Lehrer, Minister, Wahlkämpfer: Bayerns neuer Kultusminister Bernd Sibler über Schule, Lehrer und Qualität

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MÜNCHEN. Keine vier Wochen ist der gelernte Lehrer Bernd Sibler jetzt neuer Kultusminister in Bayern. Auf dem Niederbayern lastet aber nicht nur aus bildungspolitischer Sicht eine große Herausforderung.

Der neue bayerische Kultusminister Bernd Sibler. Foto: © StMUK
Der neue bayerische Kultusminister Bernd Sibler. Foto: © StMUK

Die Berufung von Bernd Sibler zum bayerischen Kultusminister war vor knapp vier Wochen eine große Überraschung bei der Kabinettsumstellung von Ministerpräsident Markus Söder. Immerhin galt sein Vorgänger Ludwig Spaenle (beide CSU) trotz inhaltlicher Kritik immer als gesetzt. Wer aber den 47-Jährigen kennenlernt, der erkennt schnell, warum der Franke Söder das Ressort an den Niederbayern gegeben hat: Der gelernte Lehrer ist politisch unbelastet, er ist also vom Fach und bereit für einen neuen Stil – drei Vorteile in dem bei und für Wahlen wichtigen Bildungsressort. Und dann ist da ja auch noch die Rolle Niederbayerns für die CSU bei der Landtagswahl.

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«Schule ist das letzte gesellschaftliche Lagerfeuer, ein Brennglas», sagt Sibler. Der ehemalige Kultusstaatssekretär kennt das Haus schon lange. Und mit ihm die Baustellen, die Sibler mit einer neuen Tonart angeht, «eher in piano als in forte. Ich habe einige Grundsätze, abseits dessen bin ich sehr offen, sehr gesprächsbereit». Pädagogische Fragen bedürften pädagogischer Antworten.

Dazu gehöre auch die Absage auf eine Ausweitung des Islamunterrichts in Bayern. Für die Evaluation des Projektes bis Sommer 2019 seien 350 Schulen mit rund 14.000 muslimischen Schülern ausreichend. Wie es dann weitergehe, sei nicht entschieden. Eine Möglichkeit wäre ein Ethikunterricht. Auch Söders Vorschlag für spezielle Deutschklassen mit verstärktem Sprach- und Werteunterricht für Zuwanderer-Kinder verspreche eine Weiterentwicklung. Ziel des Islamunterrichts sei ja die Vermittlung von Sprache und Werten und nicht Religionsunterricht.

Keine Lust auf ideologische Debatten

Wie die meisten Schüler, Lehrer und Eltern hat auch Sibler keine Lust mehr auf ideologische Debatten: «Ich denke vom einzelnen Kind her, es geht immer um Gesichter.» Deshalb werde nun aber nicht alles anders. «Wir wollen das mehrgliedrige Schulsystem erhalten. Das bayerische System ist eines der erfolgreichsten Systeme in Deutschland», sagt er. Auch bei der Benotungspraxis bleibe es: «Zeugnisse brauchen weiter eine Aussagekraft. Für jeden Abschluss gibt es einen Anschluss.»

Über allem stehe die Qualitätsfrage: «Das System Schule muss guten Unterricht ermöglichen – Schreiben, Rechnen, Lesen, entsprechend der Altersstufe. Das ist die Kernaufgabe. Dazu kommt die Bildung von Herz und Charakter. Das ist mir sehr wichtig», sagt Sibler. Dies gelte etwa für den Übergang von der Grundschule in weiterführende Schulen: «Das bayerische System ist in den vergangenen Jahren sehr durchlässig geworden. Die Prognosefähigkeit der Grundschullehrer ist sehr gut, dies senkt den Leistungsdruck.» Einen freien Elternwillen bei der Schulwahl, wie in anderen Ländern gängig, oder eine spätere Entscheidung lehne er aber ab. Dies sorge nur für zusätzliche Unruhe.

Am Gymnasium habe die Umstellung auf das Abitur in neun Jahren habe bereits viel Ruhe gebracht. «Die noch offenen Punkte gehen wir nun an, dazu werden wir die erfolgreichen Dialogrunden fortführen», sagt er. Dies gelte für die Überholspur für Schüler, die nach acht Jahren das Abitur anstreben: «Wir wollen keinen Trampelpfad, sondern eine breite Spur.» Denkbar sei es, die Kinder in der 9. und 10. Klasse nicht aus dem Klassenverband zu lösen, sondern über Zusatzmodule vorzubereiten, sofern die pädagogische Empfehlung und der Wille vorhanden seien. «Noten sind für mich da nicht alleine entscheidend.»

Bessere Bedingungen schaffen für Schüler und Lehrer

In Ballungszentren brauchten junge Lehrer zudem bezahlbaren Wohnraum. Etwa in München würden diese wegen der stark steigenden Schülerzahlen gebraucht. «Daran arbeiten wir», betont er und verweist auf die Pläne für eine neue Wohnungsbaugesellschaft. Auch sei der Zustand der Schulen bisweilen verbesserungsbedürftig. «Problematisch wird es für mich aber immer dann, wenn Schüler nicht mehr auf die Toiletten gehen wollen. Auch solche Fälle kennen wir.» Dann seien die Kommunen als Träger der Schulen in der Verantwortung.

Im ländlichen Raum sei der Erhalt der Schulen herausfordernd. «Die Grundschulgarantie bleibt bestehen. Bei den Mittelschulen müssen wir aufpassen, wie sich im Einzelfall die Schülerzahlen entwickeln. Ich will aber keine Schulschließungen aktiv betreiben.» Bayernweit müsse auch die Digitalisierung weiter umgesetzt werden. «Unser Grundsatz lautet: Die Technik muss der Pädagogik dienen. Wie können wir den Unterricht mit der Digitalisierung besser machen?» Dazu brauche es «kein Windhundsystem». Die Schulen sollten zudem die Standards ihrer Ausrüstung selbst definieren, «dazu bieten wir Fortbildungen an».

Für Söders großes Ziel, die Verteidigung der absoluten CSU-Mehrheit bei der Landtagswahl am 14. Oktober, trägt Sibler aber auch abseits seines Ministerpostens große Verantwortung. Gerade in seiner Heimat Niederbayern war die AfD bei der Bundestagswahl sehr stark. Als dortiger CSU-Listenführer will Sibler den Kampf offen annehmen. Dabei dürfte er ungeachtet des neuen ministerialen Mottos und mit Söder an seiner Seite dann doch wieder mehr in forte als in piano sprechen. dpa

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2 KOMMENTARE

  1. “Ziel des Islamunterrichts sei ja die Vermittlung von Sprache und Werten und nicht Religionsunterricht.”
    Wie bitte? Heißt das nicht andernorts “islamischer Religionsunterricht” ? Und wieso brauchen wir dafür eigens mit dem Segen von Islam-Funktionären ausgebildete Religionslehrer ? Sprache und Werte könnten auch andere unterrichten.
    Und was ist mit dem christlichen Religionsunterricht ? Vermittelt der auch nur noch Sprache und Werte und keine Religion mehr ?

    • Sprache und Werte kann man auch im neutralen Ethikunterricht vermitteln. Besonders die Wertevermittlung halte ich dort für besser aufgehoben, weil es bei den in Deutschland lebenden Muslimen insbesondere um die westeuropäischen Wertvorstellungen geht, die sich beispielsweise im Frauenbild doch drastisch vom radikalen muslimischen Frauenbild unterscheiden.

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