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Was hilft gegen Populismus? – Wir feiern den Sowi-Lehrer!

OBERHAUSEN. Im Lehrerzimmer belächelt, von jedem Klassenlehrer ersetzt, mit neidischen Blicken der Hauptfächlerinnen friste ich in der Regel mein Dasein als Lehrer für Sozialwissenschaften. Ein Postfach am Rande und von niemanden beklagt, fällt der Unterricht mal aus. Nice-to-have, keine condicio-sine-qua-non.

Und dabei, dies werde ich hier und jetzt beweisen, hätten wir es verdient ganz oben auf der Liste unentbehrlicher Lerninhalte zu stehen, inklusive Elternproteste und Bildungskatastrophenszenarien bei Entfall, Krankheit oder chronischer Unterbesetzung.

Ob ich denn den Wahlsieg von Donald Trump erklären könne, wollten meine Schülerinnen und Schüler wissen. Wie es denn sein könne, dass das absurd unglaubliche Friedensprojekt der letzten 70 Jahre namens Europäische Union dermaßen in Gefahr geraten konnte? Auf welchem Wege es Machtmenschen gelinge könne wahlweise französische Präsidentin, österreichischer Bundespräsident, ungarischer, russischer (dort auch Präsident) oder niederländischer Ministerpräsident zu werden? Oder wie es durch Soziale Medien gelinge könne eine systematische Demontage seriöser (Massen-)Medien zu organisieren? Ob ich den Begriff „Zeitalter des Postfaktischen“ erklären könne? Was Populismus sei?

"Glaubt" nicht an den Klimawandel: Donald Trump. Foto: greatagain.gov / Wikimedia Commons CC BY 4.0

„Glaubt“ nicht an den Klimawandel: Donald Trump. Foto: greatagain.gov
/ Wikimedia Commons CC BY 4.0

Könnte ich. Und noch mehr. Ich verfüge über ein Arsenal an Methoden politischen Lernens und lasse meine Schülerinnen und Schüler in Podiumsdiskussionen eine Kultur des Streits erproben, mit Pro- und Contra-Debatten ihre Argumente schärfen und mit Abstimmungen Demokratie üben. Sie sezieren Texte in einem Maße wie man es sich in der Regel als Autor nicht wünscht (,was auch für diesen gilt). Sie hinterfragen und stellen in Frage! Was mir dringend notwendig scheint bei einem Übermaß an medial inszenierter Politik und ihrer Gefahr der Verwechslung mit der Realität. „Der mündige Bürger“, er „fällt eben nicht vom Himmel“ (ausgerechnet ein solch schöner Satz stammt von einem Mann, dessen Biografie seine Unterwerfung während einer Diktatur zeigt). Nennen wir es – ohne den immer falsch benutzten Begriff der Kompetenz bemühen zu müssen – Kritikfähigkeit!

Der Ruf nach politischer Bildung erfolgt in einer ästhetisch schönen Sinuskurve mit zugrundeliegendem Reiz-Reaktions-Schema. Eilt die NPD (Sie erinnern sich?) von Wahlerfolg zu Wahlerfolg stellt mein Schulleiter mir seinen reservierten Parkplatz bereitwillig zur Verfügung und meine üppigen Vertretungsstunden erleben eine wundersame Diät. Bewundernde Blicke begleiten meinen schwungvollen Gang vom Postfach zum Tisch, der an den Materialien der Bundeszentrale für politische Bildung weithin sichtbar ist. Welche Ideen ich hätte für öffentlich wirksame Schülerprojekte gegen Rechts, werde ich dann auf eigens anberaumten Sektempfängen im Ministerium gefragt.

Und wenn das Geld langsam näherkommt? Dann werden wir zum Spielball wirtschaftlicher Forderungen nach höherer Kompatibilität unserer Absolventinnen und Absolventen, wahlweise versehen mit Börsenwissen, Unternehmergeist oder Finanzkompetenz (besitzt Hr. Trump sie eigentlich?). In der gleichen Liga spielen die Schreckensszenarien tumber Arbeitnehmer der Zukunft, die apathisch an ihren Hightech-Arbeitsplätzen unproduktiv dahinvegetieren. Beispiele dieses Rituals wären auch bei allen anderen Fächern zu finden aus der Informatik, dem Handwerk, der chemischen Industrie und den Arbeitgeberverbänden ganz allgemein. Noch nie hat sich dies in den letzten 150 Jahren bewahrheitet, was man von politischen Katastrophen nicht gerade sagen kann.

Um nicht missverstanden zu werden: Das Leben ist ein Fluss. Das weiß niemand besser als ein Lehrer, der seine Schülerinnen und Schüler auf ein drei Jahre altes Zentralabiturthema „Perspektiven einer vertieften und erweiterten Europäischen Union“ in NRW vorbereiten darf, während das spannende Thema „Perspektiven einer verkleinerten und auseinanderdriftenden Europäischen Union“ lauten würde. (Nebenbei, die Kopierer-Hersteller lieben engagierte Lehrerinnen / Lehrer für Sozialwissenschaften, die sich bemühen ihre Schülerinnen und Schüler mit aktuellen Debatten, Statistiken und Texten zu versorgen. Weshalb wir ständig die Rankings der Kopierkostenschulfachmeisterschaften souverän verteidigen.) Selbstverständlich ändert sich ein so dynamisches Fach ständig, Themen kommen und gehen, Schwerpunkte werden verschoben, es stellen sich ganz neue Herausforderungen wie Twitter in den Händen von Politikern. Aber vieles bleibt, wie: Demokratielernen.

Würde ich gefragt werden von meinen Schülerinnen und Schülern, ich könnte mit Ihnen erarbeiten, ob dies ein Essay ist. Oder ein Pamphlet. Oder eine Satire. Was nicht unwichtig wäre. Für die nächste Veröffentlichung aus dem Hause Trump. Für das Wahlprogramm der AfD. Oder vor dem nächsten Referendum über Europas Zukunft. Oder der nächsten Wahl. Egal welcher. Dr. Marco Fileccia, Lehrer für Sozialwissenschaften am Heinrich-Heine-Gymnasium in Oberhausen

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