Digitalisierung: Bundesminister preschen vor – in den Ländern regt sich Widerspruch

13

MAGDEBURG/BERLIN. Angesichts der Umwälzungen der digitalen Welt, hält es Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) für sinnvoll, die Trennung der Schulfächer aufzuheben. Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner (CDU) widerspricht, und warnt davor, Schulen zu überfordern. Der Bundesdigitalisierungsbeauftragten Dorothee Bär (CSU) schwebt indes der Abschied vom Schulbuch vor.

Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner hat in der Debatte um die Digitalisierung vor großen Umwälzungen und Änderungen am Schulsystem gewarnt. Es bestehe kein Zweifel daran, dass die Digitalisierung Schule verändern werde, sagte der CDU-Politiker. «Bei einem radikalen Umbau bin ich aber skeptisch.» Schulen brauchten Ruhe, um ihr Profil zu schärfen. Viele Schulen bauten bereits digitales Lernen in ihre pädagogischen Konzepte ein. «Aber wir dürfen sie auch nicht überfordern.»

Die Digitalisierung der Schulen ist auch für die Bundesregierung ein Profilierungsfeld. Foto: Michael Coghlan / flickr (CC BY-SA 2.0)
Besser Goethes Faust auf dem Tablet als irgendeinen Schund auf Papier. Die Digitalisierung der Schulen ist auch für die Bundesregierung ein Profilierungsfeld. Foto: Michael Coghlan / flickr (CC BY-SA 2.0)
Anzeige


Tullner reagierte damit auf Vorschläge von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU). Sie hatte in einem Interview der Wochenzeitung «Die Zeit» angeregt, die Trennung nach Unterrichtsfächern aufzugeben. So sollte der Trend zur immer stärkeren Spezialisierung der Schüler zugunsten einer «großen Grundlagenbildung» ausgegeben werden. «Durch die Umwälzungen der digitalen Welt kann aber niemand mehr sagen, was in Zukunft richtig sein wird», so Karliczek.

Nach dem Willen der neuen Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär, sollen viel mehr Schüler ein Tablet im Unterricht benutzen. «Die Kinder tragen viel zu schwere Schulranzen mit zum Teil veralteten Schulbüchern. Schüler brauchen heute vor allem drei Dinge: ein Tablet, ihre Sportsachen und das Schulbrot», sagte die CSU-Politikerin der «Bild am Sonntag».

Via Tablet seien auch die aktuellsten Informationen abrufbar, sagte Bär «Besser die Schüler lesen Goethes Faust auf dem Tablet als irgendeinen Schund auf Papier», sagte sie.

Auch Kleinkinder könnten Tablet-Computer ohne Bedenken nutzen, meint die Staatsministerin. «Es gibt für Kinder tolle Lern-Apps mit schönen Illustrationen oder Tierstimmen. Wenn ein zweijähriges Kind sich so etwas für 5 Minuten anschaut, ist das kein Problem.» (News4teachers mit Material der dpa)

SPD will Digitalisierung der Schulen mit Vorrang voranbringen

Anzeige


13 KOMMENTARE

  1. Da hat sie m.E. recht, die neue Bundesbildungsministerin. Schüler müssen befähigt werden, Dinge zu vernetzen. Die klassische Trennung nach Schulfächern steht dem oftmals im Wege. Schulbücher sind häufig veraltet, während moderne, hochaktuelle Dokumentationen und Filme geeignet sind, Schüler zu begeistern. Mit einer bundesweiten Schul-Cloud und einer breitbandigen Infrastruktur können die Unterrichtsmaterialien in die Schulen transportiert werden bzw. dort von den Schülern mit intelligenten Endgeräten wie z.B. Smartphones oder Tablets via WLAN bedarfsweise abgerufen werden. Die Technik ist vorhanden, Geld auch, jetzt braucht Karliczek breite Zustimmung. Meine hat sie.

