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Erschütternd! Was Helikopter-Eltern ihren Kindern antun – ein Abiturient berichtet von seinen Erfahrungen

BERLIN. Der Begriff stammt von Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands: Helikopter-Eltern. In seinem gleichnamigen Bestseller (rowohlt, 11,99 Euro) kritisiert Kraus, dessen Erfahrungen auf der langjährigen Tätigkeit als Leiter eines bayerischen Gymnasiums und einer zusätzlichen Qualifikation als Psychologe beruhen, die Überidentifizierung mancher Eltern mit ihren Kindern. „Immer mehr Eltern reagieren auf Misserfolge ihres Kindes mit narzisstischer Kränkung“, so sagt er – und warnt vor einer „Überbehütung“ der Kinder durch solche Väter und Mütter, die ihre Kinder ständig begleiten und überwachen. Kraus warnt: „Es wird eine unmündige Generation erzogen.“

Wenn Kinder sich nicht aus dem langen Schatten der Eltern befreien können ... Foto: Petras Gagilas / flickr (CC BY-SA 2.0)

Wenn Kinder sich nicht aus dem langen Schatten der Eltern befreien können … Foto: Petras Gagilas / flickr (CC BY-SA 2.0)

Was diese Überfürsorge für betroffene Kinder bedeuten kann, macht jetzt ein erschütternder Beitrag auf „Spiegel online“ deutlich, in dem ein 19-jähriger Abiturient vom Leben mit seinen Helikopter-Eltern berichtet. „Als ich in der fünften Klasse war und die Klassenreise ins Schullandheim anstand, beschwerten sich meine Eltern bei der Direktorin: Ich hätte ja noch nie ohne meine Eltern irgendwo übernachtet, und sie würden sich große Sorgen machen, wenn ich eine Woche nicht zu Hause schlafe. Glücklicherweise konnte meine Direktorin dagegenhalten und ich durfte mitfahren“, so erzählt er.

Nach den „Helikopter-Eltern“ kommen die „Drohnen-Eltern“: Kinder immer unter Kontrolle – übers Handy

„In der sechsten Klasse durfte ich dafür nicht mit ins Skilager, mit der Begründung, ich könne mich verletzen und sei generell nicht alt genug dafür. Als es in der elften Klasse langsam mit den Vorbereitungen zum Abitur losging, riefen meine Eltern bei der Hilfsorganisation an, für die ich ehrenamtlich als Sanitäter arbeite, und baten darum, mich vom Dienst zu suspendieren – damit ich mich auf die Schule konzentrieren könne. Zudem meldeten sie mich beim Sportverein ab. Weiter ging es mit meinem besten Freund, den sie baten, weniger Zeit mit mir zu verbringen.“

„Ich war immer Außenseiter“

Selbst mit zunehmendem Alter habe er nach der Schule kaum alleine aus dem Haus gedurft. Stets hätten seine Eltern kontrolliert, was er mache  und wann er nach Hause komme. Die traurige Folge: „Ich war immer der Außenseiter, wurde sozial ausgeschlossen, habe immer wieder Freunde und den Anschluss an Cliquen verloren, weil ich ständig absagen musste oder von vornherein nicht dabei sein konnte.“ Und weiter: „Irgendwann wurde ich in der Schule immer schlechter, das fiel den Lehrern auf und sie schickten mich zum Schultherapeuten. Mittlerweile mache ich eine Psychotherapie.“ Der junge Mann schlussfolgert: „Viele wissen gar nicht, was sie ihren Kindern mit diesem Kontrollwahn antun. Sie können das Verhältnis nachhaltig beschädigen und dafür sorgen, dass ihre Kinder psychotherapeutische Hilfe brauchen, um sich aus dem Käfig zu kämpfen. So wie ich.“

Eltern müssen draußen bleiben: Immer mehr Schulen wehren sich gegen klammernde Väter und Mütter

Nach einer repräsentativen Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) unter knapp 2.000 Lehrkräften an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland sind Eltern mittlerweile für jeden siebten Lehrer ein großer Belastungsfaktor. 15 Prozent der Teilnehmer hatten auf die offene Frage, was die größten Probleme an ihrer Schule seien, geantwortet: „Eltern der Schüler“ – das sind mehr Lehrerinnen und Lehrer als die, die vor allem über zu große Klassen oder die Ausstattung der Schulgebäude klagen.

Michael Gomolzig, Leiter einer Grundschule und Sprecher des VBE in Baden-Württemberg, sieht einem Bericht des SWF-Fernsehens zufolge im Phänomen der „Helikopter-Eltern“ einen grundlegenden Wandel in der Beziehung zwischen Eltern und der Schule. Es werde nicht mehr akzeptiert, dass Lehrer die Fachleute für den Unterricht seien. Gomolzig wundert sich: „Die Eltern gehen doch auch nicht zum Metzger und sagen, in die Wurst gehört mehr Majoran rein.“ Oder tun sie das vielleicht doch?

