Der umstrittenste Beitrag 2012: Wie gut ist „selbstorganisiertes Lernen“?

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HOMBURG. Ein Modellversuch zum „selbstorganisierten Lernen“ in Homburg zeigt gute Ergebnisse. Das Thema wird auf News4teachers zum meist kommentierten Beitrag 2012.

Besucher der Robert-Bosch-Schule Homburg werden auf den ersten Blick die sonst üblichen Anweisungen und Vorträge der Lehrer vermissen. Die Schülerinnen und Schüler vermissen das nicht:  Sie lernen konzentriert allein oder in Gruppen.

In der Robert Bosch-Schule Homburg findet Unterricht als Instruktion nur hin und wieder statt, besonders zur Einführung in neue Themen und Arbeitsgebiete. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse und Methoden des Selbstorganisierten Lernens haben innerhalb kürzester Zeit zu einer erstaunlichen Steigerung der schulischen Leistungen und zu einem förderlichen Arbeitsklima geführt, bestätigen Forscher des Universitätsklinikums des Saarlandes. Die Lehrkräfte sind fachlich und didaktisch gefordert, ansonsten begleiten und beraten sie die Lernarbeit, wo sie gebraucht werden.

Aber von vorne: Alles begann mit dem Ziel der Schulleitung, die Unterrichtskultur zu reformieren. Im Wesentlichen ging es darum, über eine Umgestaltung der Arbeitsweise in den Schulen die schulischen Leistungen sollen tragfähige Anschlüsse in die Berufsausbildung darstellen. die Schulleitung hatte den Eindruck, dass eine einfache Umstellung der Lehrpläne oder eine Intensivierung der Lehrtätigkeit hier nicht weiterhalfen. Die Lehrkräfte wollten vielmehr neurowissenschaftliche Erkenntnisse über Lernprozesse und deren biologischen Grundlagen bei der Neuausrichtung des Unterrichtens und Lernens der Schule nutzen. Leiterin Barbara Naumann wandte sich an das Universitätsklinikum des Saarlandes, mit dem sie bereits seit Jahren zusammenarbeitete.

Neurowissenschaftler empfehlen Kindern so viel wie möglich selber zu machen

Gemeinsam mit Neurowissenschaftler Christoph Krick plante sie, konsequent selbsttätiges Lernen einzuführen. Das klappt nach den bisherigen Ergebnissen der Gehirnforschung umso besser, je mehr das Lernen im Miteinander und in Erwartung des erfolgreichen Anwendens des Erlernten passiert. „Lehrer können die Schulkinder – auch mit noch so viel Lehrtätigkeit – nicht lernwilliger machen. Lernen passiert nämlich im Kinderkopf durch Nachdenken und Selbermachen entsprechend zuvor präsentierten Ideenskizzen. Beim Nachdenken und Lernen sollte man dann die Lernfreude der Kinder nicht durch langatmigen Unterricht stören“, sagt Krick.

Dr. Christoph Krick, Neurowissenschaftler des UKS, Barbara Naumann, Leiterin der Robert-Bosch-Schule, Professor Ulrich Herrmann im Lernatelier (v.l.n.r.). (Foto: UKS Rüdiger Koop)
Dr. Christoph Krick, Neurowissenschaftler des UKS, Barbara Naumann, Leiterin der Robert-Bosch-Schule zeigen dem Professor für Erziehungswissenschaft Ulrich Herrmann das Lernatelier (v.l.n.r.).
(Foto: UKS Rüdiger Koop)

Die neue Unterrichts- und Lernkultur wird seit August 2012 praktiziert und zeigt überraschend schnell sehr positive Ergebnisse, melden die Wissenschaftler jetzt. Die Kinder hätten ihre schulischen Leistungen enorm gesteigert. Schüler, die zuvor in der Grundschule erhebliche Probleme mit dem Rechnen hatten, erreichen nun vielfach sehr gute Ergebnisse. Das Klassenklima ist außergewöhnlich freundlich und das Organisationstalent der Fünftklässler bewundernswert. Die Schülerinnen und Schüler beraten sich gegenseitig über ihre Arbeits-, Lernziele und individuellen Lernstrategien, so dass die Lehrpersonen mehr Freiraum als sogenannte „Lernberater“ gewinnen. Die Kinder ziehen sich zum eigenverantwortlichen Lernen auch mal gerne in eines der sogenannten Lernateliers zurück, um dort konzentriert zu arbeiten. Lerndruck oder Versagensangst seien einem zielorientierten Miteinander beim Lernen gewichen. Die Motivation der Schulkinder lasse sich auch damit erklären, dass der individuelle Lernerfolg beim Erarbeiten und Anwenden des Wissens in Lerngruppen zu einem großen Teil durch die Kinder selbst dokumentiert, reflektiert und bewertet wird. Dabei geben „Ich kann“-Listen zum Protokollieren des Erreichten und Punktekonten („Ich habe folgende Tätigkeiten erfolgreich abgeschlossen“) zum Selbstbewerten sowohl Stütze als auch Transparenz und Anreiz auf dem Weg zu den Arbeitsergebnissen.

Der Weg dahin bedeutet viel Arbeit für die Lehrkräfte

„Diese Initialzündung in den fünften Klassen soll nun in der gesamten Schule etabliert und noch verfeinert werden“, kündigt die Leiterin der Schule, Barbara Naumann an. „Der Erfolg spricht für sich, und das Kollegium profitiert ebenfalls vom besseren Lern- und Arbeitsklima.“ Doch auf dem Weg dieser Umgestaltung muten sich insbesondere die beteiligten Lehrerinnen und Lehrer viel Arbeit zu, denn sie müssen nicht nur ihre Rolle im Unterricht neu erfinden und neue Erkenntnisse über das Schülergehirn berücksichtigen, sondern sie investieren auch viel Fantasie und Kreativität in die Unterrichtsvorbereitung – oder richtiger: in die Arbeitsmaterialien, mit denen die Schülerinnen und Schüler ihre Lernarbeit organisieren und durchführen können. Diese Vorbereitungsarbeit wird insgesamt aufwändiger, da die kindgerechten Instrumente zur klassen- und fächerübergreifenden Steuerung und Selbstbewertung der Lernarbeit noch weitgehend Neuland sind.

Das Landesinstitut für Pädagogik und Medien (LPM) steuert Mittel für die Fortbildung für das anwendertaugliche Umsetzen des „Selbstorganisierten Lernens“ (SOL) bei, das in Ulm durch das Institut für Selbstorganisiertes Lernen entwickelt wurde. Die Robert-Bosch-Schule kann zudem auf die Erfahrungen der ausgebildeten SOL-Trainerin, Anne Preisinger, zurückgreifen, da sie zugleich Fachlehrerin an dieser Schule ist.

Die Auswirkungen der neuen Unterrichtskultur sollen dokumentiert werden, um sowohl Aussagen zu Belastungen und Vorteilen zu gewinnen, als auch Effekte auf kognitive und emotionale Prozesse des Lernens zu messen. Daher wird im Augenblick der neue schulische Ansatz durch Dr. Krick wissenschaftlich begleitet. An dieser forschenden Beobachtung ist auch die Kinder- und Jugendpsychiatrie des UKS beteiligt, um zu prüfen, ob ein kindgerechtes Schulklima zugleich auch das Risiko für seelische Erkrankungen im Jugendalter mindert. Die Universität des Saarlandes fördert die neurowissenschaftliche Begleitung des neuen Unterrichtsmodells über Forschungsmittel. nin

(1.12.2012)

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sofawolf
9 Jahre zuvor

Interessant. Bei der permanenten Zeitnot bzgl. dessen, was man alles laut Lehrplan schaffen soll, ist es nicht einfach, Freiräume für selbsttätiges Lernen zu finden, denn das kostet ja meistens eben die Zeit, die man nicht hat.

Dr. Christoph Krick
9 Jahre zuvor
Antwortet  sofawolf

Hallo Sofawolf,

ehrlich gesagt stand vor dem Startschuss genau diese Skepsis als spürbare Hürde im Raum. Es kostete nach Schilderung der Lehrkräfte dann durchaus eine gewisse Überwindung, viele Lerntätigkeiten und deren Selbstorganisation in die Verantwortung von Zehnjährigen zu geben. Ich finde es absolut spannend, was tatsächlich möglich ist, wenn kreative Pädagogen die Lernarbeit den inneren Bedürfnissen der Schulkinder annähern… Wesentliche Punkte in diesem Erfolgsrezept sind sicherlich das vollumfängliche Umstülpen der Schule von Fremd- auf Eigensteuerung sowie das selbstwirksame Erfolgserlebnis der Kinder. Die kleinen Leute machen uns die Attraktivität solch einer Umgebung ja deutlich, wenn sie hochkonzentriert in die Computerwelt eintauchen. Ich bin jedenfalls extrem gespannt darauf, was in ein paar Jahren aus den jungen Schülern und Schülerinnen wird, die jetzt schon in der realen Welt überraschend organisiert, selbständig und sozial kompetent geworden sind.

mehrnachdenken
9 Jahre zuvor

@ Dr. Krick
Es ist allemal spannend zu beobachten, wie sich der Modellversuch so entwickelt. Allerdings beschleicht mich schon wieder ein beklemmendes Gefühl, wenn ich lese, welche Leistungssprünge in diesem MODELLVERSUCH angeblich oder tatsächlich nach knapp einem Vierteljahr zu verzeichnen sind. Das sind ja nur erste Tendenzen und schon will die Schulleitung das Modell auf die ganze Schule übertragen. Wie seriös ist das denn? Diese Entscheidung sollte doch wohl ggf. erst nach einer längeren Beobachtungsphase anstehen und nicht schon am Anfang eines Versuches.
Selbstorganisiertes oder selbsttätiges Arbeiten ist ja nicht neu. Die Reformpädagogik vertritt diesen Ansatz schon immer. In den 80er Jahren wurde diese Arbeitsform von dem „Vater“ des offenen Unterrichtes, Prof. Hilbert Meyer, vehement vertreten, und viele Lehrkräfte kennen bestimmt sein Buch „Leitfaden zur Unterrichtsvorbereitung“. Interessant ist nur, dass derselbe Mann inzwischen verkündet, Unterricht sollte „Mischwald“ und nicht „Monokultur“ sein. Er macht sogar den eher lehrerzentrierten Unterricht wieder hoffähig, wenn er sagt, dass durch diesen kognitive Inhalte besser vermittelt werden können als durch offene Formen.
Übrigens lernte ich in meiner Schulzeit tolle Lehrkräfte kennen, die uns durch ihren „Frontalunterricht“ sehr wohl in den Bann zogen. Sehr gut gefielen mir auch die Diskussionsphasen im Klassenverband. Gibt es beim SOL auch einen Austausch zwischen den SchülerInnen oder lernt da nur jeder so vor sich hin? Das wäre mir – ehrlich gesagt – viel zu langweilig.
Als Lehrkraft habe ich zahlreiche Formen des selbstständigen Lernens ausprobiert. Ich käme nie auf die Idee, nur eine Methode anzuwenden. Ich bin da näher bei Prof. Meyer und seinem „Mischwald“.
Es gibt zwischenzeitlich ernst zu nehmende Fachleute, die den Rückzug der Lehrkraft auf die Beobachter- und Moderatorenrolle stark kritisieren. Gerade lernschwächere Kinder brauchen und fordern die ganze Lehrkraft.
Schon seit längerer Zeit wird vor allem die GS mit z.T. untauglichen und vollkommen überflüssigen Methoden überschwemmt, die wissenschaftlich keineswegs seriös überprüft worden sind. Sie stammen teilweise sogar aus der Reformpädagogik. So hat der Grundschulverband eine so genannte Grundschrift auf den Markt geworfen, mit der viel Geld verdient werden kann. Auch für den von Ihnen begleiteten Versuch werden ganz neue Materialien
erstellt. Die Verlagswirtschaft wird sich freuen.
Alles, was als „der Weisheit letzter Schluss“ propagiert wird, betrachte ich sehr kritisch. Ob in der Politik oder in der Pädagogik hat sich eine einseitige Ausrichtung selten bewährt.

Dr. Christoph Krick
9 Jahre zuvor
Antwortet  mehrnachdenken

@Mehrnachdenken:

Es wäre mit Sicherheit Unfug, die Schülerinnen und Schüler nach Belieben einfach so drauf los experimentieren zu lassen. Ein gut gemachter Lehrervortrag nebst einsichtigen Darstellungen sollte stets den Überblick über ein Thema anführen. In SOL-Sprech heißt dies dann „advance organizer“. Meines Erachtens ist jedoch das Lernen bei der Spezies homo sapienz kein biologischer Selbstzweck, so dass die Aufforderung zum Lernen wenig zielführend ist, auch wenn dies gängige Praxis zu sein scheint. Das Memorieren ist vielmehr das Ergebnis eines interessierten Mitdenkens und Mitgestaltens. Der Knackpunkt besteht daher in der Gestaltung des sozialen und emotionalen Rahmens, der genügend Niveaus und Ansatzpunkte für unterschiedliche Kinder bereit hält. Über sogenannte „Gruppenpuzzles“ können sich dann unterschiedlich interessierte Kinder über ihre jeweiligen Lösungsansätze oder Vorgehensweisen austauschen. Da dies ein vertieftes Auseinandersetzen mit der Materie im Schülerteam bedeutet, wird en passant vermehrt gelernt. Das Schlagwort „Individualisierung des Lernens“ steht zwar zurzeit in jedem bildungspolitischen Ansatz, aber es bedarf einiger Fantasie, diesen Begriff mit Leben zu füllen. Vor allem sollten trotz der Unterschiedlichkeit der Kinder jeweils die wesentlichen Kulturleistungen für das Berufsleben erlent werden – und sei es auf unterschiedlichen Wegen… Wenn wir aber hierbei „der Weisheit letzter Schluss“ schon gefunden hätten, wäre ja auch keine Forschung mehr dazu notwendig. Für mich ist es wesentlich, eben nicht alles über einen Kamm zu scheren und schon gar nicht reformpädagogische Ansätze als „Glaubensrichtung“ misszuverstehen. Aus meiner Sicht ist es wichtig, die Einflussfaktoren auf die Lernfreude in der Schulumgebung aufrecht zu erhalten. Die Lernfreude ist nämlich nachweislich gerade in jungen Jahren der Motor der Anstrengungsbereitschaft. Dies wandelt sich mit der jugendlichen Entwicklung mit dem Heranwachsen allmählich in Richtung einer selbstkritischen Analyse.

