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Wissenschaftler: „Schulbildung ist käuflich“ – Schulen sollten Nachhilfeanbieter integrieren

DÜSSELDORF. Schulen müssten das Angebot von Nachhilfeschulen einbinden, fordert der Jugendforscher Professor Klaus Hurrelmann in der Maiausgabe der Zeitschrift „Schulverwaltung“.

Das Geheimnis des Erfolgs von Nachhilfeschulen liege in der systematischen Erfassung der Ausgangssituation der Schülerinnen und Schüler, analysiert der renommierte Forscher im Interview. Wo liegen individuelle Stärken und Schwächen? Welche spezifischen Bereiche werden im jeweiligen Fach beherrscht? Eine solche Diagnostik könnten die Lehrkräfte in den Schulen auch leisten, tun es aber häufig nicht, kritisiert Hurrelmann. Nachhilfe sei über seinem ursprünglichen Ansatz hinaus, daher zu einem privat finanzierten Zusatzunterricht geworden, der Defizite des Schulsystems ausgleicht und den eigenen Kindern einen Vorteil gegenüber anderen verschafft.

Können verpflichtende Nachhilfe oder Sommerschulen das Sitzenbleiben überflüssig machen? Foto: schemmi / pixelio.de

Chancengleichheit sieht anders aus – Nachhilfe kann man kaufen. Foto: schemmi / pixelio.de

Nach einer aktuellen Erhebung kostet professionelle Nachhilfe die Eltern rund 1,5 Milliarden jährlich. Für die einzelne Familie ist der Posten jedoch überschaubar. Und durch den lerntheoretisch anspruchsvollen Ansatz vieler Nachhilfeinstitute lohne sich für viele Eltern und deren Kinder der finanzielle Einsatz, kommentiert Hurrelmann. „Eltern erzielen damit für ihre Kinder einen echten Vorteil im Wettbewerb um gute Schulabschlüsse.“ Die Schulbildung sei nun mal eben käuflich.

Pädagogen gelten als zweitrangig für die Erziehung und Bildung

Nach Studien des Wissenschaftlers hat sich der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die zumindest ab und zu Nachhilfe erhalten, seit 1994 von18 Prozent auf heute etwa 30 Prozent erhöht. Im Vergleich zu anderen Ländern ist dieser Anteil in Deutschland sehr groß, sagt der Forscher. Der Grund: In Deutschland wird den Eltern immer noch eine Schlüsselrolle für die Bildung und Erziehung ihrer Kinder eingeräumt. Die Tätigkeit der Pädagogen und Erzieher wird als zweitrangig eingestuft.

Das ist ein bildungs- und sozialpolitisches Problem. Denn die leistungsschwachen und bildungsferneren Schüler, die eigentlich Förderung benötigen, erhalten sie zu wenig. Entweder fehlen ihren Eltern die Einsicht oder das Geld für Nachhilfe. Und die Schüler, aus bildungsnahen Schichten, die eigentlich schon ganz gute Leistungen bringen, bekommen zusätzlich noch die Förderung durch die Nachhilfe. Das verstärke die ohnehin schon starken Einflüsse der sozialen Herkunft auf die Schulleistungen.

Angebote der Nachhilfeinstitute integrieren

Für Hurrelmann liegt die Lösung auf der Hand: „Die Ungleichheiten lassen sich nur verringern, wenn die Förderung aller Kinder, auch und gerade der schwächeren, in die schulische Arbeit institutionell einbezogen wird.“ Deshalb müssten die Angebote der Nachhilfeinstitute in die Schule integriert werden. Dadurch könnten sie zum Abbau von Ungleichheit beitragen, wenn sie systematisch in das Bildungssystem integriert würden, indem sie etwa Teil eines Ganztagsangebots werden. Nina Braun

33 Kommentare

  1. Na ja, die Integration von Nachhilfeinstituten dürfte aufgrund des Kooperationsverbotes schwierig werden. Die Bedingungen bei der Schülerhilfe & co sind auch alles andere als förderlich (zu große Gruppen von Kindern mit viel zu unterschiedlichen Schwächen, unterschiedlichen Alters und Schulform). Das Bildungsteilhabepaket empfiehlt sogar selbst die private Nachhilfe.

