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Kein Einzelfall – Grundschule seit sieben Jahren ohne Schulleiter – Verband fordert 1000 Euro mehr im Monat

AMELGATZEN. Schon 28 Mal war die Leitungsposition für die kleine Grundschule im Ortsteil der niedersächsischen Gemeinde Emmerthal seit dem Jahr 2010 im Schulverwaltungsblatt ausgeschrieben. Doch in sieben Jahren hat sich kein Lehrer gefunden, der sich den zusätzlichen Stress antun will. Bürgermeister und Eltern sind ratlos. Der niedersächsische Schulleiterverband fordert mindestens A14 für alle Schulleiter. Doch das Problem der Schulleitermisere an Grundschulen reicht tiefer.

Beim Thema «Schulleitung» ist es mit der guten Laune von Andreas Grossmann vorbei. «Seit sieben Jahren gelingt es nicht, die vakante Leitungsstelle der Grundschule im Ortsteil Amelgatzen zu besetzen», klagt der Bürgermeister der Gemeinde Emmerthal im Weserbergland. «Die Eltern finden das überhaupt nicht mehr gut», sagt Grossmann, der wie die aktuelle Kultusministerin Frauke Heiligenstadt der SPD angehört. Schon die frühere Landesregierung mit einem CDU-geführten Kultusministerium habe es nicht geschafft, eine Schulleitung zu finden, beklagt der Bürgermeister.

Gemeinsam mit den Kollegen eine Vision für die eigene Schule entwicklen. Die Arbeit der meisten Schulleiter kleinerer Grundschulen sieht anders aus. Foto: Charlotta Wasteson / flickr (CC BY 2.0)

Gemeinsam mit den Kollegen eine Vision für die eigene Schule entwicklen. Die Arbeit der meisten Schulleiter kleiner Grundschulen sieht anders aus. Foto: Charlotta Wasteson / flickr (CC BY 2.0)

Genau 28 Mal sei die Leitungsposition seit dem Jahr 2010 im Schulverwaltungsblatt ausgeschrieben gewesen, sagt Bianca Schöneich von der niedersächsischen Landesschulbehörde: Vergeblich.

Amelgatzen ist kein Einzelfall. Aktuell seien landesweit 145 Leitungsstellen an den rund 1600 Grundschulen nicht besetzt, sagt Schöneich. Die Landesschulbehörde führt die vielen unbesetzten Stellen vage auf «eine bundesweite strukturelle Fragestellung» zurück. Der niedersächsische Schulleitungsverband ist deutlicher: «Es liegt an der unzureichenden Bezahlung», sagt der Vorsitzende Frank Stöber. Die Leiter kleiner Grundschulen verdienten kaum mehr als die anderen Lehrkräfte.

In Amelgatzen, wo nach Angaben der Landesschulbehörde rund 90 Kinder in fünf Lerngruppen von acht Lehrkräften unterrichtet werden, würde die Schulleitung – ebenso wie die übrigen Lehrerinnen und Lehrer – nach dem Beamtentarif A12 bezahlt. Dafür gibt es je nach Dienstalter zwischen 3344 bis 4364 Euro brutto im Monat. «Hinzu kommt eine Stellenzulage von etwa 150 Euro», sagt Stöber. «Niemand bewirbt sich für einen solchen bescheidenen Mehrbetrag für eine Schulleiterstelle.»

«Denn dafür gäbe es reichlich Mehrarbeit», stellt der Vorsitzende des Schulleitungsverbandes fest. «Wenn man Glück hat, kommt zweimal pro Woche für drei Stunden eine Sekretärin. Den meisten Papier- und Bürokram muss die Schulleitung aber selbst machen», sagt Stöber. Die Unterrichtsentlastung «von ein paar Stunden» wiege das nicht annähernd auf. Grundschullehrer haben eine Unterrichtsverpflichtung von 28 Wochenstunden.

Hinzu komme, dass Förderlehrkräfte, die immer häufiger auch an Grundschulen abgeordnet sind, mehr verdienen als die Schulleitung, sagt Stöber. «Das ist so, als ob in der Wirtschaft ein Abteilungsleiter weniger bekommt als seine Mitarbeiter.».

So sieht es auch Emmerthals Bürgermeister Grossmann. «Welche Motivation sollte jemand haben, die viele Verantwortung und den vielen zusätzlichen Verwaltungsaufwand zu übernehmen, wenn es nur einen kleinen Zuschlag gibt und man weitgehend voll unterrichten muss?» Aus Verzweiflung habe die Gemeinde schon versucht, selbst mit Hilfe von Zeitungsanzeigen eine Schulleitung zu finden. «Es hat aber Null Bewerbungen gegeben», sagt Grossmann.

