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Eine tieftraurige Statistik zum „Kindertag“: In Deutschland starben 2015 durch Misshandlungen 130 Kinder

BERLIN. 130 getötete Kinder im Vorjahr, wieder deutlich mehr als 2014: Es ist vielleicht nur Zufall, dass diese erschütternde Zahl am «Kindertag» präsentiert wird. Die Kriminalstatistik zeigt, dass der Schutz unserer Jüngsten im Alltag tausendfach an Grenzen stößt.

Immer wieder gibt es Fälle von brutaler Gewalt gegen Kinder - Symbolbild. Foto: goldsardine / Flickr (CC BY-ND 2.0)

Immer wieder gibt es Fälle von brutaler Gewalt gegen Kinder – Symbolbild. Foto: goldsardine / Flickr (CC BY-ND 2.0)

Die dreijährige Yagmur wurde geprügelt und getreten, ihr linker Arm brach über dem Ellenbogengelenk. Als Todesursache verzeichnete der Obduktionsbericht schließlich «innere Blutungen infolge eines Leberrisses». Die Mutter wurde später zu lebenslanger Haft verurteilt. Wie es Ende 2013 in Hamburg zu dieser Katastrophe kommen konnte, versuchte ein Untersuchungsausschuss zu klären. Denn das Kleinkind war doch seit der Geburt vom Jugendamt betreut worden.

Der Vorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Rainer Becker, erwähnt Yagmur, um der in Berlin präsentierten Polizeistatistik zu den «kindlichen Gewaltopfern» einen konkreten Namen hinzuzufügen. An diesem Mittwoch ist Internationaler Kindertag – «eigentlich ein Anlass zur Freude und zur Fröhlichkeit», sagt er. Doch auch 2015 gab es wieder 130 Kindstötungen in Deutschland, 22 mehr als im Jahr davor – darunter 16 Morde und 38 Totschlagsdelikte.

85 getötete Kinder waren jünger als drei Jahre, betont Becker. «Und das ist eigentlich verwunderlich. Denn wir haben seit Einführung des Bundeskinderschutzgesetzes, insbesondere in den frühen Hilfen, in die Unterstützung von Familien mit Kindern unter drei Jahren investiert. Das ist natürlich eine Schere, die auseinanderklafft.»

Ist also angesichts von Fällen wie Yagmur womöglich viel gut gemeinter Aktionismus im Spiel, der am Ende wirkungslos verpufft? Kinder-Lobbyist Becker sieht jedenfalls Nachbesserungsbedarf seitens der Politik, etwa bei der Evaluation des Kinderschutzes. «Mehr Geld und Zeit für Qualität» ist nur einer der Punkte seines Forderungskatalogs.

Für das nüchterne Zahlenmaterial ist in Berlin der Chef des Bundeskriminalamtes, Holger Münch, zuständig. «Wir werden nicht nachlassen, die Täter zu schnappen», lautet seine Botschaft. Münch sagt aber auch, dass die Dunkelziffer jenseits der jährlich bis zu rund 200 Tötungsdelikte an unter 14-Jährigen sehr hoch ist, etwa bei Kindesmisshandlungen und Kindesmissbrauch. Gerade im familiären Umfeld werde solche Gewalt, gerade auch Sexualstraftaten, häufig verborgen – ob aus Scham oder falscher Solidarität mit Verwandten.

Die Koblenzer Pädagogik-Professorin Kathinka Beckmann bezeichnet Gewalt gegen Kinder in Deutschland daher als «Alltagsphänomen». Und nennt drei Zahlen als Beleg: «Drei tote Kinder pro Woche, elf misshandelte und 38 von sexueller Gewalt geschädigte pro Tag.» Die insgesamt positive Bewertung gesetzlicher Regelungen durch die Regierung mag sie daher nicht teilen. «Ein Ausruhen auf den Maßnahmen des seit vier Jahren umgesetzten Bundeskinderschutzgesetzes ist mit diesen Zahlen nicht möglich.»

Zu wenige Hausbesuche

Als «Baustellen» nennt sie eine eklatante Unterversorgung mit sogenannten Familienhebammen in jedem zweiten Jugendamtsbezirk und die unzureichende Zahl von Hausbesuchen bei «Gefährdungsmeldungen». «17 Prozent der als gefährdet eingeschätzten Kinder haben keinerlei Kontakt mit einem Mitarbeiter des Jugendamtes.» Wenn als Gründe der Behörden «Kein Dienstwagen vorhanden» oder «Die Anfahrt ist zu lang» angegeben werde, müsse differenziert werden, sagt Beckmann: Dahinter steckten oft «strukturelle Defizite» in der Kinder- und Jugendhilfe, mangelhafte Materialausstattung und eine viel zu dünne Personaldecke.

Die Regionalleiterin des Jugendamtes Berlin-Mitte, Kerstin Kubisch-Piesk, beklagt ein schlechtes Image: «Das Bild des Jugendamtes ist das des Kinderwegnehmens», sagt sie – und dass es doch eher darum gehen müsse, mit der Behörde zusammenzuarbeiten. Wenn ein Kollege in Berlin aber 80 bis 90 Familien zu betreuen habe, stoße jedes Bemühen an Grenzen. «Kinderschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, den gibt es nicht zum Nulltarif.»