Ursula Prasuhn
9 Jahre zuvor

@Dr. Christoph Krick
Die absinkenden Schulleistungen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte machen es mir zunehmend schwer, an den Nutzen pädagogischer Forschung zu glauben.
Es ist ja nicht so, dass in dieser Zeit zu wenige Reformen stattgefunden hätten. Im Gegenteil, es waren eher zu viele. Eine jagte die andere und jede nahm für sich in Anspruch, entscheidend Neues und Revolutionäres entdeckt zu haben.
Sie schreiben: „Für mich ist es wesentlich, eben nicht alles über einen Kamm zu scheren und schon gar nicht reformpädagogische Ansätze als “Glaubensrichtung” misszuverstehen.“
Was sind sie denn sonst? frage ich Sie, Herr Dr. Krick.
Jeder reformpädagogische Ansatz geht zunächst von einer Annahme aus, in deren Richtung man Beweise zu erbringen sucht, die man natürlich immer finden kann und wird, weil Ergebnisse in der Pädagogik ziemlich frei interpretierbar und fast schon Geschmackssache sind. Mitarbeiter an der Ausarbeitung einer Methode werden natürlich zu positiven Beurteilungen neigen, während andere vorsichtiger sind und genauer hingucken wie z.B. Herr oder Frau „mehrnachdenken“.
Ich teile seine/ihre Zweifel angesichts der wundersamen Leistungssprünge nach 3 Monaten in dem mehr gelobten als sachlich beschriebenen Modellversuch. So heißt es beispielsweise: „Schüler, die zuvor in der Grundschule erhebliche Probleme mit dem Rechnen hatten, erreichen nun vielfach sehr gute Ergebnisse.“
Erlauben Sie mir, Herr Dr. Krick, zu sagen, dass die behaupteten Wunder an der Robert-Bosch-Schule unmöglich sind. Also zweifle ich an der Objektivität und Sachlichkeit der bescheinigten Erfolge und bin auch verärgert darüber, dass hier wieder eine Methode mit meiner Meinung nach fragwürdigen Erfolgsmeldungen Schule zu machen versucht.
Rechenschwächen habe ich in meinem Berufsleben als so komplex und hartnäckig erlebt, dass es einer Vielfalt an Bemühungen und einer langen Zeit bedurfte, um sie zu bessern. Und aus keinem rechenschwachen Kind wurde eine Rechenkoryphäe – geschweige denn viele Kinder in 3 Monaten.
Nun können Sie einwenden, ich hätte eben nicht die richtige Methode angewandt, nämlich das von Ihnen und anderen propagierte selbstorganisierte Lernen.
Solche Einwände gegen die Lehrerarbeit wurden in der Vergangenheit immer wieder als Grund und Ursache für die Notwendigkeit pädagogischer Forschung genannt, deren Ergebnisse nachweislich und häufig jedoch nicht das hielten, was sie in Modellversuchen versprachen. Und auf Erfolglosigkeit reagierte man seitens der Verantwortlichen gern mit Schuldzuweisungen an die angeblich faulen, als Fortbildungsmuffel bekannten Lehrer.
Falsche Methoden durch unseriöse Forschungsergebnisse und politische Vorgaben wurden nur selten eingestanden – und wenn, dann eher hinter vorgehaltener Hand und nicht als Medienspektakel wie bei ihrer Einführung.
Und dennoch gibt es eine Methode guten Unterrichts, nämlich die des Zulassens und Mischens vieler pädagogischer Wahrheiten anstatt der Vorherrschaft einer.
Auch ohne Ihre „neuen“ Erkenntnisse und die Ihrer Kollegen, Herr Dr. Krick, wussten die Lehrer schon vor Jahrzehnten, dass Kinder durch eigenes Entdecken und Selbstorganisieren sehr viel und sehr nachhaltig lernen. Dieses und anderes Erfahrungswissen wurde jedoch nicht verallgemeinert, sondern an Stellen eingesetzt, wo es sinnvoll war. Andere Stellen verlangten eben andere Vorgehensweisen, weil hier dieselbe Methode nur Verwirrung und Zeitverschwendung bedeutet hätte.
Kurzum: Ich werfe vielen Reformansätzen vor, zwar auf einer richtigen Erfahrung zu beruhen, diese aber zum Non plus ultra zu erheben und damit zu einer Methodenarmut, die mehr Schaden als Nutzen anrichtet.
Im Umgang mit Kindern kommt es auf viel Geschick, Einfühlungsvermögen und Einfallsreichtum an. Diese Fähigkeiten geraten leider ins Abseits, wenn die Mechanik einer Methode die Vorherrschaft übernimmt und die Person des Lehrers an den Rand drängt – ja geradezu die Rücknahme seiner Person fordert. Welche Verschwendung an Möglichkeiten zugunsten einer armseligen Anklammerung an eine Methode!

mehrnachdenken
9 Jahre zuvor

@ U. Prasuhn
Eine fantastische Replik auf die mit großer Medieninszenierung vorgestellte „schöne neue“ Welt des Lernens nach SOL.
Leider ist Herr Dr. Krick kaum auf meinen Beitrag vom 02.12. und die dort formulierte Skepsis gegenüber dem „Modellversuch“ eingegangen. Ich setze das Wort bewusst in Anführungszeichen, denn in einem seriösen Modellversuch kann es niemals nach drei Monaten bereits diese „tollen“ Ergebnisse geben. Wie die Schulleitung nach dieser kurzen Erprobungsphase dann ernsthaft erwägen kann, das „Selbstorganisierte Lernen“ auf die Schule zu übertragen, erschließt sich mir überhaupt nicht.
Übrigens: Wer sich mit den scheinbar neuen und revolutionären Erkenntnissen der Neurowissenschaft für das Lernen näher beschäftigt, wird sich nach dem Studium auch kritischer Studien beruhigt zurücklehnen und wieder zur Tagesordnung übergehen können.

G. B.
9 Jahre zuvor

Endlich machen mir die Kommentare mal Mut, anderer Meinung zu sein als die anscheinend unangreifbare politische und „wissenschaftliche“, die hier überwiegend geteilt wird.
Seit Jahren frage ich mich nämlich schon, warum die Schulabgänger in ihrem Wissen und Können immer mehr Defizite aufweisen, die dann Betriebe oder Hochschulen durch Nachhilfe notdürftig ausgleichen müssen, um eine Lehre oder ein Studium zu ermöglichen.
Und seit Jahren tönt mir in den Ohren, dass eine Schul- und Methodenreform besser ist als die andere.
Sind wir Lehrer denn alle so bekloppt, dass wir 1 und 1 nicht mehr zusammenzählen können?

lachnudel
9 Jahre zuvor

Zitat von Dr. Krick:
„Ich bin jedenfalls extrem gespannt darauf, was in ein paar Jahren aus den jungen Schülern und Schülerinnen wird, die jetzt schon in der realen Welt überraschend organisiert, selbständig und sozial kompetent geworden sind.“
Ich bin zwar nicht Lehrerin, sondern „nur“ Mutter und hoffe, in diesem Thread trotzdem meine Meinung sagen zu dürfen.
Ich bin auch gespannt, obwohl doch jetzt eigentlich schon klar ist, dass die Kinder alle herausragende, außergewöhnliche Persönlichkeiten sein werden.
Was sich hier in nur 3 Monaten getan hat, verschlägt mir den Atem. Endlich die ersehnte Wundermethode!
Wurde langsam aber auch Zeit!

Karin Pfeiffer-Stolz
9 Jahre zuvor

Neurowissenschaft ist ein relativ junger Forschungszweig, der uns Einsichten in die Funktionsweise des menschlichen Gehirns gewährt und sicher noch manch Verblüffendes zu Tage fördern wird.
Neurowissenschaft ist seriöse Forschung, weder gut noch böse. Böse ist hingegen etwas anderes: der Mißbrauch der Neurowissenschaft zu billigen kommerziellen Zwecken. Lukratives Objekt ist die staatliche Schulpädagogik, Opfer sind Schüler und Lehrer.

Jetzt haben wir also SOL. Wer dabei an „Sonne“ denkt, ist gefoppt. SOL heißt „selbstorganisiertes Lernen“. Eine absolute Neuheit? Kann der Mensch denn überhaupt anders, als „selbstorganisiert“ lernen? Der Lehrer als „Lernberater“. Das haben wir doch schon seit Jahren! „Lerndruck“ und „Versagensangst“ sollen einem „zielorientierten Miteinander beim Lernen“ weichen. Wie hübsch, aber trotzdem kalter Kaffee. Geht es nicht ein wenig origineller? Ach, hier haben wir was: es gibt einen eigenen „SOL-Sprech“. Der Lehrer ist nicht bloß „Lernberater“, sondern „advance organizer“. Man stelle sich das einmal vor! Toll. Aber trotzdem mußte ich als Englisch-Banause das erst mal nachschlagen. Auf Deutsch hört es sich etwas sperrig an, aber vielleicht habe ich es falsch übersetzt. Der „advance organizer“ ist ein „Vorhinein-Organisator“. Jetzt läßt meine Begeisterung schon wieder ein wenig nach.

Sehr geehrter Herr Dr. Krick, ich habe leider niemals SOL-Betreuung genossen. Trotzdem will ich immer alles wissen. Komisch, aber wahr. Und so las ich Ihre Kommentare sehr aufmerksam und unter Beteiligung „interessierten Mitdenkens“. Einiges habe ich sofort verstanden, und das sind die Dinge, die ich immer schon gewußt habe, und die jeder andere auch weiß. Rätselhaft bleiben mir Sätze wie: „Die Lernfreude ist nämlich nachweislich gerade in jungen Jahren der Motor der Anstrengungsbereitschaft.“ Grübel, grübel. Was hat das mit SOL zu tun? (Komisch, jetzt denke ich dauernd an Sol-Eier – die sind lecker, kann ich sehr empfehlen.)

Lassen wir die Kirche im Dorf! Das ganze Schul-Elend resultiert doch daraus, daß man den Lehrer allmählich zum strichlistenführenden Hampelmann der überbordenden Schulbehörde herabwürdigt. Allein zum zeitraubenden Erstellen irgendwelcher blödsinniger Multiple-Choice-Aufgabenblätter und zum Führen von Anwesenheitslisten darf er sich noch hergeben. (SOL: „Der Weg dahin bedeutet viel Arbeit für die Lehrkräfte“). In dieser aus allen Poren nach Bürokratie dampfenden Schulumgebung sollen junge Menschen zum selbstorganisierten Lernen motiviert werden? Das sind doch wohl Träume, genauer: Alpträume!

Wenn das so weiter geht, gibt es bald keine Lehrer mehr. Und wenn dann die ganze Schullandschaft verkrickt und verhüthert ist, kommt irgend ein SOL und alles ist gut. Ach, wenn doch statt dessen die Sonne der Erkenntnis über der pädagogischen Landschaft aufginge und die Finstermänner vertriebe!

Soll ich es sagen? Ja, ich muß, sonst platze ich:
Laßt endlich die Lehrer in Ruhe! Dann lernen auch die Kinder wieder besser.

lachnudel
9 Jahre zuvor

Ich habe herzlich gelacht über ihren bissig-humorigen Kommemntar, Frau Pfeiffer-Stolz. Und obwohl ich nicht vom Fach bin, scheint mir doch, dass Sie die Sache von vorn bis hinten durchschauen.
Übrigens ist der Lehrer nicht nur zum „advance organizer“ geworden, auch das Klassenzimmer hat sich unter SOL zum „Lernstudio“ entwickelt.
Wenn die Sache schon mager ist, muss sie doch wenigstens verbal nach etwas klingen.
Kleider machen eben Leute und bunte Verpackungen täuschen über so manches hinweg.
Übrigens praktizieren meine 3 Kinder täglich mit- und ohne einander SOL. Und sie sind bei mir zu Hause „in der realen Welt überraschend organisiert, selbständig und sozial kompetent geworden“, um es mit Herrn Dr. Kricks Worten auszudrücken.

Bernhard Winters
9 Jahre zuvor

Respekt!