Die Landtags-CDU verweist darauf, dass die Probleme schon seit Jahren bestehen. Dies liege auch daran, dass Schulleitungen «in einer Person Lehrkraft, Stundenplan-Koordinator, Organisator des Schullebens, Vorgesetzter und Ansprechpartner für Schulträger und Schulbehörde» sein müssen, sagt der schulpolitische Sprecher Kai Seefried. Seine Forderung: «Schulleiterstellen gerade im ländlichen Raum müssen attraktiver werden.»

Die Misere kann nach Auffassung des Schulleitungsverbands nur durch eine allgemeine Anhebung des Gehalts behoben werden. «Wir fordern, dass keine Schulleitung unter A 14 bezahlt werden darf», sagt der Vorsitzende Stöber. Das wären für die Leitungen kleiner Grundschulen etwa 1000 Euro mehr im Monat als bisher.

Aber auch ohne Gehaltsanhebung gibt es nach Angaben der Landesschulbehörde in Niedersachsen keine leitungslosen Grundschulen. Wo die Leitungsposition vakant ist, werde die Schule eben kommissarisch geleitet.

Mit dem Problem unbesetzter Grundschulleiterstellen ist Niedersachsen nicht allein und nicht nur ländliche Regionen scheinen betroffen. Besonders dramatisch sei die Situation in Berlin und Nordrhein-Westfalen, berichtete 2016 etwa die „Welt am Sonntag“. In der Hauptstadt habe jede fünfte Grundschule entweder keinen Rektor oder keinen Konrektor. In NRW hätten von 2787 Grundschulen 345 keinen Schulleiter.

Immerhin: Die rot-grüne Landesregierung in Düsseldorf steuert jetzt gegen. Noch vor Beginn des nächsten Schuljahres soll die Besoldung von Rektoren, die bislang nach A 12 oder A 13 bezahlt werden, um jeweils eine Stufe angehoben werden – bis maximal A 14. Davon werden nach Angaben von Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) 2800 Schulleiter profitieren. Sie werden, je nach Familienstand und Berufserfahrung, monatlich zwischen 300 und 500 Euro brutto mehr im Portemonnaie haben.

Ob das reicht, den Druck aus dem Kessel zu nehmen? Immer häufiger gehen Grundschulleiter auf die Barrikaden – aktuell in Hessen und in Bayern. Schulleitungen und Verwaltungsangestellte würden zwischen ihren Aufgaben zerrieben, klagt etwa der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) in einem aktuellen „Brandbrief“ an Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU). Die Betroffenen seien inzwischen verbittert und erschöpft und fühlten sich nicht wertgeschätzt.

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Die Situation ist indes umso bedenklicher, als dass sich Experten, wie Prof. Dr. Michael Schratz, Sprecher der Jury des deutschen Schulpreises weitgehend einig sind, das dem Schulleiter für die Qualität einer Schule erheblich Bedeutung zukommt. Als Agent seiner Schüler, sei der Schulleiter die wichtigste Person einer Schule und jeder Schulleiter solle eigentlich eine Vision bzw. einen Leitstern haben, wohin die Reise gehen soll, betont Schratz. Die Realität sieht wohl vielerorts anders aus. (News4teachers, Matthias Brunnert, dpa)

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3 Kommentare

  1. Jaja…
    „Große Bereitschaft, ihre Schulleiter besser zu bezahlen lassen die Politiker kaum erkennen. NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann etwa zielt nach eigenen Aussagen eher darauf ab, die Arbeitsbedingungen „mittel- und langfristig“ zu verbessern, insbesondere die Unterrichtsverpflichtung zu reduzieren.“

    Und jetzt noch einmal die EIGENEN News lesen: http://www.news4teachers.de/2016/11/besoldung-von-grund-und-hauptschulleitern-wird-in-nrw-um-eine-stufe-angehoben-beckmann-erster-schritt-hin-zur-gleichstellung-auch-der-lehrkraefte/

    Dann noch:
    https://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMD16-13400.pdf
    Seite 38 im PDF-Dokument weiter unten unter „Begründung“.

    Fazit: Nicht so toll recherchiert! Mich wundert es immer weniger, dass manche Teile der Bevölkerung immer weniger sogenannten Qualitätsmedien vertrauen. Hier auch wieder nur ein Beispiel von vielen…

  2. Sie haben Recht, P. N.

    Die (von uns an anderer Stelle bereits berichtete) Ankündigungen der NRW-Landesregierung, die Besoldung von Grund- und Hauptschulleitern zu erhöhen, haben wir im vorliegenden Beitrag übersehen. Wir haben die Stelle im Text korrigiert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.

    Danke für den Hinweis

    Mit freundlichem Gruß
    Die Redaktion

  3. „Wo die Leitungsposition vakant ist, werde die Schule eben kommissarisch geleitet.“ Genau! Dann machen „normale“ Lehrer den Leitungsjob sogar zum Nulltarif. Ist doch eine perfekte Situation für das Land, besser kann man nicht sparen!

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