Startseite ::: Praxis ::: Internet-Professor fordert digitalfreie Räume für Kinder in Schulen und zu Hause – gegen exzessiven Konsum

Internet-Professor fordert digitalfreie Räume für Kinder in Schulen und zu Hause – gegen exzessiven Konsum

STUTTGART. Rund 270.000 Jugendliche (oder 5,8 Prozent) zwischen 12 und 17 Jahren sind laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) internetabhängig. Jugendliche und junge Erwachsene sind wöchentlich im Durchschnitt 22 Stunden online – zum „Kommunizieren, Spielen oder zur Unterhaltung“, so die BZgA. Zu dieser Zeit kommt die Internet-Verweildauer für Schule, Studium und Beruf hinzu. Für noch erschreckender als die absoluten Zahlen hält Professor Dr. Gerald Lembke die rasante Suchtentwicklung: So hat sich in nur vier Jahren die Anzahl der digitalabhängigen Jugendlichen verdoppelt. Lembke ist Professor für Digitale Medien an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und forscht über das digitale Mediennutzungsverhalten in Gesellschaft, Bildung und Wirtschaft.

Gebannt: Mädchen vor Smartphone-Schirm. Foto: r. nial bradshaw / flickr (CC BY 2.0)

Gebannt: Mädchen vor Smartphone-Schirm. Foto: r. nial bradshaw / flickr (CC BY 2.0)

„Es wird Zeit“, so Lembke, „nicht nur laufend über die Chancen der Digitalisierung zu sprechen, sondern breitbandig vor den Risiken zu warnen: Derzeit verweigern wir uns als Gesellschaft, Kinder und Jugendliche in verantwortlicher Weise auf eine gefahrvolle digitale Welt vorzubereiten.“ Sehenden Auges überließen Bildungsverantwortliche auf breiter Front Jugendliche ihrem digitalen Schicksal, sagt der Wissenschaftler. Lembke fordert vor dem morgigen Safer Internet Day (7. Februar) bundesweite Präventionsprogramme für die digitalen Mediennutzung und ein Aufklärungsprogramm für alle Eltern: „Was die Menschen in einer künftigen digitalen Gesellschaft benötigen, ist keine unreflektierte Digital-Rhetorik von Politik, Lobby und Medien, sondern eine umfassende Präventionsstrategie, an der Eltern, Lehrer und Erzieher im Verbund mitarbeiten.“

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Lembke hält es für grob fahrlässig, wenn junge Menschen, die ja souveräne Stützen der Gesellschaft werden sollen, grundlegende Formen des Denkens, Fühlens und Handelns wegen frühzeitig-exzessiver Nutzung von digitalen Geräten kaum noch erlernen und so unversehens in die digitale Abhängigkeit geraten. In diesem Zusammenhang weist Markus Wortmann, der Vereinsgeschäftsführer von „Sicheres Netz hilft“, auf weitere Gefahrenpotenziale hin: „Die Polizei hat in ihrer Arbeit inzwischen fast täglich mit Internetkriminalität zu tun, die bei einer kritischen Medien- und Internetkompetenz der Betroffenen hätte vermieden werden können.“

Es ist daher absolut notwendig, so Lembke, in den ersten zwölf Lebensjahren für digitalfreie Räume in Kitas, Kindergärten, Grundschulen und Kinderzimmern zu sorgen. Statt Kinder und Jugendliche massenhaft zu Programmierern auszubilden, wäre ein Unterrichtsfach „Digital-Prävention“ viel besser zur Vorbereitung aufs digitale Leben geeignet. Prävention muss für Lehrer, Erzieher und Eltern zur Pflichtveranstaltung werden. Bevor der Staat Milliarden Steuereuros in die technische Ausstattung von Schulen investiert, sollte es in jeder öffentlichen Einrichtung einen Digitalpräventions-Experten in Daueranstellung geben. Wie ein Datenschutzbeauftragter in Unternehmen und Organisationen, sollte so ein Digital-Lotse ein Mitsprache- und Mitgestaltungsrecht für den verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien bekommen. Dies würde nicht nur das Suchtpotenzial erheblich eindämmen, sondern ganz allgemein für einen souveränen Umgang mit digitalen Geräten im Internet sorgen.