    Außerdem ist der Nachhilfebedarf so groß, weil viel zu viele Kinder das Gymnasium besuchen. An der passenden Schulform oder in den entsprechenden Kursen der Gesamtschule kämen die Kinder auch so gut mit und bräuchten sie nicht. So überschaubar ist der Posten für die einzelne Familie übrigens nicht. Die Schülerhilfe kostet 139€/Monat für zwei Doppelstunden pro Woche für viele Familien schon zuviel. Der zuständige Lehrer ist in der Regel eine Honorarkraft und verdient _brutto_ maximal 18€ pro Doppelstunde für Gruppen mit 4-6 Schülern, die Schülerhilfe selbst 80-90€ pro Doppelstunde von der Gruppe.

    • Da stellt sich dann natürlich auch die Frage, von den genannten Fragen zu z.B. Kooperationsverbot mal abgesehen, sowieso die Frage wie solche Dienstleistungen flächendeckend umgesetzt werden sollten.
      Was für Leute sollten diese Nachhilfe erbringen und wie sähe deren Qualifikation aus? Selbst in den Schulen, die ja (in der Regel) mit Verbeamtung und guter Eingruppierung locken, fehlen Lehrkräfte (insbesondere in den Naturwissenschaften), die Nachhilfeinstitute aber selber in Hülle und Fülle wo vorrätig haben?

      Wahrscheinlich ist es wie es bei mir an der Uni war mit den fehlenden Physikern: nicht genug Physiker? Die Politik sagt, man müsse in Zukunft einfach nur die Anzahl der Studienplätze erhöhen (Problem gelöst), auch wenn schon die bisherigen Studienplätze nur zu einem Bruchteil in Anspruch genommen wurden…

      Vermutlich wird das aber nur wieder eine ‚pragmatische‘ Lösung geben indem irgendwelche ‚Hausmuddis‘ (slang) als Nachhilfelehrer einspringen werden.

  2. Das dt. Schulsystem erwartet immer noch, dass Eltern nachmittags mit den Kindern üben, Referate erstellen, anleiten, kontrollieren etc. Dies wurde noch nie in allen Familien geleistet, in meinem Umfeld sind es sehr wenige Familien, die es jetzt noch leisten (können oder wollen) – bei früherer Einschulung und gestiegenen Anforderungen ist voraussehbar, wozu es führt.

    Etliche SuS würden mit mehr Zuwendung, Hilfestellung und Übung sicher bessere Leistungen erbringen und grundsätzliche Fähigkeiten (in der Grundschule!) viel besser aufbauen. Viele Defizite, die sich später immer deutlicher bemerkbar machen, zeichnen sich schon im 1.+2. Schuljahr ab. Die Diagnostik liegt längst vor, Förderung kann jedoch innerhalb der normalen Unterrichtsstunden nur in sehr kleinem Maß gegeben werden – wie engagiert die Lehrkraft auch immer ist.

    Aber Förderstunden wurden (in Nds.) aus der Stundentafel gestrichen (damit am Ende eine 100%-Versorgung auf dem Papier steht), die Heterogenität wurde immens erhöht durch das gleichzeitige einbringen unterschiedlichster Förderschwerpunkte ohne hinreichende Ressourcen und Hilfestellungen zu geben und Förderschukräfte werden mit 2 Std. pro Klasse – mit egal wie vielen unterstützungsbedürftigen Kindern – zwischen den Schulen, Fahrstrecken und Anforderungen aufgerieben. Professionelle Kräfte einer Förder- oder Vertretungsreserve werden nicht bezahlt.
    Andere Möglichkeiten, Helfer oder Hilfen in den Schulalltag zu integrieren, sind schwierig: Ehrenamtliche, soziales Jahr, Praktikanten, Hausaufgaben-Hilfe, Patenschaften, Bildungs- und Teilhabe-Paket… alles möglich, aber häufig auf Grund der bürokratischen Hürden oder fehlender rechtlicher Vorgaben zum Scheitern verurteilt.

    • „Andere Möglichkeiten, Helfer oder Hilfen in den Schulalltag zu integrieren, sind schwierig: Ehrenamtliche, soziales Jahr, Praktikanten, Hausaufgaben-Hilfe, Patenschaften, Bildungs- und Teilhabe-Paket… alles möglich, aber häufig auf Grund der bürokratischen Hürden oder fehlender rechtlicher Vorgaben zum Scheitern verurteilt.“
      Das wundert mich, dass da manche Bundesländer Schwierigkeiten machen. Viele der oben erwähnten Dinge werden an unserer Schule praktiziert.

