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Forscher Hurrelmann zur digitalen Bildung: „Ein Drittel der Lehrkräfte wird abgehängt.“ Und: Schüler nehmen Bücher kaum mehr ernst

STUTTGART. Digitale Medien in Schulen sind immer noch ein umstrittenes Thema. News4teachers.de hat mit dem renommierten Bildungswissenschaftler und Jugendforscher („Shell-Jugendstudie“) Prof. Dr. Klaus Hurrelmann über die Gefahren und Chancen digitalen Lernens gesprochen.

N4T: Herr Prof. Dr. Hurrelmann, inwiefern prägen digitale Medien die heutige Generation der Jugendlichen?

Hurrelmann: Junge Menschen werden heute unvermeidlich mit diesen neuen Techniken groß und das prägt sie sehr. Eltern können verkrampft versuchen, die Begegnung mit digitalen Medien aufzuschieben und sie vielleicht dadurch noch interessanter machen. Die beste Strategie ist es aber auch für Väter und Mütter, sich damit zu beschäftigen. Schon Kinder eignen sich die neuen Medien und Techniken früh an. Auf einer intuitiven Ebene sind sie den eigenen Eltern im Laufe ihrer Kinder- und Jugendzeit schnell überlegen.

N4T: Verfügen Jugendliche denn automatisch über Medienkompetenz, wenn sie mit Smartphones und Computern aufwachsen?

Hurrelmann: Nein, nur über eine intuitive Nutzerfähigkeit. Das ist etwas anderes als Kompetenz. Aber diese Frage beschäftigt unsere Gesellschaft heute sehr: Ist diese frühe Nutzung für kleine Kinder vielleicht sogar riskant? Werden sie von Impulsen abgehalten, die für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit, ihres Gehirns, ihrer Wahrnehmung, Kognition und Intelligenz wichtig sind, für ihre Gefühle und ihre Sprachfähigkeit? Da gibt es äußerst kritische Positionen in der Hirnforschung, teilweise auch in der pädagogischen Forschung, die geradezu schwarzmalen.

Ich halte das für einseitig, denn wie immer hat eine neue Technologie auch Vorteile – neben den sicherlich zu Recht angesprochenen Gefahren. Mit digitalen Medien kann ich mir schnell Wissen erschließen und Angebote kombinieren. Eine wirklich souveräne Beherrschung, bei der ich die Technik an meinen individuellen Arbeitsstil und mein Persönlichkeitsprofil anpasse, das ist die Kunst. Um eine solche Medienkompetenz zu entwickeln, brauchen Kinder und Jugendliche Anleitung und Hilfe in Kindergarten, Schule und Familie parallel.

N4T: Was müssen Eltern und Lehrkräfte bei der Vermittlung einer solchen Medienkompetenz beachten?

Professor Hurrelmann hat mehrere Shell-Jugendstudien geleitet und tritt für eine Jugendquote in Parteien ein. (Foto: privat)

Hurrelmann: Eine Problematik ist die wahnsinnige Auswahl an Angeboten mit ihren abertausenden Impulsen. Da besteht die Gefahr einer Überreizung. Der Jugendliche kann all das Wissen, die Informationen, Bilder und Hintergrunddaten gar nicht mehr richtig einordnen. Das zu lernen ist heute aber so wichtig wie nie zuvor: Informationen filtern, auf die persönlichen Bedürfnisse ausrichten, aussortieren, sich abschirmen. Sonst besteht ganz klar das Risiko, dass Kinder sich nicht mehr dauerhaft konzentrieren können, weil sie minütlich oder sogar sekündlich mit neuen Impulsen umgehen, sich davon irritieren und zerreißen lassen. Struktur in die eigene Wahrnehmung zu bringen muss trainiert werden. Ebenso die Ausdauer, etwas über einen längeren Zeitraum durchzuhalten und sich auf einen Inhalt zu konzentrieren.

N4T: Müsste die Vermittlung von Medienkompetenz in der Lehreraus- und -fortbildung eine größere Rolle spielen?

