Umfrage zum Schulleiterkongress: Schulleiter beklagen Lehrermangel, Bürokratie und Aufgabenflut – machen ihren Job trotzdem gerne

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DÜSSELDORF. Wenn Lehrer ihren Schulpolitikern Noten verpassen dürften, würde so mancher mit Rotstift «Versetzung gefährdet» schreiben. Schulleiter leiden unter wachsenden Aufgaben, Bürokratie und Seiteneinsteigern mit Lehrer-Crash-Kurs. Eine repräsentative Studie, die aus Anlass des Deutschen Schulleiterkongresses erhoben wurde, gibt neue Einblicke.

Udo Beckmann (r.) und der Moderator Lothar Guckeisen auf dem Bildschirm der Bühne des Deutschen Schulleiterkongresses vor 2.500 Schulleitern in Düsseldorf. Foto: DSLK2018 / Frank Metzemacher

Zu wenig Fachpersonal und zu wenig Zeit für zu viele Aufgaben und Bürokratie – das sind die Hauptprobleme der Schulleiter. Bei einer repräsentativen Befragung für den VBE nannten 57 Prozent der befragten 1.200 Schulleiter Lehrermangel als ihr größtes Problem. In Nordrhein-Westfalen, wofür eine Sonderauswertung der Umfrage vorliegt, waren es sogar 64 Prozent.

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Wie aus der beim Deutschen Schulleiterkongress in Düsseldorf vorgestellten Forsa-Befragung hervorgeht, fühlt sich nahezu jeder vierte Schulleiter (23 Prozent) vor allem mit der Inklusion Behinderter und der Integration von Flüchtlingskindern überfordert. Gewalt benennt dagegen nur ein Prozent aller Befragten als größtes Problem an ihrer Schule.

Im Mittel bewerteten die Befragten die Schulpolitik ihres eigenen Bundeslandes mit der Note 3,8 – in NRW mit 4. Jeder fünfte deutsche Schulleiter sieht die Schulpolitik als mangelhaft oder sogar «versetzungsgefährdet» bei Note 6.

Rund 36 Prozent der Schulleiter bundesweit (NRW: 44 Prozent) gaben an, an der eigenen Schule mit Lehrermangel und unbesetzten Stellen zu kämpfen – an Gymnasien waren es deutlich weniger. Im Durchschnitt sind laut Forsa-Befragung bundesweit sechs Prozent der Lehrerstellen an weiterführenden Schulen und sogar zwölf Prozent an Grundschulen nicht besetzt.

Die Politik hat geschlafen

«Die Politik hat jahrelang verschlafen, die Ausbildungskapazitäten hochzusetzen», kritisierte VBE-Bundeschef Udo Beckmann. «Für jede neue Anforderung, die die Politik an Schule stellt, müssen zusätzliche Ressourcen bereitgestellt oder gesagt werden, was wegfallen kann.» Außerdem forderte der Lehrergewerkschafter mehr Studienplätze, eine bessere Ausbildung und multiprofessionelle Teams an den Schulen, etwa mit Sozialarbeitern, Jugendhelfern und Psychologen.

Rund 90 Prozent der Schulleiter in Deutschland klagen über wachsende Aufgaben und Verwaltungsarbeiten. Sie wünschen sich mehr Anrechnungsstunden auf ihre Leitungstätigkeit, um Aufgaben delegieren zu können. Viele Lehrer flüchteten sich in Teilzeit, um die Belastungen überhaupt noch aushalten zu können, berichtete Beckmann.

Auffallend: An mehr als jeder dritten Schule sind Seiteneinsteiger beschäftigt, in Nordrhein-Westfalen mit 53 Prozent sogar an mehr als der Hälfte. Von diesen sind die meisten allerdings ziemlich ins kalte Wasser gesprungen: Bundesweit haben nach Angaben der Schulleiter 65 Prozent (NRW: 74 Prozent) keine systematische pädagogische Vorbereitung erhalten.

«Das ist pädagogischer Wahnsinn», kritisierte Beckmann. Die Politik sei es den Kindern und den neu hinzukommenden Fachkräften gleichermaßen schuldig, Seiteneinsteiger über mehrere Monate praxisnah zu qualifizieren.

Trotz aller Probleme gehen 95 Prozent aller deutschen Schulleiter nach eigenen Angaben gern zur Schule. Jeder vierte würde seinen Job «auf jeden Fall» weiterempfehlen – ebenso viele allerdings «auf keinen Fall». Am zurückhaltendsten wären mit einer Empfehlung Frauen, unter 40-Jährige und Grundschulrektoren. Bettina Grönewald, dpa

Hier geht es zu der kompletten Studie.

Gutachten: Schulleiter arbeiten so viel, dass es gegen das Grundgesetz verstößt (und nicht nur die, meint der Philologenverband)

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19 KOMMENTARE

  1. ZITAT: “Rund 90 Prozent der Schulleiter in Deutschland klagen über wachsende Aufgaben und Verwaltungsarbeiten. Sie wünschen sich mehr Anrechnungsstunden auf ihre Leitungstätigkeit, um Aufgaben delegieren zu können. Viele Lehrer flüchteten sich in Teilzeit, um die Belastungen überhaupt noch aushalten zu können, berichtete Beckmann.”

