Die zwei Millionen Euro pro Jahr, die eine Hochschule erhalten kann, sind wohl als kleines Trostpflaster für diejenigen gedacht, die bei der Exzellenzinitiative zu kurz kommen oder ohnehin chancenlos sind», sagte der Grünen-Forschungspolitiker Kai Gehring. «Allerdings wird nur ein Bruchteil der rund 230 staatlichen Hochschulen am Ende zum Zuge kommen. Denn es stehen nur 550 Millionen Euro verteilt auf zehn Jahre zur Verfügung – etwa genauso viel, wie die Exzellenzinitiative jährlich kostet.»

Die Mehrzahl der Hochschulen ist unterfinanziert

Linke-Fachfrau Nicole Gohlke sagte: «Grundsätzlich treibt die Bundesregierung das Auseinanderdriften in Klasse und Masse im Hochschulbereich voran.» Eine Förderung von Wissenstransfer an kleineren (Fach-)Hochschulen korrigiere «in keiner Weise die systematische Unterfinanzierung der Mehrzahl der Hochschulen».

Vor vier Wochen hatten sich Wanka und ihre Länder-Kollegen in der GWK geeinigt, Spitzenforschung in Deutschland mit gut einer halben Milliarde Euro dauerhaft zu stärken – pro Jahr. Werner Herpell/dpa

 

Hochschulfinanzierung in Deutschland – ein Überblick:

HOCHSCHULPAKT: Während die Studienanfängerquote 2005 bei 37 Prozent lag, nimmt heute die Hälfte der jungen Menschen in Deutschland ein Studium auf. Im Rahmen des 2007 unterzeichneten, offiziell 2020 auslaufenden Bund-Länder-Pakts wurde zuletzt vereinbart, gemeinsam bis zu 760 000 zusätzliche Studienplätze zu finanzieren. Am Ende hätte der Bund insgesamt gut 20 Milliarden Euro bereitgestellt, die Länder 18 Milliarden. Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) verweist aber auf den anhaltenden Studentenboom und betont, «dass es sich nicht um einen kurzfristigen „Berg“, sondern um ein langfristiges „Hochplateau“ handelt». Daher sei wichtig, dass der Bund «direkt und nachhaltig die Grundfinanzierung der Hochschulen ergänzt».

GRUNDFINANZIERUNG: Sie wird von den Ländern – den Hochschulträgern – bereitgestellt, die aber nach 2019 mit der Schuldenbremse klarkommen und daher noch mehr aufs Geld achten müssen. Rund 90 Prozent der Finanzmittel kommen nach HRK-Zahlen von der öffentlichen Hand, der Rest aus privaten Quellen – zum großen Teil aus der Auftragsforschung (Drittmittel), aber auch von Mäzenatentum und Sponsoring. Der Bund nimmt teil an der Finanzierung von Forschungsprojekten, an Programmen wie Hochschulpakt und Exzellenzinitiative oder bei Forschungsbauten. Die Opposition im Bundestag, aber auch die Hochschulen sehen eine mangelhafte Grundfinanzierung als Kern vieler Probleme an den Unis.

AUSGABEN UND EINNAHMEN: Nach aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes für 2014 gaben die Hochschulen zusammen 48,2 Milliarden Euro aus – 4,1 Prozent mehr als 2013. Fast 58 Prozent flossen ins Personal, ein Plus von knapp fünf Prozent. Allein die Unis gaben fast 20 Milliarden Euro für Lehre, Forschung und Krankenbehandlung aus (Zuwachs 3,3 Prozent), die Fachhochschulen rund sechs Milliarden Euro (plus 5,8 Prozent). Zum großen Teil machten die Hochschulen die höheren Ausgaben über mehr Einnahmen wett. So warben sie 2014 Drittmittel in Höhe von 7,3 Milliarden Euro ein (plus 2,5 Prozent). Wichtigste Drittmittelgeber waren die Deutsche Forschungsgemeinschaft (2,4 Milliarden Euro), der Bund (1,9) und die Wirtschaft (1,4).

FÖRDERPROGRAMME: Die 2006 gestartete Exzellenzinitiative von Bund und Ländern fördert Spitzenforschung im Verhältnis 75 zu 25 Prozent. Bis Ende 2017 sind dafür insgesamt rund 4,6 Milliarden Euro eingeplant, nach kurzer Übergangsphase wird das Programm dauerhaft mit 533 Millionen Euro pro Jahr fortgesetzt. Nach dem Willen der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) werden zudem ab 2018 kleine und mittelgroße Universitäten sowie Fachhochschulen mit 550 Millionen Euro für zehn Jahre bezuschusst, wenn ihre Arbeit für Wirtschaft oder Gesellschaft besonders relevant sind. Hier trägt der Bund 90 Prozent. Und es soll ein auf jüngere Forscher zielendes Karriereförderprogramm geben – Kostenpunkt: rund eine Milliarde Euro für 15 Jahre.

STUDIENGEBÜHREN, QUALITÄTSPAKT, BAFÖG: In keinem Bundesland gibt es noch diese pauschalen Semestergebühren – Bachelor und Master kann man an staatlichen Hochschulen also gebührenfrei werden. Der Wegfall der in Deutschland stets hochumstrittenen Geldquelle ist längst spürbar: Die Einnahmen aus Beiträgen der Studenten ging 2014 um 6,3 Prozent auf eine Milliarde Euro zurück. Für bessere Studienbedingungen und Lehrqualität erhalten insgesamt 156 Hochschulen von 2016 bis 2020 rund 820 Millionen Euro Fördermittel des Bundes. Der hat seit Anfang 2015 auch das Bafög von knapp 1,2 Milliarden Euro jährlich komplett von den Ländern übernommen – im Tausch gegen mehr Mitsprache im Hochschulsektor. Die siebenprozentige Erhöhung der Bafög-Sätze kommt nach langem Stillstand im Herbst. Werner Herpell/dpa

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