Hurrelmann: Ganz entschieden. Es ist nicht in Ordnung, dass es heute in Deutschland – bei einer solchen technischen Revolution, die das Lernen maßgeblich verändert – nur in der Verantwortung des einzelnen Lehrers liegt, ob er sich damit auseinandersetzt. Etwa ein Drittel der Lehrkräfte in Deutschland sind den neuen technischen Herausforderungen für Lernprozesse wirklich gewachsen. Sie haben die Kompetenz, damit souverän umzugehen, sodass für die Kinder Vorteile entstehen. Ein weiteres Drittel dürfte sich einigermaßen zurechtfinden. Das letzte Drittel wird abgehängt und lehnt möglicherweise das digitale Lernen sogar ab und hält es für schädlich. So lange wir keine Leitlinien für die Arbeit von Pädagogen haben, die einheitlich auf bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen aufbauen, werden wir nicht weiterkommen. Wir brauchen eine verpflichtende Fortbildung für Lehrkräfte, gerne auch schul- und jahrgangsspezifisch.

N4T: Was passiert, wenn Lehrkräfte die technische Entwicklung im Unterricht tatsächlich ausklammern?

Hurrelmann: Das können wir ja schon besichtigen. Die Schule verliert an Autorität, weil Schüler merken, dass in den Schulbüchern veraltetes Wissen steht. Sie können elektronisch auf neuere Informationen zugreifen. Das wird aber in der Schule oft nicht geduldet.

Hier geht’s zum vollständigen „Teacher’s Guide“ von News4teachers zur „didacta“.

Weitere Informationen:

Über Digitales Lernen spricht Prof. Dr. Klaus Hurrelmann auch auf der didacta-Bildungsmesse 2017 in Stuttgart:

Frühe Bildung Sonderveranstaltung Aktionstag: Digitale Medien in der Kita 17. Februar 2017 10:00 – 14:15 Uhr ICS, Raum C7 Veranstalter: BETA, KTK, KVJS, Didacta Verband der Bildungswirtschaft Die Veranstaltung ist anmelde- und kostenpflichtig (39 Euro inkl. kleiner Tagesimbiss und Messeeintritt). Anmeldung unter www.didacta.de.

Digitales Lernen ist auf der Messe auch andernorts Thema:

Schule/Hochschule Forum Bildung DigitalPakt#D: Beginnt damit die Zukunft der Schule? Es diskutieren:

  • Norbert Brugger, Dezernent Städtetag Baden-Württemberg
  • Wilmar Diepgrond, Vorsitzender Verband Bildungsmedien e. V.
  • Matthias Graf von Kielmansegg, Bundesministerium für Bildung und Forschung, Leiter Abteilung 1 „Grundsatzfragen; Strategie; Digitaler Wandel“
  • Udo Michallik, Generalsekretär der Kultusministerkonferenz
  • Harald Willert, Stellvertretender Vorsitzender des Allgemeinen Schulleitungsverbandes Deutschland e. V. (ASD)
  • Michael Zieher, Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg, Referatsleiter „Medienpädagogik, digitale Bildung“
  1. Februar 2017 16.00 – 17.15 Uhr Halle 1, Stand 1H71 Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Bildung Welche Kompetenzen brauchen unsere Schülerinnen und Schüler im digitalen Zeitalter? Es diskutieren:

  • Prof. Dr. Joachim Kahlert, Ludwig-Maximilians-Universität München, Fakultät für Psychologie und Pädagogik
  • Prof. Dr. Eckhard Klieme, Direktor Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF)
  • Bernd Sibler, MdL, Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst
  • Philippe Wampfler, Lehrer für Deutsch, Philosophie und Medienkunde am Gymnasium Wettingen (Schweiz), Dozent für Fachdidaktik Deutsch an der Universität Zürich, Blogger und Autor
  1. Februar 2017 10.45 – 12.00 Uhr Halle 1, Stand 1H71 Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Bildung Bildung im 21. Jahrhundert: Welche digitale Strategie brauchen wir? Es diskutieren:

