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Die Grundschule – „das Stiefkind der Politik“! Warum es an der Zeit ist, Grundschullehrer endlich finanziell gleichzustellen

BERLIN. Inklusion, Integration – und mehr: Die Belastung von Grundschul-Lehrern ist im Schnitt sicher nicht geringer als die von Kollegen der weiterführenden Schulen. Trotzdem können Lehrkräfte an Grundschulen in fast allen Bundesländern von A13/E13 nur träumen.

Grundschullehrer werden in Deutschland schlechter bezahlt als Sek-II-Lehrer. Foto: Shutterstock

Grundschullehrer werden in Deutschland schlechter bezahlt als Sek-II-Lehrer. Foto: Shutterstock

Die Aktion war beispiellos: Mehr als 50 Lehrer reichten beim hessischen Kultusministerium eine Überlastungsanzeige eint – und die meisten dieser Brandbriefe kamen aus Grundschulen. Waren es zunächst rund 120 Schulen in Hessen, die mit solchen Brandbriefen ans Ministerium ihre Überforderung insbesondere in Sachen Inklusion zu Protokoll gegeben hatten, so waren es nun einzelne Lehrkräfte, die sich beim Dienstherren über ihre Lage beschwerten. Das erfordert Mut. Und ein hohes Maß an Verzweiflung.

Die Kolleginnen und Kollegen wiesen arbeitsrechtlich auf  mögliche Risiken durch die Überbeanspruchung hin. Im Klartext: Die Lehrkräfte fürchteten um ihre Gesundheit – und gaben das gegenüber dem Ministerium offiziell zu den Akten. Von den massiv überlasteten Lehrerinnen und Lehrern unterrichteten 37 an einer Grundschule, so musste das Ministerium auf die Kleine Anfrage eines Abgeordneten hin einräumen. Die überwiegenden Gründe für die Belastung während des Unterrichts seien ein gestiegenes Arbeitspensum, Mehrarbeit durch Inklusion, dreckige Schulen mit baulichen Mängeln und erschwerte Arbeitsbedingungen wegen eines sozial schwierigen Umfelds.

Wenn eine Schule – oder eine einzelne Lehrkraft – meldet, dass sie überlastet ist und ihre pädagogischen Aufgaben nicht mehr erfüllen kann, dann ist das keine Kleinigkeit. Wir erinnern uns: 2006 geriet die Berliner Rütli-Schule im Problemstadtteil Neukölln bundesweit in die Schlagzeilen, weil sie der Gewalt auf dem Schulhof nicht mehr Herr wurde – und dies in einem Brief an die Senatsverwaltung mitteilte.

Jetzt ist es also die Welle von Überlastungsanzeigen in Hessen, die ein Schlaglicht auf die Situation der Lehrkräfte bundesweit wirft, und zwar insbesondere an den Grundschulen. In den vergangenen Monaten wurden im Zusammenhang mit der Inklusion bundesweit mehrere Brandbriefe bekannt, in denen (Grund-)Schulen bekannten, dass sie die in sie gesetzten Ansprüche angesichts der zu knapp bemessenen personellen Ausstattung nicht erfüllen können.

Gesundheitliche Belastung

Das permanente Gefühl der Überlastung hat Folgen. So kam eine repräsentative Studie der Krankenkasse DAK unter Grundschul-Lehrkräften in ganz Deutschland zu besorgniserregenden Befunden. Die meisten (87 Prozent) sind mit ihrem Beruf zufrieden. Doch die gesundheitliche Belastung ist hoch: Jeder Vierte macht sich sehr große oder große Sorgen, dass er aufgrund der körperlichen und psychischen Berufsanforderungen schon vor dem Pensionsalter aus dem Beruf ausscheiden muss. Als besonders belastend bezeichneten die befragten Grundschul-Lehrer den Umgang mit verhaltensauffälligen Schülern (64 Prozent), Lärm (61 Prozent) und fehlende Erholungspausen im Schulalltag (54 Prozent). Auch „Präsentismus“ ist an deutschen Grundschulen an der Tagesordnung: Fast drei Viertel der befragten Pädagoginnen und Pädagogen sind im vergangenen Jahr mindestens einmal krank zur Arbeit gegangen, 55 Prozent davon sogar mehrmals. (DAK 2016)

