Lehrermangel: Gebauer kündigt “Pakt” mit Unternehmen an, die Mitarbeiter in die Schulen schicken sollen

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DÜSSELDORF. „Der Arbeitsmarkt stellt sich für Lehrkräfte sehr positiv dar. Die Zahl der erwerbstätigen Lehrkräfte ist steigend und die Arbeitslosigkeit ist äußerst gering“, so heißt es in einem aktuellen Bericht der Bundesagentur für Arbeit. Kein Wunder: Bundesweit macht sich insbesondere an den Grundschulen ein zunehmend dramatischer Lehrermangel bemerkbar. Für die verantwortlichen Politiker wird es immer schwieriger, freiwerdende Stellen zu besetzen – so auch für die nordrhein-westfälische Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP). In einem Interview kündigte sie nun an, einen „Pakt“ mit Unternehmen schließen zu wollen. Sie sollen Fachkräfte in die Schulen schicken.

Die Landesregierung werde besoldungsrechtliche Konsequenzen aus der schon 2009 reformierten Lehrerausbildung ziehen, sagte Yvonne Gebauer. Foto: Magubosc / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
Muss den Lehrermangel verwalten: Yvonne Gebauer, Schulministerin von NRW seit vergangenem Juni. Foto: Magubosc / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

„Es gibt erste positive Tendenzen, aber nach wie vor betrübt mich die Situation. Wir haben mittlerweile 72 Prozent aller zur Verfügung stehenden Lehrerstellen besetzt. Anfang des Schuljahres waren es noch 53 Prozent“, so erklärte Gebauer gegenüber der „Rheinischen Post“. „Das ist besser, aber noch nicht gut genug.“ In den Grundschulen sei der Mangel groß, andererseits gebe es für die Gymnasien in bestimmten Fächerkombinationen immer noch zu viele Bewerber. Sie befürchte, „dass vielen angehenden Oberstufenlehrern die Situation in den nächsten Jahren nicht ganz klar ist.“ Die Konkurrenz an den weiterführenden Schulen werde nämlich immer größer.

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„Vielleicht motiviert auch das den einen oder anderen noch, das Angebot zu nutzen und für zwei Jahre an Grundschulen zu unterrichten“, so sagte sie. Das Schulministerium hatte zum Schuljahresbeginn 2400 Lehrkräfte der Sekundarstufe I und II ohne feste Stelle angeschrieben, um sie für die Grundschule zu gewinnen – mit bescheidenem Erfolg. Gerade mal 60 Verträge wurden bislang im Rahmen der Aktion abgeschlossen.

Auch an den Grundschulen ist der Bedarf recht unterschiedlich – hier machen sich regionale Vorlieben von Bewerbern bemerkbar. „In Paderborn werden Sie kaum unbesetzte Grundschulstellen finden, in Duisburg sehr viele. Wir wollen deshalb mit dem Wissenschaftsministerium darüber sprechen, an den Mangel-Standorten zusätzliche Studienplätze einzurichten, also etwa im Ruhrgebiet. Wir wissen, dass sich Studierende sehr ungern auf Reisen machen“, erklärte Gebauer. Der Seiteneinstieg an Grundschulen sei bereits ausgereizt. „Wir werden aber in den kommenden Jahren auch neue innovative Wege gehen müssen, weil uns der Nachwuchs fehlt“, betonte die FDP-Politikerin.

“Kenntnisse direkt aus der Praxis”

Ihr Vorschlag: „Wir wollen Unternehmen und andere gesellschaftliche Gruppen ermutigen, ihr Personal und ihre besondere Expertise vor allem in den Mint-Fächern stundenweise den Schulen zur Verfügung zu stellen. Damit werden, anders als bei Seiteneinsteigern, keine freien Stellen besetzt. Es geht darum, sich ein Stück weit Expertise mit einem anderen Blickwinkel in die Schulen zu holen und den Kindern Kenntnisse direkt aus der Praxis zu vermitteln.“ Erste Gespräche darüber habe es mit der IHK und der Handwerkskammer gegeben.