Dr. Christoph Krick
9 Jahre zuvor

Sehr geehrte Frau Prasuhn,
sehr geehrte Frau Pfeiffer-Stolz,

zwischen den zeilen Ihrer Ausführungen vermeine ich herauszulesen, dass Sie den Lehrberuf in der Schule aus eigenen Erfahrungen kennen. Ich bin kein Lehrer, und ich maße mir auch nicht an, Lehrern oder Lehrerinnen vorschreiben zu wollen, wie Unterricht funktioniert. Noch weniger bin ich geneigt, mich an dem Reigen der bildungspolitischen Veränderungen in der äußeren schulischen Organisation zu beteiligen. Ich bin Gehirnforscher und gehe umgekehrt auch nicht sofort davon aus, dass ein Pädagoge mir erklären möchte, wie ich einen Versuchsaufbau zum Überprüfen einer neurowissenschaftlichen Hypothese gestalten sollte, sobald die Rede vom menschlichen Gehirn ist. Aber selbst in meinem Fachgebiet halte ich mich nicht für Meister Allwissend, sondern bin bestrebt, dazuzulernen. Im Augenblick lerne ich unglaublich viel aus der Arbeit fähiger Lehrer und Lehrerinnen in meinem beruflichen Umfeld.

Soweit sei diese Prämisse mal vorausgeschickt, damit keine Missverständnisse entstehen.

Was das Wirrwarr an politisch motivierten „Reformen“ in der Schullandschaft angeht, Frau Prasuhn, so teile ich Ihre Skepsis. Ich stimme Ihnen völlig zu, dass hektisch übergestülpte Lehrkonzepte und unausgegorene Lehrplanverdichtungen ohne Realitätsbezug keinen Sinn ergeben, sondern nur Frust verursachen.

Was SOL angeht, bin ich weder der Entwickler oder Handelreisende davon, noch der Trainer in der Robert-Bosch-Schule. Wenn ich trotzdem offensichliche Verbesserungen sehe, darf ich ja aber durchaus davon berichten, solange es bei uns noch die freie Meinungsäußerung gibt: Das Lehrerteam, das sich selbst zum Ziel gesetzt hat, im Schulterschluss ein transparentes, nachvollziehbares und Halt gebendes Unterrichtskonzept zu formen, hatte nun mal die an neurowissenschaftlichen Erkenntnissen angelehnten SOL-Prinzipien des LERNENS für die eigene Grundlage des LEHRENS hergenommen. Es ging also gar nicht um das abermalige Einführen funkelnagelneuer LEHRkonzepte, sondern um Förderstrukturen zum effektiveren LERNEN. Dabei schreibt niemand – auch ich nicht – den Pädagogen vor, wie sie den Unterricht zu gestalten haben. Dafür werden diese schließlich bezahlt…

Aber was ist denn Lernen? – Warum lernt ein Kind besser Vokabeln als das andere? – Wieso kann ein Kind schlecht rechnen? – Wieso kann ein Kind mit (fraglicher) Dyskalkulie plötzlich Einsen am Stück schreiben? Kann man die Antwort im Gehirn sehen…?

Das sind nun Fragen, die mich bewegen, da ich die biologischen Grundlagen der zugrundeliegenden Prozesse beobachte. In wissenschaftlichen Disziplinen wird inzwischen von den Steuerzahlern, also meinen Auftraggebern, gefordert, interdisziplinär zu arbeiten, damit schneller bessere Ergebnisse entstehen, wenn aus verschiedenen Blickwinkeln auf dasselbe Problem geschaut wird. Wenn nun Pädagogen auf mich zukommen, um zu fragen, ob man dieses Prinzip auch auf die schulische Arbeit anwenden sollte, bin ich gar nicht abgeneigt, weil ich diese Arbeitsweise kenne. Dabei lernt jeder vom anderen. Nichts anderes passiert nun auch unter den Schülern… Es ist dasselbe Prinzip, wobei die Schüler und Schülerinnen natürlich noch eine geeignete (Ein-)Führung brauchen.

Eine Frage an Sie, Frau Pfeiffer-Stolz: Warum sollte Ihrer Meinung nach das Wissen um das biologische Fundament von Motivation, Lernfreude und Kulturleistungen nicht in Lehrerhände gelangen…? – Warum sollte ich nicht mein bescheidenes Wissen im interdisziplinären Schulterschluss innerhalb des Lehrerteams mit mutigen und kreativen Lehrpersonen teilen? – Was spricht denn Iherer Meinung derart dagegen, dass Sie fordern, ich solle lieber diese Menschen in Ruhe lassen…?

@lachnudel: Die „Methode“ mag entweder wundersam oder unbekannt klingen, aber eine „Wundermethode“ ist es nicht. Eher ein lernförderndes Umfeld, soziale Wärme und eine Ansammlung brauchbarer, weil bewährter Unterrichtsprinzipien.

Viele Grüße,

Christoph Krick

lachnudel
9 Jahre zuvor

Wenn aus vielen schlechten Matheschülern in kürzester Zeit (3 Monaten) Einser-Kandidaten werden, wirkt das auch auf mich wie die Vorstellung einer „Wundermethode“.
Und an eine solche glaube ich einfach nicht.
Um es klar auszudrücken: Hier wurden meiner Meinung nach im Bestreben, mit einer „neurowissenschaftlich“ begründeten Methode vor den Eltern und der Presse zu glänzen, leichtsinnig bis fahrlässig Erfolgsmeldungen produziert, die den Beteiligten nützen, zumindest den erwachsenen.
Von Unterrichtsprinzipien verstehe ich wenig, doch ein lernfördendes Umfeld haben die Kinder gewiss nicht nur in der Schule.
Und wenn Sie von sozialer Wärme sprechen, dann sind Massenbetriebe wie Kitas und Schulen gewiss keine sehr wärmespendenden Orte. Oder wollen Sie so ganz nebenher noch behaupten, dass SOS neben den geschilderten Wundern zusätzlich auch noch für jene Nestwärme sorgt, die jedes Kind allein bei seinen Eltern und in der Familie hat?
Fragen Sie doch mal Erzieher/innen und Lehrer/innen, ob sie für die fremden Kinder genauso empfinden wie für die eigenen, auch wenn sie bemüht sind, freundlich und liebevoll mit ihnen umzugehen.
Werter Herr Dr. Krick, wenn Sie und die Schulleiterin der Robert-Bosch-Schule glaubwürdig für die SOS-Methode werben wollen, dann kann ich aus meiner Sicht nur empfehlen, kleinere Brötchen zu backen und Behauptungen genauer auf ihren Glaubwürdigkeits- und Wahrheitsgehalt zu überprüfen.
Sie wollen doch sicher nicht, dass Ihr Modellversuch mit SOS in die unrühmliche Geschichte anderer Versuche eingeht, die sich im Nachhinein nur als Jahrmarkt der Eitelkeiten entpuppt haben, der auf dem Rücken von Kindern und Eltern stattfand.

Bernhard Winters
9 Jahre zuvor
Antwortet  lachnudel

Sic!

mehrnachdenken
9 Jahre zuvor

Wir reden oder besser schreiben die ganze Zeit über eine bstimmte Schule. Hier ist die Adresse:

http://www.rbs-homburg.de

Es ist immer gut, sich „vor Ort“ zu informieren.

Schulmeister
9 Jahre zuvor

Dank an Sie, „mehrnachdenken“, denn ich habe auch schon als stiller Leser der Kommentare gedacht, dass die Robert-Koch-Schule mit der Rektorin Barbara Naumann zwar immer nebenbei erwähnt wird, aber als Initiatorin des Modellversuchs und Lieferant der Erfolgsmeldungen zu wenig beachtet wird.
Morgen werde ich mich mal „vor Ort“ informieren.

Karin Pfeiffer-Stolz
9 Jahre zuvor

Sehr geehrter Herr Dr. Krick,
es ehrt Sie, daß Sie Ihre Position argumentativ zu rechtfertigen suchen. Im ersten Moment war ich drauf und dran, Ihre Stellungnahme Satz für Satz auseinanderzunehmen; das wäre nicht schwer gewesen, denn besonderes Geschick in der Selbstrechtfertigung haben Sie nicht an den Tag gelegt; das macht Sie beinahe sympathisch.
Es gab eine Zeit, da ich mich fragte, weshalb an der Schule jede noch so dumme und schädliche Methode jahrzehntelang gepflegt wird, obwohl die praktischen Ergebnisse, für jeden sichtbar, negative Früchte tragen. Heute, nachdem ich einen Blick hinter die Kulissen der staatlichen Einrichtungen geworfen habe, wundere ich mich nicht mehr darüber.
Die Schule ist zur Beute skrupelloser Interessengemeinschaften verkommen. Das Wohl von Kindern und Jugendlichen wird mittels unerträglicher Erlösungsrhetorik gepriesen, während das eigentliche Ziel der Reformer ein gänzlich anderes ist. Man bemüht sich um staatliche Zuschüsse und satte Renditen, will sich und das eigene Institut gesellschaftlich positionieren und eine Runde auf dem Markt der Eitelkeiten drehen. Per se ist das nicht verwerflich. So ist der Mensch, auch ich bin einer.
Aber wir sprechen hier von Schulen und dem Schicksal unzähliger junger Menschen. Der schädliche Reformirrsinn an den Schulen hat Methode. Die politisch vorgespurten Wege sind Einbahnstraßen, weil sie bereits im Vorfeld kommerziell verankert werden. Verträge werden geschlossen, oft auf Jahre oder Jahrzehnte hinaus. Rasch bilden private, halbstaatliche und staatliche Einrichtungen ein dichtes Netzwerk an wirtschaftlichen Interessen. Die Verflechtungen sind derart belastungsfähig, daß sie selbst dem stärksten kritischen Gegenwind trotzen. Wir erleben dies bei jeder Reform aufs neue – aktuell zum Beispiel die Inklusion.
___________________________

Weil ich zunächst mehr über SOL und die Ursprünge dieser „neuen“ Methode wissen wollte, habe ich im Netz ein wenig gestöbert. Dabei drohte ich, im Sumpf von Seilschaften zu versinken. Ich habe von weiteren Recherchen abgelassen, weil es mir die Sache nicht wert ist. Was ich mit ein paar Klicks erfahren habe, reicht ohnehin aus, um mir ein Bild zu machen.
Ich muß Ihnen recht geben, Herr Dr. Krick: Ihre Rolle bei diesem Spiel scheint eher eine marginale zu sein. Sie wurden gebeten, den „wissenschaftlichen“ Rahmen bereitzustellen, damit die naiven Steuerzahler (welche Sie, Herr Dr. Krick, fast schon scherzhaft als Ihre „Auftraggeber“ bezeichnen), nicht auf die Idee kommen, es handele sich bei SOL um reine Geschäftemacherei. Das Kleid der Wissenschaft aber ist im Laufe der letzten Jahrzehnte durch unrühmlichen politischen Gebrauch ziemlich verschlissen. Dahinter wird eine traurige Schäbigkeit sichtbar. Seriöse Neurowissenschaft gibt sich indes bestimmt nicht dazu her, einer pädagogischen Modetorheit wie dem SOL-Konzept seinen akademischen Segen zu geben.

Es steht mir nicht zu, das Unterfangen moralisch zu bewerten. Zu bedauern sind Schüler und Eltern, die mit Illusionen abgefüttert werden, derweil sie um ihre echten Chancen betrogen sind. Ein Jahrzehnt und länger müssen sie täglich eine Einrichtung besuchen, in welcher pausenlos wechselnde Experimente angestellt werden, die dem Wissenserwerb und damit einer guten Bildung kontraproduktiv entgegenstehen. Und all diese Maßnahmen dienen – natürlich! – dem Wohl des Kindes. Es ist die ungeheure Heuchelei, die so abstoßend wirkt.

Nachbemerkung:
Wer nach den Initiatoren des SOL-Projekts sucht, stößt auf ein Netzwerk, in dem man sich verliert. Das Landesinstitut für Pädagogik und Medien (LPM) steuert Mittel für die Fortbildung für das anwendertaugliche Umsetzen des „Selbstorganisierten Lernens“ (SOL) bei, das in Ulm durch das Institut für Selbstorganisiertes Lernen entwickelt wurde.
Erfinder von SOL ist nach Internet-Recherchen (1) ein gewisser Martin Herold, Jahrgang 1953 und seit 2007 Geschäftsführer des SOL-Instituts (2). Herr Herold war jahrzehntelang Studiendirektor mit Lehrauftrag und Tätigkeit als Fortbildungsreferent in der Schulverwaltung mit Schwerpunkt Schulentwicklung am Oberschulamt Tübingen. Von Anfang als aktives Mitglied im Verwaltungs- und Politapparat in Baden-Württemberg tätig, nimmt der ehemalige Lehrer heute Einfluß auf die ständigen Reformen an Schulen. Und verdient nicht schlecht daran. Die „wissenschaftliche Begleitung“ soll nach außen hin den Reformunternehmen einen seriösen Anstrich geben.

