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Eine Analyse zur „didacta“: Wie sich Lehrkräfte für digitale Technik gewinnen lassen – und wie sicher nicht

Von News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek

STUTTTGART. Die Anbieter digitaler Lernmedien haben ihre erste Lektion gelernt. Dominierten vor zwei Jahren noch auf Hochglanz gebürstete High-Tech-Stände, die auch auf der Computermesse Cebit hätten stehen können, die Bildungsmesse „didacta“, so kommen in diesem Jahr selbst die Giganten der Branche bescheiden daher. Ob Google, Microsoft oder die „Initiative Digitale Bildung neu denken“  (hinter der Samsung steckt) – sie alle präsentieren sich den Besuchern als Partner auf Augenhöhe. Statt smarter Verkaufsberater tummeln sich nicht selten echte Lehrkräfte auf den Ausstellungs- und Aktionsflächen, Pädagogen, die Freude daran haben, die neuen Möglichkeiten der digitalen Bildung in Projekten an ihren Schulen auszuloten. Und die jetzt von ihren Erfahrungen berichten, offen, ungeschönt, auch die Schwierigkeiten nicht verschweigend.

Etliche Anbieter digitaler Lerntechnik präsentieren sich auf der "didacta". Foto: Messe Stuttgart

Etliche Anbieter digitaler Lerntechnik präsentieren sich auf der „didacta“. Foto: Messe Stuttgart

Das ist der richtige Weg. Lehrer sind keine Zielgruppe, die sich mit brillianter Optik und technischem Schnickschnack begeistern ließe. Wer Pädagogen für digitale Lernmedien gewinnen möchte, muss ihnen anschaulich machen, dass diese mehr sind als die Fortsetzung des zu Hause von Kindern ohnehin schon im Übermaß betriebenen Medienkonsums. Dass es nicht darum geht, den Unterricht schriller und bunter zu machen, um mit Fernsehen und Internet in eine Art Rüstungswettlauf um die Aufmerksamkeit der Kinder und Jugendlichen treten. Und dass es auch nicht darum gehen kann, die Schule mit immer neuen Inhalten zu überfrachten.

So wichtig für junge Menschen Internetkompetenz und Grundkenntnisse im Programmieren sein mögen – wer fordert, dass sich Schule verstärkt solchen Themen widmen soll (wofür es ja sehr gute Gründe gibt), muss ehrlicherweise auch erklären, woher die Zeit dafür kommen soll. Stundenpläne sind ebenso wenig beliebig erweiterbar wie die Arbeitskraft einer Lehrkraft, und die Lehrerinnen und Lehrer haben auch heute schon genug Inhalte zu vermitteln. Wer an einer Stelle etwas hinzugibt, muss an anderer Stelle etwas wegnehmen. So einfach ist das. Lehrkräfte, die immer wieder erfahren müssen, dass Politik und Gesellschaft sie mit Erwartungen überfrachten (ob Ernährung, Wirtschaft oder zivilisiertes Benehmen – welches als defizitär wahrgenommene gesellschaftliche Thema soll Schule eigentlich nicht bearbeiten?), sind an dieser Stelle misstrauisch. Und das ist ihnen kaum zu verübeln.

Der Bildungsjournalist Andrej Priboschek. Foto: Tina Umlauf

Der Bildungsjournalist Andrej Priboschek. Foto: Tina Umlauf

Wer das Gros der Lehrkräfte für digitale Lernmedien gewinnen will, muss vielmehr deutlich machen, welche Chancen im Einsatz liegen – heißt: dass digitale Lernmedien das Instrumentarium pädagogischer Arbeit erweitern und damit Lehrkräften neue Lösungsmöglichkeiten für Probleme bieten, die im Unterricht auftreten. Sie können die Arbeit erleichtern. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Ein anschauliches Beispiel: Die meisten Lehrer beklagen, das haben Umfragen deutlich gemacht, eine Verschlechterung der Handschreib-Fähigkeiten der Schülerschaft. Bei immer mehr Kindern werden schreibmotorische Schwächen ausgemacht. Die Lehrkräfte wünschen sich mehrheitlich mehr Unterstützung dabei, die Schreibmotorik vorbereitend besser zu fördern. Tatsächlich gibt es von Wissenschaftlern getestete Apps verschiedener Anbieter, die genau das zu leisten vermögen – nämlich ein spielerisches Training der Hand- und Fingerkoordination auf dem Tablet. Ist es denn unbedingt nötig, so mögen Skeptiker fragen, dafür ein digitales Medium einzusetzen? Nein, natürlich nicht. Aber es ist praktisch und effizient. Pädagogen in Kitas oder Schulen, die mit der Technik arbeiten, müssen sich nicht selbst erst einmal zum Thema fortbilden und auch kein Material auf Papier vorbereiten und bereitstellen. Heißt: die Chancen, dass Kinder überhaupt eine besondere schreibmotorische Förderung bekommen, steigen mit den neuen Möglichkeiten.