  • Klaus Hebborn, Beigeordneter des Deutschen Städtetages
  • Dr. Ilka Hoffmann, Vorstandsmitglied der GEW, Leiterin des Organisationsbereichs Schule
  • Dr. Ilas Körner-Wellershaus, Stellvertretender Vorsitzender des Verband Bildungsmedien e. V.
  • Dirk Loßack, Staatssekretär im Ministerium für Schule und Berufsbildung des Landes Schleswig-Holstein
  1. Februar 2017 12.00 – 13.15 Uhr Halle 1, Stand 1H71 Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Professor Hurrelmann spricht außerdem hier:

Berufliche Bildung/Qualifizierung Forum Berufliche Bildung Lebenswelten von Jugendlichen verstehen Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Universität Bielefeld 15. Februar 2017 15:30 – 16:30 Uhr Halle 6, Stand 6D32 Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft / Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Berufliche Bildung Arbeiten in der Fabrik 4.0 : Wie die Digitalisierung die Arbeitswelt verändert Kurt Vogler-Ludwig zur Studie „Arbeitsmarkt 2030 – Wirtschaft und Arbeitsmarkt im digitalen Zeitalter“ 16. Februar 2017 11:30 – 12:00 Uhr Halle 6, Stand 6D32 (Veranstaltung am Messestand) Veranstalter: Didacta Verband e. V. / Verband Bildungsmedien e. V.

Weitere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta finden Sie unter www.didacta-stuttgart.de/Programm.

19 Kommentare

  1. Diesen Artikel halte ich für mehr als schwach. Es mangelt ihm an Aussage und Inhalt und darüber hinaus lässt er mehr Fragen offen als er beantwortet.
    Inwiefern prägen digitale Medien die Kinder? – Sie wachsen damit auf.
    Erwerben sie automatisch Medienkompetenzen? – Nein, Umgang und Kompetenz sind nicht gleich. Positive und negative Aspekte des Umgangs müssen beachtet werden – letzteren kann durch geeigenten Kompetenzerwerb begegnet werden.
    Sollten Lehrkräfte in ihrer Aus- und Fortbildung angemessen geschult werden? – Ja, sonst werden sie und ihr Unterricht abgehängt.
    Was passiert sonst? – …
    Ganz ehrlich, eine Werbeveranstaltung für digitale Bildung war selten so offensichtlich und plump.
    Was sind denn digitale Kompetenzen?
    Wie sollen sie im Unterricht vermittelt werden?
    Wie kommt man zu dieser Einteilung der Lehrkräfte in Drittel?
    Allein der letzte Absatz ist meiner Ansicht nach reine Schikane:
    Ohne digitale Medien und Medienkompetenz verliert Schule an Autorität.
    Was soll das denn bitte heißen? Schüler erkennen veraltetes Wissen in Büchern?
    Wie unterschiedet sich denn das Wissen nur aufgrung des Mediums?
    Was sind denn in diesem Zusammenhang neuere Informationen?
    Geht es hier um Lehrplaninhalte, falsche Informationen oder nur um leere Worthülsen?
    Die einzig sinnvolle Information ist, dass man in der heutigen Zeit auf die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen achten muss. Dies beinhaltet zum einen die Konzentration beim Arbeiten und zum anderen das Aneignen von Wissen. Für diese beiden Dinge sind digitale Medien aber nicht entscheidend.

    • Das Problem ist, dass Bildungspolitiker auf solche „Wissenschaftler“ hören. Prof. Dr. Klaus Hurrelmann ist offenbar Lichtjahre von der Realität entfernt und faselt populistischen Mist, quasi die Bildungs-AfD. Er ist offensichtlich ganz weit von System Schule entfernt, stellt unbewiesene, aus dem Ärmel geschüttelte Thesen auf (z.B. die Drittelung der Lehrerschaft) und macht Vorschläge, die einer weiteren Überprüfung der praktischen Umsetzbarkeit (z.B. Zwangsfortbildung) kaum standhält.