Dass Grundschul-Lehrkräfte sich offenbar stärker noch als Lehrkräfte in der Sekundarstufe belastet fühlen, hat tatsächlich nachvollziehbare Gründe. Keine andere Schulform ist so stark mit der Inklusion von besonders förderbedürftigen Kindern und der Integration von Flüchtlingskindern beschäftigt wie die Primarstufe, nirgends sonst ist die Heterogenität der Schülerschaft so groß. Unlängst kam eine Studie der Bertelsmann Stiftung zum Ergebnis: „Unverändert gilt in Deutschland: Je höher die Bildungsstufe, desto geringer sind die Chancen auf Inklusion. (…) Die Grundschulen nehmen immer mehr Förderschüler auf. Doch sobald Kinder mit und ohne Handicap eine weiterführende Schule besuchen, müssen sie in der Regel getrennt lernen. Während der Inklusionsanteil in den Grundschulen 46,9 Prozent (2008/09: 33,6 Prozent) beträgt, fällt er in der Sekundarstufe auf 29,9 Prozent (2008/09: 14,9 Prozent)“, so wird berichtet (Bertelsmann Stiftung 2015). Ähnliches dürfte für Hunderttausende von Flüchtlingskinder gelten, deren erste schulische Anlaufstelle in Deutschland in der Regel die Grundschule ist – der damit der Großteil der sprachlichen und sozialen Integration überlassen bleibt.

Doch die Grundschulen sind nicht nur stärker belastet durch die aktuellen Entwicklungen im Bildungssystem als die weiterführenden Schulformen – sie haben auch noch weniger Ressourcen zur Verfügung, um die Herausforderungen zu meistern. In jedem Bundesland liegen die Ausgaben für die Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufen I und II grundsätzlich höher als für die der Grundschulen: „Dem bundesdurchschnittlichen Grundschulwert von 5.600 Euro standen 2013 in den Realschulen 5.900 Euro, in den Gymnasien und Gesamtschulen jeweils 7.500 Euro und in den Schulen mit mehreren Bildungsgängen 7.700 Euro gegenüber“, so steht es in einem Gutachten, das  der Bildungsforscher Prof. Klaus Klemm von der Universität Duisburg Essen im Auftrag des Grundschulverbandes erstellt hat.

Weniger Unterrichtszeit

Vergleicht man die Ausgaben in Deutschland mit internationalen Zahlen, wird ebenfalls deutlich, dass die Grundschulen trotz gestiegener Ausgaben weiterhin nicht besonders gut dastehen und beispielsweise hinter den USA, Großbritannien, Schweden, der Schweiz sowie Österreich hinterherhinken. Gleiches gilt auch für die durchschnittliche Unterrichtszeit (in der sich die Ausstattung mit Lehrerstellen spiegelt).

Im Schnitt der OECD-Länder haben Kinder während der ersten vier Schuljahre 3.000 Zeitstunden Unterricht. In Deutschland sind es nur gut 2.800 Stunden; die Niederlande liegen in Europa mit 3.640 Stunden ganz vorne. Innerhalb Deutschlands gibt es ebenfalls eklatante Unterschiede in Bezug auf die Wochenpflichtstunden, wie Klemm herausstellt. Auch hier ist Hamburg Spitzenreiter mit 108 Wochenpflichtstunden für Schüler. Bayerns Grundschüler kommen immerhin auf insgesamt 104 Stunden wöchentlich (Jahr 2013/2014), in Berlin und Hessen sind es hingegen nur 92 Stunden. „Der Unterschied von 16 Wochenstunden, der zwischen den beiden Stadtstaaten Berlin und Hamburg besteht, entspricht der Unterrichtszeit von mehr als einem halben Schuljahr“, zieht Klemm das Fazit in dem Gutachten.

Der Grundschulverband, der die Untersuchung in Auftrag gegeben hat, verweist auf zwei weitere Belastungen, die vor allem die Grundschulen zu tragen hätten: Zum einen das Ganztagsangebot, für das Zeit und Geld fehlt, wenn es nicht zu „einem bloßen Anhängsel werden soll“ und zum anderen das Ziel der Bildungsgerechtigkeit, da an vielen Grundschulen 30 Prozent oder mehr der Kinder aus Armutsfamilien kommen, was den Fachunterricht erheblich schwieriger mache.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zeigt sich empört „Die Grundschulen müssen endlich deutlich mehr finanzielle Mittel erhalten“, erklärte GEW-Vorstandsmitglied Ilka Hoffmann als Reaktion auf das Gutachten. Sie kritisierte, dass die hohe Unterrichtsverpflichtung der einzelnen Lehrkräfte zu wenig Raum biete, um sich den einzelnen Schülerinnen und Schülern zu widmen. „Mehr Zeit“ – dies sei insbesondere mit Blick auf den Ausbau der Inklusion und der Integration an Grundschulen sehr wichtig, so Ilka Hoffmann. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) stößt in das gleiche Horn. „Uns wundert das Ergebnis nicht. Die Politik nutzt das enorme Engagement der Lehrkräfte schamlos aus“, erklärte der Vorsitzende Udo Beckmann. Man könne die Grundschulen aber nicht zum Drehkreuz für Integration und Inklusion machen, ohne sie dafür angemessen auszustatten.

