Start Titelthema Der umstrittenste Beitrag 2012: Wie gut ist “selbstorganisiertes Lernen”?

Der umstrittenste Beitrag 2012: Wie gut ist “selbstorganisiertes Lernen”?

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HOMBURG. Ein Modellversuch zum “selbstorganisierten Lernen” in Homburg zeigt gute Ergebnisse. Das Thema wird auf News4teachers zum meist kommentierten Beitrag 2012.

Besucher der Robert-Bosch-Schule Homburg werden auf den ersten Blick die sonst üblichen Anweisungen und Vorträge der Lehrer vermissen. Die Schülerinnen und Schüler vermissen das nicht:  Sie lernen konzentriert allein oder in Gruppen.

In der Robert Bosch-Schule Homburg findet Unterricht als Instruktion nur hin und wieder statt, besonders zur Einführung in neue Themen und Arbeitsgebiete. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse und Methoden des Selbstorganisierten Lernens haben innerhalb kürzester Zeit zu einer erstaunlichen Steigerung der schulischen Leistungen und zu einem förderlichen Arbeitsklima geführt, bestätigen Forscher des Universitätsklinikums des Saarlandes. Die Lehrkräfte sind fachlich und didaktisch gefordert, ansonsten begleiten und beraten sie die Lernarbeit, wo sie gebraucht werden.

Aber von vorne: Alles begann mit dem Ziel der Schulleitung, die Unterrichtskultur zu reformieren. Im Wesentlichen ging es darum, über eine Umgestaltung der Arbeitsweise in den Schulen die schulischen Leistungen sollen tragfähige Anschlüsse in die Berufsausbildung darstellen. die Schulleitung hatte den Eindruck, dass eine einfache Umstellung der Lehrpläne oder eine Intensivierung der Lehrtätigkeit hier nicht weiterhalfen. Die Lehrkräfte wollten vielmehr neurowissenschaftliche Erkenntnisse über Lernprozesse und deren biologischen Grundlagen bei der Neuausrichtung des Unterrichtens und Lernens der Schule nutzen. Leiterin Barbara Naumann wandte sich an das Universitätsklinikum des Saarlandes, mit dem sie bereits seit Jahren zusammenarbeitete.

Neurowissenschaftler empfehlen Kindern so viel wie möglich selber zu machen

Gemeinsam mit Neurowissenschaftler Christoph Krick plante sie, konsequent selbsttätiges Lernen einzuführen. Das klappt nach den bisherigen Ergebnissen der Gehirnforschung umso besser, je mehr das Lernen im Miteinander und in Erwartung des erfolgreichen Anwendens des Erlernten passiert. „Lehrer können die Schulkinder – auch mit noch so viel Lehrtätigkeit – nicht lernwilliger machen. Lernen passiert nämlich im Kinderkopf durch Nachdenken und Selbermachen entsprechend zuvor präsentierten Ideenskizzen. Beim Nachdenken und Lernen sollte man dann die Lernfreude der Kinder nicht durch langatmigen Unterricht stören“, sagt Krick.

Dr. Christoph Krick, Neurowissenschaftler des UKS, Barbara Naumann, Leiterin der Robert-Bosch-Schule, Professor Ulrich Herrmann im Lernatelier (v.l.n.r.). (Foto: UKS Rüdiger Koop)
Dr. Christoph Krick, Neurowissenschaftler des UKS, Barbara Naumann, Leiterin der Robert-Bosch-Schule zeigen dem Professor für Erziehungswissenschaft Ulrich Herrmann das Lernatelier (v.l.n.r.).
(Foto: UKS Rüdiger Koop)

Die neue Unterrichts- und Lernkultur wird seit August 2012 praktiziert und zeigt überraschend schnell sehr positive Ergebnisse, melden die Wissenschaftler jetzt. Die Kinder hätten ihre schulischen Leistungen enorm gesteigert. Schüler, die zuvor in der Grundschule erhebliche Probleme mit dem Rechnen hatten, erreichen nun vielfach sehr gute Ergebnisse. Das Klassenklima ist außergewöhnlich freundlich und das Organisationstalent der Fünftklässler bewundernswert. Die Schülerinnen und Schüler beraten sich gegenseitig über ihre Arbeits-, Lernziele und individuellen Lernstrategien, so dass die Lehrpersonen mehr Freiraum als sogenannte „Lernberater“ gewinnen. Die Kinder ziehen sich zum eigenverantwortlichen Lernen auch mal gerne in eines der sogenannten Lernateliers zurück, um dort konzentriert zu arbeiten. Lerndruck oder Versagensangst seien einem zielorientierten Miteinander beim Lernen gewichen. Die Motivation der Schulkinder lasse sich auch damit erklären, dass der individuelle Lernerfolg beim Erarbeiten und Anwenden des Wissens in Lerngruppen zu einem großen Teil durch die Kinder selbst dokumentiert, reflektiert und bewertet wird. Dabei geben „Ich kann“-Listen zum Protokollieren des Erreichten und Punktekonten („Ich habe folgende Tätigkeiten erfolgreich abgeschlossen“) zum Selbstbewerten sowohl Stütze als auch Transparenz und Anreiz auf dem Weg zu den Arbeitsergebnissen.

Der Weg dahin bedeutet viel Arbeit für die Lehrkräfte

„Diese Initialzündung in den fünften Klassen soll nun in der gesamten Schule etabliert und noch verfeinert werden“, kündigt die Leiterin der Schule, Barbara Naumann an. „Der Erfolg spricht für sich, und das Kollegium profitiert ebenfalls vom besseren Lern- und Arbeitsklima.“ Doch auf dem Weg dieser Umgestaltung muten sich insbesondere die beteiligten Lehrerinnen und Lehrer viel Arbeit zu, denn sie müssen nicht nur ihre Rolle im Unterricht neu erfinden und neue Erkenntnisse über das Schülergehirn berücksichtigen, sondern sie investieren auch viel Fantasie und Kreativität in die Unterrichtsvorbereitung – oder richtiger: in die Arbeitsmaterialien, mit denen die Schülerinnen und Schüler ihre Lernarbeit organisieren und durchführen können. Diese Vorbereitungsarbeit wird insgesamt aufwändiger, da die kindgerechten Instrumente zur klassen- und fächerübergreifenden Steuerung und Selbstbewertung der Lernarbeit noch weitgehend Neuland sind.

Das Landesinstitut für Pädagogik und Medien (LPM) steuert Mittel für die Fortbildung für das anwendertaugliche Umsetzen des „Selbstorganisierten Lernens“ (SOL) bei, das in Ulm durch das Institut für Selbstorganisiertes Lernen entwickelt wurde. Die Robert-Bosch-Schule kann zudem auf die Erfahrungen der ausgebildeten SOL-Trainerin, Anne Preisinger, zurückgreifen, da sie zugleich Fachlehrerin an dieser Schule ist.

Die Auswirkungen der neuen Unterrichtskultur sollen dokumentiert werden, um sowohl Aussagen zu Belastungen und Vorteilen zu gewinnen, als auch Effekte auf kognitive und emotionale Prozesse des Lernens zu messen. Daher wird im Augenblick der neue schulische Ansatz durch Dr. Krick wissenschaftlich begleitet. An dieser forschenden Beobachtung ist auch die Kinder- und Jugendpsychiatrie des UKS beteiligt, um zu prüfen, ob ein kindgerechtes Schulklima zugleich auch das Risiko für seelische Erkrankungen im Jugendalter mindert. Die Universität des Saarlandes fördert die neurowissenschaftliche Begleitung des neuen Unterrichtsmodells über Forschungsmittel. nin

(1.12.2012)

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klexel
13 Jahre zuvor
mehrnachdenken
13 Jahre zuvor
Antwortet  klexel

@ klexel
Was dort steht, klingt sehr spannend. Wenn ich mir allerdings das gestrige “Duell” zwischen dem niedersächsischen Ministerpräsidenten und seinem Herausforderer noch einmal vergegenwärtige, brauchen wir noch sehr lange für die Neuausrichtung des Unterrichtes. Dass es dafür aber immer mehr Denkanstöße gibt, finde ich schon einmal prima.

angi05
11 Jahre zuvor
Antwortet  klexel

Wie ist es möglich, hier im Forum die Nacht zum Schreiben zu nutzen und am Tag fröhlich den Kindern das Lesen und dergleichen mit Geduld zu vermitteln?

Dr. Christoph Krick
13 Jahre zuvor

@mehrnachdenken:
“Vergessen” ist ein komplizierter (aktiver) Prozess, der dadurch geregelt wird, dass der Zugriff auf “relevante” Gedächtnisinhalte optimiert wird. Wissen, das gefühlt als vergessen bemerkt wird, kann ja nicht vergessen sein, denn sonst würde man sich ja nicht daran erinnern, dass es mal “relevant” gewesen war. Wenn Sie mal hinterfragen, inwiefern die Inhalte des Chemie-Unterrichts für Ihre Lebenswirklichkeit relevant ist, dann müssten Sie sich doch arg den Kopf darüber zerbrechen, oder…? – Dieses Wissen war nur für die Klausuren “relevant”. Nachdem die Klausur geschrieben war, hatten diese Gedächtniseinträge keine Relevanz mehr, so dass sie “vergessen” wurden. Dieses “learning for test” bestimmt im Grunde den Schulalltag. Wir stopfen den Lehrplan voll mit Details, die eigentlich von den wesentlichen Bedeutungen, Regeln und Beziehungen unserer Welt ablenken. Das Lernen von Details schult dann eben bloß die Lernnetzwerke, was an sich ja nicht verkehrt ist. Das Besprechen von Lernstrategien (“Lernen lernen”) und basalen Fertigkeiten (Lebenskompetenz) kommt aber (deswegen?) zu kurz.

Ich unterhalte mich zuweilen mit Senior-Studenten, die im Rentenalter gerne jene akademischen Bemühungen nachholen, die aufgrund äußerer Zwänge im Jugendalter nicht möglich waren. Die Senioren sind regelmäßig völlig verblüfft, wie schnell Gedächtnisinhalte aus der Schulzeit plötzlich wieder präsent sind, weil sie “relevant” werden…

Diese persönliche Relevanz der Gedächtniseinträge lässt sich leicht anhand mehrdeutiger Begriffe untersuchen. Nehmen wir das Wörtchen “sauer”:
Wahrscheinlich würden Sie an Zitronen oder Sauerkraut denken.
Ein pubertierender Jugendlicher würde die “schlechte Stimmung” seiner Eltern im Anschluss an eine Hausaufgabenkontrolle erinnern.
Ein Chemiker würde wohl vor dem inneren Auge die Beziehung “pH < 7" sehen…
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@Nathalie:
Das Lesen beruht auf einer dualen Leistung: Klangbilder erkennen und Wortbilder erinnern. Die Wortbilder werden übrigens dort verarbeitet, wo wir (als soziale Lebewesen) Gesichter wiedererkennen. Je häufiger wir eine Person gesehen haben, umso leichter werden wir dem Gesicht einen Namen geben können. So funktioniert auch lesen. Dazu muss man dieses Wiedererkennen anhand von Text natürlich entsprechend häufig wiederholen. Und das passiert eben nicht mehr, weil die Kinder immer weniger freiwillig lesen.

orbita
13 Jahre zuvor

@Dr. Krick
“Das Lesen beruht auf einer dualen Leistung: Klangbilder erkennen und Wortbilder erinnern.”
Das ist sehr allgemein.
Im Leseförderunterricht mache ich gute Erfahrungen mit der “Vorentlastung” aus dem DaZ Unterricht.
Man beschafft ein Bild zum Lesetext und bespricht das Bild mit den Schülern. Schwierige oder evtl unbekannte Wörter führe ich in dieses Gespräch ein und lasse die Schüler diese Wörter möglichst benutzen. Ebenso verfahre ich mit im Text auftauchenden evtl unbekannten grammatischen Konstruktionen.

Eine besondere Schwierigkeit des Deutschen ist der wechselnde Satzbau. Im Englischen erkenne ich das Subjekt sofort an seiner Satzstellung.

