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“Reformen über Reformen werden in den Sand gesetzt”: Josef Kraus’ Generalabrechnung mit der Schulpolitik

MÜNCHEN. Er ist ein Meister der Zuspitzung, dabei allerdings stets fair und fachkompetent: Josef Kraus, ehemaliger Schulleiter und Präsident des Deutschen Lehrerverbands, ist bundesweit einer der bekanntesten Pädagogen – kaum eine Fernseh-Talkshow zum Thema Bildung kommt ohne den streitbaren Bayern aus. Er prägt Bildungsdebatten. Sein Buch “Helikopter-Eltern” beispielsweise wurde zum Bestseller. Jetzt hat er ein neues Buch vorgelegt: “Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt – Und was Eltern jetzt wissen müssen“. Eine Generalabrechnung mit der deutschen Schulpolitik. Wir veröffentlichen Auszüge als Gastbeitrag von Josef Kraus auf News4teachers – zunächst zu den “fünf Fallgruben” der Bildungspolitik, dann zur Inklusion.

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Foto: Deutscher Lehrerverband

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Foto: Deutscher Lehrerverband

 

Von Josef Kraus

Die fünf Fallgruben der Bildungspolitik

Eine Falle ist die Egalitäts-Falle. Das ist die Ideologie, dass alle Menschen, Strukturen, Werte, Inhalte, ja sogar alle Geschlechter, von denen es ja nicht nur zwei, sondern bis zu sechzig geben soll, gleich bzw. gleich gültig seien. Das ist auch die Ideologie, dass es keine verschiedenen Schulformen, keine verschiedenen Begabungen, keine verschiedenen Fächer sowie keine bestimmten Werte geben dürfe.

Eine zweite Falle ist die Hybris-Falle. Das ist der aus dem Marxismus („Der neue Mensch wird gemacht“) und dem Behaviorismus („Der neue Mensch ist konditionierbar!“) abgeleitete Wahn, jeder könne total gesteuert und zu allem „begabt“ werden.

Eine dritte Falle ist die Falle der Spaß-, Erleichterungs- und Gefälligkeitspädagogik. Diese tut – angestrengt und sehr bemüht – so, als ob Schule immer nur cool sein könne und ja alles tun müsse, dass sich Kinder doch ja nicht langweilen müssten.

Eine vierte Falle ist die Quoten-Falle. Das ist die planwirtschaftliche Vermessenheit, es müssten möglichst alle das Abitur-Zeugnis bekommen und es dürften möglichst wenig oder gar keine Schüler sitzenbleiben. Dabei müsste doch eigentlich klar sein: Wenn alle Abitur haben, hat keiner mehr Abitur!

Und schließlich fünftens die Beschleunigungs-Falle. Das ist die Vision, man könne mit einer immer noch früheren Einschulung in immer weniger Schuljahren und mit immer weniger Unterrichtsstunden zu besser gebildeten jungen Leuten und zu einer gigantisch gesteigerten Abiturienten- und Akademikerquote kommen.

Fünf Fallgruben sind das – je nach Land in Deutschland unterschiedlich intensiv ausgeprägt! In diesen fünf Fallgruben drohen Individualität, Leistung, Anstrengungsbereitschaft, natürliche Reifung und Qualität zu versinken. Und so wird seit Jahrzehnten, verschärft seit dem groß inszenierten Pisa-Schock, drauflos re- und deformiert. Reformen über Reformen werden in den Sand gesetzt, ohne Produkthaftung von Seiten derjenigen, die all dies inszeniert haben. Dass die allermeisten Reformen eben gerade denen schaden, denen sie zugutekommen sollten, nämlich den sozial Schwächsten, wird verdrängt. Die Kinder aus „gutem“ Hause bekommen die Verirrungen der Schulpolitik durch elterliches Zutun kompensiert, die Kinder aus „bildungsfernen“ Elternhäusern aber bleiben in ihren „restringierten Codes“, in ihren Herkunftsmilieus eingekerkert. Das gilt für die Einheitsschule gleichermaßen wie für „neue“ Formen eines (sogenannten) Unterrichts, in dem der Lehrer nur noch den Moderator spielt.

