Startseite ::: Titelthema ::: Macht der Bildschirm zu Hause Schüler im Unterricht zappelig und unkonzentriert? Studie der Drogenbeauftragten legt den Schluss nahe

Macht der Bildschirm zu Hause Schüler im Unterricht zappelig und unkonzentriert? Studie der Drogenbeauftragten legt den Schluss nahe

BERLIN. Ist der übermäßige Konsum digitaler Medien verantwortlich für motorische Hyperaktivität und psychische Auffälligkeiten von immer mehr Schülern im Unterricht? Eine von der Drogenbeauftragten der Bundesregierung präsentierte Studie legt den Zusammenhang nahe. „Gerade, wenn das Verhalten oder die Entwicklung auffällig ist, sollte immer auch ein unangebrachter Umgang der Eltern wie der Kinder mit Medien in Betracht gezogen werden“, sagt einer der Autoren, Dr. med. Uwe Büsching, Kinder- und Jugendarzt und Vorstandsmitglied des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. Eine Medienpädagogin warnt allerdings vor allzu schnellen Schlüssen.

Wie stark beeinflusst der Bildschirm die Entwicklung von Kindern? Foto: Eric Allix Rogers / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Wie stark beeinflusst der Bildschirm die Entwicklung von Kindern? Foto: Eric Allix Rogers / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Im Rahmen der sogenannten BLIKK-Studie (das Kürzel steht für Bewältigung, Lernverhalten, Intelligenz, Kompetenz, Kommunikation) wurden zum Umgang mit digitalen Medien mehr als 5.000 Eltern und deren Kinder befragt und gleichzeitig körperliche, entwicklungsneurologische und psychosoziale Verfassung unter Einbeziehung von Kinderärzten umfassend dokumentiert. Die Ergebnisse:

  • Schon 70 Prozent der Kinder im Kita-Alter benutzen das Smartphone ihrer Eltern mehr als eine halbe Stunde täglich.
  • Es gibt einen Zusammenhang zwischen einer intensiven Mediennutzung und Entwicklungsstörungen der Kinder.
  • Bei Kindern bis zum 6. Lebensjahr finden sich vermehrt Sprachentwicklungsstörungen sowie motorische Hyperaktivität bei denjenigen, die intensiv Medien nutzen.
  • Wird eine digitale Medienkompetenz nicht frühzeitig erlernt, besteht ein erhöhtes Risiko, den Umgang mit den digitalen Medien nicht kontrollieren zu können.

Bei Säuglingen machten die Forscher Fütter- und Einschlafstörungen aus, wenn die Mutter während der Betreuung parallel digitale Medien nutzt. Bei Zwei- bis Fünfjährigen wurden motorische Hyperaktivität, Konzentrationsstörungen sowie Sprachentwicklungs-Störungen bis hin zu psychischen Auffälligkeiten in Verbindung mit der Nutzung von digitalen Bildschirmmedien ausgemacht. „69,5 Prozent können sich weniger als zwei Stunden selbständig beschäftigen ohne die Nutzung von digitalen Medien“, heißt es. Bei acht bis 13-Jährigen, die mehr als 60 Minuten täglich vor dem Bildschirm sitzen, zeigte sich zudem ein erhöhter Genuss von Süßgetränken und Süßigkeiten und – damit verbunden – Übergewicht.

Intelligent, aber anders: Warum Computer unsere Kinder weder dumm noch krank machen – ein Gastbeitrag

Mittlerweile gingen Experten von etwa 600.000 internetabhängigen und 2,5 Millionen problematischen Nutzern in Deutschland aus, so führte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), bei der Präsentation der Studie aus. „Diese Studie ist ein absolutes Novum. Sie zeigt, welche gesundheitlichen Folgen Kinder erleiden können, wenn sie im digitalen Kosmos in der Entwicklung eigener Medienkompetenz allein gelassen werden, ohne die Hilfe von Eltern, Pädagogen  sowie Kinder- und Jugendärzten“, sagte sie. „Für mich ist ganz klar: Wir müssen die gesundheitlichen Risiken der Digitalisierung ernst nehmen! Es ist dringend notwendig, Eltern beim Thema Mediennutzung Orientierung zu geben. Kleinkinder brauchen kein Smartphone. Sie müssen erst einmal lernen, mit beiden Beinen sicher im realen Leben zu stehen. Unter dem Strich ist es höchste Zeit für mehr digitale Fürsorge – durch die Eltern, durch Schulen und Bildungseinrichtungen, aber natürlich auch durch die Politik.“