Im Deutschen nützt mir das Klangbild bspw. eines einleitenden “Einen …”, “Einem …” oder “Eines …” nichts.
Ich muss bis zum allerletzten Buchstaben ganz genau lesen.
Erst er verrät mir im Zweifel, ob ich einen Nominativ, Akkusativ oder Dativ vor mir habe und ich also das Subjekt oder ein Objekt/adv Bestimmung erlesen habe.
Sinnentnehmend Sätze und Texte lesen ist eine hohe Kunst im Deutschen.

mehrnachdenken
13 Jahre zuvor

@ Dr. Krick
Was Sie schreiben, trifft für das Fach Chemie bei mir nicht zu. Wir hatten einen Chemielehrer, der uns das theoretische Rüstzeug vermittelte, damit wir z.B. chemische Reaktionen formelmäßig darstellen konnten. Ich brauchte niemals eine Formel auswendig zu lernen, weil ich sie “locker” entwickeln konnte. Jeden Versuch konnte ich ohne Probleme in einer Formel darstellen. Ich beherrschte den Lernstoff sogar so sicher, dass ich auch überraschend geschriebene Klausuren gut bewältigte. Da war ich übrigens zur damaligen Zeit nicht der Einzige. Deshalb bin ich ja so verblüfft, dass ich nichts – oder ich sollte evtl. besser schreiben “scheinbar nichts” – behalten habe. Unser Chemielehrer wusste offensichtlich bereits in den 70er Jahren, auf welche Lernstrategien es ankam.

Dr. Christoph Krick
13 Jahre zuvor

@Orbita:
Der Prozess des Lesens ist natürlich (als Voraussetzung) zu trennen von der semantischen Verarbeitung der Inhalte. Der erste Verarbeitungsschritt variiert interkulturell mit der Art der Schrift. Und – da haben Sie ganz recht – der zweite Prozess variiert in der mentalen Anforderung mit der Komplexizität der jeweiligen Grammatik einer Sprache. In der deutschen Sprache ist zudem die Anforderung an das verbale Arbeitsgedächtnis besonders groß, da diverse grammatikalische Beziehungen gegenwärtig gehalten werden müssen, um am Ende einen längeren Satz verstehen zu können.

Im übrigen finde ich Ihre bebilderte Vorgehensweise sehr bemerkenswert, da diese auch systematisch als “advance organizer” (oder kuz “AO”) in SOL Anwendung findet. Kluge Ideen konvergieren also immer wieder auf dieselben Strategieb…

Nathalie
13 Jahre zuvor

@orbita
Sie schreiben: “Ein Satz wie aus Ihrem Post: “Sich mit immer Neuem zu schmücken …” würde wohl in, sagen wir Ingenieursforen, Wirtschaftsforen usw verständnisloses Kopfschütteln auslösen. Neues per se abzuwehren und schlecht zu machen, würde dort noch nicht einmal als (schlechter) Witz verstanden werden.”
Da haben Sie Recht.
Ich lehne Neues auch nicht per se ab.
Außerdem halte ich den Vergleich mit der Ingenieurskunst für unangebracht, weil hier Neues tatsächlich fast immer Fortschritt und Verbesserung bedeutet. Eventuelle Fehlentwicklungen werden in der Regel schnell erkannt und beseitigt. Hier wäre es unmöglich, dass sich Untaugliches durch Schönreden am Markt behauptet.
Bei der freien Wirtschaft ist es ähnlich – allerdings nicht in der Finanzwirtschaft und erst recht nicht in der Staatswirtschaft. Letztere kennen auch Neues zur Genüge, das bewährtes Altes nicht verbessert, sondern durch Neues verschlimmert hat, was aber oft erst nach Jahren und Jahrzehnten offen zutage trat und eingestanden werden musste.
In der Pädagogik sieht die Schönrederei falschen Tuns besonders schlimm aus, weil die Profiteure von Reformen oft nicht die Schulen und Schüler sind, sondern Politiker mit ihrem Durst auf Profilierung durch Neues sowie Fachleute, die davon leben, dass sie Altbewährtes in Frage stellen, um Änderungen durchzuführen, an deren Entwicklung und Einführung sie beteiligt sind, diese begleiten und oft auch von der Erstellung neuen Lernmaterials profitieren.
Von der aufgeblähten “Bildungsindustrie” ernährt sich heute eine Heerschar von Schmarotzern bis hin zu kommerziellen Nachhilfeketten, die ihre Niederlassungen in jedem größeren Ort haben, weil schwache Schülerleistungen trotz sinkender Anforderungen und Leistungsstandards die Nachfrage ständig steigen lassen.
Für mich ist das Feld der Pädagogik eins der missbrauchsanfälligsten, das es gibt. Auf ihm wurde in den vergangenen Jahrzehnten ständig Neues eingeführt unter der Parole “Fortschritt und Verbesserung”. Wir müssten inzwischen Weltmeister in Sachen Bildung sein, wenn Neuerungen hier so funktionierten wie in der Ingenieurswissenschaft.
Weltmeister in Sachen Schulleistung waren wir nachweislich vor 50 Jahren. Danach gaben sich die Reformen in immer kürzeren Abständen die Klinke in die Hand und es ging kontinuierlich bergab statt bergauf.
Nein, Neues lehne ich in der Pädagogik nicht grundsätzlich ab, aber ich beobachte es kritisch und lasse mich erst dann überzeugen, wenn es mir einleuchtet und vor allem gute Ergebnisse zeigt. Einreden lasse ich mir möglichst nichts mehr durch fromme Redensarten und Respekt einflößenden Fachjargon.

wetterfrosch
13 Jahre zuvor

@nathalie vom 13. Januar
Ich teile Ihre Ansicht, Nathalie. Meiner Meinung nach hängen der Filz und die Korruption im Bildungsbereich nicht zuletzt mit dem staatlichen Bildungsmonopol zusammen. Auch wenn es immer mehr Privatschulen gibt, die sich aus gutem Grund wachsender Beliebtheit erfreuen, so stellen sie doch noch längst keine echte Konkurrenz dar, weil sie vom Geldbeutel der Eltern abhängen und zu wenige sie sich leisten können.
Mehr Wettbewerb täte dem Schulunwesen gut, weil er nur Neuerungen belohnen würde, die echte Vorteile bringen anstatt “des Kaisers neue Kleider”.
Es ist typisch für das Mini-Bundesland Bremen, das es bisher erfolgreich Privatschulen durch Gerichtsbeschlüsse verhindern konnte und zugleich die rote Laterne bei vergleichenden Tests von Schülerleistungen hält. Kein Bundesland ist so reformfreudig wie das seit Jahrzehnten von der SPD regierte Bremen. Sagt uns das nicht alles über die Qualität von Erneuerungen im staatlichen Bildungsbetrieb?

zac93
13 Jahre zuvor

Nichts ist so beständig wie ein Vorurteil: Bremen hat mit ca. 10% einen Platz in der bundesweiten Spitze beim Anteil der Schulen in freier Trägerschaft. Demnach müssten wir in unserem Bundesland der Aussage von wetterfrosch folgend bei Pisa immer total gut abschneiden. Könnte die Ursache für unsere PISA-Platzierung darin liegen, dass in unserem Land ca. 1/3 der Kinder in Armutsverhältnissen leben und der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund bei den Einschulungen knapp 50% beträgt? Soweit hierzu. Zum Thema “Selbstorganisiertes Lernen”. Die vorstehenden Debattenbeiträge sind ganz typisch für unseren Berufsstand. Fakt ist doch, dass wir in den klassischen Unterrichtsformen die SuS immer weniger erreichen, weil die heutige Gesellschaft eine andere als die vor 20 Jahren ist und auch in 20 Jahren anders aussehen wird. Das Kollegium an der Schule, an der ich gearbeitet habe, hat bereits vor gut 15 Jahren damit begonnen, die Selbstverantwortung der SuS in den Lernprozessen erheblich wesentlich zu steigern. Zum Konzept :http://www.bwpat.de/ausgabe4/praxis_SZ_Walle_bwpat4.shtml. Es handelt sich übrigens um eine Berufsschule aus dem Bereich der Ausbildung gesundheitlicher Fachberufe im Dualen System. Die Unterrichtsform wurde u.a. im Rahmen eines Bundesmodellversuchs “LehrerInnen und SchülerInnen im Team -LUST” unterstützend weiterentwickelt. Durch diese Entwicklungen hat sich das Lernverhalten der SuS deutlich verbessert und das gleiche gilt für die Ergebnisse. Durch die mit diesem Prozess verbundene Teamarbeit sind die Lehrkräfte auch etwas aus ihrer Einzelkämpfersituation herausgekommen, was sie überweigend positiv beurteilen. Der Leistungsstand der Auszubildenden wird am Ende der Ausbildung extern durch die Kammern überprüft und siehe da, die sind zufrieden. Im Rahmen einer externen Evaluation der Schule (www.szwalle.de) haben die einbezogenen Ärzte und Zahnärzte eine Verbesserung der Ergebnisse konstatiert. Die Steigerung der Selbstverantwortung in den Lernprozessen ist im Bereich der Beruflichen Schulen sehr breit angelegt, weil durch die Bundesrahmenpläne der Lernfeldunterricht sogar institutionell vorgegeben ist. Warum werden diese Entwicklungen häufig so schwarz/weiß diskutiert? Natürlich nutzen die Bertelsmänner und Co die gesellschaftlichen Veränderungen, um ihre kommerziellen Interessen durchzusetzen. Sind aber deswegen die Maßnahmen, die als Reaktion erfolgen, falsch? Nein. es kommt darauf an, sich im Schulalltag diesen Herausfordeungen zu stellen und die Alltagsarbeit im Rahmen der zugegeben sehr beschränkten Möglichkeiten zu entwickeln. Wenn dieses eben nicht durch die Kollegien passiert, wird damit den Bertelsmännern erst recht Tür und Tor geöffnet, weil dann die Kollegien nur noch deren Angebote mangels eigener Vorstellung konsumieren können.

wetterfrosch
13 Jahre zuvor

@zac93
Wer wissen will, wie es mit Privatschulen in Bremen aussieht, kann dies hier nachlesen:
http://www.taz.de/!98383/

Dagmar Bernig
13 Jahre zuvor

Hallo,
ich lebe seit nahezu zehn Jahren in Schweden. Ich habe meine Enkel insgesamt von der Vorschule bis jetzt zum Abitur begleitetund arbeite als Muttersprachlehrer für Deutsch in verschiedenen Schulen. Dabei konnte ich mir einen guten Einblick in die Methode des selbständigen Lernen, wie es hier üblich ist, bekommen.
Ich denke, dass
1. Damit nicht erst in der fünften Klasse anfangen kann, sondern daram müssen die Kinder schrittweise von der Vorschule an gewöhnt werden
2. Die Lehrer müssen dafür ausgebildet werden.
3. Sind hier in den ersten Jahren immer mindestens zwei Lehrer im Unterricht anwesend.
4. Alle Arbeitsmaterialien bis hin zum Stift werden von der Schule bereitgestellt, so dass der Arbeitsprozess nicht durch fehlende Materialien gestört wird.
5. Eine gute Arbeitsdisziplin und -ruhe ist unbedingt erforderlich.

Es gibt keine Methode, die alleinig optimal ist, so müssen die Erfordernisse des Arbeitsthemas berücksichtigt werden. Beispielsweise hat man erkannt, dass man die Schüler in Mathematik nicht in so großem Umfang selbständig lernen lassen kann, wie das hier geschehen ist, die Ergebnisse waren zu schlecht.
Dann darf man nicht vergessen, dass die Schüler hier erst ab Kl. 6 Zensuren bekommen. Damit fällt ein erheblicher Teil des leistungsdrucks weg. Außerdem besuchen alle Schüler die Grundschule bis Klasse 9 und erst danach das Gymnasium. Auch das begünstigt m. M. nach die hier angewndte Methode.