      Um ihn mal konkret zu widerlegen: Fortbildungen für Lehrkräfte in einem Umfang, wie er es sich so vorstellt, machen nur Sinn, wenn man 30-60 Stunden im Mittel je Lehrkraft ansetzt. Da Lehrkräfte ohnehin überall mehr als die 40/41 Wochenstunden für Beamte arbeiten (siehe Studien der GEW Niedersachsen), kann so eine Maßnahme nur mit Kompensation an Unterrichtsverpflichtung laufen, ansonsten wird die Maßnahme sofort vor Gericht scheitern (siehe Niedersachsen). Nehmen wir 30 Stunden im Mittel für Lehrkräfte an, das wären 0,5 Deputatsstunden aufs Jahr gerechnet. In meinem Bundesland S-H würden das für ein Jahr einem Stellenbedarf von ca. 120 Lehrerstellen nur für die Gymnasien entsprechen, als mit Gemeinschaftsschulen ca. 250 Lehrerstellen für die weiterführenden Schulen in einem der kleinsten Bundesländer. Ich habe so den leisen Verdacht, da würde die Finanzminsterin nicht mitspielen. Und es gibt gar keine Personen, die diese (befristeten) Stellen besetzen könnten.

  2. Milch der frommen Denkungsart

    @PeterPan314:

    Mit jeder Zeile d‘ accord !

    Daß Schule zunehmend an Autorität verliert, liegt – wenn überhaupt – zuletzt an angeblich veralteten Schul- büchern, in die sich zu vertiefen unsere faustischen, mit jeder Faser nach Erkenntnis dürstenden Schüler ge- nötigt wären; solch‘ ideale Exemplare waren übrigens auch früher kaum mit dem Mikroskop aufzuspüren.

    Wenn sich in manchen Schulränzen noch Atlanten tummeln, in denen die Sowjetunion weiterlebt, oder Ma- thematiklehrwerke, die die Grundrechenarten in „DM“ tradieren, so liegt dies sowohl in der desaströsen Un- tätigkeit der jeweilgen Fachkonferenzen wie auch im falschen Geiz der Kultusbürokratie begründet.
    Andererseits drängt sich bei der Lektüre aktueller Geschichtskompendien – sogar in deren digitaler Version ! – der Verdacht auf, als sei verlagsseitig die Darstellung etwa des Nahost-Konflikts bezahlten Lohnschreibern der „Hamas“ anvertraut worden.

    Der springende Punkt aber scheint mir tatsächlich zu sein, daß allzuviele Schüler – völlig gleichgültig, welches Medium man nun zum Einsatz bringt – heute nicht mehr über die Konzentrationsfähigkeit verfügen, um sich mit der nötigen Ausdauer in ein Thema zu vertiefen, damit überhaupt Wissen generiert werden kann; auch hiervon legt die fortgesetzte Reduktion beispielsweise literarischer Texte in „modernen“ Editionen für das Fach „Deutsch“ trauriges Zeugnis ab.

  3. Ich greife mal einen Aspekt raus: „Wir brauchen eine verpflichtende Fortbildung für Lehrkräfte, gerne auch schul- und jahrgangsspezifisch.“
    Das ist populistischer Schwachsinn, den Politiker und „Wissenschaftler“ wie die Knalltüte da oben wohl ernsthaft glauben.
    Den Kollegen muss ersteinmal klar gemacht werden, in wie weit digitales Arbeiten ihren Unterricht verbessert. In meinem Kollegium sieht das ein erheblicher Teil nicht. Kein Lehrer wird besser, wenn er eine Didaktik aufgedrückt bekommt, die nicht seine ist. Authentizität ist ein Kernpunkt erfolgreichen Unterrichts.

    Dazu kommen die Kollegen der Generation 55+, die sich sicher nicht mehr umstellen wollen oder können. Ich habe einen 62-jährigen Kollegen, der kann auf dem PC nicht einmal neue Ordner anlegen oder Dateien verschieben. Wie soll man in den nächsten 4 Jahren ihn dazu bringen, mit digitalen Medien zu arbeiten? Abgesehen davon, dass er dies gar nicht will, es wird auch nicht funktionieren.

