ERFURT. Menschen aus anderen Kulturen begegnen Jugendliche in Thüringen an der Schule eher selten, insbesondere im ländlichen Raum. Das kann paradoxerweise Fremdenhass und Rechtsextremismus Vorschub leisten. Eine Neubelebung des Ost-West-Schüleraustauschs könnte ihnen nach Expertenmeinung „positive Integrationserfahrungen“ vermitteln.

Thüringer Lehrer haben im vergangenen Jahr 51 ausländerfeindliche oder rechtsextreme Vorfälle an Schulen gemeldet. Das geht aus Daten des Bildungsministeriums hervor. Meistens (42 Fälle) ging es um die Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Darunter fällt zum Beispiel auch der Hitlergruß. Zudem wurden zehn Vorfälle als «fremdenfeindlich motiviert» eingestuft.

„Positive Integrationserfahrungen“ machen Thüringer Schüler eher selten. Foto: Joe Goldberg / flickr (CC BY-SA 2.0)
„Positive Integrationserfahrungen“ machen Thüringer Schüler eher selten. Foto: Joe Goldberg / flickr (CC BY-SA 2.0)
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«Zur Schule gehört Demokratiebildung», sagt Bildungsminister Helmut Holter (Linke). «Soziale Herkunft, Nationalität und Religion dürfen nicht die Einstellung gegenüber anderen Menschen bestimmen, sondern Überzeugungen und Handeln.» Sowohl schulische als auch außerschulische Angebote seien wichtig, um Fremdenhass vorzubeugen. Die Fähigkeit, Verständnis für die Position des Gegenübers zu entwickeln, sei so wichtig wie das kleine Einmaleins.

Aus Daten des Landeskriminalamts geht hervor, dass in den Jahren 2016 und 2017 jeweils sieben Strafanzeigen wegen Volksverhetzung an Thüringer Schulen gestellt wurden.

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Nach Einschätzung von Gudrun Wolters-Vogeler, der Vorsitzenden des Allgemeinen Schulleitungsverbands Deutschlands, ist zunehmende Fremdenfeindlichkeit an Schulen ein bundesweites Problem, mit einem Schwerpunkt in den neuen Bundesländern. «Es mangelt an positiven Integrationserfahrungen», sagte sie. Das gelte insbesondere in ländlichen Regionen, wo es weniger Kontakt zu anderen Kulturen gebe. Verschärft habe sich die Situation seit Beginn der Flüchtlingskrise in Deutschland im Jahr 2015.

Ihrer Meinung nach besteht Handlungsbedarf an den Schulen. «Man sollte Schulpartnerschaften zwischen Ost und West wiederaufleben lassen», sagte sie. Kinder und Jugendliche von Schulen mit wenig Integrationserfahrung sollten an Partnerschulen erfahren, dass das Zusammenleben verschiedener Kulturen funktionieren kann. Sie plädiert auch für mehr Austauschprogramme ins Ausland. «Das wäre vor allem für Schüler der Real- und Hauptschulen wichtig.»

Auch nach Einschätzung der Mobilen Beratung für Demokratie und gegen Rechtsextremismus in Thüringen (Mobit) können positive Integrationserfahrungen helfen, Vorurteile abzubauen. Mobit berät unter anderem Lehrer beim Thema Rechtsextremismus. «Viele Lehrer interessieren sich für Zeichensprache und Symbole», sagte Stefan Heerdegen von Mobit. Die Beratungsstelle hält auch Vorträge an Schulen über rechtsextreme Strukturen in Thüringen.

Nach Angaben des Bildungsministeriums gibt es regelmäßig Fortbildungen für Lehrer zum Thema Rechtsextremismus. Alle Lehrer bekämen zudem einen «Notfallplan Extremismus» an die Hand, hieß es. Dort stehen Handlungsanleitungen – vom sofortigen Eingreifen bis hin zur Weiterbetreuung nach einem Vorfall.

Das Bildungsministerium fördert nach eigenen Angaben auch die europäische Initiative «Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage», im vergangenen Jahr mit 115 000 Euro. Rund 274 000 Euro Fördermittel gab es 2017 für das «Netzwerk für Demokratie und Courage» in der Trägerschaft von Arbeit und Leben Thüringen.

Auch die Auseinandersetzung mit der deutschen NS-Vergangenheit halten Experten für wichtig. Nach Ministeriumsangaben besuchen zahlreiche Thüringer Schulen Gedenkorte wie das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald. Bis zu 15 Schulen pro Schuljahr führen zur Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau nach Polen. (dpa)

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