„Mittelalterliche“ digitale Bildung: Alles halb so schlimm? – Leider doch

Für Eltern und Familien bedarf es bundesweiter Digital-Aufklärungs- und Präventionsmaßnahmen. Dass solche Kampagnen Wirkung entfalten können, zeigt etwa die Verkehrssicherheitskampagne „Runter vom Gas“ auf den Autobahnen. Bei jedem Fünften wurde diese Kampagne zum Gesprächsthema im Familien- und Freundeskreis. 70 Prozent der Befragten regte „Runter vom Gas!“ zum vorsichtigen Fahren an.

Zur Person: Gerald Lembke ist Professor für Digitale Medien an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Sein Forschungsgebiet ist das digitale Mediennutzungsverhalten. Er ist Buchautor und Berater für den Einsatz und den Umgang mit Digitalen Medien in Wirtschaft und Gesellschaft. Zu seinen jüngeren Publikationen zählen „Im digitalen Hamsterrad“ – Ein Plädoyer für den gesunden Umgang mit Smartphone & Co“ und „Die Lüge der Digitalen Bildung“ mit dem Co-Autor Ingo Leipner.

Hintergrund: Fünf Digital-Tipps für Familien von Prof. Lembke

1. Computer haben in Kinderzimmern bei Kindern bis zu 12 Jahren nichts zu suchen. Sie verleiten die meisten Kinder zum Spielen und „Whatsappen“ und nicht zum kritischen Umgang mit digitalen Medien.

2. Der Erwerb von Medienkompetenzen bedeutet, sich aktiv und regelmäßig über Risiken und Nebenwirkungen digitaler Medien auseinanderzusetzen. Ein Jahresgespräch in den Familien reicht da nicht aus: Es muss sich dabei um einen laufenden Begleitungs- und Reflexionsprozess handeln, unterstützt von Pädagogen und anderen Erziehungsberechtigten.

3. Um die digitale Zukunft bewältigen zu können, müssen Kinder und Jugendliche keine Programmiersprache lernen. Viel wichtiger ist es, den Zeitkiller Internet und weitere Internet-Gefahren einschätzen zu können. Die grundlegenden Internet-Kenntnisse und App-Anwendungen lernen sich intuitiv von selbst. Der verantwortungsvolle Umgang mit Digital-Anwendungen jedoch braucht Reflexionsräume mit Eltern und Pädagogen.

4. Damit die deutsche Wirtschaft wettbewerbsfähiger wird, bedarf es einer Innovationskultur, die danach fragt „Brauche ich das – wozu brauche ich das?“ Die derzeit herrschende, oft blinde Digitaleuphorie ist kein guter Ratgeber.

5. Anlässlich des internationalen Safer Internet Day am 7. Februar können Lehrer, Eltern und Erzieher ein kostenfreies Webinar des Vereins „Sicheres Netz hilft“ absolvieren. Hier geht es zur Anmeldung.

17 Kommentare

  1. Wie wurde noch Prof. Spitzer gebasht, als er ebenso gewarnt hat.

    • Axel von Lintig

      Von Sascha Lobo , der mit dem roten Irokesen-Haarschnitt ,und Herrn Lindner gab es unsachliche und Interessen gesteuerte Anfeindungen.

  2. Endlich spricht einmal jemand deutlich die andere Seite an.

  3. Axel von Lintig

    Recht hat er der Prof. Lembke. Der Internetzugang sollte erst in den weiterführenden Schulen unter Aufsicht von Lehrern erfolgen.
    An der Schule unserer ältesten Tochter gibt es einen freien Medienexperten, welcher Schüler und Eltern über die Gefahren des Internets und seinen Umgang damit aufklärt. Wir hatten bereits eine Einheit mit ihm bei der Einführungsveranstaltung in die 5. Klasse.

  4. Wenn es „digitalfreie“ Räume gibt, gibt es dann auch Räume mit einem digitalen Zugang?

    Ich finde gut, was Herr Lembke anspricht: Medienkunde von Anfang an durch Experten
    … die dafür in Kindergärten und Schulen Zeit bekommen,
    … die Inhalte vermitteln, auf die man sich in einem Curriculum einigen kann
    … die Kindern helfen, dass sie in unterschiedlichen medialen Welten zurecht kommen, gleich wie sie sich weiterentwickeln (die Medien- die Kinder aber auch)
    … die Kindern helfen, weniger zu konsumieren und mehr zu denken, fühlen, handeln
    Davon kann vieles ohne digitale Medien vermittelt werden.

    Aber den bewussten Umgang mit digitalen Medien kann man auch schon mit jüngeren Kindern thematisieren. Experimentieren gibt es ja auch schon im Kindergarten.
    Aber es sollte einen klaren Rahmen haben.
    Und die Medienkunde braucht diesen eben auch – von Anfang an.