  2. Das Intervies mit Frau Karliczek findet sich unter https://www.bmbf.de/de/wir-sollten-die-schulen-umbauen-5927.html

    Das, was Frau Karliczek im Interview mit einem Beispiel fordert, wird doch in den Fächern längst umgesetzt als fächerübergreifender Anteil. Meiner Meinung nach ist es einmal mehr eine Forderung, die großen strukturellen Umbau erfordern würde, ohne auf das geblickt zu haben, was Lehrkräfte längst umsetzen.
    Ich stimme generell zu, dass Schulen eine gute Ausstattung auch im Bereich der Digitalisierung benötigen und dass Unterricht schon sehr früh Chancen und Risiken von Mediennutzung (nicht allein Konsum) aufzeigen sollte, gerade weil viele (auch sehr junge) Kinder damit überfordert und allein gelassen sind.

    Technik und Medien (egal welche) sind aber kein Selbstzweck und im Unterricht nur förderlich, wenn sie sinnvoll eingesetzt werden (können). Da reicht die Aussattung in vielen Schulen bisher nicht aus … und die Pädagogik gerät zurzeit außer Acht.

    Konkret: Wo sind denn die herausragenden interaktiven Materialien für die bundesweit verkauften interaktiven Whiteboards mit ihrem Mehrwert? Kaum eine Firma und kaum ein Verlag haben sich ernsthaft über längere Zeit darüber Gedanken gemacht und Pädagpgem eingebunden, sodass digitale Darstellungen häufig nur ein Abbild der bisherigen Medien sind aber kaum Mehrwert bieten.

    Wenn das eine aber genauso gut ist, wie das andere, kann man bei Bestehendem bleiben und sich den Aufwand sparen, die Inhalte zu digitalisieren. Diese Mehrarbeit ist den meisten Lehrkräften unter derzeitigen Umständen nicht möglich und wird von Verlagen oder Firmen bisher nicht zufriedenstellend erbracht. Das eingesparte Geld darf gerne für anderes im Bereich Schule ausgegben werden.

    Wenn Technik für den Unterricht attraktiv sein soll und den Unterricht bereichern soll, braucht es mehr als den Abverkauf der technischen Ausstattung und mehr als halbtägige Fortbildungen, sondern zusätzlich zu großem Einsatz bei Ausstattung UND Fortbildung auch noch abgestimmte Materialien, die digitalte Möglichkeiten MIT Pädagogik zusammenbringen.

    Und es braucht mehr als Versprechungen oder Werbeveranstaltungen, was alles mögliche WÄRE. Es braucht durchdachte, fertige Module, die gemeinsam mit Pädagogen entwicklt und vom Ministerium geprüft sind, sodass sie mindestens den bisherigen Standards von Lehrwerken entsprechen.

    Zudem braucht es dann statt fächerübergreifender Anteile (s.o.) auch Fachunterricht, der den Themenbereich Medien aufgreift und Grundlegendes vermittelt, das in anderen Fächern aufgegriffen werden kann.

    • @ Palim: Ich möchte Ihnen in diesem Fall ausdrücklich zustimmen.

      An meinem Gymnasium ist der Smartboard-Hype übrigens schon wieder vorbei, da die Geräte hoffnungslos überteuert sind, mehrmals die Woche neu kalibriert werden müssen und die Beamer-Einheiten nach kurzer Zeit (ca. 2 Jahre) kaputtgehen. Zusätzlich kommt der Hersteller mit der Ersatzteil-Beschaffung nicht nach.

      Und so landet man wieder da, wo das Gros der Kollegen von vornherein bleiben wollte: bei “klassischen” Laptop-Beamer-Kombinationen und entsprechender Software, die ein Smartboard bestens ersetzt.

      Warten, updaten und in Schuss halten darf die natürlich der entsprechende Fachobmann/die entsprechende Fachobfrau in seiner/ihrer Freizeit.

      Ach ja: Und diverse Fachobschaften inkl. Sammlungsleitungen laufen nicht als Beförderungstellen, wie oft vermutet wird.