Birgit
13 Jahre zuvor

@Dagmar Bernig
Sie schreiben: “Beispielsweise hat man erkannt, dass man die Schüler in Mathematik nicht in so großem Umfang selbständig lernen lassen kann, wie das hier geschehen ist, die Ergebnisse waren zu schlecht.”
Ihre Aussage ist insofern besonders interessant, weil die Lehrkräfte der Robert-Bosch-Schule und Herr Dr. Krick nach 3 Monaten Ausprobierens der Methode SOL zu dem Ergebnis kommen: „Schüler, die zuvor in der Grundschule erhebliche Probleme mit dem Rechnen hatten, erreichen nun vielfach sehr gute Ergebnisse.“
Mich macht immer wieder misstrauisch, dass sog. Modellversuche ausnahmslos positiv bewertet werden, ja fast schon wundersame Heilsmethoden suggerieren, jedenfalls sind mir Misserfolge nicht bekannt. Es wirkt so, als ob sich alle Beteiligten fieberhaft darum bemühten, dem Versuch – und mit ihm sich selbst – Erfolg zu bescheinigen.
Und so kommen dann immer wieder Reformen zustande, die erst im Schulalltag ihre Schwächen und Tücken zeigen. Dann aber werden die unfähigen und angeblich fortbildungsfaulen Lehrer für mangelhafte Erfolge verantwortlich gemacht.
Warum müssen diese ständigen Reformen sein, die mit Macht in die Schulen hineingedrückt werden und in den vergangenen Jahrzehnten mehr Unheil als Heil bedeuteten trotz vorausgehender „Studien“ bzw. „Untersuchungen“ und begeisterter Lobeshymnen?
Frau Pfeiffer-Stolz hat in ihrem zweiten Kommentar vom 7. Dez. dazu sehr Sinnvolles geschrieben. Jedenfalls haben mir ihre Worte eingeleuchtet:
„Der schädliche Reformirrsinn an den Schulen hat Methode. Die politisch vorgespurten Wege sind Einbahnstraßen, weil sie bereits im Vorfeld kommerziell verankert werden. Verträge werden geschlossen, oft auf Jahre oder Jahrzehnte hinaus. Rasch bilden private, halbstaatliche und staatliche Einrichtungen ein dichtes Netzwerk an wirtschaftlichen Interessen. Die Verflechtungen sind derart belastungsfähig, daß sie selbst dem stärksten kritischen Gegenwind trotzen. Wir erleben dies bei jeder Reform aufs neue – aktuell zum Beispiel die Inklusion.“

Eddy
13 Jahre zuvor

@Robert-Bosch-Schule Homburg
meine Erfahrung zeigt, dass man nur durch Taten und nicht leeren Worte überzeugen kann. Diese ewigen Zweifel und Diskussionen bringen uns in der Entwicklung, die die Schulen unbestritten brauchen, überhaupt nicht weiter. Deswegen weiter so!
Es geht hier eindeutig um die Schülerin und den Schüler und nicht um die Bedürfnisse der Lehrer. SOL ist kein Konzept und keine Reform, sondern ein natürlicher Prozess. Unser Gehirn lernt selbstorganisiert! Daran kann man nicht zweifeln. Auf der Basis dieser Erkenntnis muss was geschehen und es geschieht etwas, natürlich nicht alles perfekt aber besser als zuvor.

Nathalie
13 Jahre zuvor

@Eddy
Warum betonen Sie eigentlich, dass es “um die Schülerin und den Schüler und nicht um die Bedürfnisse der Lehrer” geht? Diese Aussage zwischen den Zeilen ist höchst ärgerlich und hat leider Tradition. So verpasst man Lehrern immer wieder einen Maulkorb. Wenn sie etwas (im Interesse der Schüler!!) beanstanden, unterstellt man ihnen egoistische Motive, um sie mundtot zu machen. Da fragt man sich doch, wer hier wirklich am Wohl der Schüler interessiert ist und wer nur so tut, als ob.
Wer wirklich daran interessiert ist, kommt nicht umhin, die Meinung der Lehrer ernst zu nehmen anstatt diese in den Dreck zu ziehen, wenn sie nicht ins Konzept passt. Ansonsten verkommt die Schule endgültig zum narrenfreien Experimentierfeld, auf dem jeder seine „Ware“ verkaufen kann, weil sich die Lehrer als Praxiskenner mehr und mehr in Schweigen hüllen und nur noch hinter vorgehaltener Hand wagen, die Wahrheit auszusprechen.
Meine Erfahrung lehrt ebenso wie Ihre, dass nur Taten und nicht leere Worte überzeugen. Diese Binsenweisheit teilt wohl jeder. Aber was sind hier Taten und was Worte? Lehrer urteilen immerhin aus alltäglicher Erfahrung mit Taten, was man nicht von jedem sagen kann. Ausgerechnet ihnen leere Worte in ihren Zweifeln und Diskussionen zu unterstellen, ist schon ein bisschen fragwürdig.

sofawolf
13 Jahre zuvor

@ Eddi, ZITAT: “Unser Gehirn lernt selbstorganisiert! Daran kann man nicht zweifeln.” Ja, aber was soll das bedeuten. Lernen erfolgt auch viel durch Nachahmen. Kinder lernen ja Sprache im Wesentlichen durch Nachahmen und ständige Korrektur ihrer Eltern (Vormachen, Vorsprechen). Im “natürlichen Lernprozess” lernt man nur eben das, was man gerade “braucht”. Im “organisierten / gelenkten Lernprozess” (Schule) macht der Lehrplan die Vorgabe, was gerade gelernt werden soll. Das ist der Hauptunterschied. Es ist daher nicht immer das, was ein Schüler gerade braucht und was ihn (gerade) interessiert.

Aufmüpfer
13 Jahre zuvor

@sofawolf
Die lapidare Feststellung von Eddy, dass unser Gehirn selbstorganisiert lernt, hat auch mich beschäftigt. Warum schreibt er das?, habe ich mich gefragt und als Antwort gedacht: Er wollte über diese Schiene wahrscheinlich nur noch einmal SOL empfehlen.
Sie haben völlig Recht, sofawolf: In der Schule bestimmen primär Lehrplan und Lehrer, was das Gehirn lernen soll, und nicht der willkürliche “Appetit” des Schülers. Die sog. “Spaßpädagogik” der 90er Jahre hat längst ihre Schattenseiten offenbart durch die vermehrt auftretenden Leistungsschwächen der Schüler.
Jede Verabsolutierung einer Lernmethode ist meiner Meinung nach falsch und schadet den Schülern.

Dr. Christoph Krick
13 Jahre zuvor

@Aufmüpfer:
Sie schreiben: “In der Schule bestimmen primär Lehrplan und Lehrer, was das Gehirn lernen soll…”

Ich stimm Ihnen zu, dass es ein Konsens über die zu erlernenden Kulturtechniken, Grundlagen unserer gesellschaftlichen Ordnung sowie die Wissensbasis zum Bestehen im Berufsleben geben muss. Ich stimme Ihnen auch zu, dass dieser Konsens aus der Lebens- und Berufserfahrung der Pädadogen heraus getragen werden sollte. Das können auch Kinder gar nicht leisten, so dass es gar nicht darum geht, dies den Schulkindern überlassen zu wollen.

Aber Sie können nicht ein Kind von außen lernen machen. Sie können ja auch kein Kind essen machen. Ein Schulkind muss beides selbst tun. Und nun kommt die spannende Frage ins Spiel: Wie klappt das “Appetit machen” am besten, um über Einsicht wecken, Ziele erkennen, aktives Mitgestalten, engagiertes Mitdenken und Freude am Lernerfolg den willkürlichen Lernprozess im Kinderkopf zu beflügeln?

Die Vokabel “Spaßpädadogik” soll ja eigentlich eine Verunglimpfung von “Lernfreude” bzw. “Freude am Lehrberuf” sein – im Konstrast zu “ernsthaft arbeiten”. Aber ungeachtet von notwendigen Lernzielen ist doch ein positives Arbeitsklima die Voraussetzung für selbstgewolltes Engagement. Das ist ja nicht nur eine Erkenntnis, die sich zunehmend in Betrieben durchsetzt. Kinder und ihre Lehrer funktionieren dahingehend ja nicht anders als andere Menschen. Insofern finde ich durchaus die Frage beantwortenswert, ob und wie das schulische Arbeitsklima so positiv gestaltet werden kann, dass am Ende nachhaltig die “Produktivität” steigt.

Warum sollte es – ähnlich dem Konsens über die schulischen Lernziele – nicht auch einen Konsens über erprobte Maßnahmen in Richtung Lernklima und Lerneffizienz geben? – Ich habe dazu mal eine Frage: Wie lernt im Moment eigentlich ein angehender Lehrer, die beiden Variablen einzuschätzen und zu optimieren? – Um diese Kovariaten der Lernarbeit einschätzen zu können, braucht man ja entsprechende Rückmeldungen der SuS, die über die reine Leistungsbewertung hinausgehen. Und die Lehrkräfte brauchen die Zeit, diese Rückmeldungen auch auszuwerten. Welche Instrumente verwenden Sie persönlich denn dazu?

Aufmüpfer
13 Jahre zuvor

@Dr. Krick
Sie fragen: “Welche Instrumente verwenden Sie persönlich denn dazu?”
Ich verwende als Hauptinstrument meine Lehrerpersönlichkeit und mein Einfühlungsvermögen in die verschiedensten Schüler und Situationen. Dies in allen Einzelheiten näher zu beschreiben, ist unmöglich.
Typisch jedoch ist Ihre Frage nach den “Instrumenten”, Herr Dr. Krick. So fragt vor allem ein psychologischer oder pädagogischer Technokrat, der für den Lernprozess aller Schüler ein funktionierendes und allgemein gültiges Regelwerk aufstellen und den Schulen “verkaufen” möchte. Solch ein Regelwerk reicht aber vorn und hinten nicht und kann sogar Schaden anrichten, wenn es stur befolgt wird. Der Lehrer mit seiner Intuition, seinen entsprechenden Entscheidungen und Maßnahmen ist durch keine noch so ausgeklügelte Methode annähernd zu ersetzen. Seinem Einfallsreichtum stehen unzählige Methoden nebst Varianten zur Verfügung, zu denen er geplant oder auch spontan greifen kann und die in keinem “Instrumentenkatalog” stehen.
Zur Spaßpädagogik nur so viel: Natürlich ist Lernen mit Lust und Freude wichtig und effektiv. Das wissen doch alle Lehrer und Eltern auch ohne neurobiologisches Studium. Aus diesem Wissen kann man jedoch nicht eine allgemein gültige Methode für den gesamten Unterricht ableiten, weil Schüler auch vieles lernen müssen, was ihnen keinen Spaß macht.
Dieses Lernen habe ich im Verlauf meines Berufslebens sogar immer mehr zu schätzen gewusst, weil hier auch so etwas wie Selbstdisziplin und Überwindung von Unlustgefühlen gelernt wird, worauf kein Mensch verzichten kann, wenn er nicht zum Sozialfall werden will.
Schule als Schonraum und Pfleganstalt für Lustverhalten ist lebensfremde Verwöhnung, die zur Lebensuntüchtigkeit führen kann, weil erfolgreiches Leben AUCH erfolgreiches Lernen der Überwindung innerer Widerstände bedeutet. Wenn ich mich recht erinnere, hat „sofawolf“ auf diese Seite der Medaille schon einmal hingewiesen. Seine Meinung teile ich vollkommen.
Und noch etwas: Die Freude und der Stolz auf sich selbst, die Kinder ausstrahlen, wenn sie eine Aufgabe durchgeführt haben, welche mühselig und keineswegs „spaßig“ war, ist meiner Beobachtung nach größer als die nach lustbetontem Tun. Die Schüler spüren, dass sie hier eine besondere Leistung erbracht haben, weil sie neben dem Arbeitsauftrag auch ihren inneren Schweinehund in den Griff kriegen mussten. Sich in dieser Weise selbst zu besiegen schafft erhebliches Vertrauen in die eigenen Kräfte, also Selbstvertrauen.
SOL hin oder her. Für mich stellt es weiterhin die Überbetonung einer Lernmethode dar, die Lehrer ohnehin seit eh und je anwenden, auch wenn sie bisher keinen Namen dafür hatten, weil niemand diese Methode dermaßen in den Mittelpunkt stellte und ihr eine solche Vorrangstellung zuschrieb.

Dr. Christoph Krick
13 Jahre zuvor

@Aufmüpfer:
Sie schreiben: “Die Freude und der Stolz auf sich selbst, die Kinder ausstrahlen, wenn sie eine Aufgabe durchgeführt haben, welche mühselig und keineswegs „spaßig“ war, ist meiner Beobachtung nach größer als die nach lustbetontem Tun. Die Schüler spüren, dass sie hier eine besondere Leistung erbracht haben, weil sie neben dem Arbeitsauftrag auch ihren inneren Schweinehund in den Griff kriegen mussten. Sich in dieser Weise selbst zu besiegen schafft erhebliches Vertrauen in die eigenen Kräfte, also Selbstvertrauen.”

Diese Art des zielorientierten Handelns mitsamt der nachfolgenden Reflektion über das Erreichte wurde – in Anlehnung an Optimierungsprozesse in der Natur im Spannungsfeld zwischen Ressourcen und gewonnener Fitness – mit der Vokabel “Selbstorganisiertes Lernen” belegt. Es handelt sich bei SOL also nicht um ein neues “Wundermittel”, sondern um altbewährte Einsichten, die biologischen Prinzipien gehorchen und die mir daher auch aus neurobiologischer Sicht plausibel erscheinen.

Sie schreiben: “Ich verwende als Hauptinstrument meine Lehrerpersönlichkeit und mein Einfühlungsvermögen in die verschiedensten Schüler und Situationen. Dies in allen Einzelheiten näher zu beschreiben, ist unmöglich.”