  4. Umgang mit digitalen Medien, ein Beispiel aus der Praxis:
    Wir an der Grundschule haben einen Computerraum, wo immer 2 Schüler an einem Computer arbeiten können.
    Internetrecherche: Inzwischen haben viele von uns Internetrecherchen dort aufgegeben, weil der Schutz der Computer so eingestellt ist, dass man nicht auf die benötigen Seiten kommt. Außerdem verbraucht eine Recherche im Internet bei Grundschülern sehr viel Unterrichtszeit – miindestens die doppelte wie wenn man Ausdrucke und Bücher bereitstellt, die man sich im Schuljahr vielleicht 2 mal leisten kann.
    Texterstellung: Einen enormen zeitlichen Aufwand stellt auch das Eintippen von Texten dar.
    Programme/individuelle Förderung: Am ehesten arbeiten kann man noch mit Programmen im Sachunterricht, die etwas veranschaulichen, z.B. den Wasserkreislauf. Will man Lenrprogramme machen, kann man die Schüler nicht individuell arbeiten lassen, weil zu wenig Computer da sind. Aus Disziplingründen kann die Klasse nicht teilen, wenn man alleine in der Klasse ist. Insgesamt ist festzustellen, dass zumindest in der Grundschule der Computereinsatz die Vermittlung des Lernstoffes eher aufhält. Lernprogramme finde ich noch am besten, doch das Arbeiten ohne Computer geht einfach schneller.
    Lehrplan: In Kunst sollen wir ja jetzt z.B. Fotos machen und digital verändern. Das kann ich mir ganz gut vorstellen, denn ich diesem Fach habe ich keinen Stress.
    Fazit: Will man – vor allem in den Hauptfächern – einen stärkeren Einsatz von Computern in der Grundschule, muss man die Lehrpläne entrümpeln. Will man die individuelle Förderung über Lernprogramme vorantreiben (da gibt es für die Grundschule zielführende), muss die Ausstattung an einer Schule so sein, dass mindestens für 2 Klassen complette Computer- oder noch besser flexible Laptopsätze mit Internetverbindung (da tut sich die Gemeinde auch schwer, mit den Hotspots) vorhanden sind. Wie ich es verstanden habe, ist es oft eine Frage der Sicherheit und Verantwortung.

    • wieder „Lehrpläne entrümpeln“? – welches „Gerümpel“ sehen Sie denn konkret in Ihrem Lehrplan?

      • Vielleicht meint ysnp ja komplett umbauen. Ich persönlich bin da für eine Beschränkung auf das Kerngeschäft, also Lesen (flüssig und laut, auch längerer Texte), Schreiben (von Hand nach den offiziellen Rechtschreibregeln) und Rechnen (alle Grundrechenarten im Kopf und schriftlich). Dadurch würde die Grundschule aber wieder zu einer Paukstation, die spätestens seit die Grünen mitreden dürfen, vollkommen verpönt ist. Wie man das mit den mindestens genauso wichtigen Zusatzziele wie Durchhaltevermögen, Geduld, Ausdauer, Umgangsformen, Konzentrationsfähigkeit vereinbaren und vor den lauthals protestierenden Eltern (Schulzeit 1980er Jahre) durchsetzen soll, weiß ich nicht. Vor den Großeltern (Schulzeit 1960er Jahre) wäre das wohl schon einfacher, die Urgroßeltern (Schulzeit 1940er Jahre) würden selbst darüber nur müde lächeln.

      • „entrümpeln“
        Sie haben Recht, wenn Sie nachfragen. Das Wort habe ich unglücklich gewählt. Ich wollte damit eher ausdrücken, dass man nicht noch mehr zeitintensive Dinge in der Grundschule machen kann. Viel kann man nicht kürzen, doch es gibt schon noch einzelne Dinge, die man herausstreichen könnte, z.B. in Heimat- und Sachkunde und in Mathematik (Kombinatorik und Wahrscheinlichkeit).

    • Übrigens kann man für 100 Google-Anfragen eine 60W-Birne eine halbe Stunde lang leuchten lassen.