      • “Und so landet man wieder da, wo das Gros der Kollegen von vornherein bleiben wollte: bei “klassischen” Laptop-Beamer-Kombinationen und entsprechender Software, die ein Smartboard bestens ersetzt.”
        Das war dem Schulträger hier nicht zu vermitteln, der sich lieber von der Fachfirma diktieren lässt, was anzuschaffen sei.

        “Ach ja: Und diverse Fachobschaften inkl. Sammlungsleitungen laufen nicht als Beförderungstellen, wie oft vermutet wird.”
        So oder so muss die Forderung nach digitaler Ausstattung ebenfalls in die Forderung nach entsprechender Wartung durch den Schulträger bzw. eine Firma samt Endkontrolle durch den Schulträger münden oder in einer angemessenen Zahl von Entlastungsstunden an ALLEN Schulformen. Auch diese Folgekosten sollte man vorher klären.

      • Die Laptop-Beamer-Dokumentenkamera – Kombination finde ich eine sinnvolle Anschaffung und gehört in jedes Klassenzimmer, auch in die Grundschulklassen. (Ich ergänze Dokumentenkamera.) Das sollte auf jeden Fall mit finanziert werden. Damit kann man schon einmal multimedial präsentieren. Dafür bitte die Overheadprojektoren, die wesentlich weniger können, rauswerfen.

        Am besten noch mobile Laptops mit Internetanschluss für die Schüler zum Recherchieren, zum Programme nutzen wie Antolin, Förderprogramme, Lernprogramme, Schreibarbeiten, damit man im Klassenzimmer blieben kann und diese auch als Differenzierungsmöglichkeiten einsetzen kann. Ein Computerraum ist viel zu unflexibel. Dazu braucht man allerdings am besten Wlan im Klassenzimmer; man kann schlecht über 10 Laptops gleichzeitig irgendwo im Klassenzimmer einstöpseln. Aber nicht jede Klasse muss einen Laptopsatz haben.

        • “Ein Computerraum ist viel zu unflexibel.”
          Lieber ein Computerraum, in dem alles läuft, als Boards ohne PCs (wurden “vergessen”) und Tablets ohne W-Lan.
          Auf jeden Fall sollte man nicht einfach möglichst schnell das Geld ausgeben, sondern überlegen, was in den Schulen genutzt werden kann und soll.
          Im Moment macht alles den Eindruck eines großen Abverkaufs. Das hat weniger mit Bildung und mehr mit Wirtschaft zu tun.

  3. Für mich sind die einzigen Argumente contra das Schulbuch das Gewicht und die Aktualität der Informationen.
    Eine kleine Gefahr der ständigen Aktualisierung besteht auch darin, dass der aktuelle Mainstream abgebildet wird und eine größere Beeinflussung gegeben ist. Ressourcenverschwendung/nutzung haben wir bei beiden Medien.
    Doch: Gibt es nicht gesundheitliche Bedenken bei dem Licht, das Tablets, Computer und Co. ausstrahlen? Das sollte man erst einmal genau untersuchen und nicht einfach darüber weggehen.
    Ansonsten tut es schon weh, wenn die Bücher abgeschafft werden sollten. Verleitet ein gedrucktes Buch nicht besser zum Lesen als ein Reader? Man will in der Schule doch auch zum Lesen anleiten.
    Und: Bietet nicht ein Schulbuch eine bessere Gesamtübersicht?

    • Noch eine Ergänzung: In unseren Musikräumen hatten wir über Jahre WLAN. Das dürfen wir inzwischen nicht mehr nutzen. Alle Geräte wurden wieder verkabelt.

  4. Wenn dann die Schülerinnen und Schüler mit ihren (schul-)eigenen Endgeräten raumunabhängig arbeiten dürfen, dann muss auch die Stromversorgung gewährleistet sein, damit es nicht zu unnötigen Unterrichtsstörungen kommt.