  3. Auch jede erdenkliche Unterstützung reicht in der Grundschule am Vormittag nicht aus. Der Unterrichtsstoff ist einfach so angelegt, dass zusätzliche Übung für normal Begabte und schwächere Begabte am Nachmittag sein muss. Doch Nachhilfeinstitute in die Schule zu integrieren halte ich für den falschen Weg. Da spielen zu sehr wirtschaftliche Interessen eine Rolle. Allerdings finde ich gut, wenn Nachhilfeinstitute Kontakt zu den Lehrkräften aufnehmen, was bei uns manchmal vor Ort geschieht. In Bayern gibt es neben den gebundenen Ganztagesklasse auch sg. offene Ganztagesklassen, die finanziell vom Staat unterstüzt werden. Nach dem Mittagessen betreut pädagogisch geschultes Personal die Hausaufgaben. Diese Art gibt es in den Mittelschulen (=Hauptschulen) schon länger, sie sollen nun auch in den Grundschulen eingeführt werden.

  4. War nicht vor kurzem zu lesen, dass Nachhilfe nur wenig bringt.
    Bei news4teachers unter der Überschrift: „Studie belegt: Nachhilfe nützt wenig“

    Viele Lehrer wären schon froh, wenn die Schüler ihre Hausaufgaben machen würden. Damit wäre schon viel gewonnen.

  5. Die Integration kommerzieller Nachhilfeunternehmen in den normalen Schulbetrieb wäre gleichzusetzen mit einer Bankrotterklärung des staatlichen Schulsystems.

  6. der Meinung vom gründlichen Kenner der Sozialisationsbedingungen heutiger SchülerInnen kann bis auf einen Punkt nicht widersprochen werden.
    ABER die Hereinnnahme der Nachhilfeschulen in die Regelschulen würde das kritisierte System perpetuieren und noch stärker kommerzialisieren. Da wäre entschieden besser, das kommerzielle Nachhilfesystem restlos aufzulösen und die entspr. Mittel in den Schul- und Lehrerbildungsausbau zu stecken.

    • Schließen Sie da auch private Nachhilfe ein?

    • „und die entspr. Mittel in den Schul- und Lehrerbildungsausbau zu stecken.“ – dabei gibt es ein Problem: wie kommen Sie an das Geld ‚ran? Denn solange es nicht (für Nachhilfe) ausgegeben ist, gehört es als Privateigentum den Eltern. Verstehe ich Sie richtig, dass Sie für eine Steuerhöhung im Umfang der Brutto-Nachhilfekosten plädieren? und dafür, alle Nachhilfelehrer – ganz gleich warum die keinen Platz in öffentlichen Schulen fanden – als Beamte einzustellen?

      • Eine „einfache Umbuchungsmöglichkeit“ der erforderlichen Mittel wird es nicht geben können. Aber ähnlich wie z. Zt. bei der Debatte zum „bedingungslosen Grundeinkommen“ sind verschiedene Modelle zu bedenken, die fast alle nicht im „herkömmlichen“ Denken verharren dürfen.
        Zum Beispiel sind Modellrechnungen zu durchdenken, die bestimmte Steueraufkommen zwar verändern werden/können aber gleichzeitig Wegfall bzw. Senkung ganzer bisher gewährter staatlicher Hilfen ermöglichen.
        Nur etwas konkreter kann das u.a. bedeuten, die Familieneinkommen, das Kindergeld , Kita-Ausgaben u.ä. und die Aufwendungen für Nachhilfe, besser : die Aufwendungen für Förderung der Kinder a) in den Familien und b) in der Bildungspolitik des Bundes und der Länder im Verbund mit bisherigen Ausgaben für Lehreraus- und Fortbildung wahrzunehmen usw.
        Zugegeben eine hochkomplexe, aber wenn gesellschaftspolitisch gewollte Fortschreibung des status quo auch eine unverzichtbare Herausforderung für NEUES Durchdenken, das „aus dem Viereck springt“.

