Ex-Kultusminister Busemann kritisiert “schlimme Fehlentwicklung” durch zu viele Abiturienten. Er meint: Deutschland braucht solide Handwerker und keine schlechten Akademiker

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GOSLAR. Immer mehr junge Menschen machen das Abitur. Aus Sicht von Niedersachsens Landtagspräsident Busemann ist das eine schlimme Fehlentwicklung, die bereits wirtschaftlichen Schaden angerichtet hat. Viele Gymnasiallehrer sehen das genauso.

Bernd Busemann im Niedersächsischen Landtag. Foto: Ralf Roletschek / Wikimedia Commons (CC BY 3.0)
Bernd Busemann im Niedersächsischen Landtag. Foto: Ralf Roletschek / Wikimedia Commons (CC BY 3.0)

Angesichts fehlender Fachkräfte im Handwerk hat Niedersachsens Landtagspräsident (und Ex-Kultusminister) Bernd Busemann vor einer «zunehmenden Akademisierung» der Gesellschaft gewarnt. Während immer mehr Handwerksbetriebe und Mittelständler darüber klagten, dass sie keine geeigneten Mitarbeiter fänden, hätten viele Bildungspolitiker den Ehrgeiz, die Abiturientenzahlen immer weiter zu steigern, sagte Busemann am Dienstag beim niedersächsischen Philologentag in Goslar. «Der volkswirtschaftliche Schaden dieser Entwicklung ist schon da.» Busemann war von 2003 bis 2008 Kultusminister des Landes Niedersachsen.

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Schon die Grundannahme, dass nur akademische Bildung den Weg zu gesellschaftlicher Anerkennung öffne, sei falsch, sagte der Landtagspräsident. Den Betrieben fehlten «Einsteiger in Berufsausbildungen». Dazu bräuchten sie keine leistungsschwachen Akademiker, sondern begabte Praktiker mit solider Schulbildung.

Dass immer mehr junge Menschen studierten, sei angesichts der Abbrecherquoten von bis zu 40 Prozent «eine schlimme bildungspolitische Fehlentwicklung», sagte Busemann unter dem Beifall der Delegierten. «Wer immer höhere Abiturienten-Quoten erreichen will, muss das Niveau im Unterricht und bei Prüfungsleistungen immer weiter absenken.»

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Beim Philologenverband, in dem vor allem Gymnasiallehrer organisiert sind, traf Busemann auf große Zustimmung. Weil immer mehr junge Menschen das Abitur ablegen sollten, seien die Anforderungen mittlerweile so weit gesunken, dass die Reifeprüfung vielfach zu einem «Abitur ohne Verkehrswert» geworden sei, sagte der Verbandsvorsitzende Horst Audritz. «Was nutzen jungen Menschen Abschlüsse, die ihnen die Studierfähigkeit bescheinigen, über die sie jedoch gar nicht verfügen?» Die hohen Studienabbrecher-Zahlen seien ein alarmierendes Zeichen. Vor allem in den anspruchsvollen mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern müssten die Anforderungen in der Schule wieder erhöht werden.

Das Land brauche Gymnasien, «um Nachwuchs für hoch spezialisierte akademische Laufbahnen heranzuziehen», forderte auch der Landtagspräsident. Genauso seien gleichwertige berufsvorbereitende Schulformen erforderlich. «Dabei ist es nicht unbedingt entscheidend, ob diese Schulform Oberschule, Hauptschule, Werkrealschule, Gesamtschule oder sonst wie genannt wird», sagte der Landtagspräsident.

Gemeinsamer Weg?

Eine mögliche große Koalition könnte nach Ansicht Busemanns positive Folgen für Niedersachsens Schulen haben. Anders als in der Vergangenheit könnten sich SPD und CDU in der Schulpolitik dann nicht mehr gegeneinander stellen. Die beiden großen Parteien seien vielmehr aufgerufen, einen gemeinsamen Weg zu finden, der alle Interessen berücksichtige. Dies biete die Chance für tragfähige Kompromisse, «die nicht beim nächsten Regierungswechsel wieder um 180 Grad gedreht werden».

Im Philologenverband sind mehr als 8000 Lehrkräfte organisiert, die vorwiegend an Gymnasien unterrichten. 350 Delegierten beraten bis Mittwoch über zahlreiche aktuelle schulische Themen. Von Matthias Brunnert, dpa

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6 KOMMENTARE

  1. ZITAT: “Ex-Kultusminister Busemann kritisiert „schlimme Fehlentwicklung“ durch zu viele Abiturienten. Er meint: Deutschland braucht solide Handwerker und keine schlechten Akademiker.”

    Ja, so sehe ich das auch.

    • Wo sind denn dann die vielen arbeitslosen Jung-Akademiker, wenn die Wirtschaft lieber Handwerker hätte?

      Komischerweise gibt es die nicht …

      • Vielleicht weil viele nicht entsprechend ihrer Ausbildung arbeiten u/o. in prekären Beschäftigungsverhältnissen stecken?