(1)
http://www.lernwelt.at/downloads/herold_martin.pdf

(2)
http://www.sol-institut.de/das-institut/

http://www.sol-institut.de/unsere-leistungen/

Dr. Christoph Krick
9 Jahre zuvor

Sehr geehrte Frau Pfeiffer-Stolz,

von anderen Richtungen her lauern zusätzliche Gefahren, die Sie nicht unerwähnt lassen sollten: Die Medienindustrie angelt uns die Jugendlichen weg in ihre virtuelle Scheinwelt, um sie dort über extrinsische Belohnungsreize im Stadium von Kindern zu halten. Und im Alter von 30 Jahren müssen diese „Kinder“ über teuer bezahlte Therapien lernen, selber Verantwortung für sich zu tragen.
Die Nachhilfe-Studios versprechen, das über dem Medienkonsum Versäumte nach der Ganztagsschule über teuer bezahlte Spezialangebote ins Kindergehirn zu pressen, während die jungen Leute darüber das verpassen, was wir früher „Kindheit“ nannten. (Das Saarland ist eines der Bundesländer mit den höchsten Pro-Kopf-Ausgaben für Nachhilfe.) Burnout im Kindesalter ist auf dem Vormarsch.
Aber das ist noch nicht alles! – Über 5% der Kinder sind behandlungsbedürftig depressiv. 10% leiden an Angststörungen. Und nicht zuletzt haben wir ja noch die 2 bis 3% Zappelphillippe und Träumerlieschen. Ganz zu schweigen von Kindern mit allerlei „Störungen“ im Sozialverhalten! Logisch, dass die Behandlungen alle nicht umsonst sind…!
Aber nun mal ganz im Ernst, Frau Pfeiffer-Stolz: Ich gebe Ihnen recht, dass wir allesamt aufpassen müssen, unsere Kinder nicht von kommerziellen „Fischfangflotten“ wegangeln zu lassen. Und ich gebe Ihnen durchaus recht, dieses Gebot auf die Schulumgebung auszudehnen. Insofern nehme ich Ihre Sorgen ernst und teile sie.
Vielleicht sollte es für Sie daher eine interessante Information sein, dass das Lehrerteam der Robert-Bosch-Schule die internen Umgestaltungen zum effektiveren Lernen weitgehend in Eigenregie umsetzt. Somit Entwarnung an dieser Stelle: kein Kommerz auf Kosten der Kinder. Aber bewundernswerte Lehrjräfte, denen ich viel Respekt entgegenbringe!
Offensichtlich funktionieren die Maßnahmen, die von diesen teamfähigen Pädagogen umgesetzt werden. Ich kann somit nicht so recht nachvollziehen, wieso Sie die Mühe und die geistige Schaffenskraft dieser Menschen aus der sicheren Entfernung Ihres Computers zu torpedieren versuchen…
Vielleicht kommt ja 2012 doch nicht der Weltuntergang und wir erleben zusammen noch erquickliche Meldungen aus der interdiziplinären Zusammenarbeit in der Robert-Bosch-Schule.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine frohe Adventszeit, Frau Pfeiffer-Stolz.

Viele Grüße,

Christoph Krick

Schulmeister
9 Jahre zuvor

Mir verschlägt es die Sprache, denn Ihre Ausführungen sind so unglaublich engagiert, aufschlussreich und mutig, Frau Pfeiffer-Stolz, dass ich kaum weiß, wie Ihnen danken soll. Darum einfach nur: Herzlichen Dank!

Ursula Prasuhn
9 Jahre zuvor

Sie stellen folgende Fragen, Herr Dr. Krick: „Aber was ist denn Lernen? – Warum lernt ein Kind besser Vokabeln als das andere? – Wieso kann ein Kind schlecht rechnen? – Wieso kann ein Kind mit (fraglicher) Dyskalkulie plötzlich Einsen am Stück schreiben? Kann man die Antwort im Gehirn sehen…?“
Ich denke, es gibt viele Einflussfaktoren und viele Antworten, zu denen die Neurowissenschaft nur einen von vielen Beiträgen liefert.
Andere Wissenschaftszweige stellen ebenfalls Richtiges und Wichtiges fest, doch leider wird „neuen“ Erkenntnissen allzu oft durch Ehrgeiz und die Aussicht auf persönliche Vorteile ein so übertrieben hoher Stellenwert zugeschrieben, dass weitere ebenso gültige und wichtige Wahrheiten automatisch als altmodisch und darum minderwertig gelten. Dies hat für den Unterricht und damit auch für die Schüler und Lehrer bedauerliche Auswirkungen.
Die Mischung macht’s nämlich wirklich, wie „mehrnachdenken“ mit Hinweis auf Prof. Hilbert Meyer und seine beeindruckende Selbstkorrektur in Sachen SOL ganz richtig festgestellt hat.
Hut ab, vor diesem Mann, der einen folgenschweren – und für ihn sicher peinlichen – Irrtum eingesteht und heute nachdrücklich für traditionelle, bewährte Methoden eintritt, obwohl sie ihm und seiner Wissenschaft weit weniger Glanz und Glorie einbringen als alles Neue, das immer für Aufsehen sorgt und automatisch für besser gehalten wird als das Alte.

Zu Beginn meines Lehrerdaseins habe ich fast gar nichts von dem verspürt, was „lachnudel“ am 6.12. um 22:36 Uhr den „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ nennt. Dieser kam ab Mitte der 70er Jahre zuerst auf leisen Sohlen, um danach mit immer lauterem Medienrummel auf sich aufmerksam zu machen.
Warum das? Wozu brauchen wissenschaftliche Annahmen und Modellversuche solchen Wirbel? Und warum muss man in immer kürzeren Abständen schon Erfolge vermelden, die im Fall der Robert-Bosch-Schule so überzogen sind, dass sie bei vielen gegen jedes Wissen und jedes Gefühl für Glaubwürdigkeit verstoßen?
Und warum erst vollmundig von wundersamen Ergebnissen berichten, um dann mit gebotener Bescheidenheit das Wort „Wundermethode“ abzuwehren, weil es auf Grund von Zweifeln spöttisch klingt?
An der Flut froher, aber bezweifelter Erfolgsmeldungen hat sicher auch das Lehrerkollegium der Robert-Koch-Schule, insbesondere die Schulleitung, erheblichen Anteil. Positive Auskünfte von dieser Seite sind sicher wichtig für die mediale Begleitung des Modellversuchs, die nicht zuletzt auch der Schule und ihrem sog. Schulprofil zugute kommt.

Birgit
9 Jahre zuvor

Zitat: „Laßt endlich die Lehrer in Ruhe! Dann lernen auch die Kinder wieder besser.“
Dieser Satz, liebe Frau Pfeiffer-Stolz, gefällt mir von Ihren lesenswerten Kommentaren am besten.
Der Lehrerberuf macht schon lange keinen Spaß mehr und ich kann nur jedem raten, es sich 3 mal zu überlegen, bevor man ihn ergreift. Man interviewt am besten mal Lehrer/innen, die schon einige Jahre auf dem Buckel haben.

angi05
7 Jahre zuvor
Antwortet  Birgit

In dem Jahr 2012 hatte ich mit Wiedereingliederung das Schuljahr begonnen, nachdem ich von meiner langjährigen Hausärztin „aus dem Verkehr gezogen wurde“.
Deshalb habe ich nun alle Kommentare erst jetzt vor Augen!
Und ich bin sehr interessiert an den weiteren Äusserungen…es ist ein LERNFELD für mich.
Was mir fehlt, in dem realem Umfeld, besonders im Beruf als PF in einer Schule mit ganzh.Förderung, ist die
Bereitschaft zur Meinungsäusserung.
Hinter vorgehaltener Hand flüstert sich der eine oder andere Kollege zu, was ihn frustriert, doch in der großen Konferenz wagt niemand, die neuerlichen Ideen zu hinterfragen.
Ich kann sehr viel Ähnlichkeit mit dem Anpassungverhalten zu den DDR-Zeiten feststellen. Schon damals habe ich manches infrage gestellt, laut! Heutzutage macht mir ARBEITSPLATZVERLUST keine Bange mehr, denn die
Ängste habe ich mittlerweile besiegen können, dank meiner erwachsenen Kinder und meiner Arbeitsjahre, doch ob BRD oder DDR- ein INFRAGESTELLEN birgt das Risiko, nicht in der Position der Macht zu stehen, um gehört zu werden.
Ich fand tragisch mitanzusehen, wie die ersten Jugendlichen zu uns kamen, als 15-jährige, vollgepumpt mit Medikamenten,und unerreichbar. Sie waren kognitiv normal leistungsfähig, bis Ereignisse von aussen über sie hereinbrachen. Schon meine damalige Frage, ob denn ausser Medikamenten für sie gesorgt wird, hielt man für „nicht angemessen“. Ihre Zeit bei uns war die Endstation aller Schulformen, eine grausige Vorahnung…

Dr. Christoph Krick
9 Jahre zuvor

Sehr geehrte Frau Prasuhn,

das Kommentieren Ihrer analytischen Betrachtung fällt mir leichter als das Beantworten emotional aufgeladener Postings.
Zum Thema „Wundermethode“: Das Gehirn mag eine verwunderliche Kreation der Natur sein, aber deswegen neigen Neurowissenschaftler nicht zum Wunderglaube… Wenn ein Kind mit „diagnostizierter Rechenstörung“ in einer veränderten Umgebung dieselbe „Störung“ nicht mehr zeigt, dann dann gibt aus meiner Sicht nur eine plausible Erklärung dafür: Die vorherige Umgebung war nicht in gleicher Weise förderlich im Vergleich zur aktuellen Umgebung. Zugleich kann sich die Vorerfahrung des Scheiterns hartnäckig im Selbstkonzept eines Kindes verankern. Solche Kinderschicksale scheinen nicht so selten zu sein, wie ich dies zuvor hätte vermuten wollen. Zugleich zeigt mir dies auch auf, dass solche Bescheinigungen eines vermeintlichen Unvermögens nicht immer den Kern des Problems beschreiben können.
Aber was heißt nun „Störung“ im Lernverhalten? – Die Aus meiner Sicht erscheint dieses Gebilde im Kinderkopf reichlich „störanfällig“ im Vergleich zu anderen Organen. Eine DAK-Studie aus 2011 ergab, dass sich bis zu 30% der Kinder in der Schule deprimiert fühlen. Gerade solche Kinder mit Leistungsschwächen berichten zudem von tief sitzenden Ängsten und Selbstzweifel. Ich beobachte, dass die sogenannten „Schutzfaktoren“ (z.B. soziale Eingebundenheit, Zuversicht zu den eigenen Kräften, Problemlösekompetenz) wegbrechen, während Risikofaktoren (z.B. Vereinzelung, Gewalterlebnisse, Ohnmachtsgefühle) zunehmen. Ich gehe daher davon aus, dass hinter der „wundersamen“ Verbesserung aus dem kindzentrierten Unterrichtsmodell der Robert-Bosch-Schule nicht ein „explosionsartiges“ Dazulernen dahintersteckt, sondern der fachspezifische Fortschritt in ganz anderen Dimensionen, nämlich der Emotionalität zum Schulunterricht, zu suchen sein dürfte. Aus meiner Sicht erscheint es dramatisch, dass eine passende Lernumgebung so rasch einen Wandel des schulischen Erfolgs nach sich ziehen kann.
Ich frage mich daher als Gehirnforscher, was hier genau passiert ist und wieso solch ein kindgerechtes Umfeld nicht schulische Normalität ist…

Birgit
9 Jahre zuvor

Ihre Worte, Herr Dr. Krick: „Ich frage mich daher als Gehirnforscher, was hier genau passiert ist und wieso solch ein kindgerechtes Umfeld nicht schulische Normalität ist…“
Glauben Sie mir, hier ist etwas passiert, was mehr mit den äußeren Umständen Ihres Versuchs zu tun hat als mit SOL an sich.

olkosh
9 Jahre zuvor
Antwortet  Birgit

Sie sprechen mir aus der Seele. Wer Unterrichtsbesuche in der Lehrerausbildung erlebt der bemerkt sehr schnell das dies immer Ausnahmesituationen sind die nicht auf den Alltag zu übertragen sind.