Inklusion als Ziel ist richtig, als Weg kann es falsch sein

Das Ziel jeder behindertenpädagogischen Maßnahme ist unumstritten: Es geht um Zugehörigkeit und Teilhabe, es geht um die berufliche und soziale Eingliederung dieser jungen Menschen. In vielen Einzelfällen aber kann Inklusion der falsche Weg dorthin sein. Vor allem muss jede Behinderung individuell betrachtet werden, damit bei den betroffenen Kindern nicht am Ende ein Anpassungsdruck und ein Gefühl der Ausgrenzung entstehen. Es muss vermieden werden, dass Schüler mit Anforderungen konfrontiert werden, denen sie nicht gewachsen sind. Inklusion ist insofern nur dann im Sinne des Kindeswohls, wenn begründete Aussichten bestehen, dass ein Schüler das Bildungsziel der betreffenden Schulform – durchaus mittels Nachteilsausgleich – erreichen kann und die Regelklasse durch die Inklusion nicht über Gebühr beeinträchtigt wird.

Es kann keinen Automatismus geben – weder bei der Überweisung in eine Förderschule noch bei der Zuweisung in eine inklusive Klasse. Jede Behinderung ist zu spezifisch, als dass man auf differenzierte Diagnostik und Entscheidung verzichten könnte. Der individuelle Förderbedarf eines Kindes mit Trisomie 21 ist ein völlig anderer als der eines seh-, hör- oder motorisch beeinträchtigten Kindes.

Entsprechend der Art der Beeinträchtigung muss denn auch das Förderkonzept ausgerichtet werden: Wenn eine Behinderung bzw. Beeinträchtigung mit Hilfe technischer oder baulicher Mittel (Digitalisierung des Unterrichtsgeschehens, Aufzüge in Schulgebäuden, zusätzliche Räume usw.) bzw. mit Hilfe zusätzlicher Fachkräfte kompensiert werden kann, steht einer Inklusion nichts im Wege. Anders stellen sich die Möglichkeiten der Inklusion bei verhaltensauffälligen oder kognitiv beeinträchtigten Schülern dar.

Bedenken sollte man dabei aber auch: Bei allen Maßnahmen der Inklusion muss das Wohl aller Kinder mitreflektiert werden. Auch Kinder ohne Behinderung haben ein Recht auf bestmögliche Förderung. Es ist durchaus richtig, dass Nichtbehinderte einen Gewinn haben von der Begegnung mit Behinderten. Das gilt zumal auch für die Gymnasien, deren Schüler sich übrigens durch ein besonderes Maß an Toleranz und Empathie auszeichnen. Ein Mehr an Gemeinsamkeit von behinderten und nicht behinderten Menschen ist in allen gesellschaftlichen Bereichen denkbar, im Bildungsbereich sehr wohl wünschenswert. Dieses Mehr ist aber nur möglich, wenn die Wege der Inklusion vom Kindeswohl ausgehen sowie realistisch und frei von Egalisierungsabsichten sind. Es sollte der Grundsatz gelten: So viel Inklusion wie möglich – so viel Differenzierung wie nötig!

Josef Kraus: Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt – Und was Eltern jetzt wissen müssen. Herbig, März 2017, 22 Euro.

Josef Kraus beklagt „Notendumping“ mancher Bundesländer – und fordert von Bayern, deren Abitur nicht mehr anzuerkennen. GEW ist empört

6 Kommentare

  1. Da sagt er viel Richtiges bzw. was ich auch so sehe. Besonders hervorheben kann ich fast gar nichts, aber dieses dann doch:

    “Eine dritte Falle ist die Falle der Spaß-, Erleichterungs- und Gefälligkeitspädagogik. Diese tut – angestrengt und sehr bemüht – so, als ob Schule immer nur cool sein könne und ja alles tun müsse, dass sich Kinder doch ja nicht langweilen müssten.”