  7. „Dadurch könnten sie zum Abbau von Ungleichheit beitragen, wenn sie systematisch in das Bildungssystem integriert würden, indem sie etwa Teil eines Ganztagsangebots werden.“
    Mit der Aussage weiter oben, die sich auf die Diagnostik bezieht, zeichnet sie ein schlechtes Bild von Schule. Indem Nachhilfeinstitute kleinere Lenrngruppen haben (mit geringer Bezahlung der dort Beschäftigten), können sie natürlich individueller arbeiten. Lehrkräfte finden in der Schule nicht annähernd ideale Voraussetzungen um mit jedem Schüler individuell zu arbeiten, weder was die Vorbereitung (da würde man dann die Woche inkl. Wochenende durcharbeiten), noch was die Betreuung betrifft.
    Eine adäquate Hausaufgabenbetreuung können heute die wenigsten Eltern leisten. Je jünger die Schüler, desto mehr Betreuung bei den Hausaufgaben benötigen sie. Bei Lernschwierigkeiten und Schwierigkeiten in der Arbeitshaltung benötigen auch ältere Schüler Betreuung.
    Beschulung sollte kostenlos sein, also muss der Staat mehr Gelder und Personal bereitstellen um diese Defizite aufzufangen. Eine Lösung wäre neben der gebundenen eben die offene Ganztagesklasse, wie ich oben beschrieben habe. Ebenso gibt es Modellschulen, die durch offene Unterrichtsformen versuchen, die individuellen Wege zu fördern. Des Weiteren werden von Verlagen Materialien entwickelt, die in diese Richtung gehen. Doch die Misere des Personalmangels bleibt. Für individuelle Förderung braucht man mehr geschultes Personal.
    Ich könnte mir vorstellen, dass manche Politiker Hurrelmanns Lösungsvorschlag offen gegenüberstehen, denn dies würde dem Staat Gelder sparen.

  8. ‚Die Tätigkeit der Pädagogen und Erzieher wird als zweitrangig eingestuft‘.
    Ein verhängnisvoller Irrtum.
    Grundsätzliche Rollenunklarheit, welche das Thema ‚Hausaufgaben‘ zu einem Dauerproblem macht.
    Lösungsansatz: Klare Verantwortlichkeiten definieren. Lehrpersonen sind verantwortlich für Unterricht und das Überprüfen der Lernfortschritte der einzelnen SuS. Diese Arbeit kann nicht delegiert werden. Lehrpersonen können bei ihrer Arbeit unterstützt werden z.B. durch Assistenten.
    Es ist unfair, mit den Hausaufgaben Lernen von SuS abhängig zu machen vom Bildungsgrad der Eltern.
    Klare Überforderung der Eltern, Entscheidung zu treffen nach dem 4. Schuljahr.
    Das Thema Hausaufgaben als Symptom eines Schulsystems, das mehrere Brüche und Widersprüche enthält.
    Das mit ungeklärten Rollen, Erwartungen und Vereinbarungen arbeitet.

    • Ich arbeite neben meinem Studium als Nachhilfekraft. Ich kann es mir nicht vorstellen in der Schule zu arbeiten. Privat beim Schüler zu Hause einzeln in vertraulicher Atmosphäre ist das Erfolgsgeheimnis. Und auch das ich nicht zum negativ besetzten Apparat Schule gehöre.

      Schülerhilfe und Co sind für die Kraft reine Ausbeutung. Kurzfristige Absagen, Bevorzugung einiger Stammkräfte krank sein wird nicht geduldet, veraltete Bücher, Ausdruck am Privatpc

      Ich habe auch privat spontan eher die Chance 10 min spontan dranhängen, oder auch ausfallen zu lassen wenn es momentan ohne Nachhilfe läuft.

      Und Diagnostik bei der Schülerhilfe? Nur das was die Lehrkräfte machen, nichts Systematisches. Wenn Du Glück hast bekommt man die Diagnose vorher gesagt häufig aber nicht.
      L

  9. Deine Sichtweise kann ich gut nachvollziehen. Ich gehe davon aus, dass du für deine Arbeit ein Honorar bekommst. Ich nehme auch an, dass deine Nachhilfe Wirkung zeigt, umso mehr als sie in vertraulicher Atmosphäre geschieht. Der Schüler erlebt dich in einer eindeutigen Rolle: als Erklärende, Helfende, Unterstützende. In den deutschsprachigen Ländern (D,CH,A) sind Nachhilfestunden verbreitet, bis zu 50% einer Klasse besuchen privaten Unterricht, gegen Bezahlung.
    Meine Kritik: solche privaten Aktionen entlasten die öffentlichen Schulen, Verantwortung zu übernehmen für das Lernen der SuS. Zugleich vergrössern sie die Chancenungleichheit, weil viele Eltern solche finanziellen Mehraufwendungen nicht leisten können.
    Mir ist nur eine öffentliche Schule bekannt, der es gelingt, diese Ungleichheiten minimal zu halten: die finnische Gemeinschaftsschule für alle. Grundsatz: Lernende, welche bezahlten Privatunterricht besuchen, stellen eine Bankrotterklärung des gesamten Schulsystems dar. Eine Haltung, die wir nur schwer nachvollziehen können.

