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«Die Aufforderung, in der Schule still zu sitzen, ist eigentlich Quatsch.»

ASCHAFFENBURG. Schulisches Lernen ist in der Regel verkopft. Doch gerade das Stillsitzen fällt vielen Kindern schwer und widerspricht Erkenntnissen aus der Hirnforschung, nach denen die rein kognitive Wissensvermittlung weniger tief geht, als eine auch körperlich erlebte Erfahrung. Gleichzeitig haben immer mehr Kinder Gewichtsprobleme und bewegen sich zu wenig. Konzepte, Kindern in der Schule mehr Bewegung zu verschaffen gibt es viele. Bewegungspausen bilden dabei meist eine Unterbrechung des Unterrichts. Eine Aschaffenburger Schulklasse erprobt nun ein neues Konzept: Die Kinder zwischen 10 und 11 Jahren radeln auf Ergometern im Klassenraum – während des Unterrichts.

Vormittags um 9.30 Uhr: Die 5a des Friedrich-Dessauer-Gymnasiums in Aschaffenburg bereitet sich auf ihren ersten Aufsatz vor. «Was brauche ich für einen spannenden Höhepunkt?», fragt Klassenlehrer Stefan Megerle. Jonas lehnt sich im Sattel zurück und hebt die Hand. «Zum Beispiel wenn ich eine Einbrechergeschichte habe, dass ich dann von Geräuschen schreibe, die man hört», sagt der Zehnjährige im grünen Pullover. «Geräusche – sehr gut», entgegnet Megerle und schreibt das Wort an die Tafel. Zufrieden verschränkt Jonas die Arme und tritt weiter in die Pedale.

Stillsitzen stellt für viele Schüler eine Herausforderung dar. (Foto: Woodley wonderworks/Flickr CC BY 2.0)

Stillsitzen stellt für viele Schüler eine Herausforderung dar. (Foto: Woodley wonderworks/Flickr CC BY 2.0)

Jonas sitzt wie fünf seiner Klassenkameraden auf einem Fahrrad-Ergometer im hinteren Teil des Klassenraums. Sie treten nebenbei, während sie dem Unterricht folgen. Wo bei einem Fahrrad der Lenker ist, sind an ihren Ergometern kleine Pulte mit Bücherstützen angebracht. So können sie im Lehrbuch lesen und mitschreiben. Sie treten langsam, gerade genug, um den Puls ein wenig zu erhöhen. Rund 100 Herzschläge pro Minute sind das Ziel, Strampeln und Schwitzen sollen die Kinder nicht.

Aufsatzvorbereitung, praktischer Teil: Die Schüler sollen aus einem Satz eine Geschichte machen. Jonas holt ein rot eingeschlagenes Schreibheft aus der Schultasche. «Da schrillte plötzlich unsere Klingel», hat Megerle den ersten Satz vorgegeben. «Ein riesiges Paket stand vor unserer Tür», schreibt Jonas weiter. Während sein Füllfederhalter übers Papier kratzt, stehen seine Füße still. «Denkt daran, vor lauter Konzentration das Treten nicht zu vergessen», ruft Megerle. Jonas blickt kurz auf, dann tritt er weiter.

«In der Regel sind die kognitiven Fähigkeiten eingeschränkt, wenn ich eine weitere motorische Aufgabe machen soll», erklärt Leif Johannsen, Psychologe am Lehrstuhl für Bewegungswissenschaft der Technischen Universität München (TUM). Er hat selbst Versuche durchgeführt, bei denen Probanden auf einem Ergometer kognitive Aufgaben lösen sollten.

Dennoch glaubt er, dass in der Aschaffenburger Ergometer-Klasse die positiven Effekte überwiegen. «Durch die körperliche Aktivität wird das allgemeine Erregungsniveau hochgefahren.» Daher liege es nahe, dass sich Schüler auf einem Ergometer häufiger meldeten und aufmerksamer seien. «Die Aufforderung, in der Schule still zu sitzen, ist eigentlich Quatsch», resümiert der Neurowissenschaftler.

