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Lehrermangel: Eisenmann sieht keinen „bildungspolitischen Weltuntergang“ kommen – die Verbände schon

STUTTGART. Der Lehrermangel bringt kurz vor dem Start des Schuljahres in Baden-Württemberg die Kultusministerin in Bedrängnis. Zwar müssen die Schulen mit Ausfällen rechnen, aber ein bildungspolitischer Weltuntergang stehe nicht bevor, meint sie. Die Lehrerverbände sehen das freilich anders.

Hat noch Lehrerstellen zu vergeben: Susanne Eisenmann. Foto: Kultusministerium Baden-Württemberg

Hat noch Lehrerstellen zu vergeben: Susanne Eisenmann. Foto: Kultusministerium Baden-Württemberg

Mit Befürchtungen wegen Unterrichtsausfalls beginnt im Südwesten das neue Schuljahr: Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) warnt angesichts von Lehrermangel vor Engpässen im neuen Schuljahr. Zwar sei die Unterrichtsversorgung zum Start am kommenden Montag ordentlich, aber wenn im November die Krankheitswelle beginne, müssten Schulen und Eltern mit Lücken rechnen, sagte sie am Mittwoch in Stuttgart. «Wir sind, was die Unterrichtsversorgung angeht, auf Kante genäht – nach wie vor, das wird auch zum neuen Schuljahr so sein.» Die GEW betonte, wenn zum Schuljahresbeginn 13 Prozent der offenen Stellen nicht besetzt würden, sei das dramatisch. Von einem «ordentlichen Start» könne keine Rede sein, sagte GEW-Landeschefin Doro Moritz.

Die Lücke der unbesetzten Stellen liegt laut Ministerium bei 635, wobei Grundschulen besonders betroffen sind. Für «Panikmache» von Verbänden und Gewerkschaften bestehe aber kein Anlass. Ein bildungspolitischer Weltuntergang stehe nicht bevor. Die Verbände blieben konstruktive Vorschläge schuldig, wie dem Bewerbermangel abzuhelfen sei.

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Im neuen Schuljahr sind von 5100 offenen Stellen 4465 besetzt worden. Bei den Grundschulen fehlen knapp 500 Lehrer. Auch Sonderpädagogen sind rar: Von 400 Stellen an Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren – ehemals Sonderschulen – konnten nur 295 besetzt werden. Bei beruflichen Schulen, Gymnasien und Realschulen ist der Bedarf laut Ministerium ganz oder fast vollständig gedeckt. Nach Ansicht der Berufsschullehrer fehlen aber noch 417 Stellen.

Keine Krankheitsreserve mehr

Die Spielräume sind auch deshalb minimal, weil die Krankheitsreserve von 1666 Stellen teils bereits zu Schuljahresbeginn dafür verwendet wird, den Unterricht an Grundschulen zu sichern. Teil des Problems seien auch die kleinen Grundschulen, von denen 800 nicht mehr als 100 Schüler haben. Obwohl dort Ressourcen gebunden würden, gebe es wegen des Prinzips «kurze Beine, kurze Wege» keine Schließungskonzepte, versicherte Eisenmann. Allerdings könne der Klassenteiler an dieser Schulart in Einzelfällen erhöht werden.

Pensionierungen seien zu mehr als 60 Prozent Grund für den hohen Einstellungsbedarf. Das sei auf die starken Jahrgänge in den 1970er Jahren eingestellter Pädagogen zurückzuführen. Dass es aber wegen Frust eine Flucht aus dem Schuldienst gebe, wie es die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mutmaßt, sei «blanker Unsinn».