    Da würde ich mal sagen: Problem erkannt !

  2. Schulleiter-Umfrage: Eigenes Unvermögen oder Sündenbock-Strategie?
    Fast alle deutschen Schulleiter gehen laut Umfrage gern zur Schule, nämlich 95 Prozent. Ein tolles Ergebnis. Dann ist doch alles fein.
    Allerdings: Ein bisschen klagen, meckern, schimpfen, wettern, kritisieren, wünschen und fordern muss schon sein. Man ist ja schließlich mehr oder weniger Lehrer. Und natürlich anonym. Da kann man schon mal ordentlich auf den Busch klopfen und übertreiben. Man muss sich ja nicht persönlich outen oder rechtfertigen.
    Als erstes gibt man den Schulpolitikern die Note 6. Damit sind die größten Sündenböcke ausgemacht. Sie sind an allem schuld.
    Und die Seiteneinsteiger werden auch zu Sündenböcken erklärt. Sorry, gemeint sind die Quereinsteiger. Also diejenigen, die einspringen, wenn Amtslehrer krank sind, in Elternzeit gehen, Flüchtlingskinder nicht unterrichten wollen oder nur noch in Teilzeit arbeiten wollen. Dabei gibt es etwa nur an jeder dritten Schule Quereinsteiger, und alles in allem noch nicht einmal 5 Prozent Quereinsteiger, gemessen an der Gesamtzahl aller Lehrer.
    Fazit: Schulleiter machen ihren Job gern, bekommen gutes Geld, verpassen aber der Politik die Note 6 und stellen ein paar Quereinsteiger ins Abseits.
    Da stellen sich Fragen: Wird da von eigenem Unvermögen abgelenkt? Fehlende Management-Fähigkeiten? Mangel an konstruktiver und effizienter Zusammenarbeit von Lehrern, Schulleitungen und übergeordneten Schulbehörden?

    • Und warum sind dann so viele Schulleiterstellen unbesetzt? Wollen die potentiellen Bewerber nicht, oder will die Schulverwaltung diese nicht haben? Gibt es eigentlich einen Einfluss der Parteipolitik auf die Besetzung von Schulleiterstellen?

      • Mir wurde einmal gesagt, die Führung von Mitarbeitern sei eine Sache, die Führung von Lehrern eine andere. Lehrer würden allgemein als “schwierig” gelten und würden auf Vorschläge und Vorgaben meist mit “Aber…” antworten.

        • Sollen sie lieber antworten: “Jawoll, machen wir ohne nachzudenken” ? An Vorgaben besteht ja wohl kein Mangel. Ich dachte aber, wir hätten den Obrigkeitsstaat überwunden und den Führerstaat auch.
          Ich fürchte auch, Schulleiter werden zu Transmissionsriemen zwischen Schulbehörde und Lehrern: sie sollen das, was oben beschlossen wurde, nach unten dúrchdrücken, wobei Widerstand eben zu überwinden bzw. zu brechen ist. Das gleiche passiert an den Universitäten mit den Rektoren und Dekanen.

          • Denken Sie an ihre Schüler, ihre Klasse. Und wie Sie Klassengemeinschaft schaffen.

      • ich meine, dass zumindest die stellvertretenden Schulleiter an gymnasien in NRW nach Vorschlag von der Schule von der Kommune gewählt werden. Das ist zwar meist eine Formsache, aber theoretisch können so politische Günstlinge ernannt oder Querdenker verhindert werden.

  3. Ehrliche Frage. Hätte ich darauf Lust, nicht mehr zu unterrichten?. Ich nicht, für mich sind die Unterrichtstunden unheimlich wichtig. Ich würde sonst gar nicht wissen, ob das, was als Konzept entwickelt werden soll oder wird, realistisch ist. Und: Auch wenn ich derzeit nur in den Hardcore-Klassen Deutsch unterrichte – es macht trotzdem SPaß.

  4. Das spüren wir als Lehrpersonen: Der Druck und der Mangel an Schulen in Folge dessen ist ziemlich gewachsen. An besser betuchten Schulen läuft es sicherlich besser, mit finanzstarken Familien, an der man nicht immer um Geld betteln muss (Sponsorenlauf, Banken anschreiben, Förderverein anpumpen, werbungbesetzte Scheinsportveranstaltung).
    Es ist gewiss ein ortsabhängiger Mangel und viele Städte sind abgehängt. Das System kränkelt und wir mittendrin, seit Jahren.

  5. Von der “Kommune” wird in NRW niemand gewählt, das ist längst passé. Die Bewerber werden von den Bezirksregierungen in einem Leistungs-Ranking den Schulkonferenzen mitgeteilt, die dann entscheiden. Stellvertreter und Didaktische Leiter werden nach wie vor im Zuge von Revisionsverfahren der Dezernate ernannt. Schulkonferenzen sind daran nicht beteiligt.