Auch ich halte die soziale Dimension der pädagogischen Arbeit – mitsamt der damit einhergehenden Empathie – für unverzichtbar. Diese Kompetenz macht aus Schülersicht einen “guten Lehrer” aus. Wenn Sie, Ihre Kollegen und Ihre Kolleginnen – auch gerade jüngere – nun entscheiden würden, diese lobenswerte Berufseinstellung und die Erfahrungen hinsichtlich einer positiven Lernumgebung klassen- und fächerübergreifend im Konsens anzuwenden, dann müssten Sie jedoch spätenstens dann Ihre pädagogische Vorgehensweise in Worte und Regeln überführen, um sich darauf im Team verständigen zu können… Aber Vorsicht: Auch dieser Teambildungsprozess selbst, dessen Zielsetzungen und die Reflektion über das gemeinsam Erreichte ist letztlich “selbstorganisiertes Lernen”… Und Lernen kann man – wie gesagt – nicht von außen steuern, so dass weder Politik noch Wissenschaft Ihrem Lehrerteam etwas “überstülpen” könnten…!

In ähnlicher Weise kann man aber auch den SuS nichts überstülpen, weil in der Klasse eben dieselben Prinzipien gelten. Auch Schulkinder verwahren sich gegen “Zwangsbelehrung”, so wie Sie sich gegen “übergestülpte” Verordnungen aus dem Ministerium wehren würden, Insofern ist das Überlassen der eigenständigen Selbstorganisation innerhalb eines gesellschaftlich gegebenen Rahmens in beiden Fällen eine gute Idee…

Aufmüpfer
13 Jahre zuvor

Sie schreiben: “Wenn Sie, Ihre Kollegen und Ihre Kolleginnen – auch gerade jüngere – nun entscheiden würden, diese lobenswerte Berufseinstellung und die Erfahrungen hinsichtlich einer positiven Lernumgebung klassen- und fächerübergreifend im Konsens anzuwenden, dann müssten Sie jedoch spätenstens dann Ihre pädagogische Vorgehensweise in Worte und Regeln überführen, um sich darauf im Team verständigen zu können”.
Ja das müsste ich, wenn ich meine Einsichten auf ein Team übertragen wollte oder könnte. Das möchte ich meistens aber gar nicht, weil niemand ein Erfolgsschema aus seinen persönlichen Vorgehensweisen machen sollte, die immer wieder wechseln und variieren – je nach Schülern und Situation. Wie bereits gesagt, halte ich von sturen Regeln wenig, weil sie nicht generell auf alle Personen und Situationen übertragbar sind. Jeder Lehrer weiß, dass er am besten fährt, wenn er sich nicht an Regeln festkrallt, sondern sie bei Bedarf ändert oder beiseite schiebt, um auf seine innere Stimme zu hören, die ein viel besserer Seismograph und Ratgeber ist als jedes Regelwerk, das ich kenne. Regeln können nur grobe Anhaltspunkte sein, mehr nicht.
Sie schreiben zum Schluss: “Auch Schulkinder verwahren sich gegen “Zwangsbelehrung”, so wie Sie sich gegen “übergestülpte” Verordnungen aus dem Ministerium wehren würden.”
Nein, Herr Dr. Krick, weder ich noch meine Kollegen würden sich wehren, weil das aussichtslos wäre und hässliche Folgen haben könnte. Ein bisschen intern meckern und Frust ablassen können wir natürlich, viel mehr aber auch nicht. Da wissen Sie zu wenig über die Ohnmacht, die Fesseln und Maulkörbe, mit denen wir Lehrer herumlaufen. Diese sind äußerlich ja auch nicht sichtbar.
Eigentlich müsste jedem wachen Zeitgenossen auffallen, wie wenig öffentliche Kritik es seitens der Lehrer am Schulwesen gibt – und wenn, dann geschieht sie anonym. Warum ist das wohl so? Sind Lehrer nicht prädestiniert für konstruktive Vorschläge und Kritik?

Dr. Christoph Krick
13 Jahre zuvor

@Aufmüpfer:
Sie schreiben: “Ja das müsste ich, wenn ich meine Einsichten auf ein Team übertragen wollte oder könnte. Das möchte ich meistens aber gar nicht, weil niemand ein Erfolgsschema aus seinen persönlichen Vorgehensweisen machen sollte,”

Nun ja, jeder Mensch ist ein Unikat… Die gilt auch für Pädagogen. Und für Ärzte. Auch ein Arzt muss sich auf Berufserfahrung, Empathie und Fachwissen stützen. Das hält Ärzte aber nicht davon ab, in Fachkonferenzen Ihre Erfahrungswerte in Richtlinien zu überführen, damit für die Patienten der Arztbesuch nicht zur Lotterie wird. Die Richtlinien sind aber wiederum kein Ersatz für das individuelle Reagieren auf die Besonderheiten jeder Behandlungssituation. Warum sollte ausgerechnet der Lehrerberuf eine analoge Prinzipienbildung verbieten? – Immerhin wird jeder erfahrene Lehrer auf solche (autodidaktisch erworbene?) Prinzipien zurückgreifen, sie mit einiger Wahrscheinlichkeit bei verschiedenen Lehrern ähnlich sein dürften.

Im Saarland haben die neuen Gemeinschaftsschulen eine gewisse Freiheit beim schulinternen Ausgestalten der pädagogischen Herangehensweise gewonnen. Ich kann nicht sagen, inwieweit diese Autonomie geht und wie sie im Allgemeinen genutzt wird. Ich plädiere jedoch dafür dafür, solche Freiräume aus der Schule heraus (nicht von außen gesteuert!) so gut wie möglich zu nutzen, um ein Stück weit der Ihrerseits ins Feld geführten Ohnmacht zu entkommen. Ich finde daher den gewählten Weg der Robert-Bosch-Schule richtig.

Aufmüpfer
13 Jahre zuvor

Ihr Vergleich von Medizin und Pädagogik ist meiner Meinung nach nicht nur schief, Herr Dr. Krick, sondern auch unzulässig. Die Schulmedizin ist eine Naturwissenschaft, die Pädagogik jedoch nicht. Diese hat sich vielmehr zum Tummelplatz für politische, ideologische und wirtschaftliche Interessen entwickelt, bei denen das Wohl der Schüler zwar immer betont wird, häufig aber nur als Feigenblatt dient.
Pädagigische Methoden sind daher mit schulmedizinischen nicht zu vergleichen. Ärzte wenden Methoden erst dann an, wenn diese strenge Auflagen erfüllt und zweifelsfreie Erfolge erzielt haben. In der Pädagogik können positive Ergebnisse jedoch herbeigeredet werden, weil sie so gut wie niemand nachprüft und sich die Wahrheit erst nach Jahren herausstellt, wenn Tausende von Schülern bereits geschädigt sind und durch Defizite auffallen.
Wer es ernst meint mit dem Wohl der Schüler, der stärkt die Position der Lehrer und nicht die von Methoden. Leider wird seit Jahrzehnten anders herum verfahren, so als seien Lehrer nicht fähig, ohne die Anweisung von oben und außen guten Unterricht zu machen. Dabei könnten sie das ohne weiteres, wenn man sie endlich in Ruhe ließe und sich nicht ständig mit Bürokratie und Besserwisserei in ihre Arbeit einmischte.
Schließlich sei noch gesagt, dass ich von Gemeinschaftsschulen gar nichts halte. Der Name klingt zwar anheimelnd, hinter ihm steht jedoch das inklusive Lernen, das fast jedem Lehrer schlaflose Nächte bereitet, weil er nicht weiß, wie er die Herkulesaufgabe bewältigen soll, in einer maßlos heterogenen Schülergruppe jedem Kind noch annähernd gerecht zu werden.
Was nützt die von Ihnen gepriesene pädagogische Freiheit, wenn sie nur deswegen existiert, weil die Bildungspolitiker in Fragen Inklusion selbst überfordert sind und darum nur allzu gern das Heft aus der Hand geben? Hier handelt es sich nicht um Freiheiten für den Lehrer, sondern um feige Drückebergerei der Verantwortlichen.

Dr. Christoph Krick
13 Jahre zuvor

@Aufmüpfer:
Sie schreiben: “Wer es ernst meint mit dem Wohl der Schüler, der stärkt die Position der Lehrer und nicht die von Methoden.”

Dahingehend differieren unsere Meinungen doch gar nicht. (SOL ist im Übrigen keine LEHRmethode, sondern eine brauchbare Ansammlung von LERNprinzipien, die aus den Ergebnissen der empirischen Human- und Neurowissenschaften abgeleitet wurden.)

Die Grenze zwischen Pädagogik, Psychologie und Neurobiologie verläuft im Kinderkopf. Deswegen kann aber ein Neurobiologe oder ein Psychologe nicht definieren, was “guter Unterricht” sein soll. Umgekehrt könnte aber ein Pädagoge aus den Einblicken in die Lernforschung profitieren, um eventuell besser auf relevante Veränderungen in den Kinderstuben – und daher in den “Oberstübchen” – der Schulkinder reagieren zu können. Das ist keine Besserwisserei, sondern ein Angebot. Unterricht ist heute sehr viel schwieriger als vor 20 Jahren. Und das liegt alleine nur an den wechselnden Strömungen in der Bildungspolitik, sondern auch am Wandel von Werten und Einflüssen im Jugendalter. Was Lehrer und Lehrerinnen aus meinem Angebot machen, ist natürlich deren Sache. Als Laie bezüglich Schulpädadogik würde ich mir eine Einmischung auch gar nicht anmaßen.

Was mich hier stutzig macht, sind die 10 demonstrativ entgegen gehaltenen Finger zwecks prinzipieller Abwehr solch eines Wissenstransfers. Mir erscheint es unschädlich, wenn Pädagogen die Möglichkeit erhalten, hinter die Grenzlinie zwischen Sozial- und Naturwissenschaften zu blicken, da diese Grenze während der Lernarbeit im Kinderkopf fließend wird.

Könnten Sie mir mal Ihre “10-Finger-Geste” erklären?

Ursula Prasuhn
13 Jahre zuvor

@Aufmüpfer
Danke für Ihre guten Kommentare, denen ich auf ganzer Linie zustimme!
Vielleicht interessiert Sie ein Artikel in der Wochenzeitung DIE ZEIT über den Bildungsforscher John Hattie, einem Professor an der University of Melbourne. Sein Buch „Visible Learning“, das auf 15 Jahren Forschungsarbeit basiert, gilt in der pädagogischen Welt als Meilenstein. „Es hat den Anspruch, die wichtigste Frage der Bildungsforschung umfassend zu beantworten: Was ist guter Unterricht?“
Hier sind 3 Textstellen des Artikels, die Ihnen in Ihren Ansichten recht geben:

„Systemfragen sollte man nach Hattie am besten gar nicht mehr stellen. Der Neuseeländer rückt den Lehrer wieder dorthin, wo sein Platz sein sollte: ins Zentrum allen Redens über Schule. Er ist der Hauptverantwortliche dafür, was Schüler lernen. Er entscheidet darüber, ob Schule besser wird. »Die Schulen sollen endlich einmal in Ruhe arbeiten«, lautet eine nach Jahren hektischer Schulreformen populäre Forderung. Sie richtet sich an unsere Bildungspolitiker.“

„Das ist Hatties zentrale Botschaft, die er aus dem Datengebirge zutage gefördert hat: Was Schüler lernen, bestimmt der einzelne Pädagoge. Alle anderen Einflussfaktoren – die materiellen Rahmenbedingungen, die Schulform oder spezielle Lehrmethoden – sind dagegen zweitrangig.“

„Auf den guten Lehrer kommt es also an. Das klingt banal, meint man. Das weiß doch jeder, heißt es. Doch warum glaubt die Politik noch immer, Lernergebnisse mit Strukturreformen verbessern zu können? Wieso blüht gerade in der deutschen Schuldebatte ein Methodenglauben?“

http://www.zeit.de/2013/02/Paedagogik-John-Hattie-Visible-Learning/komplettansicht

klexel
13 Jahre zuvor

@Ursula: Sorry, aber so weit waren wir schon am 11. 1., da hatte ich den Artikel schon verlinkt, und es gab auch schon Kommentare dazu…

Ursula Prasuhn
13 Jahre zuvor

@klexel
Tut mir leid. Ich habe die zwischenzeitlichen Kommentare nicht gelesen. Doppelt gemoppelt ist aber nicht schlimm.

sofawolf
13 Jahre zuvor

@ Ursula, mir war der Beitrag entgangen. Danke. Was ich lese, ist ganz nach meinem Geschmack – wenn ich das mal so ausdrücken darf.