Die Idee der Ergometer-Klasse stammt aus Österreich: Der Wiener Sportwissenschaftler und Gymnasiallehrer Martin Jorde initiierte die erste Klasse 2007 an einem Wiener Gymnasium. Er stellte bei seinen Schülern positive Veränderungen in der Fitness, aber auch in Noten und Sozialverhalten fest. Auch Johannsen bestätigt: «In Studien sieht man, dass fittere Kinder langfristig auch bessere Schulnoten haben.»

«Wenn man sich bewegt, wird das Herz-Kreislauf-System angeregt», erklärt Tobias Bauer, der am Friedrich-Dessauer-Gymnasium den Fachbereich Sport leitet. Dadurch werde mehr Blut ins Gehirn gepumpt und die Konzentration gesteigert. Bauer hat die Ergometer-Klasse nach Aschaffenburg geholt. Zusammen mit 15 Oberstufenschülern organisierte er die Umsetzung des Projekts in der 5a. «Man ist schon ein bisschen stolz», sagt Brian Henrich (18), einer der Schüler.

Die Schüler der 5a haben ihre Hefte abgegeben und bekommen jetzt das Heft eines anderen zum korrigieren. Die zehnjährige Wiebke, dunkelblonde Haare und Brille, winkt den Lehrer Megerle an ihr Ergometer. «Ich kann das ganz schlecht lesen», sagt sie leise. Megerle wirft einen Blick auf das Heft des Mitschülers. «Ja, des is scho a rechts G’schmiere», stimmt er zu. Schließlich liest er ihr die Sätze vor. Der Autor des Heftes saß nicht auf einem Ergometer, daher kommt die Handschrift also nicht. Wiebke liest mit skeptischer Miene mit und tritt langsam weiter. (Bastian Benrath, dpa)

zum Bericht: WHO-Studie: Schüler leben gesünder als vor 10 Jahren

18 Kommentare

  1. Wird jetzt jede Schule zum Olympia Stützpunkt? Kristina Vogel würde sich sicher freuen.

  2. Jetzt geht das schon wieder los. Natürlich ist kognitives Lernen kognitiv. Mit Ruhe, damit man denken kann.

  3. damit wird wieder Öl in das Feuer geschossen, dem Lehrer Tag für Tag ausgesetzt sind …

  4. Der Artikel «Die Aufforderung, in der Schule still zu sitzen, ist eigentlich Quatsch.» ist eigentlich Quatsch.

  5. Die Studie hat bestimmt ein Ergometerhersteller in Auftrag gegeben.

  6. Seit wie vielen Jahren läuft dieses Konzept? Was kostet die Ausrüstung einer Schule von 1000 Schülern mit Ergometern?

  7. Ich empfinde dei meisten der bisher hier zur Thematik BEWEGTES LERNEN geposteten Kritiken als wenig informiert und arg unterkomplex. Es fehlt die Auseinandersetyung mit der schon sehr lange bekannten Kritik am schulischen Lernen sowie mit den Beitraegen der modernen Emotions und Lernforschung.

    • machen sie doch mal den anfang.

      ja, ich weiß, dass ein adhs-kind bei körperlicher Auslastung keine Medikamente benötigt.

    • Wir schreiben wenig informiert, weil wir nur wenig informiert werden. Der Artikel oben ist ja – im üblichen Stil von Schulversuchen – ein Plädoyer, keine differenzierte Erörterung. Darum habe ich nach weiteren Details gefragt.

  8. Stillsitzen müssen die Leute bei mir nicht, mir würde es schon reichen wenn sie still sind.

  9. … wirklich eine coole Idee. Und wenn bundesweit alle (Büro-)Arbeitsplätze auf Ergometerbetrieb umgerüstet würden und die in diesen Fahrrad-Ergometern erzeugte elektrische Energie ins Netz eingespeist würde, könnte man sich vielleicht auch das eine oder andere Windkraftwerk sparen…

    • interessanter Vergleich – alles, was man für Schulkinder anführen kann, müsste doch sinngemäß auch für erwachsene geistig Arbeitende in Betrieben gelten, oder besteht da ein Unterschied?

  10. Ich kann mich dann aber nicht mehr gut konzentrieren, wenn 5 Kinder auf Ergometern rattern. Bin ich da die Einzige? Stört das Mitschüler nicht?

