Alles soll anders und besser werden – Gebauer will Qualitätsstandards für inklusiven Unterricht vorgeben

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DÜSSELDORF. Verbindliche Qualitätsstandards für den gemeinsamen Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung: Was Rot-Grün nicht wollte, möchte die neue NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) nun ändern. Eckpunkte sollen noch vor der Sommerpause vorgelegt werden.

Gebauer möchte die Inklusion optimieren. Aber gibt es dafür die Ressourcen?                 Foto: JD Hancock / flickr / CC BY 2.0

Nordrhein-Westfalen geht neue Wege beim gemeinsamen Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung. Die Landesregierung wolle den Schulträgern in Kürze verbindliche Qualitätsstandards für die sogenannte Inklusion vorgeben, sagte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP)im Gespräch. «Wir werden die Inklusion umsteuern und dazu gehören auch Qualitätsstandards.» Noch vor der Sommerpause werde die Regierung Eckpunkte zur Neuausrichtung vorlegen.

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Die künftigen Standards sollen unter anderem die Klassengrößen und die Anzahl der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf pro Klasse regeln sowie den Personalschlüssel. Gleichzeitig sollen die Vorgaben für die Mindestgrößen von Förderschulen neu geregelt werden.

Die rot-grüne Vorgängerregierung hatte keine Qualitäts- und Personalstandards für inklusiven Unterricht vorgegeben. Behinderten- und Kommunalverbände hatten das kritisiert. Nach dem sogenannten Konnexitätsprinzip ist die staatliche Ebene, die neue Verpflichtungen vorgibt, auch für deren Finanzierung zuständig.

Inzwischen lernen in NRW über 40 Prozent aller Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Regelschulen. Sie gehe nicht davon aus, dass sich dieser Trend fortsetze, sagte Gebauer. «Ich rechne eher damit, dass sich die Zahlen auf dem gegenwärtigen Niveau einpendeln werden.» Der Weg des gemeinsamen Lernens von Kindern mit und ohne Handicap werde zwar fortgesetzt. «Aber es ist ebenso festzustellen, dass sich viele Eltern zum Wohl ihres Kindes für eine Förderschule entscheiden.»

Nebulöse Vorstellungen

Die GEW in NRW begrüßte zwar die Ankündigung der Ministerin, kritisierte aber, deren Vorstellungen blieben noch «nebulös». Die GEW-Vorsitzende Dorothea Schäfer sagte dem «Kölner Stadt-Anzeiger», Regelschulen müssten «ausgestattet sein wie Förderschulen». Klassen mit Inklusionsschülern sollten mit maximal 20 Schülern deutlich kleiner sein als reguläre Klassen. Zudem müsse neben dem Lehrer «im Prinzip» immer ein Sonderpädagoge beim Unterricht dabei sein. Es genüge nicht, wenn der Sonderpädagoge «nur ab und zu mal vorbeischaut».

Laut der jüngsten Lehrerbedarfsprognose fehlen in NRW in den nächsten zehn Jahren voraussichtlich 1000 ausgebildete Sonderpädagogen. Mit einer kürzlich gestarteten Kampagne wirbt das Schulministerium gezielt für den Lehrerberuf.

In Bezug auf die Lehrerbesoldung kündigte Ministerin Gebauer an, gegen Ungerechtigkeiten vorgehen zu wollen. Seit 2009 ist die Ausbildung für angehende Lehrer aller Schulformen gleich lang. Lehrerverbände fordern, dass alle – auch Grundschullehrer – nun die gleiche Einstiegsbesoldung A13 erhalten müssen.

«Es ist noch zu früh, hier öffentlich etwas anzukündigen», sagte Gebauer. Aus der verlängerten Lehrerausbildung müssten aber besoldungsrechtliche Konsequenzen gezogen werden. «Gleichzeitig dürfen wir an Schulen keine neuen Ungerechtigkeiten produzieren. Wir suchen derzeit nach einer Lösung, die von allen betroffenen Lehrkräften als fair und gerecht angesehen wird.» dpa

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23 KOMMENTARE

  1. Ein Nachteil von Qualitätsstandards ist, dass sich nach ihrer Veröffentlichung alle Schulen daran halten werden. Wer schon drüber ist, kann senken. Außerdem werden sie sich wohl an den finanziellen Möglichkeiten der Kommunen orientieren. So oder so wird es schlechter werden als bei den Förderschulen.

  2. Für Inklusion ist die Untergrenze eigentlich festgeschrieben: Weniger als im Rahmen des alten GU-Unterricht darf die Ressource nicht betragen.
    Ein Nachteil von Qualitätsstandards ist also vielmehr, dass diese vorhanden sind, sich aber kein *** dran hält.