Aufmüpfer
13 Jahre zuvor

Q Dr. Krick
Es ist ermüdend und frustrierend, immer wieder auf das einzugehen, was Sie sagen, während Sie ausweichen, um ständig Ihre Werbung für SOL zu wiederholen und scheinbar interessierte Fragen an mich stellen, von denen ich mich missverstanden fühle.
Frau Prasuhn möchte ich danken für den Hinweis auf den Bildungsforscher John Hattie, dessen Thesen dem SOL widersprechen. Auch mir ist es so ergangen wie sofawolf, dass ich den erstmaligen Link von klexel nicht genügend wahrgenommen habe.

Dr. Christoph Krick
13 Jahre zuvor

@Aufmüpfer:
In der ganzen Diskussion sehe ich ein Kommunikationsproblem, das ich mal mit einer Analogie beschreiben will: Nehmen wir mal an, wir würden hier über Fußballtraining und Tore schießen sprechen…

Dann müssten wir annehmen, Hattie hätte statt Schulunterricht die Effiziez von Fußballtraining hinterfragt. Er wäre dann sicherlich zum Schluss gekommen, dass der Fußballtrainer und dessen Führungskompetenz die wichtigste Rolle spielen – und nicht das Stadion, die Beschaffenheit des Rasens oder die Vereinsstatuten. Das hätte ebenso niemanden von uns überrascht.

Ich hätte dann versucht zu argumentieren, wie junge Fußballspieler am besten lernen, Tore zu schießen. Ich stelle dabei überhaupt nicht in Frage, dass der Trainer über dessen pädagogische Kompetenz dazu die entsprechende Einsicht über Regeln und Strategie stiften muss… Ich bin doch über 140 Kommentare hinweg deselben Meinung! – Ich würde jedoch argumentieren wollen, dass die Kompetenz der Spieler zum Toreschießen aus einer Lernarbeit in den Köpfen der Fußballspieler erwächst. Der Lernerfolg resultiert dann daraus, dass die zum Fußballspielen nötigen Regeln und Strategien über eigenständiges Anwenden, Ausprobieren und inneres Überprüfen von erfolgreichen oder ungünstigen Aktionen verfestigt werden müssen. Dieses Verfestigen wiederum unterliegt aber ebenfalls gewissen Regelmäßigkeiten, die im Kopf passieren müssen. Dies lässt sich nicht von außen steuern, so dass hierbei die innere Regie dafür an den Spieler selbst abgegeben werden muss.

Beim Fußballtraining käme daher niemand auf die Idee, ein eigenständiges Ausprobieren und Agieren – unter den Augen des Trainers – auf dem Rasen in Frage zu stellen. Aber genausowenig käme jemand auf die Idee, einfach 11 junge Leute auf eine Wiese zu stellen, mit dem Auftrag, nun selber die Fußballregeln herauszufinden. Genau so unsinnig wäre die Idee, jedem in der Mannschaft zu überlassen, ob er nun lieber in einem bunten Durcheinander Fußball, Handball oder Volleyball spielen wollte. So eine “Beliebigkeit” meine ich eben nicht nicht mit “Selbstorganisation”, sonderm eher eine eigenständige Reflexion der Lernenden über die erworbenen Kompetenzen, um dieselben über den Spaß am Spiel und Torerfolg zu vermehren. Die Eigenregie, die dafür im Kopf passieren muss, hängt natürlich damit zusammen, wie gut verständlich, zielorientiert, transparent, klar stukturiert und reflektierend der Trainer über äußere Maßnahmen der Verhaltenssteuerung diese inneren Mechanismen anzustoßen weiß. Die transparenten Zielvorgaben des Lehrenden und die Selbstreflexion der Lernenden über das Wie, das Warum und das Wohin scheint entscheidend.

Hatties Studie findet auch nichts anderes heraus, weil alles andere unnatürlich wäre: “Kein anderes Instrument kann in Hatties Ranking eine größere Effektstärke aufweisen als die systematische Selbsteinschätzung von Schülern.” Und das am besten ab der Grundschule. Noten und damit einhergehende Fremdbewertung scheinen nicht so effektiv zu sein wie das “selbstorganisierte” und selbstbewertende Herangehen an die Lernziele. Aber die “Selbstorganisation” können Kinder nicht ganz alleine “selbst organisieren”. Sie brauchen dazu transparente und helfende Instrumente aus der Hand eines kompetenten Lehrers. Ob die jetzt “Punktekonto” und “Ich-kann-Liste” heißen, ist meines Erachtens sekundär.

Die Frage ist also, wie ein “guter Lehrer” seine Steuerungskompetenz einsetzt, um die Schulkinder systematisch darin zu unterstützen, die inneren Regeln der Lernarbeit und der Selbstreflexion anzuwenden, um den Lernprozess möglicht effizent gestalten kann.

Ein “guter Lehrer” ist aus der Schülerperspektive ganz sicher ganz wichtig. Passende Lernstrategien auch. Beides schließt sich doch aber nicht gegenseitig aus…!

Aufmüpfer
13 Jahre zuvor

Doch, eins schließt das andere sehr wohl aus, wenn eine Methode wie SOL den Lehrer zum Hampelmann macht, der sich gefälligst zurückzuhalten und grundsätzlich nach den Schülern und deren momentaner Stimmungslage – genannt Wissbegier – zu richten hat. Bei SOL ist der Lehrer nicht mehr Trainer, sondern Erfüllungsgehilfe von Lust und Laune der Schüler.
So kann man die Sache auch sehen, Herr Dr. Krick, wenn man die Medaille umdreht und nicht nur auf die Seite stiert, die Sie immer wieder vor die Nase halten.

Dr. Christoph Krick
13 Jahre zuvor

@Aufmüpfer:
Sie schreiben: “Doch, eins schließt das andere sehr wohl aus, wenn eine Methode wie SOL den Lehrer zum Hampelmann macht, der sich gefälligst zurückzuhalten und grundsätzlich nach den Schülern und deren momentaner Stimmungslage – genannt Wissbegier – zu richten hat.”

Mmmh, das bewusste Ausrichten des pädagogischen Handelns nach der Physiologie des jugendlichen “Lernorgans” und dessen Emotionalität (Erfolgserwartung, soziale Verstärkungseffekte und positives Selbstkonzept als motivierende „Lernfreude“) bedeuten doch nicht, dass man sich selbst “unwichtig” oder zum “Hampelmann” der Kinder macht. Die Kehrseite der Ihrerseits polarisierend ins Spiel gebrachten Medaille wäre dann ein permanentes Antreiben und Steuern von mehr als zwei Dutzend Kindern über die ganze Schullaufbahn hinweg. Das riecht nach „Burnout“…

Ich erlebe beim Umgang mit Studenten in zunehmendem Maß so etwas wie eine “erlernte Hilflosigkeit”. Wenn ich genau vorgebe, was wann wie genau nacheinander getan werden muss, dann funktioniert das halbwegs. Wenn die Aufgabe darin besteht, selbsttätig an ein Problem heranzutreten, es zu analysieren und eigene Ideen dazu zu generieren, stehen die jungen Erwachsenen immer häufiger in einer “mentalen Sackgasse”. Ich würde mir wünschen, dass die Schulen verstärkt die Problemlösekompetenz über eigenständiges Nachdenken und gegenseitiges Reflektieren fördern mögen. Die Studiengänge leisten dies nämlich leider auch immer weniger, weil deren zunehmende “Verschulung” zumeist auch in einer Folge von vorgegebenen Handlungs- oder Lernaufforderungen, die unreflektiert zu befolgen sind, mündet. Ein junger Arzt steht dann später vor einem Erkrankten, der dann nicht mehr mit konkreten Handlungsanweisungen aufwartet. Das ist spätestens dann der Sprung in kaltes Wasser…

Was Instrumente zu Selbstreflexion, Peer-Coaching und Motivation der Kinder im Verlauf des eigenen Lernprozesses anbetrifft, so sollten diese daher nicht durch die Lehrperson “selbstentwertend” als “Knebel” oder als Ersatz für pädagogisches Handelns eingesetzt werden (das sollte ja ein fähiger Pädagoge steuern können), sondern einerseits als „Katalysator“ bzw. “Sensor” für die Effizienz des Unterrichts in allen Kinderköpfen und andererseits als Schulung einer allgemeinen Problemlösekompetenz.

Die Bemühungen des Lehrenden haben ja den größten Effekt, wenn möglichst alle Kinder im Unterrichtsfortgang mitgenommen werden. Ähnliche Stoßrichtungen verfolgen zwar auch zeitnahe (mündliche) Abfragen, die aber dann Zeit und Nerven der Lehrkraft kosten und zudem nur stichprobenartig (bezüglich Stoff- oder Stichprobenumfang) ein Bild über den Lernfortschritt ergeben, so dass sowohl das Aufwand-zu-Nutzen-Verhältnis auf Lehrerseite als auch der damit einhergehende Lerneffekt auf Schülerseite (oder muss man jetzt „Hattie-Effekt“ sagen?) ungünstiger auszufallen scheinen.

Ursula Prasuhn
13 Jahre zuvor

@Dr. Krick
Sie können es drehen und wenden, wie Sie wollen, ich bin nach wie vor gegen SOL als primäre Methode des Lernens. Hin und wieder ja, wo es sinnvoll ist, aber nicht als möglichst durchgängiges Prinzip.
In fast jeder pädagogischen Vorgehensweise steckt wahrscheinlich ein Stückchen Wahrheit. Dieses aber zu verabsolutieren, wie Sie das streckenweise tun, und daraus eine Heilsbotschaft zu machen, halte ich weiterhin für gefährlich.
Ich hoffe, dass SOL seinen traditionellen Stammplatz im Unterricht behält, aber nicht zu einer modischen Übergröße wird, die andere bewährte und notwendige Lernwege verdrängt.
Ihre Ausführungen, Herr Dr. Krick, erinnern mich im Übrigen an die sog. antiautoritäre Erziehung, welche meiner Meinung nach eine reinrassige SOL-Strategie war und als solche ein Irrtum mit unseligen Folgen.
Auch ohne Neurobiologie existiert das selbstorganisierte Lernen als Erfahrungswissen schon lange. Der Vater der antiautoritären Erziehung, der Engländer A.S. Neill, wendete es bereits vor fast einem Jahrhundert exzessiv und voller Begeisterung in seinem Internat „Summerhill“ an. Über diese Schule heißt es:
„Auch gibt es keine Prüfungen, keine Noten und kein Sitzenbleiben. 60-70 Kinder zwischen 8 und 17 Jahren aus verschiedensten Nationen besuchen das Internat, das Neill lieber als ’von Kindern selbst geleitete Gemeinschaft’ betitelte.“
Kritisiert wurde an Neills Konzept, „dass in Summerhill hinsichtlich der späteren Anforderungen auf das gesellschaftliche und kulturelle Leben zu wenig gelernt würde. Und schlussendlich, dass weder die Geschichte der Menschheit, noch die Geschichte der Pädagogik jemals bewiesen hätte, dass ein Kind sich ganz aus seinem eigenen Antrieb entsprechend seinen Möglichkeiten entfalten kann.“
Ich denke, auch die Neurobiologie kann diesen fehlenden Beweis nicht erbringen. Lassen wir also – was SOL angeht – die Kirche besser im Dorf, Herr Dr. Krick.
http://www.neon.de/artikel/wissen/ausbildung/summerhill-der-traum-eines-jeden-schuelers/636875

Dr. Christoph Krick
13 Jahre zuvor

@Frau Prasuhn:
Ich stimme Ihnen von Herzen zu, dass weder wissenschaftliche Hypothesen, noch pädagogische Herangehensweisen, noch Lernprinzipien wie “Religionen” behandelt werden sollten. Alle diese Konzepte gehören in der Lebenswirklichkeit überprüft – am Besten im Schulterschluss mit den beteiligten Lehrern. Und das begründet ja meine berufliche Berührung mit der hier besprochenen Thematik. Das Festhalten an Glaubensrichtungen überlassen wir lieber mal den Religionsgemeinschaften…

Wissenschaftliche Erkenntnisse sind im Übrigen nicht mit einem Absolutsheitsanspruch behaftet (den hat nur der Papst), sondern mit einem Wahrscheinlichkeitswert. Beispielsweise grenzt die Wahrscheinlichkeit für eine bestehende Beziehung zwischen kindlicher Lernfreude und schulischem Engagement (ist das die hier verponte “Kuschelpädagogik”?) an “Sicherheit” (>99,999 % laut FLEX-Studie aus 2006). Solches Vorwissen ist halt wesentlich beim Formulieren neuer Hypothesen über Lernwege. Aber letztlich muss und wird jede Beobachtung an unseren Kindern immer deren Wohl im Auge haben und nicht das Festhalten am wissenschaftlichen Ansatz.