Überfürsorgliche Eltern – Schulleiter platzt der Kragen und schreibt einen Brandbrief

Man wundert sich über fast gar nichts mehr. So erreicht uns in diesen Tagen ein Bericht der „Kölnischen Rundschau“ über die unhaltbaren Zustände vor einer Grundschule in der Domstadt, wenn morgens Helikopter-Eltern ihre Kinder (trotz mehrfacher Bitten der Schule, das doch zu unterlassen) mit dem Auto zur Schule bringen und ein für alle Kinder gefährliches Verkehrschaos verursachen. „Dramatische Szenen spielen sich da ab“, berichtet die Schulleiterin gegenüber der Zeitung. Geparkt werde im absoluten Halteverbot, in der Parkbucht der Bushaltestelle, auch in zweiter Reihe. Wenn Lehrer die Eltern auf ihr Fehlverhalten ansprächen, schlage ihnen „ein hohes Aggressionspotenzial“ entgegen. Viele vergriffen sich im Tonfall.

Ein Vater, der auf sein Fehlverhalten hingewiesen wurde, habe sich darüber derart geärgert, dass er auf die Scheibe seines eigenen Autos eingeschlagen habe. Die sei dabei zu Bruch gegangen. Agentur für Bildungsjournalismus

Hier geht es zum Beitrag auf „Spiegel online“.

5 Kommentare

  1. Zuerst war ich sehr erstaunt über diesen krassen Fall. Dann habe ich den Originalbericht gelesen. In dem geschilderten Fall geht es um einen Schüler mit Migrationshintergrund; das Überbehüten hat da andere Wurzeln als bei einem Kind, dessen Eltern in unserem Kulturkreis aufgewachsen sind und integriert sind. Solche Dinge sind ja bekannt, da geht es eher um Integrationsprobleme und damit verbundene Ängste der Eltern.
    Aber ist das wirklich ein gutes Beispiel für die Überbehütung, die wir so an der Schule erleben?

    • Bei dem geschilderten Fall scheint es mir aber nicht um Integrationsprobleme zu gehen. Der junge Mann selbst erwähnt den Migrationshintergrund nur am Rande. Ein Fremdeln gegenüber der deutschen Gesellschaft ist kein Thema, sondern er beschreibt nur die Überfürsorge und den Überehrgeiz der Eltern. Auch dass die Eltern herumtelefoniert haben, um die sozialen Kontakte ihres Sohnes zu steuern, scheint nicht auf Integrationsprobleme hinzudeuten – sondern auf einen sehr klassischen Fall von „Helikopter-Syndrom“.

      Warum auch sollten Eltern mit Migrationshintergrund anders ticken? Allenfalls sehr religiöse Familien stellen hier m. E. einen Sonderfall dar.

      • Dass die Eltern wollen, dass ihr Sohn einen akademischen Beruf ergreift, das ist sicher bei anderen Helicoptereltern dasselbe. Das extreme Reagieren der Eltern hat ja der junge Mann so interpretiert:
        Zitat aus dem Spiegelbeitrag:
        „Meine Eltern kommen nicht aus Deutschland und wollen ihre Kultur nicht verlieren. Sicherlich rühren viele unserer Probleme auch daher, dass wir eine Familie mit Migrationshintergrund sind. Da achten die Eltern häufig besonders darauf, was ihre Kinder machen und dass sie ja nicht vom vermeintlich richtigen Weg abkommen.“
        Was seine Eltern so alles gemacht haben, hat er ja chornologisch beschrieben.

        Gut finde, dass er sich dagegen wehrt und sogar im Spiegel seine Situation veröffentlicht:
        „Ich habe noch drei Geschwister, von uns allen rebelliere ich jedoch am meisten.“

  2. Witzig: Drohneneltern, Hubschraubereltern … immerhin: die deutsche Sprache lebt! 🙂

    Aber nervig sind se schon …

  3. Wie schon so oft gesagt und geschrieben, schwierige Eltern und schwierige Schüler – oder um das alte Wort „Disziplinverstöße“ mal wieder in den Mund zu nehmen – sind das, was uns Lehrern oft den letzten Nerv raubt. Ich kenne etliche Fälle von meiner Schule.

    Wer kann was dagegen tun?
    Wo sind sie nun, die den Lehrerberuf wieder attraktiver machen wollen?

    PS: Natürlich bin ich ganz und gar nicht der Meinung, dass Lehrer sich alles erlauben sollen dürfen.

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