mehrnachdenken
9 Jahre zuvor

@ Dr. Krick,
In dem Artikel bei News4teachers steht: „Die Lehrkräfte wollen vielmehr neurowissenschaftliche Erkenntnisse über Lernprozesse und deren biologische Grundlagen bei der Neuausrichtung des Unterrichtes und Lernens nutzen.“
Können Sie bitte kurz darstellen, um welche neurowissenschaftlichen Erkenntnisse es sich handelt, und wie diese für das SOL genutzt werden können.
Sie betonen, wie wichtig eine freundliche und emotional positive Lernumgebung für erfolgreiches Lernen ist. Herr Dr. Krick, mit Verlaub, dass ist doch eine pädagogische Binsenweisheit. Möglicherweise kann mit „SOL“ so eine Atmosphäre geschaffen werden. Es sollte jedoch hinzugefügt werden: Aber auch mit vielen anderen Methoden. Ja, ich kann mir sogar vorstellen, dass in dem Modellversuch schon relativ kurzfristig Leistungssteigerungen festzustellen sind. Können Sie exakt ermitteln, ob das ganz alleine mit der neuen Methode zu tun hat oder könnte es auch ganz simpel mit der Tatsache zusammenhängen, dass wir Menschen und in besonderer Weise Kinder leicht dem „Reiz des Neuen“ erliegen. Was Sie schildern, haben bestimmt schon viele Lehrkräfte erlebt. Da kommen SchülerInnen aus der GS in die weiterführende Schule, und sie verbessern ihre Noten deutlich. Am Ende des Schuljahres hat sich aber i.d.R. manches wieder „normalisiert“. Wie erklären Sie sich die anfänglich große Lernfreude der Kinder?
Deshalb können Sie m.E. erst nach einer längeren Laufzeit einigermaßen belastbare Erkenntnisse aus dem Modellversuch gewinnen.
Sie erwähnen die DAK-Studie und sprechen von „deprimierten“, „ängstlichen“ und „selbstzweifelnden“ Kindern. Ja, die gibt es leider in immer größerer Anzahl. Dafür wird es aus meiner Sicht aber keine einzige Ursache geben. Sicher finden Sie viele Ursachen in der schulischen Umgebung; dort verbingen die Kinder und Jungendlichen auch viel Zeit. Die außerschulischen Faktoren dürfen aber nicht ignoriert werden. Zudem gehen Kinder mit schwierigen Lebensumständen sehr unterschiedlich um.
Viele Kinder besuchen Schulformen, auf denen sie hoffnungslos überfordert sind. Welche Eltern orientieren sich denn noch an den Empfehlungen der Lehrkräfte? Alles strömt auf das Gymnasium. Das Gymnasium, die „Volksschule“ der Zukunft? Neben den schulischen Förderprogrammen müssen diese Kinder auch noch zur Nachhilfe. Kurzum: Der Alltag vieler Kinder besteht nur noch aus LERNEN. Was für ein trauriges Leben! Einige werden es mit dieser geballten Unterstützung schaffen, viele aber nicht.
Wer würde sich von uns unter diesen Umständen nicht depremiert oder ängstlich fühlen und an sich zweifeln?
Dass die permanente schulische Überforderung bei vielen Kindern und Jugendlichen zu psychischen und somatischen Schäden führt, steht außer Frage.
Ich kenne in meinem näheren Umfeld Akademiker-Eltern, die ihre Kinder begabungsgerecht beschulen lassen. Niemand wird von ihnen gezwungen, das Abitur zu machen. Das nenne ich verantwortliches Handeln für die Kinder.

angi05
7 Jahre zuvor
Antwortet  mehrnachdenken

Ich muss hier einfügen, dass ich als Mutter vieles von meinen Kindern gelernt habe.So lange ich IHNEN vertraue, wird das Kind Lösungen suchen und finden.
Mein zweitgeborener Sohn war überaus körperlich aktiv, kreativ im Selbstbeschäftigen, und das WESENTLICHSTE:
Er war neugierig!Für dieses Verhalten , ständig nachzufragen, zu hinterfragen, gab es nur wenig Raum im Schulalltag. Eine Lehrerin von den vielen meist überforderten Kollegen, gab ihm immer wieder IHR Vertrauen, dass er ein patenter Junge ist.
Mit dem Ende des neunten Schuljahres teilte er mir mit, „er tut sich und den Lehrern den Gefallen, die Schule zu verlassen“- nach dem Ende der Ferien begann er eine Ausbildung, welche er selbstständig wählte.
Mit der leitenden verantwortungvollen Stellung von heute erlebe ich einen Menschen, der bereit ist, zu lernen, zu führen, und dem Teammitglied sozial gerecht zu begegnen.

Dr. Christoph Krick
9 Jahre zuvor

@Birgit:
Aus ethischen und rechtlichen Gründen ist es gar nicht möglich, eine wissenschaftliche Datenerfassung unter Schülern so zu gestalten, dass diese das Messumfeld überhaupt nicht beeinflusst. Das heißt, dass die Kinder und deren Eltern immer wissen müssen, um was es sich dreht, welche Parameter erfasst werden und wozu die Angaben dienen sollen. Natürlich sollten die Messinstrumente so wenig wie möglich die zu messenden Parameter beeinflussen. Aber Kinder sind zwar kurz, aber nicht dumm, so dass Ihr Einwand durchaus berechtigt ist. Zudem ist der ganze Presserummel nicht wirklich hilfreich, aber es ist ja recht ungewöhnlich, dass sich Lehrer, Schüler und Neurowissenschaftler miteinander vernetzen, so dass es einfach auffällt, dass Kinder zwischen Schule und Uni hin- und herwandern. Und man kann ja niemandem den Mund verbieten…

@mehrnachdenken:
Das wichtigste zuerst: Wenn man beobachen will, wie ein Kind lernt, dann muss man ihm nicht ins Gehirn schauen, sondern man kann einfach das Kind beobachten… Daraus abgeleitete Regeln werden auch dann nicht hinfällig, wenn man deren neurobiologischen Grundlagen untersucht. Daher ist die pädagogische Arbeit und deren soziale Funktion meines Erachtens nicht ersetzbar – weder durch Neurowissenschaft, noch durch Unsinn wie „e-learning“.
Zur Art der Kooperation: Manchmal ist es bei dieser pädagogischen Arbeit aber hilfreich zu wissen, was für ein Problem dahintersteckt, wenn der Erwerb einer wichtigen Kulturleistung mal nicht funktioniert. Ich hatte oben Kinder mit Rechenschwäche erwähnt. Das intuitive Erfassen einer „Anzahl“ von Objekten oder Menschen ist schon bei drei Monaten alten Säuglingen zu beobachten, auch wenn diese noch gar keinen Begriff für „Anzahl“ haben. Diese kognitive Gabe lässt sich auch deutlich unterscheiden vom intuitiven Erkennen von „Form“. (Diese Messungen wurden mittels Gehirnstrommessungen in Frankreich an den kleinen Pampersträgern vorgenommen.) Das Rechnen mit großen Zahlen oberhalb intuitiv erfassbarer Mengen ist jedoch eine Funktion, die normalerweise im Verlauf der Schulzeit eintrainiert wird. Als Fundament dafür werden Areale im Gehirn „ausgeliehen“, die ursprünglich beim räumlichen Denken involviert sind. Im Verlauf der Schuljahre spezialisiert sich in der rechten Gehirnhälfte eines dieser Areale für Mathematik. Geschieht dies nicht, wird kompensatorisch mit der „Kleinkindfunktion“ des Zählens (z.B. Finger) und mit dem Verbalisieren von Regeln gearbeitet. Diese Pfade zu verlassen und neue zu beschreiten ist dann schwierig. Ich bin nun dabei, mit den Pädagogen zusammen Fördermaßnahmen zum Verbessern des räumlich-numerischen Denkens zu erarbeiten. Umgekehrt kann ein Mathe-Lehrer mit solchen Erkenntnissen arbeiten, wenn seine kleinen „Couch-Potatoes“ über das Vernetzen mit dem Sportlehrer zu raumgreifenden Laufspielen mit pädagogischem Hintergrund angeleitet werden.
Zur SOL-Lernumgebung: Das SOL-Konzept ist ja nicht neu. Aber in der zurückliegenden Zeit wurde SOL parallel zu lehrerzentrierten Unterrichtsmodellen eingesetzt – je nach „Geschmack“ der Lehrperson eben. Das Problem dabei ist, dass die Kinder im SOL-Unterricht mehr selber arbeiten müssen im Vergleich zu einem Unterricht, in dem sich der Lehrer verausgabt. Die Kinder kriegen rasch spitz, dass sie im Frontalunterricht mental die Füße hochlegen können, so dass im Kontrast der Mitmach-Unterricht „mühevoller“ erscheint. Dadurch hatten es die SOL-Pädagogen mit der Zeit schwerer, diesen Unterrichtsstil durchzuhalten. Es scheint leichter zu werden, wenn die Kinder wissen, dass die Schule durchgängig ihre eigene Sache ist – und der Lehrer keine „Oppositionsrolle“ inne hat.
Zudem wird an der Robert-Bosch-Schule ein Konzept mit mehreren Schwierigkeitslevels angeboten, was die Kinder mit Assoziation zur Computerwelt zu schätzen wissen. Umgekehrt ist dadurch das Erfolgserlebnis so gut wie sicher, so dass positive Emotionen zum Lerngegenstand induziert werden. So weit meine Laiensicht… Besser wäre es, zu den Details die Lehrer selbst zu befragen.
Viele Grüße,

Christoph Krick

AxelF
8 Jahre zuvor

E-Learning ist kein „Unsinn“, wie Sie meinen, Herr Dr. Krick. E-Learning wird allerdings kaum professionell, i.e. zielführend und kompetent betrieben. Das leider mittlerweile kostenpflichtige „bettermarks“, als Projekt von Ihrem Kollegen Prof. Spitzer begleitet und begutachtet (einem ehemals äußerst kritischem Gegner des Computereinsatzes beim Lernen), ist ein gutes Beispiel für den erfolgversprechenden Einsatz im Mathematikunterricht. Das System leistet zweierlei: Training und unmittelbare, kompetenzorientierte Rückmeldung auf der Basis individualisierten Lernens. Die Lernplattform moodle birgt ebenfalls enorme Potentiale, die mehr und mehr genutzt werden. Der intelligente Einsatz solcher Systeme erfordert erheblichen Entwicklungsaufwand. Ich könnte mir vorstellen, dass solche Systeme die von Ihnen propagierte, neue Lernumgebung durchaus bereichern kann.

mehrnachdenken
9 Jahre zuvor

Schön wäre es, wenn sich auch erfahrene „SOL“-Lehrkräfte oder Eltern, deren Kinder nach „SOL“ unterrichtet werden, an der Diskussion beteiligen würden.

Birgit
9 Jahre zuvor

Warum denn das, mehrnachdenken?
Was erwarten Sie denn? Etwa auch kritische Stimmen?

mehrnachdenken
9 Jahre zuvor

Es ist doch schon seltsam, dass es hier äußerst kritische Kommentare zu „SOL“ gibt, aber niemand – außer der begleitende Neurowissenschaftler Dr. Krick – sich da „zur Wehr“ setzt. Wenn ich von einer Sache so überzeugt wäre und eine Diskussion darüber mitbekäme wie hier, würde ich nicht ruhig bleiben.

Dr. Christoph Krick
9 Jahre zuvor

@mehrnachdenken:
Die Robert-Bosch-Schule ist sicher nicht die erste Einrichtung, in der solche Unterrichtsmodelle umgesetzt werden. Neu ist hier bloß die neurowissenschaftliche Beobachtung der Effekte ab Klassenstufe 5.

Ich mache mal den Zirkel etwas größer, so dass nicht nur die in der obigen Pressemeldung zitierte Gemeinschaftsschule im Fokus steht: Das Berufskolleg in Bünde praktiziert den SOL-Unterricht nebst Fördermaßnahmen seit 2006/2007. Vor der Umgestaltung der Lernumgebung dümpelte der direkte Übertritt von der Schule zu einer Lehrstelle bei etwa 15% herum. Das zwang den Rektor damals dazu, eine „Radikalkur“ durchzusetzen. Als tauglicher Fahrplan diente dort SOL. Inzwischen werden 95% der Schulabgäbger direkt in eine Lehrstelle vermittelt. Wieso bloß? – Welche Kompetenzen werden hier erworben, so dass die jungen Leute derart attraktiv für Lehrbetriebe werden? – Man müsste also auch mal die Betriebe bitten, das „Resultat“ solch eines Unterrichts zu kommentieren…

Wahrscheinlich könnte letztlich aber jedes Lehrerteam unter Zuhilfenahme des gesunden Menschenverstandes, genügend Berufserfahrung, Beherztheit und jede Menge Zeit dieses Rad auch ohne die Vokabel „SOL“ immer wieder neu erfinden… Die Leiterin des Förderteams in Bünde fasst ihre SOL-Erfahrung wie folgt zusammen:
„SOL ist keine neue Unterrichtsmethode, sondern ein systemischer Ansatz, der neue Elemente der Lernforschung, Gruppendynamik, der Leistungsbeurteilung, der Lernkultur und der fraktalen Organisation umfasst. Zusätzlich zum fachinternen Einsatz von SOL gibt es fächerübergreifende Unterrichtsarrangements, die phasenweise in der BFS-FHR den „normalen“ Stundenplan ersetzen und somit den 45-Minuten Rhythmus aufheben, um auf individuelle Lernstände und Lernfortschritte eingehen zu können.“
http://www.egb-buende.de/egb/index.php?option=com_content&view=article&id=287&Itemid=248

Man darf sich wohl SOL nicht als „pädagogisches Korsett“ vorstellen, sondern als eine erprobte „Leitstruktur“ innerhalb eines Lehrerteams zum gemeinsamen Vereinbaren einer optimierten Lernumgebung über praxistaugliche, weil bewährte Prinzipien des Lernens. Ein wichtiges Prinzip ist dabei offensichtlich die Teambildung zwecks Verfolgen gemeinsamer Ziele – und das nicht nur beim schulischen Lernen, sondern auch innerhalb des Lehrerkollegiums. Dabei wird das Lehrerkollegium ja nicht über Hexerei plötzlich größer, aber augenscheinlich effektiver bei gleichem Engagement. Warum bloß sollte das Umsetzen solchermaßen wirkungsvollen Prinzipien eigentlich schädlich sein…?