    • Danke für die Klarstellung. ich meinte immer, dass der Stadtrat mitreden durfte. Die Rangliste kann ein Dezernent aber auch nach politischer Gesinnung beeinflussen…

      • @jagothello und @xxx – partim partim.

        Wenn es sich nicht um “Versorgungsfälle” handelt, die von der Bez.-Reg . wg. adäquater Weiterverwendung eingesetzt werden, entscheidet die Schulkonferenz der Schule über die Stellenbesetzung. Die Vorauswahl wird von der Bez.-Reg. getroffen. Die Kandidaten mit gleicher Bestbeurteilung müssen sich dann der Schulkonferenz vorstellen, die ihr Votum per Mehrheitsbeschluss abgibt.

        Der Schulausschuss der zuständigen Stadt als Sachaufwandsträger kann hier in NRW den von der Schulkonferenz vorgeschlagenen Kandidaten bzw. Kandidatin allerdings ablehnen und einen entsprechenden Beschluss fassen. Dieser muss von der Bez.-Reg. geprüft werden. Gibt die Bez.-Reg den Einwänden der Stadt nach, geht das Verfahren in eine weitere Runde. Grundsätzlich kann der Schulträger aber den von der Schulkonferenz auserkorenen Kandidaten nicht verhindern.

        Das Verfahren läuft allerdingsgeschmeidiger, wenn sich Schulkonferenz, Stadt und Schulaufsicht einigen können.

  6. Mich wundert, dass von Lehrerseite und auch Schulleiterseite (siehe oben) so wenig bzw. gar keine Kritik an dem G8/G9- Debakel kommt. Wieviele Ressourcen bindet die Rückumstellung eigentlich und geht daher der individuellen Förderung von Kindern (einschließlich ein entspannter, wohlwollender, wertschätzender Umgang mit Kindern) verloren???

  7. Außerdem wird sich im Schulsystem nichts ändern, wenn weiterhin an der falschen Stelle angesetzt wird. Es braucht nicht nur mehr Lehrer, sondern mehr gute Lehrer. Es darf nicht mehr sein, dass Lehramt jeder darf, der nicht weiß, was er tun soll.
    Es darf auch kein “Amt” sein, sondern muss ein normaler Beruf sein, also eine Tätigkeit, zu der man sich berufen fühlt. Lehramtsbewerber sollte man nicht aufgrund der Selektion ab der 5.Klasse werden dürfen, sondern aufgrund einer Selektion direkt vor Studienbeginn. Dann dürfen die Besten von den Besten von mir aus auch viel verdienen.
    Und ich freue mich als Elternteil schon auf Beratungsgespräche in der Schule, weil ich dann dort etwas lernen kann und nicht nur von außerschulischem – tatsächlichen, die Bezeichnung Pädagogen verdienendem – Personal.

    • Unter dieser Annahme müssen Sie die Arbeitsbedingungen auch so gestalten, dass die Besten der Besten Lehrer werden wollen. Dazu gehören eine gute Ausstattung, eine angemessene Arbeitsbelastung, Unterstützung bei der Verwaltung und natürlich eine Bezahlung, die deutlich über der vergleichsweise anspruchsvoller und verantwortungsvoller Tätigkeiten in der Wirtschaft liegt. In den Naturwissenschaften reden wir über 50-60000€ Anfangsgehalt und Aufstieg auf über 100000€ nach kurzer Zeit. Beachten Sie, dass die Besten der Besten auch von den bestbezahlenden Firmen umworben werden.

      • Sie haben absolut Recht, xxx. Schade nur, dass Sie “ProblemkindSchulsystem”, bei der oder dem ich eine ausgeprägte Abneigung (aus persönlichen Gründen) gegen Lehrer vermute, ungewollt Munition liefern.
        “Aha”, wird es jetzt durch den Kopf rattern, “wenn die Besten der Besten aus finanziellen Gründen in die Wirtschaft gehen, dann ist doch klar, mit welcher Qualität von Lehrern es unsere armen Kinder zu tun haben.”

        • Da haben Sie leider (wahrscheinlich) recht. Bei den derzeitigen Arbeitsbedingungen in der freien Wirtschaft könnten die Länder die Lehrergehälter abseits der Naturwissenschaften problemlos um 20-30% senken und noch immer wären sie deutlich höher als das, was z.B. Geisteswissenschaftler als freie Journalisten o.ä. verdienen können.

    • ProblemkindSchule
      Machen Sie nicht ständig die Lehrer verantwortlich für Fehlentwicklungen der letzten vierzig Jahre.
      In jedem Beruf bilden sich die Leistungsunterschiede der Mitglieder in Form einer Gausschen Normalverteilungskurve ab.
      Allerdings kann man diese Verteilungskurve in jedem Berufsfeld nach rechts verschieben, indem man die Ausbildungsstandarts und die Ansprüche an die Ausbildung erhöht; und dieses Prinzip gilt auch für die Schulen.
      Andererseits gelingt es durch eine allgemeine Linksverschiebung, als Folge einer Verschlechterung des Ausbildungsniveaus, siehe Bologna-Prozess, das Niveau der Ausbildung weiter herabzusenken und die Fähigkeiten der Berufstätigen zu verschlechtern.

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