    • Ihr Kommentar ist mir zu stark von bildungssozialistischen Vorstellungen geprägt und auf den Aspekt gerichtet, die Bankrotterklärung von schlechten, aber angeblich „gerechten“ Schulsystemen um jeden Preis zu verhindern.
      Dass Gemeinschaftsschulen für alle, also (Einheitsschulen), eine gute Lösung sind, glaube ich nicht, auch wenn Sie diese mit dem nicht enden wollenden Nimbus von „Finnland“ verbinden, der bei genauerem Hinsehen ziemlich dürftig ist. Das Zauberwort Finnland scheint aber immer noch gut für Werbung.

      • Wieso Kasperköppe wie Sie bei Gemeinschaftsschulen, die ein Schülerklientel mit hoher Heterogenität bezüglich der Bildungsvoraussetzungen unterrichten, als „Einheitsbrei“ bezeichnen, ist nicht nachzuvollziehen.

        Die Homogenität der Schülerschaft eines GY lässt eher vermuten, dass die bedingungen einheitlicher sind, es sich bei dieser Form der neuzeitlichen „Hauptschule“ um eine Einheitsschule handeln könnte.

        • Wo steht der von Ihnen zitierte Begriff „Einheitsbrei“?
          Dass Gymnasien zu zeitgeistgemäßen (neuzeitlichen) Nachfolgern der früheren Volksschulen werden bzw. schon geworden sind, glaube ich auch.
          Als neuzeitliche „Hauptschule“ würde ich das Gymnasium noch nicht bezeichnen. Das kann aber noch werden, wenn die „gerechte“ Entwicklung so weitergeht wie bisher. Da ist dann niedrigster Bildungsstand angesagt, weil er so gut wie kein Kind mehr überfordert und zurücklässt.

          • Wieso nicht? Wenn 42% der SuS nach der veirten Klasse auf ein GY gehen und der Rest sich auf HS, RS, GeS und SekS oder GemS verteilt, dann ist das GY eine „Hauptschule“. Sie ist die Schule, die den überwiegenden Teil der Entlasschüler der GS übernimmt.

          • Begrifflich gesehen haben Sie Recht.

      • Die ‚bildungssozialistischen Vorstellungen‘ sind der verfassungsrechtliche Auftrag an die Volksschule.
        Der Staat ist verpflichtet, der bezahlenden Öffentlichkeit optimale, verfassungskonforme Schulen anzubieten, mit dem Auftrag, Heranwachsende optimal individuell zu fördern. Unabhängig von der sozialen Herkunft. Wenn der Staat das nicht kann und/oder nicht will, dann geht die Entwicklung unaufhaltsam in Richtung Zweiklassengesellschaft.
        http://www.hansjoss.ch

        • Ich mag Neiddiskussionen einfach nicht. Und der Begriff „Zweiklassengesellschaft“ gehört für mich eindeutig dazu.

          • Es geht hier nicht um eine Neiddiskussion, sondern um Fakten zum Tabuthema Armut:
            Schlechte Bildung: 30’700 Junge hängen in der Schweiz am Staatstropf.
            Zehntausende 18- bis 25-Jährige finden keinen Job und belasten die Staatskasse.
            Jeder achte Sozialhilfebezüger in der Schweiz ist zwischen 18 und 25 Jahre alt. Statt in die Berufswelt einzusteigen, leben 30’700 Junge vom Staat. In mehr als der Hälfte der Fälle fehlt es demnach an einem Berufsabschluss, weitere 1000 junge Sozialhilfebezüger sind weniger als sieben Jahre zur Schule gegangen. 1200 Erwachsene unter 25 Jahren landen trotz Matur oder Mittelschuldiplom bei der Sozialhilfe.
            Genug Gründe, den Beitrag der Volksschule zu diesen aktuellen Zahlen näher zu betrachten.