Und nein, Summerhill ohne Hierarchie, ohne Schulpflicht und ohne verpflichtende Lernziele ist eine andere Baustelle.

Dr. Christoph Krick
13 Jahre zuvor

Kleiner nachdenkenswerter Link zu Ihrem Zitat:
“Und schlussendlich, dass weder die Geschichte der Menschheit, noch die Geschichte der Pädagogik jemals bewiesen hätte, dass ein Kind sich ganz aus seinem eigenen Antrieb entsprechend seinen Möglichkeiten entfalten kann.”

Link:
http://www.gravima.de/erfolgsgeschichten-marketing/spannendes-experiment-tablet-pc-ersetzt-lehrer-in-afrika/

Ursula Prasuhn
13 Jahre zuvor

Aber ja, das gibt es!!!
Was meinen Sie, was afghanische Mädchen alles tun würden, um Lesen und Schreiben zu lernen? Die riskieren sogar ihr Leben, um zur Schule zu gehen.
Ich weiß aber, was Sie im Sinne von SOL wieder sagen wollen.
Hätten die Kinder aus der sog. dritten Welt Bildungsmöglichkeiten und Computer im Überfluss wie unsere Kinder, würden sie dann noch immer so handeln?

sofawolf
13 Jahre zuvor

@ Aufmüpfer, ich finde solche Äußerungen (frustrierend und ermüdend) unpassend. Es klingt danach, als wenn man sauer ist, dass der andere nicht endlich einsieht, dass man ja selbst im Recht ist. Herr Krick hat seine Meinung. Die darf er vertreten und verteidigen. Es ist eine Illusion zu glauben, dass am Ende einer Diskussion alle einer Meinung sein werden bzw. man die anderen überzeugt hat. Ich finde auch nicht, dass das Ziel sein sollte. Eine Diskussion ist für mich ein Meinungsaustausch, in dem man erfahren kann, wie die anderen denken und vor allem auch warum. Herr Krick muss nichts einsehen. Er darf bei seiner Meinung bleiben. Und andere bei ihrer!

sofawolf
13 Jahre zuvor

Mir scheint immer mehr, dass Lernen, natürliches Lernen, vor allem ein Nachahmen und (ständiges) Korrigieren ist. So lernen Kinder z.B. die Sprache, so lernen sie jede Art von Spiel, so lernen sie, sich die Schuhe zuzubinden, mit Messer und Gabel zu essen und Fahrrad zu fahren. Am besten lernt man das von jemandem, der es richtig gut kann und nicht von jemandem, der es nur zum Teil oder auch nicht kann. Da sehe ich die Rolle des Lehrers. Er ist Lenker und Leiter der Lernprozesse und er ist “Vorbild” (Vormacher, Erklärer, Korrekteur und auch Mutmacher und “Anschupser”). In der Schule, das schrieb ich ja schon, lernen die Kinder nicht, was sie gerade brauchen, sondern was wir gesellschaftlich festgelegt haben, dass sie das lernen sollen. Das ist dann nicht immer gerade interessant für die Kinder und sie müssen aushalten (= aushalten lernen), dass man sich auch mit Dingen beschäftigen muss, die man im Moment gerade nicht braucht und im Moment gerade nicht interessant findet. Schule ist eben gelenktes, vorgegebenes, organisiertes Lernen, wo eben nicht auf jedes individuelle Bedürfnis Rücksicht genommen werden KANN (wenn z.B. der eine länger Zeit braucht, mehr Wiederholungen benötigt oder weniger). Man kann und sollte versuchen, Individualität zu berücksichtigen, aber soll sich nicht der Illusion hingeben, dass das immer möglich (und sinnvoll) ist.

Aufmüpfer
13 Jahre zuvor

@sofawolf
Danke für Ihre berechtigte Kritik. (13:42)
Ihren Ausführungen zum Lernvorgang und zur Rolle des Lehrers (13:49) stimme ich uneingeschränkt zu.

Dr. Christoph Krick
13 Jahre zuvor

@Frau Prasuhn:
Sie fragen zurecht: “Hätten die Kinder aus der sog. dritten Welt Bildungsmöglichkeiten und Computer im Überfluss wie unsere Kinder, würden sie dann noch immer so handeln?”

In diesem Spannungsfeld zwischen Wollen und Müssen einerseits und Mangel und Überfluss im Informationsangebot andererseits bewegen sich die Schülerbedürfnisse. Da der innere Antrieb des Wollens gerade in jungen Jahren ziemlich gut zu funktionieren scheint, wenn der “Wert” einer Fähigkeit oder eines Wissensgewinns “gefühlt” wird, sollten wir nach Wegen suchen, Wert und Wollen des Lernens in dieser kindlichen Emotionalität nicht durch ein allzu enges Korsett aus “Müssen” ganz verebben zu lassen. So altbekannt diese Binsenweisheit ist, so schwierig scheint deren Umsetzung im Informationsüberfluss unserer Wissensgesellschaft und angesichts der “Eineichung” unserer Kinder auf mediale Spaßbereiter hier bei uns.

@Sofawolf:
Ihre Ausführungen treffen meines Erachtens ins Schwarze. Es ist dann in der Schule vor allem schwierig, die nun mal erforderlichen Lernzele so darzustellen, dass diese den Kindern so nachahmens”wert” ober erstrebens”wert” erscheinen, dass sie “Lust” darauf haben, es selber umsetzen zu wollen. – Auch das Empfinden von “Wert” (im vorderen Cingulum) und das Fühlen von “Lust” (im unteren Striatum) sind nun mal Gehirnfunktionen, deren kindlich-biologischen Bedürfnisse saturiert werden wollen. Übersättigung (bspw. durch Computerspiele) oder zu viel sozialer Druck (bspw. täglicher Hausaufgaben-Kampf) oder Versagensängste (bspw. durch Wissenslücken) führen jedoch nachhaltig zu Unlust. Und das ist jene Baustelle, die das Unterrichten so schwierig macht.

Es ist logisch, dass kein Mensch immer “Lust” auf die tägliche Arbeit hat. Die Motivation hängt an vielen Dimensionen des Erlebnischarakters der Arbeit. Das geht Kindern nicht anders als Erwachsenen. Wenn man sich das für uns Erwachsene mal überlegt, erscheint das Übertragen in die Schulklasse logischer:

1) Wir arbeiten aus Verpflichtung gegenüber den Kollegen. Wenn ich nicht arbeite, muss ein anderer meinen Part übernehmen. Ich verliere aber dadurch die Kontrolle darüber, was passiert und habe keinen anteil mehr an den Ergebnissen. Dies würde mein Autonomiebestreben tangieren, weswegen ich mich lieber engagiere. Solch eine Gruppendynamik nutzt man in der Teamarbeit in Kleingruppen aus.

2) Wenn ich vor mich hinarbeite, aber habe das Gefühl, dass es keinen interessiert, was ich tue, oder keinen Ertrag bringt, dann fühle ich mich wie der sprichwörtliche Sisyphos. Ich arbeite jedoch dann gerne, wenn ich erwarte, dass mein Engagement zu einem brauchbaren Ergebnis führt. In der schulischen Arbeit muss also (altersentsprechend häufig) ein geschickt eingewebtes Gefühl der Erfolgserwartung (Punkte oder Beachtung) mitschwingen.

3) Wenn ich eine Forschungsarbeit erledigt habe, über die ein anderer veröffentlichen würde, dann würde mir solch eine Unverschämtheit die “Lust” an der Arbeit vergällen. Es macht hingegen gar nichts, wenn noch andere Autoren mit ihren jeweiligen Kompetenzen auf dem Paper stehen. Auch Kinder wollen spüren, dass sie “Autor” oder “Urheber” des erreichten Ergebnisses sind. Eine zu lernendes Tafelbild, deren Urheber der Lehrer ist, hat daher weniger “Wert” als ein selbst erarbeitetes oder recherchiertes Ergebnis. Letzteres wird auch mehr memoriert, weil die emotionale Verbindung – und damit die persönliche Relevanz – zur Information für den Gedächtniseintrag den “Superkleber” beisteuert. Es macht dabei gar nichts, wenn eine ganze Gruppe die Urheberschaft beansprucht. Hauptsache, jeder Beteiligte kann sich damit selbst identifizieren.

Nun ja, vielleicht finden Sie ja noch ein paar weitere Aspekte, die Sie an die Aufzählung anhefen könnten…

Beobachter
13 Jahre zuvor

@ alle bisherigen Mitdiskutierer:
Meiner Meinung nacht krankt die ganze Sache daran, dass in dieser unserer Gesellschaft zu viel auf den Lehrpersonen herumgehackt wird. Jeder, der selbst einmal Schüler war (wie wir alle vermutlich), hält sich deshalb bereits für einen Experten, was das gewünschte/geforderte Handeln und Verhalten sowie die Methoden angeht, die man von einem “guten Lehrer” (dessen “Güte” doch stets nur im Auge des Betrachters liegt) erwarten darf.
Wenn ich mich an meine eigene Schulzeit erinnere, so waren die Lehrer, die wir damals für “gut” hielten, nicht diejenigen, die uns zum Arbeiten angehalten haben – aber im Nachhinein bin ich diesen strengen Lehrern, die wir damals so verteufelt haben, echt dankbar, denn nur durch ihren straff durchgezogenen Frontalunterricht ohne irgendwelche “Bespaßungsaktionen” habe ich das nötige Fachwissen erworben, das mich befähigt hat, die Aufnahmeprüfung an meiner Hochschule zu bestehen und studieren zu können. Und wenn meine Instrumentallehrer (ich bin Musiker) mich nicht gezwungen hätten, täglich mehrere Stunden zu üben, hätte ich diesen Beruf wohl kaum wirklich erfolgreich erlernen und heute noch ausüben können! Meine älteren Kinder haben bereits begriffen, dass ein Lehrer, der ihnen viel zu tun aufgab, nicht notwendigerweise ihr Feind war, und mein Jüngster (zur Zeit 10. Klasse) sagte erst neulich zu mir. “Papa, die Frau X. erklärt usn das viel besser, als der Herr Y., bei dem müssen wir uns alles selbst raussuchen, und dann kapier ich das nicht”. Das ist kein Einzelfall, viele Mit-Eltern in der Klasse berichten von ähnlichem. Der Frontalunterricht führt dort generell zu besserem Verständnis des Stoffs.
Wenn man ein Kind nur lernen lässt, wann und worauf es gerade Lust hat, wird es dies in den seltensten Fällen wirklich tun. Vor allem dann nicht, wenn seitens des Elternhauses eine frühkindliche Förderung und Schulung nicht stattgefunden hat – Stichwort “bildungsferne Schichten” – wer aus einer solchen Familie stammt, kann doch gar nicht selbstorganisiert lernen, denn er/sie hat noch nie gelernt, wie so etwas geht! Also muss doch eine/r her, der diesen bedauernswerten Kindern (und auch den vielen luxusverwöhnten Prinzchen und Prinzesschen aus “gutem Hause”) sagt, was Sache ist – und das ist nunmal der Lehrer/die Lehrerin.
Mein Vorschlag, anstatt ständig mit neuen (alleinseligmachenden???)Methoden und neuen Aufgaben und Anforderungen an die Lehrerschaft unserer Kinder herumzuexperimentieren: Bringen wir doch als Eltern unserem Nachwuchs mal wieder RESPEKT vor den Lehrerinnen und Lehrern bei! Wenn das Wort des Lehrers/der Lehrerin wieder gewicht hat, und wenn wir als Eltern nicht bei jedem quersitzenden “F…” unserer Kinder gleich dem Lehrer/der Lehrerin die Schuld geben, sondern diese/n in seiner/ihrer Arbeit unterstützen würden, anstelle unsere Lehrerschaft von (auch zum Teil nicht wirklich hochklassig ausgebildeten) Politikern verunglimpfen zu lassen (Zitat Altbundeskanzler Schröder “Eure Lehrer sind alles faule Säcke”), dann würden unsere Kinder auch wieder besser lernen. Wann war denn Deutschlands Intelligenzklasse Weltspitze, mit jeder Menge international geachteter Forscher, Entdecker, Künstler (echte Künstler, keine so genannten “Superstars” oder “SongContest-Gewinner”!)? In der ach so verpönten Zeit, als man den Lehrer noch als Respektsperson betrachtete, und ihn einfach seine Arbeit machen ließ!
Das heißt jetzt nicht, dass ich für die Paukschule und die Wiedereinführung der Züchtigungen bin, ganz im Gegenteil. Aber kein Kunde würde sich anmaßen, dem Bäcker in seiner Backstube Vorschriften darüber zu machen, wie er seinen Brotteig auszurollen hat, solange er sich an die geltende Gesetzeslage hält. Auch dem Arzt vertraut jeder sein Leben an und lässt sich gerne helfen, weil der Arzt nunmal der Fachmann ist. Nur den Lehrenden will jeder irgendwie dreinreden – das muss aufhören, sonst geht das deutsche Bildungswesen nochmehr den Bach runter.
So, das musste mal gesagt werden – bin mal neugierig, wie sich der unvermeidliche Aufschrei der Gutmenschen und der Reformwütigen anhören wird 😉