Wie sieht es mit besserer Bezahlung aus, um den Lehrerberuf attraktiver zu gestalten? „Selbst als Ministerin habe ich hier wenig Spielraum. Das Besoldungsrecht für Beamte ist gesetzlich geregelt, für Angestellte im öffentlichen Dienst ist die Grundlage der Tarifvertrag“, sagte Gebauer und betonte: „Den Lehrermangel lösen wir auch nicht nur über Geld. Wir werden die Attraktivität und die Anerkennung des Berufs steigern müssen. Deshalb starten wir auch nächstes Jahr eine große Lehrerwerbekampagne.“

Hier geht es zum vollständigen Interview mit Yvonne Gebauer in der “Rheinischen Post”.

Aus dem Bericht der BA

Im Bericht der Bundesagentur für Arbeit zur aktuellen Situation auf dem Lehrer-Arbeitsmarkt heißt es unter anderem:

„Fast 800.000 Lehrkräfte waren im Schuljahr 2016/17 an allgemeinbildenden und an berufsbildenden  Schulen tätig (ohne geringfügig Beschäftigte). Damit  hat die Lehrerzahl gegenüber dem Vorjahr  erkennbar zugenommen (+1,1 Prozent), was nicht zuletzt durch den erhöhten Bedarf durch die Fluchtzuwanderung beeinflusst ist.  Auch im  Zehn -Jahres -Vergleich ist ein leichter  Anstieg des Lehrpersonals zu beobachten (+0,8 Prozent).“

„Rund ein Drittel aller Lehrkräfte arbeitet als Angestellte, etwa zwei Drittel sind verbeamtet.“

„Die Arbeitslosigkeit von Lehrkräften ist gering. Im Oktober 2017 waren insgesamt 7. 8 00 Arbeitslose gemeldet, die eine Tätigkeit als Lehrkraft an allgemeinbildenden Schulen oder in der Berufsbildung suchten.“

„Die Arbeitslosigkeit ist für Personen, die einen Lehramtsabschluss  erworben haben,  sehr gering. Rechnerisch ergibt sich  eine Arbeitslosenquote von  1, 3 Prozent. Das ist selbst für akademische Berufe eine äußerst geringe Quote (durchschnittlich 2, 7 Prozent) und gegenüber  dem Vorjahr ein Rückgang um 0,1 Prozentpunkte.“

Hier geht es zum vollständigen Bericht.

bibo / Agentur für Bildungsjournalismus

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14 KOMMENTARE

  1. Da freu ich mich aber jetzt schon. Kollegen aus der freien Wildbahn im Biotop Schule, die den “Beamtenärschen” einmal zeigen, wie’s geht. Vor allem in so einem schönen Fach wie NW. Mal sehen ob der Diplom-Chemiker besseren Physik- oder Biounterricht macht als ein Chemielehrer.

    Blöd nur, dass viele Landesbehörden Stellen in der technischen Verwaltung nicht besetzen können – oder warum bleiben z.B. bei Strassen-NRW so viele Ausschreibungen liegen bzw. können gar nicht erst erstellt werden.

    Entweder hat die freie Wirtschaft einen FAchkräftemangel oder nicht. Und wenn der Fachkräftemangel vorallem in naturwissenschaftlichen und ingenieurwissenschaftlichen Bereichen so groß ist, warum sollten dann Wirtschaftsunternehmen ihre raren Fachkräfte an Schulen ausleihen? Oder wird hier für Alternativen zum betrieblichen Eingliederungsmanagement (Elefantenfriedhof) gesucht?

    • Ich habe wie Sie große Zweifel beim Chemieunterricht durch den Diplomchemiker aus mehreren Gründen:
      – Der Diplomchemiker ist gewohnt, dass alle benötigten Materialien ausreichend vorhanden sind und funktionieren.
      – Je nach Position im Unternehmen macht der Diplomchemiker keine echte Chemie mehr und / oder hat Personal, das ihm die Experimente aufbaut.
      – Der Diplomchemiker wird zuhause im Zweifel keinen Finger krumm machen für die Arbeit – es sei denn sie wird z.B. in Form von Homeoffice bezahlt.
      – Die Unternehmen werden den Teufel tun und einen Diplomchemiker bezahlt für zwei Vormittage pro Woche freistellen. Der Diplomchemiker wird den Teufel tun und sich für den (im Vergleich zum Stundensatz im Unternehmen) lächerlichen Stundenlohn den Stress von Schule antun — erst recht nicht die unbezahlte Vor- und Nachbereitungszeit.