  10. Ursula Prasuhn

    @Hans Joss
    Ihre „Fakten zum Tabuthema Armut“ und seiner angeblich so entscheidenden Auswirkung auf die schulische Bildung überzeugen mich nicht.
    Armut hat unterschiedlichste Gründe, die auch Ursache für schlechte Bildung sind. Die Taktik, aus einer Fülle möglicher Übeltäter immer wieder nur finanzielle Armut auf die Anklagebank zu setzen und isoliert zu betrachten, fällt auf und macht nachdenklich.
    Ich frage mich, wem und welchen Zwecken sie dient und ob mit ihr nicht auch von ganz anderen Formen der Armut abgelenkt wird, die – im Gegensatz zur rauf- und runterdiskutierten Geldarmut – tatsächlich unter Tabu stehen und für Zweiklassengesellschaften sorgen.
    Statt „arm an Geld“ habe ich da beispielsweise „arm an Eigenverantwortung“ und „arm an Eigeninitiative“ oder auch „arm an eigener Anstrengungsbereitschaft“ vor Augen.

    • – was konstatiert die Armuts-Begründung von Ursula Prasuhn anderes als die Übereinstimmung pietistischen Individualismusdenkens mit dem zunehmend „alternativ für Deutschland“ auftretenden ökonomischen und familiaren Denkens christlicher Fundamentalisten ?! – Während aber Gotthilf A. Francke, den Herrnhuter Brüdern oder den „Erweckten“ um Hinrich Wichern die strukturell-politischen Zusammenhänge wisenschaftlich noch verborgen waren, gehören heute alle individualisiert verkürzten Zugänge zu Armut und zur „Sozialen Frage“ eindeutig zu uninformierten bzw. reaktionären akademischen Kreisen.

      • Für wie doof und beeinflussbar durch Diffamierung im Kleid von Sachlichkeit halten Sie die Leser Ihres Kommentars eigentlich?

    • Wie auch immer. Ist-Zustands-Analyse der mehrheitsfähigen Volksschule: Schulbildung ist käuflich.
      1,5 Milliarden tragen Eltern freiwillig zum Bildungserfolg ihrer Kinder bei.
      Ein selektives Schulsystem, das die Erwartungen vieler Eltern erfüllt.

      • Es stellt sich nur die Frage, ob das Kind den gewünschten Abschluss trotz oder wegen der Nachhilfe geschafft hat. Nachhilfe hat aber in jedem Fall den gewaltigen Nachteil, dass sie dem Kind einen gehörigen Teil Eigenverantwortlichkeit nimmt, dessen Fehlen eine der Ursachen für die (in den Augen der Eltern notwendige) Nachhilfe ist.

        • Gemäss Grundgesetz ist diese Frage unerheblich:

          Zusammenfassend regelt das Recht auf Bildung immer
          • den freien Zugang zu Bildung
          • die Chancengleichheit durch Bildung
          • und das Schulrecht

          • Wobei zu definieren wäre, was „Chancengleichheit durch Bildung“ bedeutet. In diesen Begriff kann jeder seine Vorstellungen hineinlegen.
            Darauf zu wetten, dass die momentan regierende Auslegung alsbald verschwindet, würde ich mich nicht trauen.
            Ich wünsche ich mir jedoch, dass sie endlich das Zeitliche segnet und Raum für Vernunft schafft an Stelle von Ideologie.

          • @hans joss
            ich hoffe, sie kennen die Unterschiede zwischen zwischen alle und jeder, Gleichberechtigung und Gleichstellung, Akzeptanz und Toleranz, Studierberechtigung und Studierbefähigung, korrelation und Kausalität. viele der selbsternannten Bildungsexperten kennen sie nicht oder ignorieren sie bewusst.

          • Die Chancengerechtigkeit besteht doch bereits darin, dass der berufliche Meister und der akademische master innerhalb des europäischen Referenzrahmens vergleichbare Abschlüsse sind.

            Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt ist aber etwas Anderes. Die Dotierung für den Masterabsolventen muss aus verschiedenen Gründen eine andre als die des Meisters sein. Bezogen auf die Lebensarbeitszeit ist das saldierte Entgelt einschließlich der Rentenzahlungen für den Meister ohnehin höher als das des Masters.

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