  2. Der Auflistung von Josef Kraus füge ich eine 6. Falle hinzu: Die Meinung, man müsse Lehrkräften nur weitere Aufgaben, Evaluationen, Konzepte, Inklusion, Migration, Reformen etc. aufbürden, ohne ihnen dafür Unterstützung oder Entlastung zu gewähren, sie würden das Pensum schon schaffen und durch die zusätzliche Arbeit ihren Unterricht verbessern. Das Gegenteil ist der Fall: Lehrkräfte wissen gar nicht, worum sie sich zuerst kümmern sollen. Die stetige Überlastung des Lehrpersonals führt bei vielen Lehrkräften aus reinem Selbstschutz dazu, dass sie Aufgaben vernachlässigen oder verweigern (müssen) oder gerade das Nötigste erledigen.

    Viele KollegInnen wissen vor Aufgabenvielfalt nicht, wie die Fülle in den Tag passen soll und müssen Abstriche bei mehreren Tätigkeiten in Kauf nehmen. Das kann auch bei der Unterrichtsvorbereitung sein, sodass Unterricht halbherzig wird. Am Ende führt die Überlastung der Lehrkräfte zu weniger gutem Unterricht.

  3. Alles meine Meinung, inklusive Palims sechste Falle. Meine siebte Falle ist das liebe Geld. Die ganzen gewünschten Ziele — gerade bei Inklusion und Förderung — gibt es nur, wenn genügend Geld in Form von Personal und Ausstattung in die Hand genommen wird.

    Ich bin gespannt, wann sich die Gender-Einheitsbrei-Inklusions-Fanatiker hier zu Wort melden.

  4. ZITAT: “Das Gegenteil ist der Fall: Lehrkräfte wissen gar nicht, worum sie sich zuerst kümmern sollen. Die stetige Überlastung des Lehrpersonals führt bei vielen Lehrkräften aus reinem Selbstschutz dazu, dass sie Aufgaben vernachlässigen oder verweigern (müssen) oder gerade das Nötigste erledigen. …”

    Na, da kann ich ja sogar mal Ihnen zustimmen, wobei ich als Folge der Überlastung eher die Flucht in Teilzeit, Frühpensionierung und (weniger als Flucht denn mehr als Folge) Dauererkrankung sehe, worunter dann wieder die Nicht-Kranken leiden, weil die das alles übernehmen müssen (Vertretung ohne Ende), bis sie selbst dauerkrank werden … Ein Teufelskreis.

  5. Axel von Lintig

    Volle Zustimmung zu Thesen des Herrn Kraus einschließlich seiner Einlassungen zur Inklusion.
    Er schreibt aus seiner Praxiserfahrung heraus.
    Der Wandel im deutschen Bildungswesen hat sich so vollzogen, eine ständige Abwärtsspirale im Anspruchsniveau ist die treibende Kraft.
    Nie gab es einen derartig großen Anteil an Abiturienten, besonders in NRW. welche nicht in der Lage sind einem Studium nachzugehen. Eine derartige Explosion an Einser-Abituren gab es ebenso wenig.
    Nachhaltiges Wissen wird nicht mehr befördert.
    In Diskussionsrunden in der Öffentlichkeit besticht Herr Kraus durch seine Sachbezogenheit und seine kritische Position zum Mainstream-Denken der Bildungspolitiker, denen es im Prinzip meistens um Einspar-Möglichkeiten in Verbindung mit populistischen Neuerungen geht. Ständig wurde das Anspruchsniveau an die Schüler herabgesetzt. Aber gerade die Vereinfachung und Herabsetzung des Anspruchsniveau führt zur Verschlechterung der Ausbildung ohne nachhaltiges Wissen.

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