        Schauen Sie sich mal um, wer das alles Integrationskurse macht usw.

      • Diejenigen mit ordentlichem Examen sind kaum arbeitslos, aber oft auch nicht gemäß ihrem Abschluss tätig (je nach Fach). Und dann gibt’s ja die berüchtigten “prekären Beschäftigungsverhältnisse”, immer eng befristet, mit Praktika zwischendurch, erzwungener Teilzeit, ständigen Wechseln etc.
        Außerdem gibt’s ja noch die vielen Möchtegern-Akademiker, die es gar nicht schaffen, sondern abbrechen. Die sind vielleicht auch nicht arbeitslos, werden aber nur selten Handwerker. Sie kommen halt irgendwo unter in Zeiten geringer Arbeitslosenzahlen, haben aber keinen tatsächlich akademischen Job. Und ob das krisenfest ist? Die Sozialisten schimpften früher immer über die “Reservearmee”. Arbeitgeberverbände lieben sie natürlich.
        Wie wär’s denn mit dem 13. Schuljahr anstatt zwei Semester in der überfüllten Uni frustriert rumhängen?

        “Hand”werker stimmt inzwischen ja auch nicht mehr so ganz, auch die arbeiten vielfach mit dem Kopf sowie Elektronik und Computern. Deshalb ist die neue Tendenz wohl “Azubi mit Abitur”. Man wirbt schon dafür. Aber war das beabsichtigt? Wer hat’s vorher gesagt?
        Klar scheint mir: Die besten Abiturienten sollen anspruchsvolle Fächer studieren, besonders MINT. Aber wie viele gehören tatsächlich dazu?

        Frau Schavan und andere wichtige Persönlichkeiten hatten sogar die Devise “die besten sollten Lehrer werden” ausgegeben. Aber ob das realisiert wird angesichts von immer mehr Heterogenität, Inklusion und hohem Migrantenanteil? Ich habe Zwiefel. Aber wollen wir fachlich schlappe Abiturienten als Lehrämtler “aus Verlegenheit” mangels Alternativen? Doch wohl nicht.

  2. @ Cavalieri,

    natürlich hat Frau Schavan schon “symbolhaft” Recht, dass nur die Besten Lehrer werden sollten. Es sollten aber auch nur die Besten Ärzte werden, oder? Und nur die Besten Politiker, nicht wahr? Und nur die Besten Erzieher werden usw-usf.

    Die Frage ist dann, wer die Besten sind? Sind das immer die mit den 1-er Examen, die dann in der Praxis scheitern? Kann man nicht ein super Kunstlehrer sein, auch wenn man in Mathematik nichts drauf hat oder ein super Mathelehrer, auch wenn total unmusikalisch ist. Sie verstehen, was ich meine?

    Die besten Lehrer wären womöglich schlechte Ärzte. Es hat nicht unbedingt etwas damit zu tun, in allen Fächern am Gym oder im Studium mit 1 abzuschließen, oder?

    • Gute Frage: wer sind die Besten unter den Abiturienten?
      Die Bosch-Stiftung sieht das schon mal so (die besten Abiturienten und Lehrer sind diejenigen mit Manager-Qualitäten):

      https://bildungsklick.de/hochschule-und-forschung/meldung/die-besten-sollen-lehrer-werden/

      Ich stimme zu: das ist je nach Fach natürlich unterschiedlich. Frage ist eben, ob die besten Musiker denn tatsächlich Musiklehrer, die besten Physiker Physikĺehrer usw. werden. Das scheint nicht der Fall zu sein, und die heutigen Verhältnisse an den Schulen werden sie kaum ermutigen. Die besten Pädagogen sollten vielleicht Lehrer werden, aber kaum ein Abiturient wird wissen, ob das auf ihn zutrifft. Und selbst wenn: es gibt immer konkurrierende Perspektiven im Leben. Mancher von den cleveren Lehramtsstudenten strebt lieber eine Didaktik-Professur an und verbringt deshalb nur das Referendariat in einer Schule. Und manche, die zusätzlich in einem Fach sehr gut sind, können sich ein Leben ganz ohne nervige Schulkinder vorstellen.
      Klar müssen Lehrer nicht in allen Fächern gut sein. Das ist eine Binsenweisheit. Aber Lehrer sollten immer gebildet sein in einem allgemeinen Sinne, oder? Entfernen wir uns nicht ein wenig davon durch die vielzitierte “Professionalisierung”?

      Tatsache ist: auch diejenigen Abiturienten mit nur schwächeren Noten auf dem Zeugnis werden danach irgendwas machen. Aber was?

      Wir sollten auch mal fragen: Warum ist eigentlich Frau Schavan keine Lehrerin geworden? Sie hätte es vermutlich gekonnt. Ich kann sie mir als Lehrerin vorstellen, egal wie das mit ihrer Promotion war. Und so werden andere auch gedacht haben bzw. denken.

      Fazit: Man sollte auf die Wirklichkeit schauen anstatt Postulate aufzustellen, die am Ende doch unrealistisch sind.

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