Vom Softwareentwickler zum Lehrer – ein Quereinsteiger erzählt und erlaubt einen persönlichen Einblick in sein neues Leben

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DÜLKEN/DÜSSELDORF. Der Lehrkräftemangel führt deutschlandweit zu großen Problemen. Um diesen Mangel zu bekämpfen, werden Quereinsteiger beschäftigt. Beispiel NRW: Im vergangenen Jahr sind 541 Seiteneinsteiger eingestellt worden. Einer dieser Quereinsteiger erklärt, warum er teilweise kein Auge zubekam.

Es ist nicht eifach, jungen Menschen Wissen zu vermitteln.                                     Foto: younma / Flickr (CC BY-SA 2.0)

So entspannt ist Oliver Coenen zu Beginn seiner Laufbahn als Seiteneinsteiger an einem Gymnasium nicht immer vor eine voll besetzte Schulklasse getreten. Die Ansprache des 49-Jährigen ist zackig, aber freundlich. «Die Zeit läuft», sagt er nach einer kurzen Wiederholung der letzten Informatikstunde. Eine auf eine Leinwand projizierte Sanduhr zeigt die Arbeitszeit an: Die Schüler haben 20 Minuten. Es geht um die Grundlagen einer Programmiersprache.

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Oliver Coenen hat Zeit, über seinen Quereinstieg am Clara-Schumann-Gymnasium in Dülken am Niederrhein zu sprechen. Es war ein Neuanfang mit Mitte 40. Er hat drei Kinder, muss ein Haus abbezahlen. «Der Stress ist nicht zu unterschätzen», sagt er heute mit Blick auf die ersten beiden Jahre an der Schule. Während des zweijährigen Vorbereitungsdienstes gibt er pro Woche 18 Stunden Unterricht in der Schule, hat danach sechs Stunden Theorie. Dazwischen müssen Unterricht vorbereitet und Zwischenprüfungen bestanden werden.

Ein Blick zurück. Oliver Coenen hat Erdkunde und Informatik studiert, einen Doktortitel in der Tasche und in einem Softwareunternehmen gutes Geld verdient. Als er dort gerade befördert werden sollte, orientierte sich der 49-Jährige neu. Zielvorgaben und Druck aus der Chefetage wollte er hinter sich lassen. Coenen, der schon an einer Uni gelehrt hat, fing bei einem Internat an und wurde stellvertretender Leiter. Als die Zukunft des Internats auf der Kippe zu stehen scheint, musste er sich erneut umorientieren.

Coenen schwirrte vor allem zu Beginn seiner Ausbildung zum Lehrer immer wieder eine Frage im Hinterkopf herum: «Schaffe ich das?» Nach den ersten Monaten in der Schule verlor er etliche Kilogramm Gewicht. Vor Unterrichtsbesuchen hatte er schlaflose Nächte, bereitete bis tief in die Nacht seine Stunden vor. «Teilweise bringt man den Stress mit nach Hause in die Familie», erinnert er sich. Der Druck ist hoch. Wer nach zwei Jahren das zweite Staatsexamen nicht schafft, bekommt keine Stelle.

Eine krasse Umstellung

Gerade zu Beginn ist die Lehrerausbildung für den 49-Jährigen eine krasse Umstellung. «Vorher war ich lange Zeit der, der geprüft hat – jetzt wurde ich überprüft.» Es sei ein großer Unterschied, an der Universität zu lehren oder an der Schule jungen Menschen zu helfen, etwas zu lernen. Coenen hospitiert zu Beginn bei Kollegen. Er muss herausfinden, wie er sein Fachwissen herunterbrechen kann, um es den Schülern beizubringen.

In ganz NRW sind nach aktuellen Zahlen des Schulministeriums bis Ende des vergangenen Jahres 541 Seiteneinsteiger in den Schuldienst eingestellt worden. Die Quereinsteiger aus der Praxis würden dabei helfen, «die aktuelle Lehrerlücke zu schließen und Unterrichtsausfall zu vermeiden», sagt Schulministerin Yvonne Gebauer.