  5. Ich glaube, ein weiterer Punkt ist, dass etliche Kollegien in den vergangenen Jahren bereits mediale Entwicklung unterstützt haben.
    Mit viel Engagement hat man Spenden gesammelt, Computerräume ausgestattet (oder ausstatten lassen), gewartet, sich mit Sachträgern auseinander gesetzt.
    Wenn alles funktioniert, ist es gut und wird sicher auch genutzt. Unser PC-Raum ist ausgelastet, die Kolleginnen müssen sich mit den Stunden absprechen, der Raum ist sicher 3/4 der möglichen Stunden besetzt, für Projekte muss man sich absprechen.
    Wenn es nicht funktioniert, ist es nicht gut. Wenn die Computer/ der Beamer/ das Board/ das Internet nicht so laufen, wie gedacht, startet man den einen oder anderen Versuche … und gibt womöglich entnervt auf und verlässt sich lieber doch auf andere Medien.
    Natürlich möchten Schulen eine gute Ausstattung, aber wie war es noch bei Sprachlaboren? Das an meiner Schule zu Schülerzeit war kaputt und wurde nur noch zum Schreiben von Klausuren belegt, weil es so schöne Kabinen hatte.
    Laptops oder womöglich Tablets? Gut und schön. Aber die Wartung ist noch aufwändiger, die Kontrolle schlechter (Stichwort Sicherheit und Verantwortung).

    Wer Unterricht im Bereich Medien erwartet, muss nicht allein die Geräte zur Verfügung stellen, sondern auch für die Wartung sorgen.
    Weiterhin müssen Konzepte aufzeigen, wo der Mehrwert und nicht der Mehraufwand ist.

    Und letztlich:
    Wer noch mehr Inhalte in die ohnehin schon knappe Unterrichtszeit stecken will, sollte Zeit und Personal zur Verfügung stellen. Statt zu erwarten, dass alle Lehrkräfte es in allen Fächern integrieren, sollte es das Fach „Medienerziehung“ geben, in dem dann Bereiche aus anderen Fächern mit aufgegriffen werden können (z.B. Deutsch, Kunst, …) Dann können sich Lehrkräfte auf diesen Bereich spezialisieren, die ohnehin technikaffin sind, und werden Konzepte und Aufgaben finden, die den SuS nutzen. Dazu kann dann z.B. die genannte, zeitintensive Internetrecherche gehören, der Umgang mit Schreibprogrammen udn Bildbearbeitung (Handwerkszeug erlernen) Aber dazu gehört auch der kritische Umgang mit Medien und sozialen Netzwerken (kritische Auseinandersetzung, Ethik)

    • Das mit der Wartung können Sie knicken, weil Sie für eine wirkliche 1:1 Ausstattung der Schüler mit Computern, Laptops, Tablets o.ä. eigenes Personal zur Wartung brauchen, das die Kommune nicht bereit oder in der Lage ist zu bezahlen. Ein Informatik- oder technik-affiner Lehrer kann das so nebenbei nicht machen, auch nicht für A(X+1), also A14 Gymnasium, A13 Realschule, A12 Grundschule, oder für sechs Entlastungsstunden pro Woche, die es ohnehin nicht geben würde. Realistischer sind eine oder zwei, die erst recht nicht reichen, zumal technik-affine Lehrer zumeist Fächer unterrichten, die aufgrund des Personalmangels keine Entlastung des knappen Personals ermöglichen.

  6. Hurrelmann und Klemm erstellen Studien für die bertelsmann Stiftung.
    Die erhobenen Forderungen weisen grundsätzlich neue Geschäftsfelder dür den Auftraggeber der Studien auf.
    Der Kreislauf ist immer der gleiche, Studien weisen angebliche Bedarfe auf, die B. Stiftung erhebt entsprechnede Forderungen, die Politik erkennt Reformbedarf, die b. Sriftung liefert die passenden Konzepte, in der KMK wird ein wenig über das Konzept gestritten, die Landesschulministerien setzen Mit Textbausteinen die aus GT kommen entsprechende Änderungen der schulrechtlichen Bestimmungen um. Die Städte weisen auf das Konnexitätsprinzip hin, da sie es nicht einsehen die erforderlichen Sachmittel zur Verfügung zu stellen, die ja nur notwendig werden, da das Land die Bedingungen verändert hat. Städte und Länder kommen auf keinen Grünen Zweig, der Bund stellt Sachmittel zur Verfügung, die Länder oppnieren, die Städte greifen nicht zu, da sie die Folgekosten im Blick haben müssen. Die Initiativen versanden, die nächste Klemm oder Hurrelmann-Studie stellt fest, dass dringender Handlungsbedarf vorherrscht, da die Lehrkräfte als Bremsklötze dem Fortschritt in den Weg stellen.
    Ab hier grüßt jetzt täglich das Murmeltier in Dauerschleife.