    Sonst heißt es am Ende: in der Grundschule stehen keine Computer, die Kinder brauchen auch keine Medienkunde.
    Übrigens gibt es schon ein paar gute Programme auch hinsichtlich Mediennutzung für Kinder, aber es mangelt an Zeit, das auch wirklich in jeder Klasse als Thema aufzugreifen. Gerade in Klasse 3+4, wenn Kinder schon im Chat landen und sich im Internet tummeln, sollte es davon mehr geben, zumal den wenigsten Kindern dabei über die Schulter geschaut wird.

    • Wer sind denn die Experten. Meist handelt es sich doch nur um selbsternannte Experten.

      • Ich spreche mich dafür aus, dass die angesprochenen Inhalte nicht „so ganz nebenbei“ in möglichst allen Fächern Einzug halten sollten und jeder Lehrer irgendwie irgendwas davon anspricht.
        Wenn der Umgang mit Medien gleich welcher Art und die Prävention so wichtig sind, warum kann es nicht ein Fach geben, dass diese Inhalte aufgreift?
        Dabei geht es eben nicht um Informatik oder Programmieren, nicht jede, die das Internet nutzt, ist oder wird Informatikerin und nicht jeder, der die Zeitung liest, wird Journalist.

        Aber es reicht eben nicht, diese wichtigen Inhalte ein bisschen in Deutsch, ein bisschen im Sachunterricht, ein bisschen in Sozialkunde aufzugreifen. Das sieht dann nämlich so aus, dass im Deutschbuch mal eine E-Mail abgedruckt ist. Mir ist das zu wenig.

        Wenn es ein Fach wäre oder dem gleich käme, könnten sich Lehrkräfte darauf spezialisieren, wie sie es für andere Fachbereiche oder Fächer auch machen.

        • Welches Fach wollen Sie dafür streichen?

          • Axel von Lintig

            Keines. Das geht auch im Rahmen des Deutschunterrichts, wenn die Medien in der dritten oder vierten Klasse besprochen werden.

          • Keines.
            Es gibt ja Bundesländer, deren Stundentafel erheblich weniger Stunden aufweist als in anderen Bundesländern. Da könnte man diese ja mit 1 Stunde Medienkunde erweitern.
            In den Bundesländern mit mehr als 5 Stunden D und Ma in Klasse 1-4 kann man es ggf. auch in andere Fächer integrieren oder davon ausgliedern.

            Das kostet was? Stimmt.
            Aber es im Deutschunterricht abzuhandeln kostet auch etwas und es nicht ernsthaft in die Curricula zu schreiben kostet vermutlich noch viel mehr.

        • Axel von Lintig

          Palim

          Aus Ihrem Schreiben geht aber auch hervor, dass die Probleme im Sprach- und Schrifterwerb durch auditive Störungen einiger Kinder erheblich sind. Ist es da nicht besser die wichtigsten Themen der Medienkompetenz im Sachunterricht oder im Deutschunterricht zu bearbeiten.
          Es interessiert doch die Schüler zu erfahren , was bei einem unkritischen Umgang mit den Medien passieren kann.

    • Axel von Lintig

      Natürlich müssen die Schüler vorher über die Gefahren im Internet informiert werden. Keine Photos ins Netz stellen, keine Beleidigungen,kein Mobbing, Information an die Eltern, wenn jemand Bilder von einem haben möchte etc.

      • Ja, überlegen Sie mal, was noch dazu gehören sollte, sofern man davon ausgeht, dass Kinder der 3. +4. Klasse schon recht viel Zeit ungefiltert im Netz und in sozialen Medien verbringen.
        Und dann überlegen Sie, welche Inhalte Sie in Deutsch und SU streichen wollen, damit diese Themen auch noch zusätzlich passen.

        Es wird nicht schaden, die Inhalte fächerübergreifend auch in anderswo aufzugreifen. Wenn man aber einen Schwerpunkt darauf legen will, dann braucht es Zeit und Kraft, Know-How und die Inhalte sollten aus dem Schattendasein und den Randstunden verschwinden und stattdessen einen wichtigeren Platz einnehmen.
        Der Umgang mit Medien, mit Informationen, mit o.g. sozialen Aspekten braucht mehr als einen Lesetext pro Schuljahr und eine Polizei-Präventionsstunde in 4 Jahren. Prävention braucht langen Atem und ist wenig nachhaltig, wenn es nur ab und an eine informierende Stunde dazu gibt.

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