«Das Ideal, dass Kinder ohne Gewalt aufwachsen sollen, ist in der Bevölkerung angekommen», sagte kürzlich die stellvertretende Geschäftsführerin beim Deutschen Kinderschutzbund, Cordula Lasner-Tietze. «Die tatsächliche Realität in den Familien sieht aber anders aus.» Erschreckenderweise gebe es noch immer «keinerlei Indizien, dass die Zahl der unter Gewalterfahrungen leidenden Kinder im Sinken ist». Die Polizeistatistik bestätigt dies nun aufs Neue. Von Werner Herpell, dpa

 

Hintergrund
Die Zahl schockiert – selbst wenn sie schon mal höher war: In Deutschland sind im vergangenen Jahr 130 Kinder getötet worden, also im Durchschnitt fast drei pro Woche. Vier von fünf Opfern (insgesamt 105 oder 81 Prozent) waren zum Zeitpunkt ihres gewaltsamen Todes unter sechs Jahre alt, viele sogar erst im Baby- oder Kleinkindalter. Hinzu kamen 52 Tötungsversuche, wie aus der am Mittwoch in Berlin veröffentlichten Polizeilichen Kriminalstatistik 2015 zu kindlichen Gewaltopfern hervorgeht.

Die aktuellen Zahlen zu allen Bereichen der Gewalt gegen Kinder unter 14 Jahren beschrieben «nur das sogenannte Hellfeld der Kriminalität», sagte der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Holger Münch. «Wir müssen davon ausgehen, dass viele Taten unentdeckt bleiben.» Im Einzelnen wurden bundesweit 16 Morde an Kindern registriert, zudem 38 Totschlagsdelikte, 68 Fälle fahrlässiger Tötung und acht Körperverletzungen mit Todesfolge. Die Gesamtzahl lag wieder deutlich über der von 2014 (108), «aber mittelfristig ist der Trend ein durchaus abnehmender», sagte Münch.

So wurde die höchste Fallzahl der vergangenen zehn Jahre 2006 registriert (202 Tötungsdelikte), auch 2012 (167) und 2013 (153) lag sie höher als im Vorjahr. Die Zahl körperlicher Misshandlungen von Kindern sank zwar im Vergleich zu 2014 um sechs Prozent, aber es waren immer noch mehr als 3900 Kinder davon betroffen. Auch bei sexueller Gewalt gegen Kinder wurde 2015 ein geringfügiger Rückgang von gut drei Prozent auf knapp 14 000 Fälle verzeichnet – 270 betroffene Kinder pro Woche oder 38 pro Tag, hob Münch hervor. Insgesamt bewege man sich hier «auf einem gleichbleibend hohen Niveau».

Die Pädagogik-Professorin Kathinka Beckmann von der Fachhochschule Koblenz bilanzierte: «Gewalt gegen Kinder ist in Deutschland ein Alltagsphänomen.» In vielen Tötungs-, Gewalt- und Missbrauchsfällen seien die Täter Menschen, die den Opfern nahestehen – also Verwandte oder Freunde der Familie, sagte der BKA-Chef. Bei sexueller Gewalt gebe es eine relativ hohe Aufklärungsquote, weil die Kinder ihre Peiniger oft kennen – aber auch eine hohe Dunkelziffer im familiären Umfeld, weil die Taten dort häufig verborgen werden.

Die BKA-Statistik weist für 2015 beim Menschenhandel 68 Fälle mit 77 minderjährigen Opfern aus. Oft landeten diese Kinder und Jugendlichen in der Zwangsprostitution. Immerhin – beim zuletzt stark diskutierten Thema Flüchtlingskinder konnte Münch Entwarnung geben: Man habe zwar eine hohe Zahl unbegleiteter junger Menschen und erhebliche Probleme mit ihrer Erfassung, aber nach Recherchen der Landeskriminalämter gebe es derzeit «keine Erkenntnisse, dass Flüchtlingskinder Opfer von Menschenhandel werden».

Ein schwieriges Feld – wegen immer größerer Datenmengen im Internet – iat die Kinderpornografie: Im Vergleich zum Jahr 2000 wurden 2015 zweieinhalb mal so viele Fälle registriert. Zur polizeilichen Bilanz sagte Münch, es sei «ein Katz- und Mausspiel. Wir melden viel, wir löschen viel. Dennoch muss man feststellen: Eine erhebliche Reduzierung kinderpornografischer Angebote im World Wide Web können wir nicht feststellen.» Möglicherweise sei aber «die Tatsache, dass es nicht mehr wird, auch schon ein Erfolg».

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, sagte auf Anfrage: «Die Statistik zeigt mit schrecklicher Deutlichkeit, dass das Thema sexueller Kindesmissbrauch ein gesellschaftliches Massenphänomen ist.» Deutschland müsse «endlich sein Investment in Prävention erhöhen». Denn internationale Studien zeigten, dass Fallzahlen durch umfassende Vorbeugung zurückgingen. Alle Einrichtungen, denen Kinder anvertraut sind, brauchten deshalb Schutzkonzepte. dpa

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