Dr. Christoph Krick
13 Jahre zuvor

@Sofawolf:
Ihre Worte über die Lehrerolle als Lenker, Vorbild, Vormacher, Erklärer, Korrekteur, Mutmacher und Anschupser gehören meines Erachtens umrahmt und über die Klassentür gehängt! – Sehr schön! – Solche Lehrer hätten wir in meinen Schülertagen auf Händen getragen. Dass ich dies genau so sehe, habe ich ja schon deutlich gemacht. Ich möchte dies trotzdem nochmals unterstreichen.

mehrnachdenken
13 Jahre zuvor

@ Dr. Krick

Sprechen wir hier nicht über Selbstverständlichkeiten?
Für mich ist es ebenfalls selbstverständlich, den Unterricht so zu gestalten, dass ALLE SchülerInnen den Lernstoff verstehen und die HA problemlos erledigen können. Geschickt ist es auch, den Unterricht so zu organisieren, dass mit den HA noch im Unterricht begonnen werden kann. Überall, wo sich Mütter z.B. als “Hilfslehrer” begreifen und die HA für ihre Kinder anfertigen müssen, läuft m.E. ganz gewaltig etwas schief. Ich bat die Eltern sogar inständig, ihren Kindern nicht zu helfen, sondern mich darüber im Mitteilungsheft zu informieren, sodass ich es den Kindern in der Stunde erneut erklären konnte.

Ursula Prasuhn
13 Jahre zuvor

Mir gefallen Selbstverständlichkeiten sehr viel besser als Spitzfindigkeiten ideologischer, politischer, behördlicher oder auch wissenschaftlicher Art, mit denen die Schulen in den vergangenen Jahrzehnten zu kämpfen hatten – meist ohne Gewinn, aber mit Verlust.
Selbstverständliches beruht auf Erfahrungswissen. Dieses wieder hoffähig zu machen, indem man darüber spricht, es in Erinnerung ruft und sich seiner Stärken besinnt, halte ich für gut und überfällig. Darum begrüße ich es, wenn sofawolf “Selbstverständlichkeiten” ausspricht und Herr Dr. Krick diese zumindest teilweise unterstreicht.

Dr. Christoph Krick
13 Jahre zuvor

@Beobachter:
Kein Aufschrei. Ihr Plädoyer für Respekt ist doch gar nicht verkehrt. Viele Kinder müssen heutzutage erst noch lernen, was dieses Verhaltesmerkmal bedeutet. Das sind Lernziele, die es zu früheren Zeiten nicht so häufig gab wie jetzt.

Sie schreiben: “Wenn man ein Kind nur lernen lässt, wann und worauf es gerade Lust hat, wird es dies in den seltensten Fällen wirklich tun.”

Beobachten Sie mal die Aktivitäten eines Halbwüchsigen beim Erkunden der unendlichen Welt der Computerspiele… Das Kerlchen will die alle mit viel “Lust” kennen lernen… (Die Lerninhalte sind halt bloß in dieser Welt nutzlos.) Wenn man sich überlegt, wieso aber diese Erkundungstour so attraktiv ist, dann kommt man zum Schluss, dass die Spielestrategen die natürlichen Verhaltensmuster junger Menschen sehr gut verinnerlicht haben, um diese für die “Kundenbindung” zu missbrauchen. Ich frage mich immer wieder, wieso wir – trotz umfangreichen Wissens über das Kindergehirn – diese Strategien alleine der Unterhaltungsindustrie überlassen sollten. Wenn ich Kinder im SOL-Unterricht oder über Jugend-forscht-Projekten beobachte, so arbeiten diese oftmals mehr als sie “müssen”. Wie kommt das? – Das liegt daran, dass jeder Organismus das “günstigste” Verhältnis zwischen Aufwand und Nutzen im Sinne von “Sattelfestigkeit” einstellen will. Dieses Antriebsprinzip gilt von einzelligen Schleimpilzen
(Siehe: http://www.pm-magazin.de/a/geniale-schleimpilze)
bis zu uns Menschen, wobei bei uns zum Glück natürlich noch ein paar höher kognitive und soziale Einflüsse hinzukommen… Es kommt aber im Grunde auch bei uns auf den subjektiven Nutzen an, der den selbst gewählten Aufwand bestimmt. Beim Erreichen eines situationsabhängig optimalen Verhältnisses zwischen “Mut zur Lücke” und “Standfestigkeit” wird dann auf den “Energiesparplan” umgeschaltet. Wenn der persönliche Nutzen unklar bleibt, indem Ziele oder Lern- und Arbeitsmethoden im Nebel stehen, dann verebbt das eigene Engagement eben früher. In solchen Fällen bleibt dann nur der mühsame Antrieb von außen. Ihr Satz von oben müsste daher eigentlich lauten:

“Wenn man ein Kind nur lernen lässt, was wir gerade vorgeben, wird es dies in den seltensten Fällen wirklich mit Lust tun.”

Ursula Prasuhn
13 Jahre zuvor

@Beobachter
Auch von mir keinen Aufschrei, denn Sie haben einen Kommentar abgegeben, der mir rundum gut gefällt. Herzlichen Dank!
An meinen Kindern habe ich sogar beobachtet, dass sie die sog. “strengen” Lehrer nicht nur als kompetenter empfanden, sondern auch als authentischer und aufrichtiger. Wenn diese eine Meinung bzw. Beurteilung abgaben, dann haben meine Kinder ihnen vertraut und sich entsprechend gefreut und angestrengt.
Lehrer mit guten Führungsqualitäten werden von den Schülern fast geliebt, während andere, die sich partout beliebt machen wollen durch lasche Anforderungen, Kumpelhaftigkeit oder krampfhaftes Witzeln eher auf Verachtung stoßen und zum Widerstand herausfordern.
Kinder und Jugendliche haben ein feines Gespür dafür, ob Lehrer gestandene Persönlichkeiten sind, die es gut mit ihnen meinen und darum wissen, was zu tun ist. Ihnen möchten sie gefallen, für sie strengen sie sich an.
Neben dem Sachinteresse ist dies wohl die größte Lernmotivation – besonders für jüngere Kinder. Sie lernen weitgehend „für“ den Lehrer.
Leider wurde in den vergangenen Jahrzehnten vieles getan, um die persönliche Note der „Schulmeister“ zu beschränken und den Eltern das Gefühl zu vermitteln, sie müssten die Oberaufsicht über die Lehrer führen, weil diese zum großen Teil faul, unengagiert, ungerecht oder gar übergriffig seien. Lehrerschelte wurde zum regelrechten Medien- und Volkssport.
Kein Wunder, dass sich die Lehrer zunehmend zurücknahmen und auf Sicherheit gingen. Verlust an persönlichen Vorgehensweisen zugunsten genormter Methoden wurden zum Kennzeichen moderner, angeblich fortschrittlicher Pädagogik.
Möge John Hattie mit seinen Forschungsergebnissen eine längst überfällige Rückbesinnung auf die herausragende Bedeutung der Lehrerpersönlichkeit bewirken und mit ihm echten Fortschritt anstatt herbeigeredetem.

Dr. Christoph Krick
13 Jahre zuvor

@Frau Prasuhn:
Ja, ich denke auch, dass junge Kinder in der Grundschule vor allem für die positive Rückmeldung durch die Lehrkraft arbeiten. Das ist dann der “subjektive Nutzen”.
Link dazu: http://mobil.stern.de/kinderkrankheiten/aktuelles/hirnforschung-kleine-kinder-koennen-mit-kritik-nichts-anfangen-640570.html
Im Verlauf der Jugend ändert sich jedoch das Empfinden für extrinsische Rückmeldungen. Bei Jugendlichen ist dann “subjektiver Nutzen” etwas komplizierter, weil dann auch die Sozialdynamik und die Eigendarstellung eine große Rolle spielt. Das (zunächst unreflektierte) Autonomiestreben als biologisches Programm der Pubertät verlangt nach “Austesten von Regeln und deren Grenzen”. In Urzeiten haben daher ganz sicher nicht alle Jugendlichen überlebt… Diejenigen Regeln, die dem jugendlichen Rütteln nebst Selbstgefährdung widerstanden haben, werden dann später “verklärt” (oder aufgeklärt?) in die nächste Generation traduiert. Daher sind feste und nachvollziehbare Prinzipien auch und gerade in der Pubertät wichtig. Ich denke, die höhere Motivation der Jugendlichen bei geradlinigen und konsequenten Lehrerpersönlichkeiten ist an den somit klareren Zielvorgaben festzumachen. Und wie oben angeführt: Je klarer die Ziele sind, umso mehr steigt die Anstrengungsbereitschaft.

So, und jetzt kombinieren Sie mal ein transparentes Prinzipienmuster der Lernarbeit und eine geradlinige Lehrerpersönlichkeit, die auch noch gemäß Sofawolf zu motivieren und gut zu erklären weiß, mit einem Reglement zum Freiraum zwecks Ausleben des jugendlichen “Wollens”…! – Welche Hypothese würden Sie in den Raum stellen?

Ich denke, nach all den Überlegungen kommen wir zu einem gemeinschaftlich zusammengetragenen Muster für ein “optimales” Unterrichtsmodell, das auf drei Säulen zu stehen kommt.
(1) führungsstarke “Sofawolf”-Lehrerprsönlichkeit, die Vorwissen und Einsicht in die anstehenden Lernziele stiftet
(2) Halt gebende Lernprinzipien mit klaren Zielvereinbarungen und transparenten Instrumenten, die Gruppenarbeit ermöglichen
(3) fest implementierte Phasen von selbständiger Teamarbeit unter Schülern, um für die Lehrkraft Freiräume als “Korrekteur” und Coach zu schaffen.
(4) zunehmend eigenverantwortliche Zielverfolgung durch die Schüler über Selbstreflexion mit “selbstbelohnendem” Ergebnis zwecks Schulung con Problemlösekompetenz

Was meinen Sie zu der Aufzählung? – Was fehlt denn noch?

Ursula Prasuhn
13 Jahre zuvor

Ihr Säulenmodell ist zweifellos gut durchdacht, Herr Dr. Krick. Wo wir meiner Meinung nach aber immer wieder aneinander vorbeireden, ist der „menschliche Faktor“ zwischen Lehrern und Schülern oder auch Schülern untereinander, den ich in seiner positiven als auch negativen Weise vermutlich sehr viel höher einschätze als Sie, obwohl auch Sie die führungsstarke Lehrerpersönlichkeit für wichtig halten.
Mir fällt es schwer, jemandem begreiflich zu machen, was ich meine, der die Faktoren des Lernprozesses eher nüchtern von der Neurobiologie her kennt bzw. aus Laborversuchen, anstatt aus der Schulpraxis.
Ich will es aber versuchen und setze bei der Gruppenarbeit an, von der Sie offensichtlich sehr viel mehr halten als ich. Nur selten war ich mit den Ergebnissen dieser Arbeitsform zufrieden.
Ein einfaches Beispiel, das kaum Erklärungen erfordert: Ein Mitschüler hatte sich beim Toben in der Pause erheblich verletzt und musste ins Krankenhaus. Das schien mir ein Anlass für Gruppenarbeiten mit dem Auftrag: „Schreibt einen Brief an Kai und überlegt, was ihn interessiert und worüber er sich freut. Ich werde ihm die Ergebnisse mit Euren Unterschriften überbringen.“
Der Verlauf der Arbeit war eine einzige Enttäuschung. Nach anfänglicher Begeisterung aller blieb die Arbeit bald an den beiden üblichen „Zugpferden“ jeder Gruppe hängen, die sich daraufhin über mangelnde Unterstützung beklagten und selbst die Arbeitslust zu verlieren drohten. Ermahnungen an die Drückeberger nützten nichts. Dass dennoch ein halbwegs akzeptables Ergebnis zustande kam, lag nur daran, dass ich den „Störenfrieden“ schließlich einzeln befahl, was sie tun sollten. Der eine sollte ein Bild für Kai malen, der andere einen Witz zu Paper bringen oder ein Rätsel, jeder konnte sich aussuchen, was er tun wollte. Mein Eingreifen bedeutete jedoch, dass ich innerhalb der Gruppenarbeit eine Partnerarbeit für die „Zugpferde“ machte und Einzelarbeiten für die anderen.
„mehrnachdenken“ hat bereits darauf hingewiesen, dass er/sie mit Gruppenarbeit schlechte Erfahrungen gemacht hat und Partnerarbeit vorzieht. Mir geht es genauso. Teamarbeit erfordert meiner Erfahrung nach eine möglichst gleichwertige Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft der Beteiligten. Unter Bedingungen von Modell- und Laborversuchen mögen Gruppenarbeiten klappen, weil die beteiligten Kinder unter den besonderen Umständen nicht so reagieren wie gewöhnlich. Sie sind ja nicht blöd und wollen glänzen.
Zu den zweifellos interessanten und richtigen Ausführungen im Artikel von „stern.de“ fallen mir auch Fragen und Einwände aus praktischer Erfahrung ein, doch mein Kommentar ist eh schon unverschämt lang. Darum soll jetzt Schluss sein.

stillmann
12 Jahre zuvor

Wow, habe selten eine so engagierte und aufschlussreiche Diskussion gelesen.