    • Kennt man das nicht aus der Arzneimittelbranche. Studien sagen plötzlich, dass viele Deutsche ein Problem mit XY hätten, also werden vermehrt XY-Medikamente hergestellt und angeboten und wir kaufen sie. Oder aber Grenzwerte werden erhöht und schon ist die Hälfte von uns krank und muss dringend etwas dagegen tun (kaufen). 😉

  7. Hurrelmanns letzter Satz „Die Schule verliert an Autorität, weil Schüler merken, dass in den Schulbüchern veraltetes Wissen steht. Sie können elektronisch auf neuere Informationen zugreifen.“ ist ganz offensichtlicher Unsinn, von ganz wenigen Fächern wie z.B. Sozialkunde abgesehen. Dem Herrn Professor scheint nicht klar zu sein a) dass man strukturierendes Vorwissen braucht, um „Informationen“ in gute/halbrichtige/unwesentliche/unsinnige/nur für Spezialisten geeignete einzuordnen (was einem Professor natürlich leicht fällt, einer 14jährigen aber schon)
    und b) dass ein sehr großer Teil dessen, was an den Schulen erst mal gelernt werden muss, seit Jahrzehnten grundsätzlich bekannt ist, aber den Schülern eben noch nicht.
    c) natürlich nutzen wir elektronische Informationsbeschaffung (auch Mobiltelefone im Unterricht), wenn sie situationsangepasst nützlich ist.
    Ich habe genügend viele Internetrecherchen machen lassen, um die Problematik der relevanten Informationen erlebt zu haben. Wahr ist, dass viele Schüler _glauben_, die Internet-Infos seien aktueller und besser, es wird ihnen ja von Deutschlands Hurrelmännern und -frauen laut genug eingeredet, und darum gar nicht erst in die Bücher schauen, in denen alles wohlgeordnet und didaktisch gut aufbereitet steht.

    • Das mit dem veralteten Wissen ist zumindest in der Mathematik und den Naturwissenschaften hinfällig. Quadratische Gleichungen — so ziemlich das höchste der Gefühle in der Sek I — wurden schon um 900 n.Chr. im arabischen Raum symbolisch gelöst, die Analysis aus der Sek II wurde im 17. Jahrhundert entwickelt. Viel aktueller wird es nicht. In den Naturwissenschaften geht es schon in das 20. Jahrhundert hinein, die Sek I kratzt allerdings nur an der Oberfläche, in der Sek II geht es etwas tiefer, wobei die fehlende Mathematik die natürliche Grenze des potenziellen Tiefgangs ist.

      In Fächern wie Geographie oder Sozialwissenschaften lasse ich das gelten, wenn man als Lehrer auf aktuelle Entwicklungen eingehen möchte. Die fachlichen Grundlagen der Wirtschaftsbeziehungen oder Städtemodelle sind trotzdem viel älter.

  8. In Büchern steht auch weniger Fake-Wissen.

    • In Schulbüchern allerdings auch immer weniger Wissen, dafür bunte Bilder.

      • @GriasDi: Sie haben recht, das habe ich selbst in einigen Büchern festgestellt. Ein Lehrbuchverlag hat es sogar fertig gebracht in seiner aktuellsten Auflage, wichtige Daten dermaßen zu verunstalten, dass ich auf eine Auflage aus meiner eigenen Schulzeit zurückgegriffen habe. Was bedauerlich ist.

        @xxx: Auch Ihnen muss ich recht geben. Teilweise sind diese netten bunten Bilder schlecht erklärt und man muss nach justieren, was zusätzliche Arbeit heißt.

        Im Unterricht lasse ich oft Recherchieren. Da ich allerdings oft auch Begriffe nach schauen lasse, die sich nicht sofort oder nur ansatzweise schnell finden lasse, habe ich immer entsprechende Literatur dabei. Manchmal reißen sich die Schüler um die Bücher und manchmal nicht. Die Nachbesprechung ist aber in beiden Fällen unverzichtbar.

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