Was mich in der ganzen Diskussion hier verblüfft, ist die refexartige Ablehnung relativ logischer Lernarrangements, nur weil diese nun mal einen Namen bekommen haben, der aber noch nicht mal besonders provokativ klingt. Ich denke, dass wir noch zu oft glauben, dass Schule darin besteht, die „geistige Nahrung“ möglichst mundgerecht zu servieren, um das Kochen derselben lernen zu machen. Es ist ja aber logisch, dass man das Kochen nicht lernt, indem man das fertige Gericht zu sich nimmt. Man lernt das, was man selber begreift oder selber erfährt. Ich bin immer betrebt, dazuzulernen. Hier habe ich nun eine ganze Menge gelernt, wieso hierzulande das erfahrungsbasierte Lernen des finnischen Schulsystems, das schon lange auf Gruppenarbeit und Peer-Coaching setzt, noch lange warten muss 😉

Dr. Christoph Krick
9 Jahre zuvor

Kleiner Nachtrag: Am Rande eines internationalen Kongresses hatte ich das Vergnügen, den „besten Lehrer“ Finnlands (die bekommen dort tatsächlich offizielle Belobigung für gute Arbeit – anstatt Schulterzucken!!!) und dessen Ausbilder kennen zu lernen. Die beiden Pädagogen waren der Auffassung, in Deutschland eine „Fehler-Krankheit“ in der Schule zu erkennen. Offensichtlich schaffen wir es, den Kindern schon früh eine Angst vor Fehlern einzureden, anstatt Fehler in positivem Sinne als das zu bewerten, was sie tatsächlich sind: sie pflastern den Weg zum Erfolg. Deutsche Kinder würden aufgrund einer „Fehler-Scham“ nur zögerlich am Unterricht partizipieren und Fehler viel zu tragisch nehmen. Der finnische Lehrer erklärte mir, dass an seiner Schule aus genau diesem Grund nicht die Fehlerrate als Bewertungskriterium herangezogen wird, sondern das Ausmaß des individuellen Fortschritts nach eifriger Reflexion der Fehler. Interssant oder? – Ich grübele seither darüber nach, ob wir diese „deutsche Krankheit“ in der gesamten Gesellschaft kultivieren. Ist es nicht so, dass wir lieber gar nichts machen, um keine Fehler zu machen? – Und was machen wir, wenn jemand in beherztem Handeln einen Fehler gemacht hat? – Abstrafen natürlich!

Eine Forschergruppe in Holland hatte 2008 herausgefunden, dass es insbesondere Kindern kognitiv und emotional schwer fällt, aufgrund eines schief gelaufenen Versuchs eine Lernstrategie zur Leistungsverbesserung abzuleiten. Junge Kinder seien aber sehr versiert darin, aus erfolgreichen Versuchen heraus eine selbstgewollte Leistungsverbesserung zu erzielen. Die Arbeitsgruppe hatte die biologischen Grundlagen dieser kindlichen Hürde beim Lernen aus Fehlern an entwicklungsbegingsten Prozesse im Gehirn festmachen können.

Wenn man die finnischen Lehrer und die holländischen Forscher in der Zusammenschau sieht, sollten wir mal über die bisherigen Bewertungskriterien und die rote Tinte in Grundschule und Sekundarstufe I nachdenken…

sofawolf
9 Jahre zuvor

@mehrnachdenken: Da ist ja wieder dieser bekannte Diskussionsstil. *zwinker* Dass sich hier fast nur Kritiker zu Wort melden, hat doch keine Aussagekraft. Schon gar nicht dahingehend, dass es keine Befürworter gäbe. Es ist immer so, dass sich eher die Kritiker zu Wort melden. Und wer weiß schon wirklich, ob nicht immer die gleiche Person unter verschiedenen Pseudonymen hier schreibt. Das ist doch in Diskussionsforen auch gang und gäbe. Seien wir mal nicht zu blauäugig.

sofawolf
9 Jahre zuvor

Wer weiß, vielleicht stecken Sie (Herr mehrnachdenken) ja hinter allen Kritiker-Pseudonymen. *grins*

Bigit
9 Jahre zuvor

Ihre Vermutungen empfinde ich als Frechheit, sofawolf. Selbst anonym schreibend wagen Sie es, andere Anonyme zu beleidigen und mit Verdächtigungen zu überziehen.
Wer sind Sie eigentlich? Zumindest keiner, der sich offen zeigen will, andere aber, die dasselbe Recht für sich in Anspruch nehmen, mit Häme und Arroganz überschüttet.
Im Umkehrschluss müssten die anderen jetzt behaupten, Sie seien ein SOL-Vertreter oder gar Herr Dr. Krick selbst, der sich für die Stärkung seiner Meinung Pseudonyme verschafft.
Sie schaden als Heckenschütze allen Seiten, sogar sich selbst. Um dies aber zu bemerken, fehlt Ihnen wahrscheinlich jedes Empfinden für Anstand und Fairness.
Ich bin außer mir vor Empörung, was Sie wahrscheinlich nur mit kaltem Grinsen zur Kenntnis nehmen.
Hauptsache, Sie haben andere geärgert. Das gibt ja manchen auch schon ein wohliges Gefühl.

klexel
9 Jahre zuvor

Ist ja alles gut und schön, aber was ist daran neu??? Ein Kollege bei 4teachers.de hat schon sehr oft von seinen Erfahrungen berichtet, denn er hat die letzten 20 Jahre bis zur Pensionierung nach diesem Modell gearbeitet, oft mit viel Gegenwind.
http://www.robischon.eu/
Ich frage mich als Fremdsprachenlehrerin nur immer, wie dieses Lernen in den Sprachen funktionieren soll. Wie können sich Schüler die Aussprache und Grammatik von Englisch und Französisch aneignen ohne „Unterricht“ im herkömmlichen Sinn?? Wenn Lehrer dann nur noch Begleiter sind, kann ich mir das nicht vorstellen. Aber diese Frage hat dieser Kollege leider auch nie beantwortet.

PS: Könnt ihr nicht endlich mit dieser albernen Nick-Raterei aufhören. Wer öfter hier und bei 4teachers ist, der kennt seine Leute und weiß, wer inzwischen mit zwei- und dreifach-Nicks unterwegs ist. Aber damit hier die Kommentare vollzuspammen nervt!!!

Dr. Christoph Krick
9 Jahre zuvor

@Klexel:
Sie haben völlig recht: Gar nichts an diesem Lernstil ist „neu“. Wahrscheinlich haben schon in der Steinzeit die Kinder den Erwachsenen beim Steine behauen zugeschaut, um sich dann in munterer Diskussion und entspannter Kreativität an derselben Aufgabe zu versuchen… Irgendwann in der wilhelminischen Zeit hatte man dann beschlossen, die Kinder in Reihen zu setzen, ihnen das Diskutieren zu verwehren und somit das gemeinsame Nachdenken und gegenseitige Gedankenverschränken gleich mit. Da dies entgegen jeder physiologischen Gegebenheiten des Kindergehirns war, hatten die Lehrkräfte daraufhin mehr mit Disziplinierung zu tun als mit dem erlernten Beruf. Dann kam noch die Unsitte dazu, die Kinder über die Erwachsenenstrategie der Fehlerkritik zu bewerten, was dazu führte, dass kleine Leute mit viel Vorwissen weniger mit bremsender Fehlerangst zu kämpfen hatten als Kinder mit vorbestehenden Kenntnislücken. Letztere wurden über die Bewertungsstrategie zusätzlich ausgebremst, so dass die Divergenz unter den Kindern zementiert wurde. Der Pädagogikprofessor Ulrich Herrmann folgert daraus, dass wir dadurch „aus schlechen Noten schlechte Schüler machen“. Früher hatten wir dann die Kinder in „Arbeiter- und Akademiker-Schulen“ aufgeteilt, um dieses Problem logistisch zu lösen. An den Folgen knabbern wir – laut regelmäßiger OECD-Kritik – bis heute.

Aber nun zu Ihrer sehr spannenden Frage des Lernens im Fremdsprachenunterricht. Da habe ich natürlich keine Berufserfahrung anzubieten, aber zumindest ein paar Fragen, denen wir zusammen nachgehen könnten:
1) Sprache kommt von Sprechen. Man macht ja öfters die Beobachtung, dass 6 Monate Auslandsaufenthalt mehr für den Spracherwerb bringen als 6 Jahre Schule. Hat das vielleicht damit zu tun, dass im Fremdsprachenunterricht einfach zu wenig gesprochen wird? – Und wie könnte man das in einem kooperativen Lernstil so unterbringen, dass nicht nur immer in Richtung Lehrerin gesprochen wird? – Rollenspiele in Kleingruppen nach entsprechenden (mal schriftlichen, mal akustischen) Vorlagen? – Dann gegenseitiges Vortragen zwischen den Gruppen mit Reflexion über Verbesserungsmöglichkeiten? – Am Ende Präsentation des Erreichten vor der Klasse mit Applaus und ohne Angst…?
2) Wozu lernen die Schüler Wortpaare auswendig? – Für den Vokabeltest natürlich! Und zum nachfolgenden Vergessen, was auf allen Seiten einiges an Frust zurücklässt. Leider funktioniert unser Gedächtnis nämlich nicht wie Telefonbuch. Wir memorieren Wissen anhand von Vernetzungen – am besten mit Vorwissen. Aber auch andere Verbindungen zur Wortfunktion und Wortbedeutung im Kontext können solche Vernetzungen aufbauen. Vokabelpaare ohne deren Verwendung im Kontext sind Informationsschnipsel, die nur schwer gelernt werden. Der Vokabeltest überprüft dann bloß die Kapazität des Kurzzeitgedächtnisses, aber keine Sprachkenntnisse. Zudem sind die Bewertungsstrategien im Vokabeltest zumeist derart frustrierend, dass ein positiven Zuwenden zu der Fremdsprache damit meines Erachtens leicht unterminiert werden kann. Was halten Sie von der Idee, die zu lernenden Vokabeln in kleine Briefchen packen zu lassen – mit der Wette, mögichst viele davon in möglichst wenig Text mit jedoch erkennbarer Semantik zu verwenden. Und Zettelchen schreiben wollen eh alle… Unter solchen Wetteinsätzen vielleicht sogar am Nachmittag über Facebook 😉
Probieren Sie das doch mals vor einem Vokabeltest aus…

Vielleicht haben Sie ja noch viel bessere und kreativere Ideen. Ich denke, wir müssen uns von der Sorge frei machen, dass kooperative Lernstrategien zu viel Zeit kosten. Sie sind ja auf der anderen Seite bei geschickter Anwendung dafür effektiver. Oder was denken Sie darüber?

Viele Grüße,

Christoph Krick

mehrnachdenken
9 Jahre zuvor

@ Birgit
Herzlichen Dank für Ihre wohltuenden Worte. Sie ersparen mir damit eine erneute Antwort an sofawolf. Ich hoffe, er/sie hört nunmehr damit auf.

@ Dr. Krick
Wir wissen ja, dass die Menschen verschiedenen Lerntypen zugeordnet werden können. Im Studium brachten mir Vorlesungen im herkömmlichen Sinn – einer redet und die anderen hören zu – überhaupt nichts. Um die Zeit nicht unnötig in einem Hörsaal verbringen zu müssen, nahm eine Gruppe von Studierenden die Vorlesung – natürlich nach dem Okay des Professors – auf. Andere Studentinnen/ Studenten wiederum konnten durchaus von so einer Vorlesung profitieren.
Selbst handlungsorientierter Unterricht muss nicht immer und in jedem Fall die „ideale“ Methode“ für alle SchülerInnen sein. Ich könnte Ihnen da über sehr interessante Erfahrungen berichten. Wer sagt Ihnen denn, dass „SOL“ nicht auch ganz bestimmte bestimmte Lerntypen anspricht?
Vor diesem Hintergrund – und damit habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht – bin ich für einen abwechslungsreichen Methodenmix, in dem die Rolle der Lehrkraft nicht an den Rand gedrängt wird.
Sie erwähnten in Ihrem Beitrag vom 10.12.(14.56) das finnische Schulsystem. Ich habe kürzlich gelesen, dass dort der „Frontalunterricht“ eine Art von Renaissance erfährt und selbst hierzulande in Studienseminaren nicht grundsätzlich mehr „verteufelt“ wird. Ich verweise in diesem Zusammenhang gerne noch einmal auf den bereits genannten Prof. H. Meyer.
Herr Dr. Krick, unabhängig davon, mit welcher Methode unterrichtet worden ist, können wir die Tatsache nicht ignorieren, dass wenige Jahre nach dem Abitur nur noch ein Bruchteil des Gelernten präsent ist. Fachleute sprechen sogar von nur 3%. Dabei ist es durchaus nicht so, dass ausschließlich Lerninhalte dauerhaft behalten werden, von denen wir im Unterricht sehr begeistert waren. Warum beherrsche ich z.B. nach wie vor den Satz den Pythagoras – nach der Schulzeit niemals mehr gebraucht -, aber den Lernstoff in Chemie überhaupt nicht mehr, obwohl mich dieses Fach bis zum Abitur geradezu faszinierte?
Jede(r) kann über derartige Phänomene berichten.