DMB Dresden
12 Jahre zuvor

Bevor Wissenschaftler solche Forschungsprojekte anstrengen (mit deren Fördermitteln gewiss ein paar befristete Stellen verlängert und interuniversitäre Imagepflege betrieben werden konnten), sollten sich die Projektleiter und -bearbeiter einmal für 12 Monate zuerst leibhaftig in die aktuelle Schulwirklichkeit begeben und sich über diese eine Bild machen.
Stattedessen gehen sogenannte Experten gerne den umgekehrten Weg: Sie erfinden tolle Innovationen und wohlklingende Strategien in ihren “Laboren” für eine Welt, die überhaupt nicht existiert und “beglücken” damit dann die Lebenswirklichkeit.
In unserer wissenschafts- und fortschrittssgläubigen Kultur, in der praktische Erfahrungswerte einen schlechten Stand haben, gelten Produkte aus den akademischen Elfenbeintürmen automatisch als etwas Positives. Hinzu kommen oft meinungsgenormte Bildungspolitiker, welche von den Schulen die Annahme dieser Kunstprodukte fordern. Dass dafür andere Schulverhältnisse geschaffen werden müssten, wissen sie vielleicht, müssen diese Tatsachen jedoch qua Amt ignorieren.
Den Lehrern bleibt dabei nur übrig, tapfer zu sein und bei aller Offenheit für Neues mit Selbstvertrauen an den eigenen Erfahrungen festzuhalten, wenn möglich, auch ab und zu mit Zivilcourage gegen Panikmache und Innovationsfetisch Stellung zu beziehen.
Da die gegenwärtige Bildungspolitik aber vor allem methodische und Meinungsbevormundung der Schulen von Seiten der Schulämter bedeutet – angefangen mit der Gehirnwäsche Referendariat – ist eine Bildungsverbesserung als Demokratie “von unten” nicht zu erwarten.

U. Thüre
11 Jahre zuvor
Antwortet  DMB Dresden

Das war jetzt wirklich eine interesante Diskussion.
Ich beschäftige mich gerade internsiv mit SOL und daher auch mit Herrn Krick, den ich persönlich kennen lernen durfte.

Ja , es gibt sie, die Wissenschafter, die eine Profession haben und zudem Kopf, Herz und Verstand und ein ausgeprägtes Gespür für elemtare Dinge die uns bewegen wie die Bildung unserer Kinder.

Unzweifelt ist die Kenntnis des Schulbetriebs von Vorteil, macht aber zuweilen auch betriebsblind. Daher sehe ich die Ausführungen von Herrn Krick als sehr erfrischend. Erkenntnisse der Neurobiolgie können durchaus einen wertvollen Beitrag zum Verstehen von Lernen liefern. Aufgrund ihrer empirischen Fundierung -warum sollten sie nicht genutzt werden? Vielfach belegen sie einfach auch Annahmen, die bereits bekannt sind.
Eine der Kommentatorinnen sprach z.B. soziale Wärme im Schulbetrieb oder im Kindergarten an. Vertrauen wie auch soziale Wärme sind auch im Schulbetrieb möglich und notwendig. Das Interesse an Kindern und Jugendlichen ist eine wesentliche Voraussetzung, um als Lehrkraft bzw. Erzieher/in gute Arbeit leisten zu können.
Ich bin neugierig auf weitere Untersuchungsergebnisse.

mehrnachdenken
11 Jahre zuvor

Wie “geht’s” dem Versuch? Erstaunlich lange haben wir nichts mehr gehört.

Ist dieses “innovative” Projekt nicht für den Deutschen Lehrerpreis vorgeschlagen worden?

Dr. Christoph Krick
11 Jahre zuvor

@mehrnachdenken
@Frau Thüre

Vielen Dank für das Interesse am Fortgang des Schulentwicklungsprozesses!

Inzwischen sind einige Jahre vergangen, und die damals begonnene Umstellung des Unterrichtens ist zwischenzeitlich “in die Pubertät geraten”… 😉 Die Messungen aus der Langzeit-Evaluation zeigen jedoch, dass Lernbereitschaft und Arbeitsklima im Vergleich zu “konventionellem” Unterricht die landläufige schulischen Motivationskrise (fast) vermissen lassen. Die Effektstärke (Cohen’s d) des SOL-Unterrichts auf die förderlichen Parameter des Lern- und Arbeitsklimas der Siebtklässler beträgt 0,9 auf hohem Signifikanzniveau: Die Wahrscheinlichkeit, dass der beobachtete Effekt bloß auf Zufällen beruht, ist viel kleiner als ein Tausendstel, so dass man umgekehrt den positiven SOL-Einfluss inzwischen getrost als gesichterten Befund berichten darf.

Noch spannender ist meines Erachtens der Wertewandel in den Köpfen der Schulkinder, was Einflussgrößen zur Lernmotivation und zur sozialen Wärme anbetrifft. Insbesondere das real gelebte “social network” unter den Jugendlichen wird offensichtlich vermehrt zur Ressource und zur Triebfeder des Unterrichtsgeschehens. Im “konventionellen” Unterricht ist dies hingehen eher der äußere Leistungsdruck, der vermehrt seitens der Lehrperson aufrecht erhalten werden muss.

mehrnachdenken
11 Jahre zuvor

Herr Dr. Krick, vielen Dank für die Rückmeldung.

Die positiven Effekte des Modelversuches hinsichtlich der Lernbereitschaft und des Arbeitsklimas sowie eine verbesserte Lernmotivation und die Stärkung der sozialen Wärme sind nicht zu unterschätzende Parameter für gute Lernergebnisse.
Deshalb interessiert mich, ob die genannten positiven Effekte auch zu deutlich besseren Lernresultaten führten im Vergleich zu einem konventionellen Unterricht.

Professor Hilbert Meyer, der “Vater” des offenen Unterrichts (sein Standardwerk “Leitfaden zur Unterrichtsvorbereitung” war in den 80er Jahren so etwas wie DIE Bibel für jeden Referendar) relativierte mittlerweile seine damals vertretene Auffassung von der Überlegenheit des offenen Unterrichts gegenüber dem eher lehrerzentrierten.

Anlässlich seines 2004 erschienen Buches “Was ist guter Unterricht” gab er “Bildungsklick” ein Interview:

“Meyer: Von der Vorstellung, dass man auch empirisch nachweisen kann, dass der so genannte offene Unterricht, der handlungsorientierte Unterricht, deutlich besser ist als der so genannte Frontalunterricht. Das muss man differenzieren. Bei der Vermittlung kognitiven Wissens ist der herkömmliche, weitgehend frontale Unterricht doch deutlich leistungsstärker als ich gedacht hatte. Bei der Vermittlung von Sozial- und Methodenkompetenz ist dieser so genannte offene Unterricht ein bisschen überlegen, aber die Unterschiede sind gar nicht so groß. Deswegen ist auch das Fazit meines Buches: Mischwald ist besser als Monokultur. Ein Kollegium muss gemeinsam dafür sorgen, dass beides angeboten wird.”

Herr Dr. Klick, in dem von Ihnen begleiteteten Modellversuch beobachten Sie offensichtlich vor allem soziale Kompetenzen. Wir erfahren jedoch nichts darüber, ob und wie sich das Unterrichtsmodell auf das “kognitive Wissen” auswirkt.

Ich formuliere noch zugespitzter: Warum bedarf es eines Modellversuches mit großer medialer Begleitmusik, wenn die daraus gewonnenen Erkenntnisse längst auf dem Tisch liegen?

Wer seinen Schülern also kognitives Wissen vermitteln möchte, darf sich nicht nur auf die offenen Unterrichtsformen beschränken. Ein guter Lehrer berücksichtigt in seinem Unterricht sowohl die offenen Formen als auch die lehrrzentrierten. Wie sagt doch Prof. Meyer so schön plakativ: “Mischwald ist besser als Monokultur”. Wer möchte ihm da widersprechen?

Ist Wissen im herkömmlichen Sinne eigentlich überhaupt noch gefragt? Wenn ich mir den kompetenzorientierten Unterricht ansehe, habe ich da so meine Zweifel.
Was die Schüler für ein Abi der Zukunft brauchen, kann ihnen auch im kompetenzorientierten Unterricht und in offenen Unterrichtsformen vermittelt werden.
Gibt es zwischen PISA – Einheitsschule – kompetenzorientiertetem Unterricht – offenen Unterrichtsformen evtl. einen genialen, uns bisher verborgenen Zusammenhang?

bolle
11 Jahre zuvor
Antwortet  mehrnachdenken

Ich frage mich, inwieweit Lernbereitschaft, Arbeitsklima sowie eine verbesserte Lernmotivation messbar sind und nicht vom Wunsch des Wünschelgängers abhängen.
Es konnte z. B. nie bewiesen werden, dass die integrierten Gesamtschulen, ein Jahrzehnte altes Lieblingskind erst der SPD, dann auch der Grünen, mehr “soziale Kompetenz” vermittelt hätten als herkömmliche Schulen, obwohl sie zum alles überragenden Lernziel erklärt wurde. Es wurde sogar gemunkelt, das Gegenteil sei der Fall.
Nur eins ließ sich nachweislich feststellen, dass die Leistungen in den Schulfächern schwach waren.
Das machte aber nichts, denn “Leistung” war in diesen bildungspolitischen Kreisen sowieso verpönt und galt als ungerechtes Instrument für soziale Besserstellung.
Heute ist das kaum anders.

Dr. Christoph Krick
11 Jahre zuvor

@mehrnachdenken:
Ganz bestimmt ist die komplexe Beziehung zwischen Lernatmosphäre und Produktivität ein wesentlicher Aspekt. Da Sie PISA ansprachen: In fernöstlichen Drill-Schulen ist laut PISA 2012 der Lernfortschritt unter eher spröden Arbeitsbedingungen höher als bei uns 😉 . Allerdings zeigten die PISA-Ergebnisse auch – mal abgesehen vom chinesischen Selbstverständnis einer Schule, dass die Lernsozialisation in der Kindheit eine wesentliche Rolle spielt. In der saarländischen Gemeinschaftsschule wird man sicherlich vermehrt Kinder antreffen, deren Schulstart diesbezüglich eher holprig verlief, da ansonsten die vorhandenen Kinder hierzulande vehement von den Gymnasien aufgesaugt werden. Gerade in Bezug zur zuträglichen Arbeitshaltung finde ich das Ergebnis eines verbesserten Zugangs in die schulische Lernarbeit insbesondere über die gegenseitige Unterstützung daher recht wichtig für unsere Zielgruppe.

Während jedoch die Untersuchung der Lernatmosphäre einen Zustandbericht liefert, ist der Wettlauf mit den schulischen Lehrplänen ein Prozess mit dem Zielpunkt eines geeigneten Schulabschlusses. Dieser wird erst in ein paar Jahren vergleichend zu evaluieren sein… Die jungen Leute scheinen sich aber bislang auch kognitiv gut zu entwickeln. Ansonsten möchte ich hier weder herumspekulieren, noch irgendwie polarisieren.

mehrnachdenken
11 Jahre zuvor

Vielen Dank für Ihre Antwort.