    • Mein Gedanke! Und ich fände die Geräte auch unpraktisch im Klassenraum. Da haben die Sitzbälle einen entscheidenden Vorteil: Sie sind gleichhoch wie die übrigen Stühle und man kann am Tisch sitzen.
      Aber im fragend-entwickelnden Unterricht sind Ergometer zu laut, während Experimenten oder Forscheraufträgen, in Kleingruppenarbeit oder bei wechselnden Partnern steht das Ergometer im Weg und man benötigt doch wieder Stühle (in Räumen, in die jetzt schon kaum ausreichend Stühle reinpassen). Plakatgestaltung oder Kunstunterricht stelle ich mir in diesen Räumen auch sehr spannend vor.

  11. Es ist erstaunlich wie viel an und mit Kindern und Lehrern seit Jahrzehnten in den Schulen experimentiert wird, auch mit oft sehr viel Geld. Unsere Schulsysteme orientieren sich vor allem an dem was Politiker und Beamte für Kinder und Jugendlich für wichtig und richtig halten und letztlich bleiben Schulen Lernfabriken, bei denen das Lernpensum immer weiter erhöht wird und damit auch der Stress. Die geistigen und emotionalen Bedürfnisse der Kinder bleiben fast völlig auf der Strecke. Kinder sind von Natur aus sehr neugierig und kreativ. In unserem Schulsystem wird ihnen allerdings fast jede Kreativität ausgetrieben. Selbst im Musikunterricht soll vor allem Wissen vermittelt werden. Einfache Lieder zu singen, möglichst noch mit Bewegungen, könnte den Kinder zumindest etwas Spaß vermitteln.
    Ich habe persönlich über etliche Jahre erlebt wie positiv die praktisch angewandte Montessori Methode auf Kinder wirkt, weil sie sich viel öfter als in herkömmlichen Klassen bewegen können und öfters ihre Lernaktivitäten wechseln können. Sie können allein und in Gruppen arbeiten und fast immer erleben sie das Lernen als Spaß, weil sie sich mit Dingen und Themen befassen können die sie altersgerecht interessieren. Ich verstehe nicht warum diese seit vielen Jahrzehnten sehr bewährte und anerkannte Methode in staatlichen Schulen fast völlig außer Acht gelassen wird. Sie passt scheinbar nicht in das ideologische Konzept. Ich erlebe, dass nur ein paar Grundschullehrerinnen ein paar Dinge aus dem Montessori Material benutzen; vor allem in Mathe, weil es sehr anschaulich ist. In Süd-Indien haben Montessori Schulen einen erstaunlichen Zulauf, weil Eltern erleben, dass ihre Kinder damit viel besser und zudem stressfrei lernen.

    • Definitiv nicht. Das Lernpensum ist im Vergleich zu ehedem sehr stark reduziert. Die Aufgabenstellungen von vor 20 Jahren können selbst heutige Oberstufenschüler nicht mehr bearbeiten.

      Was zugenommen hat, ist der gesellschaftliche Druck einen „hochwertigen“ (Gymnasial-)Abschluss – und zwar das Abitur – zu machen, obwohl die entsprechenden individuellen Voraussetzungen dafür in nicht ausreichendem Maße vorhanden sind. Selbst das Fachabitur, das nach der Q1 an GY erworben werden kann, wird als minderwertig angesehen. Die Hochschulzugangsberechtigungen, die von GeS und BK bzw. beruflichen GY vergeben werden, werden innerhalb des Bildungsbürgertums schlecht geredet. Abschlüsse unterhalb der Fachoberschulreife haben de facto ihre Anerkennung durch die Gesellschaft und die ausbildenden Betriebe entzogen bekommen.

      Der von Ihnen kritisierte Druck, der auf den Schülern lastet, wird also von außen und nicht durch die Schule den Schülern auferlegt. Dass Schüler sich nicht mehrr ausreichend bewegen liegt ebenfalls nicht an den Schulen bzw. am gebundenen oder offenen Ganztag. Die motorischen defizite finden Sie bereits in den Kindergarten- und Grundschulgruppen. Lassen Sie heute einmal Erstklässler rückwärtsgehen, balancieren oder einen Purzelbaum schlagen …

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