Ursula Prasuhn
9 Jahre zuvor

@Dr. Krick bezügl. der beiden Kommentare vom 10.12.2012,
und ich hatte das Vergnügen, ein Buch des als „Lehrer des Jahres“ ausgezeichneten Amerikaners John Taylor Gatto zu lesen, der mehr als 30 Jahre lang im Schuldienst war. Es heißt „VERDUMMT NOCH MAL“ und ist im Genius Verlag erschienen. Es hat Amerika geschockt und zahlreiche Diskussionen ausgelöst.
An dieser Stelle würde es aber zu weit führen, näher auf das Buch einzugehen. Ich kann es Eltern und Lehrern nur wärmstens empfehlen. Vielleicht dieser eine Satz daraus: „Wir brauchen nicht MEHR Schule – wir brauchen WENIGER“.
Und damit komme ich zum angeblichen Mekka angeblich kindgerechter Betreuung und Pädagogik, nämlich zu Finnland, das traurige Berühmtheit dadurch erlangt hat, dass die Suizidrate seiner Jugendlichen eine der weltweit höchsten ist. Auch die Kriminalität sowie Alkohol- oder Drogensucht junger Menschen liegt in Relation zur Einwohnerzahl weit über dem allgemeinen Durchschnitt.
Wenn denn die schulischen Bedingungen in Finnland so himmlisch sind, wie Sie andeuten, dann wäre zu fragen, warum es den jungen Menschen in diesem Land so schlecht geht.
Hat es etwa ungewöhnlich schlechte Eltern?
Das kann eigentlich nicht sein, denn diese bekommen – ähnlich wie in Schweden – ihre Kinder kaum mehr zu Gesicht, weil über 90% der Kinder vom Babyalter (Ganztagskrippen) an bis zum Schulabschluss (Ganztagsschulen) von ihren Eltern getrennt aufwachsen und mehr oder weniger nur noch zur Schlafenszeit heimkommen. Und ähnlich wie in Finnland gibt es auch in Schweden Unrühmliches, an dessen Berichterstattung aber kaum Interesse besteht – besonders bei uns in Deutschland nicht. Im Gegenteil, hier werden Finnland und Schweden weiterhin als Vorbilder für alles, was Betreuung und Schule ausmacht, über den grünen Klee gelobt – egal wie viele junge Menschen in Skandinavien unter Depressionen leiden und verhängnisvolle Auswege suchen.
Angesichts dieser Fakten fällt es mir schwer, auf „das erfahrungsbasierte Lernen des finnischen Schulsystems, das schon lange auf Gruppenarbeit und Peer-Coaching setzt“, lobend einzugehen.
Sicher ist etwas dran am Lernen durch „trial and error“, bei dem Fehler nützlich sind.
Aber dieser Lernweg kann eben nur einer von vielen sein – und das an passender Stelle. Sich in ihn zu „verlieben“ und dadurch einen getrübten Blick zu haben für andere schöne Töchter des pädagogischen Erfahrungsschatzes vieler Generationen, ist kontraproduktiv, denn Kinder lernen auf verschiedenste Art und Weise, wobei die unterschiedlichsten Dinge eine Rolle spielen.
Die jeweils passende Methode für die zahlreichen Lerninhalte und Schülergruppen auszuwählen, ist Aufgabe und Kunst des Lehrers. Sie kann sich sogar auf Grund spontaner Eingebung innerhalb einer Schulstunde zum Wohle der Kinder ändern.
Die Lehrer sind und bleiben für mich die entscheidende Größe allen schulischen Lernens. Darum gängle man sie doch bitte nicht ständig mit Systemen und Methoden, die durch Eigeninteressen aus Politik, Wirtschaft oder auch Wissenschaft immer wieder als Weisheit letzter Schluss hochgespült werden.

mehrnachdenken
9 Jahre zuvor

@ U. Prasuhn
Ich stimme Ihnen wiederum voll zu. Ihr Beitrag ergänzt und vertieft meine vorher geschriebenen Zeilen.

Dr. Christoph Krick
9 Jahre zuvor

@mehrnachdenken:
@Frau Prasuhn:
Ich hoffe, dass Sie am Ende meines Beitrags vom 10.12. den Smiley entdeckt hatten… Ich würde nun auch nicht dafür plädieren, unreflektiert das finnische Schulsystem zu kopieren, auch wenn es dort nachdenkenswerte pädagogische Elemente gibt.

Ja, Sie haben beide vollkommen recht! – Vielleicht gibt es auch nur ein Missverständnis bezüglich des Begriffs „selbstorganisiert“. Unsere Kinder sind ja nicht gleich, haben unterschiedliches Vorwissen, lernen daher auch nicht zur gleichen Zeit das Gleiche und sollten daher die Möglichkeit bekommen, den optimalen Lernstil und das individuelle Angleichen der Lernstände selbst entfalten zu können. Solche Selbstoptimierungsprozesse bilden das biologische Fundament der natürlichen „Überlebenstrategie“ in allen Ökosystemen – auch dem schulischen. Der dynamische Prozess mit der Zielgröße des optimalen Aufwand-zu-Nutzen-Verhältnisses heißt in der natur eben „Selbstorganisation“. In der Definition von SOL steht daher nicht, dass die Kinder nur selbständig (!) arbeiten sollen. Das selbständige Arbeiten im Team oder alleine oder in verschränkten Gruppenpuzzles oder im Lernatelier sind nur Elemente, die an der richtigen Stelle als förderliche Instrumente eingesetzt werden können. Der Witz an SOL ist doch gerade der Mix…! – Diese Freiheitsgrade der pädagogischen Arbeit bilden ja schließlich das Wesensmerkmal der schulischen Selbstorganisation im systemischen Prozess der Lernarbeit. Es gab eben nur in den vergangenen 30 Jahren genug Leute, die ihre Erfahrungswerte über den klassen- und fächerübergreifenden „Lernmix“ zu praxistauglichen Leitlinien zusammengeschrieben haben – und das Ganze dann SOL nannten. Man darf also SOL nicht verwechseln mit „wir geben den Kindern genug Blätter in Freiarbeit, gucken mal irgendwann, was sie damit gemacht haben und gehen zwischenzeitlich Kaffee trinken“. Letzteres würde einem SOL-Trainer die Zornesröte ins Gesicht treiben, was ich deswegen weiß, weil ich genau diese Szene nebst nachfolgender Richtigstellung so erlebt habe… Wenn in SOL Frontalunterricht stattfindet, heißt der übrigens „Ankerstunde“. Die Abfolge von Frontalunterricht, Frei- und Gruppenarbeit sowie von Ausnutzen von Kommunikations- bzw. Gruppendynamik und Vorteile der Instruktion werden halt eben nur im Lehrerteam so organisiert, dass die Freiheitsgrade verschiedener Lernstile schulintern organisatorisch optimimal abgestimmt werden können. SOL ist daher das Gegenteil von pädagogischer Monokultur, nämlich im Grunde „organisierte Vielfalt“. Eine passende Definition und einige Unterrichtsbeispiele findet man hier:
http://lehrerfortbildung-bw.de/unterricht/sol/
Ein wesentliches Merkmal von SOL ist die Transparenz bezüglich Ziele und Wegen eines Lernprozesses. Daher wird in einer „Ankerstunde“ zu Beginn eines fachbezogenen Themengebiets der Überblick (=“advance organizer“) über die zu bearbeitenden Teilprobleme geliefert. Im obigen Link können Sie sich solche „Werbeplakate für Unterrichtsstoff“ auch anschauen. Während der Bearbeitung stehen dann Listen bereit, um jederzeit die individuellen Wissenstände mit den Zielvorgaben abstimmen zu können. Diese Transparenz bietet nicht nur die Grundlage für gegenseitigen Erfahrungsaustausch, sondern auch Halt im fortlaufenden Lernprozess. Man kann sich diese ganzen Materialien auch nicht kaufen, aber die staatlichen Stellen für Lehrerfortbildung unterhalten zumeist kostenfreie Materialsammlungen, so dass man nicht ständig gezwungen ist, existierende Räder neu zu erfinden.

Ursula Prasuhn
9 Jahre zuvor

Warum dann etwas als „Modellversuch“ in die Medien stellen, wenn alles nur darauf hinausläuft, alten Wein in neuen Schläuchen zu verkaufen und damit Aufmerksamkeit zu erregen, die man für anderes braucht?
Trotzdem bin ich froh und dankbar, Herr Dr. Krick, dass Sie die Dinge relativiert haben, indem Sie SOL als einen Mix aus verschiedenen bewährten Methoden darstellen.
Und um eine möglichst gute Mischung für ihre Schüler bemühen sich täglich unzählige gute Lehrerinnen und Lehrer. Möglicherweise ist ihre Feinabstimmung auf die ihnen anvertrauten Schüler sogar besser als eine 0-8-15-Rezeptur, die für jeden überall in gleicher oder zumindest ähnlicher Weise Anwendung finden soll.
Mein Appell lautet weiterhin und immer wieder: Lasst den Lehrern mehr freie Hand, zwängt sie nicht in ein Methodenkorsett und vergeudet vor allem nicht ihre Zeit und Kraft durch bürokratische Aufgaben, die nur Aktenregale füllen, nicht aber die Köpfe der Schüler.

Dr. Christoph Krick
9 Jahre zuvor

@Frau Prasuhn:
Die Schulleitung würde sich die Vokabeln „Modellversuch“ oder „Projekt“ verbitten, weil diese Vokabeln einen „grünen Punkt“ auf einer leeren Verpackung assoziieren. Ich denke mal, dass die Vokabel „Modellversuch“ über das „Stille-Post-Spiel“ der Nachrichtendienste erfunden wurde.

Es gibt in der Tat an dieser Schule den Einsatz von SOL schon länger, so dass jetzt schon durchweg bis zur Klassenstufe 10 Schüler teilweise (!) danach unterrichtet werden – eben je nach Lust und Laune der Lehrkraft. Das roch dann für die Schüler und Schülerinnen nach „Lotterie“, weil Klassen mit SOL besser wegkamen als ohne SOL. Daher hatte man sich zusammengerauft und nun schulintern ein klassen- und fächerübergreifendes SOL ab der Klassenstufe 5 auf die Beine gestellt. Was zunächst aus Gründen der Klassengerechtigkeit begründet wurde, hatte aber überraschende Nebeneffekte: Alle 5er-Klassen sind wesentlich leistungsstärker, organisierter und zufriedener als zurückliegende Jahrgänge mit teilweisem Einsatz von SOL. Aussagen wie „das hätte ich mir nicht träumen lassen!“ fallen gefühlt täglich. Da auch die besagten „Wunder“ der (angeblichen) Dyskalkulie-Kinder noch dazukommen, lässt es sich leicht vorstellen, dass rund um die Schule nun viel gemunkelt und spekuliert wird.

Sehenswert ist – ganz abgesehen von Pressetexten – das Innenleben des SOL-Unterrichts durchaus. Was denken Sie, wenn 4 Jungs grinsend ihre Unterlagen packen und sich ins Lernatelier verkrümeln? – Na? – Richtig, sie würden sich am liebsten zweiteilen und eines Ihrer Ohren lauschen lassen, weil 4 Jungs alleine im Lernatelier nach Ungemach riechen. Sie hören aber nichts als leise Diskussionen… Mmmh, 4 Jungs sind vielleicht auch fähig, leisen Blödsinn anzustellen. Sie schicken also noch eines Ihrer Augen nach, um zu kontrollieren… Was sehen Sie? – Vier Jungs, die sich völlig in Französisch vertieft haben. Nach einer Weile holen Sie schnell Ihre Sinnesorgane wieder zurück, weil die Jungs wieder mit ihren Unterlagen zurück zur Klasse streben. Dort angekommen fallen frohe, über beide Wangen grinsende Gesichter auf. Sie fragen etwas skeptisch „Und…?“ Die Antwort ist in solchen Fällen häufig dieselbe: „Experten!“ Das bedeutet, dass diese 4 Jungs nun einen grünen Button erhalten und von anderen Gruppen als Ratgeber in Anspruch genommen werden können… Na, und bald darauf sehen Sie die um einen „Experten“ bereicherte Gruppe wandern…

Nathalie
9 Jahre zuvor

@Dr. Krick
Auf jeden Fall kann Ihnen niemand vorwerfen, Sie hätten für die Schule, die Schulleitung und Ihr SOS Konzept nicht genug warmherzige Werbung gemacht.

Dr. Christoph Krick
9 Jahre zuvor

Nachtrag: Ich würde nicht sagen, dass „alter Wein in neuen Schläuchen“ verkauft werden sollte, als die Pressemeldung entstand, sondern diese den Mumklern und Spekulanten „reinen Wein einschenken“ sollte, zumal prominenter Besuch zu Gast war. Lieber sagt man dann, was genau passiert, anstatt die Katze im Sack zu lassen, da die Menschen vor allem vor Unbekanntem Sorge empfinden… Und in eine „mysteriöse“ Schule schickt man schließlich keine Kinder! – Jetzt ist die Katze aus dem Sack – und es wird natürlich trotzdem munter weitergemunkelt und spekuliert – nur in eine andere Richtung halt.

mehrnachdenken
9 Jahre zuvor

@ Dr. Krick
Schön und gut, was Sie hier so lebendig darlegen. Ich vermisse leider jedoch oft genug ein direktes Eingehen auf die Argumente z.B. von Frau Prasuhn und mir. Deshalb kommen wir in der Sache kaum weiter.
– Arbeiten im Lernatelier
Nun, meine Erfahrungen im Schulalltag sehen ganz anders aus. Ja, während meines Referendariats (vor über 30 Jahren) konnte ich guten Gewissens SchülerInnen in Gruppen arbeiten lassen. Sie suchten dafür aber kein „Lernatelier“ auf, sondern blieben in ihrem Klassenraum. Bilder in meiner Arbeit fürs zweite Staatsexamen beweisen es: Da sitzen Zehntklässler an sechs Fünfertischen und arbeiten sehr konzentriert an der Planung einer Unterrichtseinheit. Es wurde so leise gesprochen, dass sich niemand gestört wurde. Heraus kamen tolle Ergebnisse.
Zeitsprung: Mitte 2006 sitzen drei Gruppen an Vierertischen im Klassenarum. Trotzdem ist der Geäuschpegel noch relativ hoch. Den Rest habe ich in Sichtweite im Schulgebäude verteilt. Mit allen SchülerInnen war Gruppenunterricht im Klassenraum nicht möglich. Glauben Sie mir, die Methode Gruppenunterricht wurde sehr gründlich eingeführt. Die Ergebnisse der Gruppenarbeit waren bescheiden, und eine kurz danach angesetzte kleine Lernkontrolle ernüchternd.
Partnerarbeit geht noch so gerade. Viele SchülerInnen können heute einfach nicht mehr flüstern. Das muss ich direkt üben.