«Gerade in Mangelfächern sind Seiteneinsteiger diejenigen, die den Unterricht am Leben erhalten», sagt Gunter Fischer, Schulleiter des Clara-Schumann-Gymnasiums. Dort arbeiten zurzeit sechs Quereinsteiger mit unterschiedlichsten Hintergründen – etwa auch ein Sportlehrer, der noch eine Fußballmannschaft trainiert.

Fischer warnt aber auch davor, die Herausforderung des Seiteneinstiegs zu unterschätzen. Es sei eine Illusion, zu glauben, dass sechseinhalb Jahre Studium durch zwei Jahre «Schnellausbildung» ersetzt werden könnten. «Vor 30 Schülern kann ich meine Persönlichkeit nicht verstecken. Man muss lernen, damit umzugehen», sagt er. Daher empfiehlt er seinen Quereinsteigern den Besuch zusätzlicher pädagogischer Seminare am Wochenende.

Sofortprogramm Lehrkräftemangel

Die reine Referendariatsausbildung reiche nicht aus. Die bisherige Ausbildung der Seiteneinsteiger bezeichnet der Schulleiter als «Sparmaßnahme». Daher würde er nie mehr als zwei Quereinsteiger gleichzeitig einstellen. Die Betreuung der Einsteiger könne sonst auch das Kollegium überfordern.

Aufgrund des anhaltenden Lehrermangels werden Seiteneinsteiger auch in Zukunft benötigt, ist sich Berthold Paschert von der GEW NRW sicher. «Es ist nicht absehbar, wann sich die Lage entspannt», sagt er. Grund dafür seien vor allem die steigenden Schülerzahlen. Die GEW fordert in einem «Sofortprogramm Lehrkräftemangel» unter anderem, dass der Ausbildungsanteil für Seiteneinsteiger erhöht wird.

Die Stellensituation hat sich in NRW zuletzt zwar verbessert, die Lage bleibt aber angespannt: Die Zahl der unbesetzten oder sich noch im Bewerbungsverfahren befindlichen Stellen in NRW ist laut Schulministerium bis Ende 2017 auf 1476 gesunken. Demnach ist etwas weniger als jede vierte Stelle unbesetzt (bei einer Besetzungsquote von 76,4 Prozent).

Die Sanduhr im Informatikraum des Clara-Schumann-Gymnasium ist abgelaufen, Oliver Coenen muss zurück in seine Klasse. Trotz des aufreibenden Beginns seiner Lehrerlaufbahn habe er nie an seiner Entscheidung gezweifelt. Das liege unter anderem auch an den Rückmeldungen seiner Schüler. «Wenn sie kommen und sagen “Das haben Sie mir aber toll beigebracht”, tut das gut». dpa

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4 KOMMENTARE

  1. “Zielvorgaben und Druck aus der Chefetage wollte er hinter sich lassen.”
    Na, hoffentlich bekommt er nicht bald Zielvorgaben und Druck von der Schulleitung oder der oberen Schulverwaltung. Schließlich sollen langfristig Schulen doch so ähnlich geführt werden wie Unternehmen:
    1.” Es gibt handlungsleitende Zielvorgaben in allen Arbeitsbereichen.”
    2. “Es gibt eine klare Prioritätensetzung in allen Arbeitsbereichen.”
    3. “Beschlüsse haben hohe Verbindlichkeit.”
    Quelle:
    https://www.isb.bayern.de/schulartuebergreifendes/qualitaetssicherung-schulentwicklung/evaluation/externe_evaluation/was_wird_evaluiert/prozessqualitaeten_schule/leitung_der_schule/