  3. “Die künftigen Standards sollen unter anderem die Klassengrößen und die Anzahl der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf pro Klasse regeln sowie den Personalschlüssel. Gleichzeitig sollen die Vorgaben für die Mindestgrößen von Förderschulen neu geregelt werden.”
    Das muss auf jeden Fall sein! Nur darf da keiner auf die Idee kommen, wie wir es in Bayern haben, dass es bei solchen Spezialklassen zu keiner Klassenmehrung kommen darf. An meiner Schule ist das nämlich so; durch die etwas kleineren Spezialklassen (z.B. GT- Klassen und Kooperationsklassen) haben die anderen Klassen wesentlich mehr Schüler – teilweise im Schnitt 27, 28 Schüler, weil der Klassenteiler bei 28 Schülern ist und wir da fast immer an die Obergrenze hinkommen. Das ist das Leid der großen Grundschulen. Das darf nicht sein, man muss dann auch mehr Klassen machen dürfen, damit die anderen Klassen nicht so unerträglich groß werden, gerade bei großen Schulen. Die Höchstgrenze sollte immer die Ausnahme bleiben. Bei meiner Schule ist sie die Regel (26-28 SuS in den normalen Grundschulklassen).

  4. Die Vorgaben gehen an die Schulträger … also die Kommunen?
    Dabei spricht Frau Gebauer schon jetzt von Klassengrößen und Personalschlüssel.
    Von welchem Personal ist denn da die Rede? Es ist doch das Land, dass Klassenlehrkräfte und Förderschullehrkräfte bezahlt, nicht die Kommune!
    Man darf auf die Standards gespannt sein und kann schon erahnen, dass der Schwarze Peter mal wieder weitergereicht wird.

  5. Da bin ich ja mal gespannt, wie die Eckpunkte genau aussehen sollen. Im WDR-Videotext (ja, auch so was gibt es noch !) stand die Info, dass Frau Gebauer angekündigt hätte, dass nicht mehr alle Schulen automatisch Inklusionsschulen seien. Das wäre ja schon mal ein Anfang… Allerdings hieß es dort auch, dass nur Schulen, die genügend Sonderpädagogen eingestellt hätten, eine I-Schule sein dürften. Da merkt man wieder, dass die Ministerin vom täglichen Betrieb nur wenig weiß. In unserem Schulbezirk hat keine einzige Schule selbst SoPä eingestellt, die bekommen wir mit viel Glück vom Schulamt zugewiesen ( und leider oft auch ganz schnell wieder abgezogen, weil es woanders angeblich noch dringender ist). Aber wenn wir dann keine I-Schule mehr sind, weil wir nicht genug SoPÄ haben – dürfen wir dann alle Förderkinder ablehnen??? Oder müssen wir sie trotzdem aufnehmen und weiterhin uns “irgendwie” durchkämpfen???

  6. “Qualitätsstandards für inklusiven Unterricht” hören sich gut an und klingen nach politischer Kraftanstrengung in die richtige Richtung. Ich befürchte nur, dass dies eine verbale Beruhigungspille ist angesichts der stetig wachsenden Unzufriedenheit mit der Inklusionspraxis.
    Mit leeren Versprechungen lässt sich ja so viel positive Stimmung erzeugen, wie auch die theoretische Debatte um die Inklusion zeigt, bevor sie landesweit mit Macht eingeführt wurde und es noch weitgehend an nüchterner Erfahrung für eine nennenswerte Opposition fehlte. Wer trotzdem warnte, wurde nur als unanständig bezeichnet.

    • Richtig! Hehre, aber leere Worte und Parolen machen heutzutage Meinung an Stelle von Vernunft und Sachkenntnis.
      Das fast schon regelmäßige böse Erwachen aus dem Wunschdenken von Politikern und Lobbyisten sorgt bei den Hörern aber unverständlicher Weise kaum für mehr Vorsicht bei den tollen Begründungen und Versprechungen im Vorfeld der nächsten Reformen. Da wird erneut bejaht und begrüßt, obwohl ein bisschen Sachkenntnis und Erfahrungswissen zum Hinterfragen und Aufdecken neuralgischer Punkte genügen.
      Ich habe den Eindruck, die Zauberworte “gerecht”, “human”, “modern” oder “fortschrittlich” reichen, um jede Neuerung durchzudrücken, sei sie auch noch so schlecht und meilenweit am beschworenen Schülerwohl vorbei konzipiert. Die Inklusionist ist u. a. Beispiel dafür.

  7. ZITAT: “«Wir werden die Inklusion umsteuern und dazu gehören auch Qualitätsstandards.» […] «Aber es ist ebenso festzustellen, dass sich viele Eltern zum Wohl ihres Kindes für eine Förderschule entscheiden.»”

    Sehr gut.