Personalprobleme

Der Landesverband Nordrhein-Westfalen des VBE hatte eine weitere Studie in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse tendenziell auch auf die anderen Bundesländer übertragbar sein dürften. Danach prägen Unterrichtsausfall und Personalprobleme den Alltag an den Grundschulen im Land. So hat mehr als jedes dritte Kollegium (37,95 Prozent) nicht die Lehrkräfte, die ihm nach dem von der Landesregierung festgelegten Personalschlüssel zustehen, heißt es in einer Pressemitteilung des VBE. Zwei Drittel der Grundschulen (62,65 Prozent) gaben außerdem an, dass sie zur Vermeidung von kurzfristigem Unterrichtsausfall keine personelle Reserve hätten. Bei einer durchschnittlichen Lerngruppengröße von 24,13 Schülerinnen und Schüler wundere es nicht, dass 69,9 Prozent der befragten Lehrkräfte angeben, dass die Schule nicht die Förderung anbieten kann, die die Schülerinnen und Schüler benötigen, um individuell gefördert werden zu können. „Das ist ein Desaster, wenn man bedenkt, dass sich in der Grundschule die gesamte Talentbreite von Kindern findet“, sagte Beckmann. Sein Fazit: Die Grundschule ist das Stiefkind der Politik.

Das lässt sich auch am Gehalt der Lehrkräfte festmachen. Nach dem Motto ‚Kleine Kinder – kleines Geld, große Kinder – großes Geld‘ werden Grundschullehrkräfte bis heute schlechter bezahlt als die Lehrerinnen und Lehrer an den anderen Schularten“, sagte GEW-Sprecherin  Hoffmann.

Die Lehrerverbände GEW und VBE machen dagegen jetzt mobil – und verlangen unisono eine finanzielle Gleichstellung von Grundschullehrkräften gegenüber Kollegen anderer Schulformen. „Grundschullehrerinnen werden noch immer strukturell benachteiligt und durch die Bezahlung nach Schuhgröße der unterrichteten Kinder finanziell schlechter gestellt“, kritisiert VBE-Chef Udo Beckmann.

Der rot-rot-grüne Berliner Senat hat mittlerweile reagiert – und will Grundschullehrkräften künftig A13/E13 zahlen. Auch für Nordrhein-Westfalen hat die neue Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) eine Besoldungsreform angekündigt – Details und Zeitpunkt sind allerdings offen. Aus anderen Bundesländern kam hingegen bislang nichts dergleichen – oder (wie in Schleswig-Holstein) ein Bekenntnis ohne praktischen Wert: „Unser Ziel ist es, die Grundschullehrkräfte mit A 13 zu besolden“, so heißt es zwar im Koalitionsvertrag der Kieler Jamaika-Koalition. Aber: „Als Konsolidierungsland können wir jedoch keine Vorreiterrolle einnehmen. Wir werden uns in der Kultusministerkonferenz für eine bundesweit einheitliche Regelung einsetzen. Unabhängig davon werden wir die Besoldung der Grundschulleitungen erhöhen“, so heißt es. Darauf, dass die KMK für „A13 für alle“ sorgt, können die betroffenen Lehrkräfte aber wahrscheinlich lange warten. Andrej Priboschek

 

 

Die Zeitschrift 'Grundschule'

Bei dem Beitrag handelt es sich um einen Artikel aus der Zeitschrift „Grundschule“ des Westermann-Verlags mit dem Schwerpunkt „A13 für alle! Warum es endlich an der Zeit ist, Grundschullehrkräfte gleichzustellen“.

Hier lässt sich das Heft bestellen oder alle Beiträge des Heftes herunterladen (kostenpflichtig).

Darunter:

„Die Besonderheit unseres Berufes liegt darin, dass wir permanent reagieren müssen“ – ein Interview mit GEW-Chefin Marlis Tepe

Gefährlicher Trend – Lehrkräfte arbeiten deutlich mehr, als sie müssen. Das belegt eine Arbeitszeituntersuchung der GEW Niedersachsen.

Kleine Kinder, kleines Geld – Die Geringschätzung der Grundschul-Pädagogik hat einen langen historischen Vorlauf in Deutschland

 

 

9 Kommentare

  1. Mit solchen Artikeln müsste die Öffentlichkeit täglich überflutet werden, damit sich endlich was verändert!!

  2. Wie oft denn noch? Gefühlt 10 mal im Monat ein Artikel zum selben Thema.

    • Ja, das finde ich auch. Aber vielleicht ist es ja Methode. 🙂

    • Bei der Arbeitszeit ist aber was passiert. In Sachsen wurde die Unterrichtsverpflichtung um 1 Stunde gesenkt. Zu wenig natürlich, aber ein erster Schritt, der auch zeigt, dass machbar ist, was wir wirklich brauchen: deutliche Entlastungen (die natürlich auch Geld kosten).

      Das schreibe ich gefühlt auch schon zum 10-ten Male (Sachsen), ansonsten gefühlt zum 100-ten Male. 🙂

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