  2. Positive Haltung gefragt
    NRW hat Lehrermangel, wie andere Bundesländer auch. Die NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer setzt auf qualifizierte Quereinsteiger, um den Lehrermangel zu entschärfen, wie in anderen Bundesländern auch. Pragmatisch, konstruktiv, prima.
    Schulleiter Gunter Fischer vom Clara-Schumann-Gymnasium in Dülken am Niederrhein und Bertholt Paschert von der GEW NRW sind von dieser Maßnahme offenbar nicht begeistert. Sie reden von den Defiziten der Quereinsteiger und fordern Auflagen und hohe Hürden in Sachen zusätzlicher Ausbildung derselben.
    Es entsteht der Eindruck, dass sich zwei konträre Positionen gegenüberstehen. Die einen wollen mit qualifizierten Quereinsteigern das Problem pragmatisch lösen, die anderen wollen diese eigentlich überhaupt nicht, heften den Quereinsteigern Defizite an und bauen hohe Barrieren und Hürden auf.
    Es ist ziemlich skandalös, dass dem politischen Willen ein derart destruktives Verhalten von GEW und Schulleitern gegenübersteht. Und das auf dem Rücken qualifizierter Quereinsteiger, wie im Beispiel Oliver Coenen, der Informatik und Erdkunde studiert hat, promoviert hat, und in der Industrie eine erfolgreiche Laufbahn vorweisen kann.
    GEW und Schulleitungen sollten nicht ständig meckern, sondern eine grundsätzlich konstruktive und positive Haltung einnehmen.

    • Im Artikel ist ja immerhin von “2 Jahren Schnellausbildung” die Rede, klingt nach einer Teilnahme am Referendariat, zu genannten Bedingungen: erheblich mehr Unterricht als Referendare, Teilnahme am Seminar. Hier zeigen diese Quereinsteiger erheblich weniger Unterrichtsbesuche, sind aber nach 2 Jahren dann fertig und werden als Lehrkraft anerkannt.

      Das ist aber nicht die Regel, es gibt auch eine Menge Menschen, die als Vertretungskräfte auf vollen Stellen den Lehrermangel lindern, aber keinerlei pädagogische Ausbildung erhalten, sondern von jetzt auf gleich voll im Unterricht stehen. Hospitationen sind nicht möglich und die Betreuung bleibt beim Kollegium.

      Die 2 Seiten der Medaille: Die Kultusminister freuen sich über jede besetzte Stelle, die ihre Statistik besser aussehen lässt. Die Lehrkräfte und Schulleiter sehen dafür jeden Tag die Quereinsteiger und deren Mühen und wünschen sich, dass Ausbildung oder Begleitung der Quereinsteiger, wie z.B. Hospitationen, ermöglicht werden.
      Gleiches würde ich mir im übrigen auch für Referendare wünschen, denn auch da wurden die Möglichkeiten, Berufsanfänger zu begleiten, zusammengestrichen.

  3. Palim schrieb: “Das ist aber nicht die Regel, es gibt auch eine Menge Menschen, die als Vertretungskräfte auf vollen Stellen den Lehrermangel lindern, aber keinerlei pädagogische Ausbildung erhalten, sondern von jetzt auf gleich voll im Unterricht stehen.”

    Das trifft die Realität wohl leider in sehr vielen Fällen. Ein Leserbriefschreiber drückte es vor ein paar Tagen in der NOZ so aus:

    “Der allerorts beklagte Lehrermangel täuscht darüber hinweg, dass man lieber sogenannte ‘Quereinsteiger/-innen’, ‘studentische Aushilfen’ und ‘Inklusionshelfer/-innen’ einstellt, weil die es schon für erheblich weniger machen.

    Irgendwie kann ‘Lehrer’ doch jede beziehungsweise jeder, die beziehungsweise der Schule durchlaufen und im besten Fall noch Kinder hat. […]

    Dass die dann fachfremd komplette Unterrichtsfächer unterrichten, Förderpläne erstellen und mittels ihrer Notengebung und ihrer Einschätzungen des Arbeits- und Sozialverhaltens über Lebenschancen der ihnen anvertrauten Zöglinge entscheiden, wen stört’s?!”

    (Leserbrief ist leider nicht online einsehbar.)

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