        • Nicht wahr ;-)? Ich hätte noch ergänzen können, dass ein Diplomchemiker nicht mehr mit Overheadprojektoren und sonstige technische Grundausstattung arbeitet, die älter als fünf Jahre ist. Hochspezialisierte Sonderanfertigungen nehme ich davon mal aus, die werden in der Schule aber ohnehin nicht eingesetzt.

  2. Ich finde den Ansatz auch “interessant”, vor allem, dass der Lehrerberuf attraktiver wird, weil eine Werbekampagne geschaltet wird.
    Gleichzeitig übernehmen Handwerker in den Schulen den Unterricht ohne Lehrerstellen zu besetzen, obwohl sie gleichzeitig den Lehrermangel aufheben sollen (?), und die Ministerin stellt damit klar: “Lehrer kann jeder!” und “Lehrer benötigen Experten von außen”.
    Was bleibt für Lehrer? Sämtliche Bürokratie, Schulentwicklung etc. im kleineren Lehrer-Team + die Einarbeitung von schulformübergreifend Abgeordneten, Quer-/Seiteneinsteigern UND Handwerkern.

    • Schlaglöcher werden auch sehr oft mit kaltem Asphalt geflickt. Das geht schnell und ist für die Kommune preiswerter, aber nicht so haltbar und damit langfristig teurer.

  3. Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Ich akzeptiere das.

    Aber im Prinzip ist das doch nichts anderes als die Quereinsteiger / Seiteneinsteiger, die es doch in Hülle und Fülle gibt (wenngleich es nicht alle packen).

    Was soll jetzt anders sein?

      • … wobei mich ja der Optimismus wundert:
        Wenn von 2400 angeschriebenen SekII-LuL (also Lehrern!) gerade einmal 60 eine Stelle an der Grundschule angenommen haben (wohlgemerkt als Lehrer!),
        warum sollten dann Menschen, die einen Beruf außerhalb der Schule ergriffen haben (also Nicht-Lehrer), in die Schulen strömen?

  4. Frau Gebauer, dies ist der falsche Ansatz, dem Problem der fehlenden Lehrer zu begegnen, in dem man Personal aus der Industrie einsetzt, und dann noch ohne eine pädagogische Befähigung, diese in das Biotop Schule versetzt.

  5. “Wir wollen Unternehmen und andere gesellschaftliche Gruppen ermutigen, …”

    Wenn die Unternehmen Experten für MINT-Fächer schicken, dann klingt das ja noch halbwegs vernünftig. Aber wenn ich was von “gesellschaftlichen Gruppen” höre, dann schrillen bei mir alle Alarmglocken. Dann kommen Gewerkschafter und lehren soziale Gerechtigkeit, dann kommen Pfaffen und lehren Flüchtlingspolitik oder sonstwas (nicht nur Religion), dann kommen die Parteien und lehren Geschichte und Politik gemäß ihren Parteitagsbeschlüssen usw. usw.
    Davor kann ich nur warnen. Eine gewisse Legitimation müsste schon vorhanden sein und eine klare Affinität zum Schulfach auch, nicht nur die Tatsache, eine “gesellschaftliche Gruppe” zu sein. Aber vielleicht könnten ja ein paar Manager aus den mittleren Ebenen vorübergehend die Schulleitung von sog. “Brennpunktschulen” übernehmen? Und sei es nur, um zu demonstrieren, wie das geht.

  6. Interessant wäre ja auch zu erfahren, zu welchem Stundensatz die erbrachten Leistungen abgerechnet werden. Erhalten diese Honorarkräfte einen höheren Stundensatz als reguläre Lehrkräfte für die geleistete Mehrarbeit (MAV). Wenn das so ist, müsste ich meine Unterrichtsverpflichtung absenken , mir einen Nebenverdienst von der Bez.-Reg. genehmigen lassen und weitere Stunden als Honorarkraft mit ingenieurwissenschaftlichem Abschluss erbringen. Das wäre doch einmal ein Geschäftsmodell:)

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