Lieber Würfeln als WLAN: Auf der didacta verweigern sich manche dem Mega-Trend Digitale Bildung

Das ist ein Beispiel, es gibt viele andere: ob Flüchtlingskinder, die kein Wort Deutsch sprechen, ihre ersten Erfahrungen mit dem zu lernenden Vokabular mit Hilfe einer eigens für sie entwickelten Lernapp machen, ob digital standardisierte und leicht auswertbare Tests in Mathematik dazu beitragen können, Schwächen und Stärken von einzelnen Schülern besser zu erkennen und damit das Diagnoseinstrumentarium von Lehrkräften erweitern, ob lernunwillige Schüler durch Programme, die die kreativen Möglichkeiten in Bereichen wie Gestaltung, Foto und Film enorm erweitern, neu motiviert werden können – die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig.

All‘ diese Chancen darzustellen, das ist nun Aufgabe der Anbieter, wollen sie ihre Technik an die Lehrerschaft herantragen. Sie müssen deutlicher als bisher klarmachen, dass digitale Lernmedien kein Selbstzweck sind, sondern Lehrkräften bei der Bewältigung ihrer enormen Herausforderungen helfen können. Das – so der Eindruck von der „didacta“ – gelingt in der Breite noch nicht. Viel zu oft wirken die vorgestellten Beispiele für den Einsatz in der Praxis noch als gut gemeinte Ideen, die Projektwochen vor den Sommerferien vielleicht interessanter machen könnten, den tagtäglichen Unterricht und vor allem die Alltagsprobleme aber kaum berühren. Allerdings lassen die Konzerne ja durchaus erkennen: Sie sind lernfähig. Agentur für Bildungsjournalismus

Hier geht’s zum „Teacher’s Guide“ von News4teachers zur „didacta“.

6 Kommentare

  1. Ein interessanter Kommentar. Das könnte DER Zugang sein.

  2. Lehrer könnten sich auch einfach eingestehen, dass die jungen Leute besser mit der neuen Technik umgehen können als sie, und dass es für Technikkompetenz kein neues Fach und keine neuen Unterrichtskonzepte und keine spezielle Software benötigt.

    • Sie müssen schon unterscheiden zwischen Daddeln und Arbeiten. Vorausgesetzt, die jungen Leute besitzen tatsächlich die von Ihnen suggerierte Technikkompetenz, dann setzen sie sie kaum ein. Fragen Sie den Durchschnittsschüler mal, wie der Formeleinsatz bei Tabellenkalkulationen funktioniert. Sie werden ähnlich oft auf Schweigen stoßen wie bei den vermeintlich Technik-inkompetenten Erwachsenen.

      • Es ist die Arroganz der Lehrer, einschätzen können zu glauben, was sinnvolle und was sinnlose Beschäftigung mit dem Computer ist. Früher hat man das Lesen von Geschichten in Büchern als Zeitverschwendung oder gar schädlich angesehen und heute eben bestimmte Beschäftigungen am Computer.

  3. Kann mir mal irgendjemand sagen, was genau unter digitaler Bildung verstanden wird? Bitte nicht nur ein Gefasel von wegen Medienkompetenz. Dieser Begriff ist genau so schwammig. Ach ja, nochwas, bitte auch kein Gerede von Kompetenzen über die Kinder und Jugendliche niemals erlangen können.
    Kein durchschnittliches Kind, kein durchschnittlicher Jugendlicher unter 14 kann sein Verhalten reflektieren, verantwortungsbewusst mit den Medien umgehen usw. Wenn das der Fall wäre, gäbe es nicht so viele Auto-Unfälle mit Fahrern im Alter zwischen 18 und 25 Jahren. Denn wenn sich diese verantwortungsbewusst verhalten und ihr Verhalten reflektieren könnten, würden sie nicht so rasen. Und was 18 – 25 jährige nicht können, kann man von Kindern und Jugendlichen erst recht nicht erwarten.

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