„Frühzeitig kontrollieren“

Der Mediziner und Psychotherapeut Prof. Dr. Rainer Riedel, ebenfalls Autor der Studie, schlussfolgerte: „Als Fazit ergibt sich, dass der richtige Umgang mit den digitalen Medien, die durchaus einen berechtigt hohen Stellenwert in Beruf und Gesellschaft eingenommen haben, frühzeitig kontrolliert geübt werden soll. Dabei müssen  soziale und ethische Werte wie Verantwortung, reale Kommunikation, Teamgeist und Freundschaft auf allen Ebenen  der Erziehung gefördert werden. Kinder und junge Menschen sollen lernen, die Vorteile einer inzwischen globalen digitalen Welt zu nutzen, ohne dabei auf die Erlebnisse mit Freunden im Alltag zu verzichten.“

Bei jedem 15. Teenager sorgt exzessive Computernutzung für Probleme in der Schule – Eltern setzen keine Regeln

So weit – so unstrittig. Aber stimmt es überhaupt, dass digitale Medien Schüler dick und verhaltensauffällig machen, wie die Studie nahelegt? Oder kann der Zusammenhang auch anders gedeutet werden (nämlich dass hyperaktive Kinder einfach mehr digitale Medien nutzen)? Kritik an einer zu oberflächlichen Interpretation wird laut. „Die Idee, die jetzt formuliert wird, Smartphones machen irgendwas, zum Beispiel dick, das ist wissenschaftlich einfach nicht präzise“, erklärte beispielsweise die Medienpsychologin Astrid Carolus von der Universität Würzburg im Interview mit dem „Deutschlandfunk“. Es gebe Zusammenhänge, ja, aber das eine müsse nicht Ursache des anderen sein.

Deshalb greife auch die Forderung nach einem Verbot vom Konsum digitaler Medien zu kurz. „Da müssen wir wirklich ein bisschen realistisch sein“, sagte Carolus. „Das geht schlicht an der Realität vorbei, auch, wenn manche Eltern oder Politiker sich das vielleicht irgendwie wünschen würden.“ Wenn etwa die Studie zu dem Befund komme, dass selbst 13-Jährige bei einem Konsum elektronischer Medien von einer Stunde täglich Verhaltensauffälligkeiten zeigten, dann müsse man fragen: Welcher 13-Jährige sitzt denn nicht eine Stunde täglich vor dem Bildschirm?

„Wir müssen ein bisschen aufpassen, dass wir uns nicht selber von unseren Ängsten leiten lassen und dann immer wieder dabei rauskommt, sei es Fernsehen, seien es Computerspiele, seien es Smartphone oder Internet, wir wollen am liebsten, dass das die Kinder gar nichts machen“, erklärte die Medienpsychologin. „Das kann in der heutigen Welt natürlich überhaupt keine Lösung sein.“ bibo / Agentur für Bildungsjournalismus

Gastkommentar: Erklären statt warnen! Wie wir Kinder auf die digitale Welt vorbereiten können

4 Kommentare

  1. Gilt diese Korrelation auch für massive Bildschirmarbeit in der Schule?

    (Wenigstens gibt der Artikel zu, dass nicht klar ist, ob hyperaktive Kinder selbiges wegen der Bildschirmzeit sind oder ob hyperaktive Kinder von sich aus eher zum Bildschirm greifen. Das ist aber ein Schwachpunkt der Studie an sich und macht sie damit weitgehend wertlos.)

    • Ich denke, die Studie ist keineswegs wertlos. Wenn solche Phänomene in den letzten Jahren immer häufiger auftreten muss – falls solche Folgen schädlich für die Kinder sind – entgegen gesteuert werden. Sicher ist es mit der oft genannten Medienkompetenz nicht getan, die bringt gar nix. „Was nützt die ganze Erziehung, wenn Kinder eh alles nachmachen.“

  2. Es ist wie beim Rauchen: zuerst werden solche Wirkungen abgestritten.

  3. Um gar nicht erst solche Wirkungen zu befördern, haben die Waldorfschulen ein eigenes Konzept zur „Medienmündigkeit“ erarbeitet: http://www.waldorfschule.de/waldorfpaedagogik/medienmuendigkeit/#main-content

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*