Dr. Christoph Krick
9 Jahre zuvor

@mehrnachdenken:
Mir ist tatsächlich auch aufgefallen, dass die Schüler nicht mehr flüstern können! Ich finde es auch seltsam und erschreckend, dass ganz banale Dinge wie das Flüstern nicht mehr so ohne weiteres zu funktionieren scheinen.

Abhilfe: Die Gruppen mit Bedarf an Vokabeltraining oder gegenseitigem Abfragen oder Ergebnisaustausch wandern in eines der Lernateliers, um die anderen Klassenkameraden nicht zu stören.

mehrnachdenken
9 Jahre zuvor

Nachtrag:
Das „Expertenproblem“ habe ich so gelöst, dass immer leistungsstärkere mit -schwächeren SchülerInnen zusammensitzen. Ja, prima, meinte eine Fünftklässlerin, wenn ich das „Fritzchen“ erklären kann, weiß ich, dass ich es verstanden habe.

Dr. Christoph Krick
9 Jahre zuvor

@mehrnachdenken:
Meines Erachtens ist vor allem die Konzentrationsfähigkeit zurückgegangen. Man kann zugleich beobachten, dass die Verdachtsdiagnose „Aufmerksamkeitsdefizit“ entsprechend häufiger im Raum steht. Es gibt eine interessante Arbeit aus 2009 (Swing et al. in Pediatrics), dass Bildschirmmedienkonsum und Aufmerksamkeitsprobleme einen Teufelskreis mit dem Ergebnis von noch mehr Aufmerksamkeitsproblemen bilden. Die Kinder sind daher auch kaum noch in der Lage, einen Text durchzulesen, ohne abzudriften. Eine nachfolgende Longitudinalstudie von Gentile et al. (2011) ergab zudem ein Risikoprofil für seelische „Störungsbilder“ aus dem täglichen Gebrauch digitaler Medien.

Die wissenschaftliche Begleitung der Schule sieht daher auch sozial stützende Maßmahmen und das Schulen von Medienkompetenz vor. Das scheint mir umso wichtiger, je weniger Kinder diese Maßnahmen zu Hause erleben. Ich denke, dass über kurz oder lang die Schulen – vor allem im Ganztagsbetrieb – die Erziehungsaufgaben (mit)erledigen müssen, um noch der Bildungsaufgabe gerecht werden zu können. Traurig, aber wahr…

Ursula Prasuhn
9 Jahre zuvor

Um Himmels Willen, was reden Sie da, Herr Dr. Krick!?:
„Ich denke, dass über kurz oder lang die Schulen – vor allem im Ganztagsbetrieb – die Erziehungsaufgaben (mit)erledigen müssen, um noch der Bildungsaufgabe gerecht werden zu können. Traurig, aber wahr…“
Da ich schon die ganze Zeit den Verdacht hatte, dass Sie irgendwann mit dieser gender-ideologischen Idee kommen würden, habe ich heute (11.12. um 14:13) bewusst vom Elend der Kinder in Finnland und Schweden berichtet, die schon seit 3 Jahrzehnten (meinem Wissen nach zumindest in Schweden) in Ganztagseinrichtungen groß werden und durch die Trennung von der Familie enorme seelische Schäden aufweisen. Diese werden von politischer und medialer Seite allerdings geschickt unter der Decke gehalten.
Wen die schwedische Wahrheit interessiert, der lese hier nach: http://www.willyweb.ch/blog/2012/05/die-schweden-und-ihre-kinder/
Außerdem habe ich das Buch des preisgekrönten amerikanischen Lehrers John Taylor Gatto empfohlen und wohlweislich nur einen Satz daraus zitiert. Hier ist er noch einmal: „Wir brauchen nicht MEHR Schule, sondern WENIGER“.
Das mag Ihnen zeigen, wie sehr ich ahnte, worauf Sie letzten Endes hinauswollen.
Und sagen Sie bitte nicht „traurig, aber wahr“, denn wirklich traurig sind Seelenschäden der Kinder durch ein abartiges Großwerden fern der Eltern und Familie von frühesten Kindesbeinen an.
Wie unwichtig nimmt sich dagegen alles Bildungsgeschwätz über SOS aus.
Nein, Herr Dr. Krick, Ihre ach so verständnisvollen und rührenden Worte bezüglich eines kinderfreundlichen und kindgerechten Lernens nehme ich Ihnen nicht mehr ab. Wer es wirklich gut meint mit den Kindern, der muss sich auch fragen, welche Auswirkungen ein Großwerden mit staatlich bediensteten Pseudo-Eltern hat, wo ein Netzwerk wie die Schule die natürliche Gemeinschaft der Familie ersetzt.

Dr. Christoph Krick
9 Jahre zuvor

Sehr geehrte Frau Prasuhn,
es gibt immer zwei Seiten derselben Medaille. Ich war früher skeptischer in Bezug zu Ganztagsschulen als heute. In vielen Fällen macht es Sinn, wenn der Pädagoge die Lernarbeit der Kinder beobachten kann, anstatt dasselbe Kind damit über Hausaufgaben alleine zu lassen. Klar ist nur, dass „Hüten“ der Kinder unter Kontrolle von pädagogischen Laien für das Kind wenig Sinn ergibt. Wenn die Ganztagsschule zu einer Ganztagstortur wird, macht es am allerwenigsten Sinn.

Lehrerin und Mutter
9 Jahre zuvor

@Dr. Krick
Dann fassen Sie doch mal die Möglichkeit als Realität ins Auge, dass – nach Ihren eigenen Worten – die „Ganztagsschule zu einer Ganztagstortur wird…“
Das sagt eine alleinerziehende Mutter und Lehrerin, die an einer Ganztagsschule unterrichtet und gezwungen ist, ihr Kind auch in die Ganztagsschule zu geben.

klexel
9 Jahre zuvor

Komisch nur, dass die Ganztagsschule in fast allen Ländern Europas und in den USA funktioniert und nie ein Anlass für Diskussionen ist… Ich kenne kein Land, wo Schüler um 13:00 nach Hause gehen dürfen.

Ursula Prasuhn
9 Jahre zuvor

Oh ja, Herr Dr. Krick, dass Sie früher Ganztagsschulen skeptisch sahen und heute nicht mehr, ist der absolute Beweis dafür, dass diese einfach gut sind für Kinder. Nur harte Tatsachen können aus einem Saulus einen Paulus machen.
Herr Prof. Dr. Hüther – Neurobiologe wie Sie – ist ja sogar glühender Anhänger der Krippenbetreuung. Ich vermute mal, Sie sind es auch, jedenfalls schließe ich das aus Ihren Zeilen. Ganztagsbetreuungen scheinen für die Neurowissenschaft geradezu ein Segen zu sein. Ist doch schön, wenn beide Seiten etwas voneinander haben.
Sie schreiben: „ Klar ist nur, dass “Hüten” der Kinder unter Kontrolle von pädagogischen Laien für das Kind wenig Sinn ergibt.“
Da muss ich erst einmal schlucken und zugeben, dass ich bisher immer dachte, das Hüten von Kindern erfordere vor allem so antiquierte Dinge wie Liebe und Nestwärme. Jedenfalls haben mich das die vielen Generationen von Eltern gelehrt, die ohne pädagogisches Studium seelisch robuste Kinder großgezogen haben, welche noch nicht einmal blöd waren. Im Gegenteil.
Außerdem habe ich mir bisher immer eingebildet, dass erst durch die zunehmenden Eingriffe der sog. Experten etwas mit dem „Hüten“ der Kinder aus dem Ruder lief. Je mehr fachmännischer Rat, desto schlechter schienen mir die erzieherischen Ergebnisse – sowohl in den Elternhäusern als auch Schulen.

Aber lassen wir das und schauen wir lieber nach vorn – besser gesagt: noch einmal nach Schweden, unserem großen Vorbild in Sachen Betreuung und Schule. Kaum ein Politiker oder Erziehungswissenschaftler kommt heutzutage an diesem Land vorbei, das uns in seiner Entwicklung ca. 30 Jahre voraus ist und darum Einblick in die Zukunft gewährt.
Wer an ihr interessiert ist, kann hier nachlesen:

http://www.willyweb.ch/blog/2012/05/die-schweden-und-ihre-kinder/

http://www.familie-ist-zukunft.de/alte_seiten/Gustafson.htm

http://www.zeitenschrift.com/magazin/54-kindertagesstaetten.ihtml

sofawolf
9 Jahre zuvor

@ bigit und mehrnachdenken: Ja, Ihre Aufgeregtheit berührt mich wenig. Seien Sie immer und solange empört, wie Sie empört sein wollen. „mehrnachdenken“ ist zu 100% der ehemalige pfiffikus. Da gibt es keinen Zweifel. Die Äußerungen sind des gleichen Geistes Kind. Vielleicht sind Sie ja selbst ein weiterer „pfiffikus“. *grins* Aber lassen wir diese Diskussion. Dafür ist mir meine Zeit zu schade.

wenigerengstirnig
9 Jahre zuvor

Ich kann @sofawolf nur zustimmen und finde die Meinungsäußerung von „bigit“ absurd. Jedem, der hier länger mitliest, fällt auf, wie die Beiträge von @mehrnachdenken denen von pfiffikus gleichen. Hatte jener pfiffikus aber nicht schmollend und verärgert das Forum verlassen, weil ihm niemand Recht gibt, keiner auf ihn hört und sowieso alles nichts bringt. Nun ist er wieder da. Schon einmal schrieb jemand, dass der doch der Gleiche sei, der im 4teachers-Forum unter anderem Namen gegen alle anderen diskutierte.

sofawolf
9 Jahre zuvor

@ Dr. Krick und @ wenigerengstirnig:

Danke bzw. Kompliment, wie wacker Sie sich hier schlagen! Ich bin nicht in allem Ihrer Meinung und z.B. absolut kein Freund von Ganztagsschulen, aber lassen Sie sich nicht unterkriegen und vor allem nicht von den anderen vor sich her treiben.

Ursula Prasuhn
9 Jahre zuvor

@klexel
Waren Sie in Ihrer Kindheit nicht froh, wenn mittags Schulschluss war oder hätten Sie gern weitergemacht? Haben wir uns nicht alle auf das letzte Klingeln gefreut, weil das gefühlte wahre Leben jenseits der Schulmauern stattfand?
Ganztagsschulen kommen doch in erster Linie den Erwachsenen zugute – getan wird aber so, als geschähe alles im Sinne der Kinder. Warum wohl?
An einigen Sorgenkindern, für die eine Ganztagsbetreuung zweifellos gut ist, hängen wir ein angeblich allgemein gültiges Prinzip auf, das den Freiraum der jungen Menschen immer mehr einengt, so dass sie kaum mehr wissen, was Privatleben ist. Dafür wissen es die Erwachsenen umso besser.
Befragen wir doch mal die Kinder selbst, welchen Schulschluss sie sich wünschen und tippen wir auf das Ergebnis. Ich traue mir zu, es im Voraus zu wissen.

Natürlich „funktionieren“ Ganztagsschulen, was immer man darunter versteht. Die Kinder fügen sich und proben ebenso wenig den Aufstand wie die Lehrer. Was verordnet wird, hat eben zu geschehen. Und so läuft das Ganze recht reibungslos und gilt als Funktionieren.
Übrigens gibt es in den USA sehr wohl heiße Diskussionen um die Ganztagsschule. Das habe ich bereits am Abend des11.12. geäußert

klexel
9 Jahre zuvor

Natürlich war ich froh, wenn mittags Schulschluss war. aber da wusste ich noch nichts von den Sitten und Gebräuchen in anderen Ländern. Das, was hier vielerorts als Ganztagsschule angeboten wird, spottet jeder Beschreibung. In einer gut funktionierenden GTS gibts es eine gute Mensa, die Möglichkeiten , die Hausaufgaben unter Betreuung zu machen und vor allem AGs zu besuchen, zu denen man sonst keinen Zugang hätte. Da bleibt doch nur der Fußballverein oder eine teure Musikschule. Eine gut ausgestattete GTS bietet vielerlei Musik- und Sportangebote, Theater und vieles mehr. Davon sind wir noch meilenweit entfernt. So wie es hier in vielen Fällen läuft, hätte ich auch keine Lust, länger zu bleiben als nötig. Solange nicht mehr Geld in Bildung in Form von Lehrerstunden, Ausstattung, Doppelbesetzung bei Inklusion uvm gesteckt wird, können wir uns hier nen Wolf reden und kommen nicht weiter. Gut funktionierende GTS gibts nicht zum Nulltarif.