Studie: Überraschung hilft beim Lernen

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FRANKFURT/MAIN. Ist der Wissenschaft auf Umwegen die Ehrenrettung der „Osterhasen-Pädagogik“ gelungen? In einer Studie haben Frankfurter Forscher systematisch untersucht, wie Vorab-Einschätzungen bei Wissenserwerb helfen. Pech beim Raten könnte dabei Glück beim Lernen bedeuten, denn wer zunächst mit seiner Einschätzung daneben lag, lernt am Ende offenbar besser.

Wer bei einem Wissenstest zunächst Vermutungen äußert, was die richtigen Antworten sein könnten, kann sich das abgefragte Wissen anschließend besser einprägen. Besonders wenn sich die Vermutungen als falsch herausstellen. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) und der University of California, Berkeley. Wie die Forscher zeigen, ist es wohl das Überraschungsmoment, wenn die eigenen Vorhersagen nicht eintreffen, das für den größeren Lernerfolg verantwortlich ist.

Der Unterricht als Ratespiel. Sicher nicht die innovativste Methode, aber möglicherweise ein guter Weg, Vorwissen bei Schülern zu aktivieren. Foto David Mulder/flickr (CC BY-SA 2.0)
Der Unterricht als Ratespiel. Sicher nicht die innovativste Methode, aber möglicherweise ein guter Weg, Vorwissen bei Schülern zu aktivieren. Foto David Mulder/flickr (CC BY-SA 2.0)
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„Was glaubt ihr, was die richtige Antwort ist?“: Diese Frage kennen so manche Schüler und Studenten aus ihren Klassen und Seminaren. Die Lernenden über Fragen zum Stunden-Lernziel zu führen, ist eine im Unterricht noch immer weit verbreitete Vorgehensweise, auch wenn sie heute vielfach – teils zu Unrecht – als „Osterhasenpädagogik“ verschrien ist.

Auch die psychologische Forschung hat sich des Themas angenommen und untersucht beispielsweise, welche Rolle derartige Vermutungen beim Aktivieren des Vorwissens von Lernenden spielen könnten. „Mit unserer Studie haben wird zum ersten Mal systematisch untersucht, ob und wie Vorab-Einschätzungen beim Lernen helfen“, erklärt Studienleiter Professor Garvin Brod.

Länder-Vergleiche, Fußball-Ergebnisse und geweitete Pupillen

An der Studie haben 36 Studierende teilgenommen. Das Forschungsteam führte mit ihnen zwei Untersuchungsreihen mit Tests am Computer durch. Bei der ersten ging es um Geografie, bei der zweiten um Fußball – wobei Interesse an Fußball Bedingung für die Teilnahme war.

Die Untersuchungsreihen wurden jeweils in zwei Varianten durchgeführt. Bei den Geografie-Untersuchungen sollten die Teilnehmer in der ersten Variante mehrfach hintereinander vorab einschätzen, welches von zwei europäischen Ländern die größere Einwohnerzahl hat. Dann wurde ihnen die Lösung gezeigt. In der zweiten Variante sahen die Studierenden erneut Paare von europäischen Ländern, doch erhielten sie direkt die richtige Lösung und sollten dann angeben, welche Lösung sie erwartet hätten. Bei welcher Methode die Teilnehmenden mehr lernen, überprüfte das Forschungsteam, indem es deren Wissen einmal gleich zu Anfang und dann noch einmal zum Abschluss testete. Dabei sollten die Studenten alle Länder, die in den Varianten jeweils gezeigt wurden, der Größe nach ordnen. Und das gelang ihnen am Ende bei den Ländern besser, zu denen sie vorab Vermutungen angestellt hatten.

Die Fußball-Tests folgten im Prinzip dem gleichen Prozedere, nur dass die Ergebnisse von Spielen der ersten Bundesliga richtig eingeschätzt werden sollten. Und erneut führten die Vorab-Vermutungen zu einem größeren Lernerfolg. Dieses Mal wollten die Wissenschaftler aber auch wissen, welche Art von Vorhersagen besonders lernförderlich war: die richtigen oder die falschen. Dazu schauten sie sich genau an, unter welchen Untersuchungsbedingungen sich die Einschätzungen von einzelnen Ergebnissen verbessert hatten. Das Ergebnis war eindeutig, wie Brod darlegt: „Es sind vor allem die falschen Vermutungen, die zum Erfolg der Methode beitragen.“

Die Forscherinnen und Forscher vermuteten, dass falsche Vorhersagen Überraschung auslösen und dass diese der Grund für den größeren Lerneffekt sein könnte. Dieser Hypothese gingen sie mit einer weiteren Untersuchungsmethode auf den Grund. Mit einer Eye-Tracking-Kamera zeichneten sie auf, wie sich die Augen während der Testreihen verändern. Und in der Tat: Nur wenn die Teilnehmenden zuerst eine Vermutung äußerten und dann erfuhren, dass sie mit ihren Annahmen falsch lagen, weiteten sich ihre Pupillen, was die Studienverantwortlichen als Indikator für Überraschung werteten.

Zwar ist das noch kein Nachweis, dass wirklich die Überraschung für das verbesserte Lernen ausschlaggebend ist, aber der Schluss liegt nach Meinung der an der Studie beteiligten Wissenschaftler nahe, denn es konnte auch ein Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der Pupillenerweiterung und der Zunahme der Lernleistung festgestellt werden. „Denkbar wäre zum Beispiel“, so Brod, „dass die ausgelöste Überraschung die Aufmerksamkeit steigert und Lernende dazu anregt, ihre Vermutungen zu hinterfragen.“

Dieser Zusammenhang müsse nun aber noch weiter untersucht werden. NAch der nun im Fachmagazin „Learning and Instruction“ veröffentlichten Studie plant die Gruppe zusätzliche Untersuchungen, um den im Labor-Experiment belegten lernförderlichen Effekt falscher Vermutungen im echten Unterricht bestätigen zu können. Doch schon jetzt zieht Brod ein erstes Fazit: „Es macht Sinn, Quiz-Elemente für das Lehren zu nutzen.“ (zab, pm)

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2 KOMMENTARE

  1. Osterhasen-Pädagogik. 🙂 Den Begriff kannte ich noch nicht.

    Dass diese Vorgehensweise verpönt ist, habe ich auch so gelernt – aber gerade bei allen möglichen Veranstaltungen von Nicht-Lehrern erlebe ich das ständig und die Schüler machen gut und gerne mit.

  2. Die vielgerühmten TIMSS-, PISA- und anderen Tests verwenden ja auch sehr oft Multiple-Choice.Aufgaben. Wir sollen uns offenbar daran gewöhnen, dass Bildung mit richtigen Antworten bei einem Quiz zu identifizieren ist. Günther Jauch lässt grüßen. Jetzt sollen wir schon Fußball-.Ergebnisse raten oder vorhersagen. Der Mensch wird allmählich zu einer Abart von Labormäusen oder Pawlowschen Hunden. Und Humboldt dreht sich im Grabe um.

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