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Die Probleme, den Bedarf zu decken, seien unterschiedlich ausgeprägt: So gebe es erkennbare Lücken in den Regionen Lörrach, Waldshut, Konstanz und Tuttlingen; in Karlsruhe habe man jedoch keine unbesetzten Stellen, sagte Eisenmann. Hintergrund sei auch «ein hohes Maß an Unflexibilität» angehender Lehrer. Manche Bewerber – derzeit rund 200 – wollten nur in einer bestimmten Region oder Schule arbeiten, vornehmlich in Städten. Deshalb greife man zunehmend zu sogenannten Versetzungsketten. Dabei werden bereits an den Wunschorten der Bewerber tätige Pädagogen an andere Schulen versetzt. Bisher seien 100 dienstliche Versetzungen aus diesem Grund erfolgt.

Die Entfernungen, die den Lehrern zugemutet würden, lägen in einer Größenordnung von 20 Kilometern, Umzüge wolle man nicht auslösen. «Gucken Sie mal in die freie Wirtschaft», rechtfertigte Eisenmann das Verfahren. Ein Beamter müsse das akzeptieren. Das Land befinde sich angesichts des leer gefegten Lehrerarbeitsmarktes in einer Zwangslage, zumal die Aussicht auf eine Verbeamtung bei den jungen Menschen an Bedeutung verloren habe: «Wir sitzen halt schlicht am kürzeren Hebel.»

Weitere Instrumente zur Lehrergewinnung waren Teilzeiterhöhungen, die von 1300 Pädagogen beantragt wurden. 28 Gymnasiallehrer nahmen das Angebot an, vorübergehend an Grundschulen zu arbeiten. 200 unbesetzte Stellen hätten unter anderem dadurch besetzt werden können. dpa

 

Hintergrund: Das neue Schuljahr in Zahlen

Aufgrund einer Pensionierungswelle waren für das neue Schuljahr sehr viele Lehrerstellen zu besetzen. Das gelang nicht immer.

– 5100 Stellen waren zu besetzen

– 4465 Stellen waren am 1. September besetzt

– 480 Stellen an Grundschulen sind unbesetzt

– 100 Stellen für Sonderpädagogen sind unbesetzt

– 200 Stellen wurden durch Maßnahmen der Lehrergewinnung besetzt:

  • 28 Stellen davon durch Gymnasiallehrer, die vorübergehend an Grundschulen arbeiten.
  • 100 ältere Lehrer wurden zugunsten von jungen Bewerbern versetzt
  • 1300 mal wurde eine höhere Teilzeit beantragt

– 1272 Stundeinanfängerplätze für das Lehramt Grundschule gibt es 2017. Das sind 200 mehr als im Vorjahr

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6 Kommentare

  1. Jede Stunde Unterrichtsausfall ist eine Stunde zu viel. Man kommt sich verarscht vor, egal ob durch ein CDU- oder SPD-geführtes Kultusministerium. Das verdiente Lehrerinnen und Lehrer in Pension gehen oder früher ausscheiden konnte kein Herr Rau, keine Frau Schick, keine Frau Warminski-Leitheußer, kein Herr Stoch prognostizieren. Frau Eisenmann ist dafür noch zu kurz im Geschäft sieht aber Handlungsbedarf der vor 6-7 Jahren hätte umgesetzt werden müssen. Z U S P Ä T ! ! !

    • Natürlich konnten sie das. Nur sie konnten niemanden zwingen, ein Lehramtsstudium aufzunehmen. Infolge der Berufswahlfreiheit hat der Staat nur wenige Möglichkeiten. Da die Länder gezwungen sind, die Neuverschuldungsgrenze einzuhalten, werden sie auch die Studienmöglichkeiten für Lehramtsstudenten nicht ausweiten. Die entsprechenden Lehrstühle sind nämlich nicht in der Lage Drittmittel zu generieren, und somit auf ausschließliche Alimentierung durch den Finanzminister angewiesen.

      Der überwigende Teil der Wählerschaft ist über 60. Denen ist letztendlich die Ausstattung der Schulen – sowohl in personeller als auch meterieller Hinsicht – vollkommen egal, da sie andere Forderungen an die staatlichen Kassen haben.

  2. @ dicke bank und dicke backen? Seid ihr verwandt?

    Ich lach mich schlapp. 😀

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