  8. Grund- und Gesamt- sowie Sekundarschulen werden die Last der Inklusion stemmen müssen, da die letzten Hauptschulen ganz langsam verschwinden werden. Das stärkt die Realschulen, von den GY wird lediglich inHinblick auf ein paar Rollis eine Inklusion erwartet, wenn der Schulträger die Barrierefreiheit finanzieren will. Zwingen kann die Gebauerin die Kommunen nämlich nicht.

    Den SekI-Schulen werden Im Gegenzug Stellen genehmigt, die für Bewerber geÖffnet werden, die die Ausbildung gem. VOBASOF machen wollen.

    • “Das stärkt die Realschulen…”
      Ich würde sagen: das schwächt die Realschulen, weil sie ihre Ansprüche nach unten skalieren müssen und jetzt praktisch diejenigen aufnehmen müssen, die früher auf die Hauptschule gingen. Die traditionellen Realschüler dagegen gehen mehr und mehr auf Gymnasien. Es sei denn, nebenan gibt’s noch eine Gesamt- oder Gemeinschaftsschule. Aber dann droht den Realschulen die Schließung.

      • Sie missverstehen Stärkung – gemeint war, die Anmeldezahlen stimmen. Dass zunehmend die Klientel anderer Schulformen – HS-Empfohlene und abgeschälte Gymnasiasten – den Kern bildet, ist als Kolateralschaden zu betrachten. Man kann eben nicht alles haben wollen.

  9. Den Vorkommentatoren kann man nur zustimmen. Wie eine schwarz-gelbe Landesregierung da etwas in den Städten unternehmen möchte, ist mir schleierhaft.
    Mein Gymnasium befindet sich in einer SPD-geführten Stadt, die folgende Rahmenbedingungen für uns geschaffen hat:
    – Laut Programm existiert ein 2-Säulen-Modell aus Gemeinschaftsschule und Gymnsium. Folglich haben die meisten Real-, Haupt- und Sonderschulen bereits geschlossen.
    – Die kleineren Inklusionsklassen sorgen für größere Parallelklassen, um den Schülerschnitt pro Jahrgangsstufe beizubehalten.
    – Die Integrationshelfer wechseln regelmäßig – wir hatten schon 19jährige Kinder mit Fachabi, die nach einem kurzen Lehrgang in der Klasse untergingen; wir hatten qualifizierte Kräfte, die sich weiterbildeten und eine besser bezahlte Stelle fanden; wir hatten schon Quereinsteiger, die Zeitung lasen und nichts taten.
    – Neben Inklusion existiert die Integration von internationalen Kindern, die nach Alter und nicht nach Wissensstand verteilt worden sind. Nach zwei Jahren war (bzw. ist immernoch) die Vorgabe, dass ein bisher unbeschulter 15jähriger ohne Deutschkenntnisse einen Hauptschulabschluss erhält. Muss ich erwähnen, dass ein Gymnasium nach Klasse 9 keinen Hauptschulabschluss vergibt?
    – Kinder, die unsere Schule aufgrund mangelhafter Leistungen verlassen müssten, können dies nicht, weil es keine freien Plätze an anderen Schulformen gibt.
    Dieses System ist kostengünstig und mit Belastungen (Druck) für die Lehrkräfte ausgelegt und macht alle Kinder zu potentiellen Bildungsverlierern.

    • Peter Pan 314
      Danke für die sehr reale Darstellung der praktizierten Schulreformromantik in meinem Bundesland NRW.
      Ich sehe und erlebe hier ähnliches, nämlich Kinder ohne Deutschkenntnisse, deutsche Kinder mit mangelhafter Lesefähigkeit und Schreibfähigkeit oder anderen gravierenden Defiziten erhalten Schulabschlüsse, während anderen Schülern mit einer Lernschwäche von vornherein mitgeteilt wird, dass sie keine erhalten und später im weiteren Leben besser in einer Behindertenwerkstätte unterkommen werden, obwohl sie diese Grundkenntnisse beherrschen.
      Genau diese Umstände sind einer des inneren Antriebs gegen diese Umstände vorzugehen.
      Und ich lasse mir auch nicht mehr den Mund verbieten oder irgend welche bösartigen Unterstellungen mehr nachsagen, wie diese aus dem Kreise der Reformpädagogik-Romantiker immer wieder ausgeführt werden.
      Es handelt sich auch nicht um Einzelfälle, sondern ist an einem generellen Abfall der Schulabsolventen ablesbar. Gewiss sind die Ursachen mannigfaltig, aber diese abzustreiten ist schon fatal.

        • Gemeint ist die heiße Luft der Bildungsforscher und -politiker. Oder vielleicht auch nur ein dickebank-typischer Spruch. Also Ruhe bewahren und die Energie für wichtige Dinge aufsparen. Die pc-Front ist verdächtig ruhig.

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