    • Gute Ergänzung. Sogar zehn Steckdosen können dann knapp werden, selbst im illusorischen Fall, dass die Schüler immer ihr Ladegerät dabei haben und alle Geräte innerhalb von maximal fünf Minuten aufgeladen werden könnten …

  5. Smartboards haben sich nicht durchgesetzt, weil sie kaum suggestiv zu bedienen sind. Nur Experten arbeiten mit ihnen mit Mehrwert. Ich denke, die Verlage haben diese Schwäche erkannt und daher stagniert die Entwicklung in diesem Segment, was wiederum zu Unzufriedenheit bei denen führt, die die Dinger schon gekauft haben. Wenn man jetzt das iPad (das es noch gar nicht gab, als man die Smartboards einführte), wie offenbar angedacht, quasi als 1:1 Kopie des Buches versteht, wo soll dann der Mehrwert sein? Den sehe ich persönlich nur in dem amerikanischen mediendidaktischen Ansatz einer 5-App-Ausstattung, die Kreativität und Produktivität ermöglicht, fördert und evaluiert (Feedback-Programme). Das immer wieder von Apple und der amerikanischen Medienpädagogik ins Felde geführte ibookAuthor ist das berühmteste und beste Beispiel. Ein ausgezeichneter pädagogischer, und ja: kompetenzorientierter Ansatz. Schon Grundschulkinder arbeiten mit großem Erfolg mit dem kostenfreien ibookAuthor, wie ich erst kürzlich wieder im Medienzentrum Rhein-Kreis-Neuss eindrucksvoll präsentiert bekommen habe. Wenn dann peu á peu Lehrbuchapps hinzukommen… Ich finde es nicht so entscheidend, habe aber auch nichts dagegen. Wahrscheinlich ist das nicht aufzuhalten.

    • Danke für den Erfahrungsbericht. Wurde bei dieser Präsentation auch über das Ablenkungspotenzial gesprochen? Bei herkömmlichen PowerPoint-Präsentationen wird schon oft genug fehlender Inhalt durch Multimedia-Effekte kaschiert, bei iPads kommt die durchgehende Internetverbindung dazu.

      Mein Fazit dazu: Gute und lernwillige Schüler werden durch iPad-Unterricht besser, weil sie die Möglichkeiten produktiv nutzen, vorausgesetzt die Lerngruppe ermöglicht entsprechende Aufgaben. Lernunwillige Schüler profitieren durch iPad-Unterricht nicht, weil sie sich noch stärker ablenken lassen. Je mehr es auf den Unterrichtsinhalt ankommt, sprich wenn es in Richtung Schulabschluss bzw. Eintritt in die Oberstufe geht, desto stärker wirken sich diese Effekte aus. Für die Oberstufe gibt es derzeit kaum brauchbare Apps, möglicherweise aus dem Grund, dass die Studienräte den Mehrwert von Apps bei ihrer doch sehr kopflastigen Perspektive auf die Fächer zumindest noch nicht sehen.

      Lehrbuchapps sind auch so eine Sache, weil sie zum Einen verhältnismäßig teuer sind, sie auch kaum einen über Trainingsaufgaben hinausgehendes Niveau bieten und sich die Verlage weigern, die Lehrbücher (zumindest den Lehrern) als hoch aufgelöste pdf-Datei zur Verfügung zu stellen.

      Ach ja: iPads setzen ein stabiles WLAN in den Schulen voraus. Die Infrastruktur, 1000 IP-Adressen verwalten zu können, dürfte in den wenigsten Schulen vorhanden sein.

  6. Das ist ein großes Problem, in der Tat. Ich denke, es lohnt sich aber, das anzugehen und auf Lösung zu dringen, die ja technisch machbar ist. Natürlich Unsinn, Medienpädagogik zu fordern, wenn die Voraussetzungen nicht da sind. Wir sind aber noch relativ am Anfang, in 10 Jahren sollten in Deutschland die Ressourcenprobleme gelöst sein. Wir Pädagogen haben auch so schon genug andere Probleme!

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here