Startseite ::: Leben ::: Selbst katastrophale Rechtschreibung darf in Klausuren zu keiner vollen Note Abzug führen – Lehrerverbände sehen Allgemeinbildung bedroht

Selbst katastrophale Rechtschreibung darf in Klausuren zu keiner vollen Note Abzug führen – Lehrerverbände sehen Allgemeinbildung bedroht

WIESBADEN. Viele Schüler stehen mit der deutschen Rechtschreibung auf Kriegsfuß. Die Klagen häufen sich. Das hessische Kultusministerium hat jetzt angekündigt, gegenzusteuern – und steht jedoch plötzlich selbst in der Kritik.

Hätten Schüler früher das besser hinbekommen? Foto: factoids / flickr (CC BY-NC 2.0)

Hätten Schüler früher das besser hinbekommen? Foto: factoids / flickr (CC BY-NC 2.0)

Der Deutsche Lehrerverband Hessen hat davor gewarnt, die Anforderungen für die Rechtschreibung im Fach Deutsch in der gymnasialen Oberstufe weiter herunterzuschrauben. Im laufenden Schuljahr sei in Aufsätzen die Orthografie erstmals deutlich weniger streng bewertet worden, kritisierte die Landesvorsitzende Edith Krippner-Grimme.

Verweis auf die KMK

Das vom CDU-Politiker Alexander Lorz geführte Kultusministerium begründete am Mittwoch die Neuregelung mit einem Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK). In Hessen können bei schwerwiegenden Verstößen gegen Rechtschreibung oder Grammatik in Deutschklausuren seit Beginn dieses Schuljahres bei der Gesamtnote auf der Skala von null bis 15 Punkten nur noch bis zu zwei Notenpunkte abgezogen werden – wie in allen übrigen Fächern der gymnasialen Oberstufe. Zuvor waren es in Deutsch bis zu vier Notenpunkte gewesen.

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«Zumindest am Gymnasium erwarte ich, dass man einigermaßen korrekt schreibt», sagte dazu Krippner-Grimme auf Anfrage. Das gehöre zur Allgemeinbildung. Es gehe auch nicht um Schüler mit ausgeprägter Lese-Rechtschreib-Schwäche. Diese erhielten ohnehin einen Nachteilsausgleich. Übliche Fehler, „das“ statt “dass“, „ziehmlich“ oder „zimlich“ statt „ziemlich“ oder „Bestimung“ statt „Bestimmung“, würden zwar angestrichen. so erklärte sie gegenüber der „Welt“. Dank der Neuregelung bekomme ein Schüler zum Beispiel statt zwölf Punkten, was der Note Zwei entspricht, nur zehn Punkte, wonach er immer noch die Note Zwei erreichen würde. Die Note Zwei bedeute: „Die Leistungen entsprechen den Anforderungen voll.“

Der Lehrerverband Bildung und Erziehung (VBE) schlug in dieselbe Kerbe und warf der Regierung vor, mit Anordnungen wie im Fach Deutsch in der Oberstufe die eigenen Ansprüche zu «konterkarieren». «Damit werden die Hürden tiefer gehängt», kritisierte VBE-Landeschef Stefan Wesselmann.

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Ministeriumssprecher Stefan Löwer nannte es «nachvollziehbar», dass die Änderung Sorgen auslöse. Die Auswirkungen auf die Zeugnisnote eines Schülers seien jedoch geringfügig. Hessen habe den KMK-Beschluss nicht für richtig gehalten. Das Land habe ihn jedoch jetzt umsetzen müssen, da andernfalls im bundesweiten Vergleich Hessens Schüler benachteiligt worden wären.

Im Landtag sollte am Mittwoch auf Antrag der Regierungsfraktionen CDU und Grüne eine «Stärkung der Bildungssprache Deutsch» beschlossen werden. Dabei stehen die Grundschulen im Fokus. Das orthografisch korrekte Schreiben müsse dort von Anfang an systematisch erarbeitet werden, heißt es. Die Handschrift müsse «elementarer Bestandteil unserer Schriftkultur» bleiben. Auf die Erfüllung dieses Auftrags müsse die Landesregierung achten.

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Lorz hatte angekündigt, die Rechtschreibung mit Hilfe eines einheitlichen Grundwortschatzes in der Grundschule verbessern zu wollen. Der Grundwortschatz soll Lehrer im Rechtschreibe-Unterricht unterstützen. Ein dafür vom Ministerium vorgelegter erster Entwurf umfasst etwa 850 Wörter und soll ab kommendem Schuljahr von rund 50 der insgesamt mehr als 1000 hessischen Grundschulen ausprobiert werden. Sollte sich die Liste als hilfreich erweisen, dann stände der Grundwortschatz zum Schuljahr 2018/19 allen Grundschulen zur Verfügung. Von Thomas Maier, dpa

 

3 Kommentare

  1. In der DDR nannte man das: „den Plan nach unten korrigieren“.

    Das war so: Am Jahresanfang war festgelegt worden, was zu schaffen sei im Jahr. Wenn man merkte, dass es doch nicht zu schaffen war, korrigierte man den Plan nach unten; senkte also das Soll. So konnte man am Ende des Jahres Planerfüllung vermelden, obwohl der ursprüngliche Plan nicht erfüllt worden war.

  2. Man könnte ja auch die vier Notenpunkte beibehalten und jedem Schüler auf Antrag ohne Prüfung LRS bescheinigen. Dann darf die Rechtschreibung überhaupt nicht mehr berücksichtigt werden.

  3. Jeda schraipt wi er wil, keina schraipt wi er sol,aba ale machn mit.
    Lesn durch schreibn.Weita so es get vorann.Di Schraipfasen werdn durchlaufn im aignen Rüttmus, aign iniziatif, Schüla gesteuart.

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