DORTMUND. „Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln“- ganz so einfach liegen die Verhältnisse beim „Turbo-Abitur“ zwar nicht, doch die Reform eines der umstrittensten Reformprojekte der westdeutschen Schullandschaft der letzten Jahre läuft längst auf Hochtouren. Stets war das Thema von Diskussionen begleitet. Eine Studie aus Marburg und Dortmund scheint nun das Urteil „schneller gleich schlechter“ zu bestätigen: In Intelligenztests schneiden G9-Schüler durchweg besser ab als Turbo-Abiturienten.
Macht Schule Jugendliche intelligenter? Diese Frage ist in der Wissenschaft durchaus umstritten. Zwar zeigen Untersuchungen, dass sich jedes zusätzliche Jahr Beschulung positiv auf das Abschneiden in Intelligenztests auswirkt. Kritiker stellen allerdings infrage, dass dies auf einer „echten“ Intelligenzsteigerung beruht. Stattdessen führen sie den Effekt darauf zurück, dass Fähigkeiten wie Lesefähigkeit, Rechenflüssigkeit oder Faktenwissen die Bearbeitung von Intelligenztests erleichtern und so zu besseren Ergebnissen führen.
Ein Forscherteam der Universitäten Dortmund und Marburg hat nun erneut den Zusammenhang von Beschulungsdauer und Intelligenztests untersucht. und schlägt sich auf die Seite der Intelligenzsteigerungsbefürworter. „Unsere Ergebnisse sind ein erster Hinweis darauf, dass der Einfluss von Beschulung auf die Intelligenztestwerte vorrangig auf eine ‚echte‘ Steigerung der Intelligenz zurückgeht und weniger auf eine Förderung spezifischer, lehrplangebundener Fähigkeiten“, so Studieninitiatorin Ricarda Steinmayr von der TU-Dortmund.
In zwei Untersuchungen verglichen die Forscher die Intelligenztestwerte von G8- und G9-Schülern im Alter von 15 und 16 Jahren an Gymnasien in Nordrhein-Westfalen. Die Schüler wurden kurz nach dem Übergang in die Oberstufe untersucht. Die G8-Schüler befanden sich somit in der zehnten, die G9-Schüler in der elften Jahrgangsstufe. In beiden Arbeiten erfassten die Wissenschaftler zusätzlich Informationen zu den Notendurchschnitten des letzten Zeugnisses aller Schüler sowie zu ihrem Geschlecht, Alter und dem höchsten Bildungsgrad ihrer Eltern.
In beiden Studien zeigten sich die G9-Schüler in fast allen Intelligenzbereichen besser als die G8-Schüler. Die Unterschiede zeigten sich auch dann, wenn die Forscher den Alterseffekt statistisch herausrechneten. Zudem sei bei Jugendlichen der reine Alterseffekt auf die Intelligenzentwicklung marginal. Die Unterschiede können also nicht vollständig durch das jüngere Alter der G8-Schüler erklärt werden, erläutert Linda Wirthwein von der TU Dortmund
Laut den Autoren weisen die Ergebnisse vielmehr darauf hin, dass die Dauer der Beschulung mit einer Steigerung intelligenznaher Fähigkeiten einhergeht. Wie genau die längere Beschulung etwa logisches Schlussfolgern oder das Kurzzeitgedächtnis fördert, lasse sich aus den Daten zwar nicht direkt schlussfolgern, der Dortmunder Kinder- und Jugendpsychologe Sebastian Bergold findet dennoch eine naheliegende Erklärung. Demnach begegnen Schüler im Laufe ihrer Schulzeit vielen kognitiven Herausforderungen sowie verschiedenen Lehrern und müssen sich einer Reihe von Anpassungsprozessen stellen. „In diesen Prozessen findet das Denken immer stärker losgelöst von den eigentlichen Aufgaben statt. Im Laufe der Jahre wird abstrakteres Denken immer mehr unterstützt und eingeübt“. Ein Jahr mehr Beschulung könne diesen Prozessen folglich auch mehr Raum geben.
Die Studie könne als ein erster Hinweis darauf verstanden werden, dass eine längere Beschulung unabhängig vom Curriculum die Intelligenz fördert, fasst Ricarda Steinmayr die Ergebnisse zusammen. Nun seien weitere, vor allem größer angelegte Studien notwendig, um diesen Befund abzusichern.
Detlef Rost, emeritierter Psychologieprofessor an der Universität Marburg ergänzt: „Es wäre wünschenswert, wenn im Zuge grundlegender Veränderungen im Bildungswesen von Beginn an Begleitforschung initiiert würde.“ Systematische empirische Forschung könne dabei zu einer Versachlichung der Debatte beitragen.
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