Niedersachsen will Fach Werte und Normen an mehr Grundschulen testen

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HANNOVER. Seit Beginn des Schuljahres wird in Niedersachsen probeweise an zehn Grundschulen das Fach Werte und Normen unterrichtet. Es soll eine Alternative zum Religionsunterricht bieten. Nun zog Kultusminister Grant Hendrik Tonne Bilanz und kündigte an, den Versuch auszuweiten.

Nach einer aus Sicht des Landes erfolgreichen Probephase will Niedersachsen das Fach Werte und Normen als Alternative zum Religionsunterricht im kommenden Schuljahr an mehr Grundschulen anbieten. «Das Fach ist in der Testphase an zehn Grundschulen auf eine außerordentlich gute Resonanz gestoßen», sagte Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD). Daher solle es ab dem Start des neuen Schuljahres für eine Dauer von zwei Jahren an 40 Grundschulen unterrichtet werden. Danach müsse man prüfen, welche Voraussetzungen geschaffen werden müssten, um das Fach landesweit an allen Grundschulen anzubieten. Bisher wird Werte und Normen in Niedersachsen regulär nur an weiterführenden Schulen unterrichtet.

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Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne befürwortet die Einrichtung des Fachs Werte und Normen an Grundschulen. Foto: Foto-AG Melle, derivative work Lämpel - Own work / WIkimedia Commons / CC BY 3.0
Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne befürwortet die Einrichtung des Fachs Werte und Normen an Grundschulen. Foto: Foto-AG Melle, derivative work Lämpel – Own work / Wikimedia Commons (CC BY 3.0)

Das Schulfach soll vor allem moralisch-ethische Wegweiser für das gesellschaftliche Miteinander sein, aber auch Grundzüge der Weltreligionen vermitteln. Dabei solle es nicht den Religionsunterricht ersetzen, stellte Tonne klar. «Es ist ein Zusatzangebot für Schüler und Schülerinnen, die sonst den Religionsunterricht nicht besuchen.» Es sei gerade in der heutigen Zeit wichtig, dass Schule Werte wie Vielfalt und Toleranz vermittele.

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In Bundesländern wie Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gibt es nach Angaben des Kultusministeriums bereits ein Ethik-Fach für Grundschüler.

Die Bildungsgewerkschaft GEW in Niedersachsen setzt sich für die Einführung des Fachs in der Grundschule ein. GEW-Landeschefin Laura Pooth sagte: «Es bietet die Möglichkeit zu überkonfessionellem Unterricht, in dem die Menschenrechte und Toleranz im Mittelpunkt stehen.» Damit die Umsetzung gut gelinge, müsse das Fach im Studium verankert sowie Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten für die Lehrkräfte angeboten werden.

Bei einer landesweiten Einführung in Niedersachsen müssten entsprechende pädagogische Lehrgänge und Bildungspläne entwickelt werden. Die Lehrer, die in der Erprobungsphase eingesetzt werden, sind Pädagogen von weiterführenden Schulen mit entsprechender Ausbildung, die an den Grundschulen schon andere Fächer unterrichten. Auch eine Änderung des Schulgesetzes wäre nötig: Denn dort ist bislang geregelt, dass das Fach Normen und Werte erst ab der 5. Klasse auf dem Stundenplan stehen soll.

Die Ausweitung der Testphase bekommt auch die Zustimmung der Opposition im Landtag. «Ich finde das begrüßenswert. Denn wenn ein Kind am Religionsunterricht nicht teilnimmt, bedeutet das momentan, dass Unterricht ausfällt», sagte der bildungspolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, Björn Försterling. Ähnlich sah das die grüne Schulexpertin Julia Willie Hamburg. «Wenn man Kinder nicht zwingen möchte, am Religionsunterricht teilzunehmen, sollte man ein alternatives Angebot für sie haben.» (dpa)

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10 KOMMENTARE

  1. Warum jetzt auch schon an der Grundschule ein verkopftes Fach machen, was dort besser erfahren, gelebt und trainiert würde?

    • Im Prinzip gebe ich Ihnen Recht. Wir müssen unsere Werte im Schulalltag leben, z.B. in der Art und Weise, wie wir mit Konflikten umgehen.

      Aber zusätzlich, denke ich, macht auch so ein Fach Sinn, wo mal thematisiert wird, was denn unsere Werte eigentlich sind. Nicht alles tritt ja gleich im Alltag auf und manches hören Kinder von zu Hause auch anders. (Immer wieder erlebe ich, dass gerade der männliche Elternteil sein i.d.R. männliches Kind “anstiftet”, bei Konflikten zuzuschlagen und sich nichts bieten zu lassen.)

  2. Ich reiße die Augen auf: heißt das, dass es bisher kein Fach “Ethik” in Niedersachsen” gab?? Ok, es geht nur um Grundschulen. Warum muss das nun einen neuen Namen haben?

    • Es geht nur um Grundschulen.
      Das Fach „Ethik“ heißt hier „Wete und Normen“, das gibt es schon länger.
      Für die Grundschulen gibt es ev. oder kath. Religion oder auf Antrag eine Art übergreifenden RU, der aber nicht ökumenisch ausgerichtet ist. Es gibt islamischen Unterricht an einzelnen Schulen oder als Schulversuch.
      Im letzten Jahr startete der Versuch zu WuN, wobei SekI-LuL das Fach an GS erteilen sollten. Ab diesem Sommer wird der Versuch auf bis zu 40 weitere Schulen und auf fachfremde Lehrkräfte erweitert. Die Curricula sind in der Erprobung, es werden Materialien für den Unterricht angeboten und die Lehrkräfte bekommen 21 FoBi-Tage über 2 Jahre.
      Am Fach nehmen dann die SuS Teil, die vom RU abgemeldet würden. Ob die zusätzlichen Stunden für eine Gruppe (1.-4.Kl) oder mehr ausreichen, geht aus der Beschreibung nicht eindeutig hervor.

  3. Irgendwie bleibe ich skeptisch, was diesen “moralisch-ethischen Wegweiser für das gesellschaftliche Miteinander” betrifft, der nebenbei “auch Grundzüge der Weltreligionen vermitteln” soll. Moral, Ethik und Religion werden irgendwie als äquivalent gehandelt, von Aufklärung und Humanismus ist exiplizit nie die Rede. “Menschenrechte und Toleranz” sind eigentlich keine religiöse Erfindung. Vielmehr sträubt sich eine Religion noch heute heftig gegen die Menschenrechte und stellt religiöse Regeln darüber.
    Mal ganz schlicht gefragt: Was hat eigentlich der christliche Religionsunterricht in Kombination mit Ethik seit 1949 in der Bundesrepublik konkret bewirkt? Hat er verhindert, dass es mehr und mehr Gewalt an Schulen gibt, auch gegen Lehrer? Ich fürchte, moralische Prinzipien, die Teil des Schulstoffes sind, werden von Schülern erst recht nicht im Alltag realisiert, gerade weil das Schulstoff ist, der irgendwie abgehakt wird wie so vieles andere auch. Im Religionsunterricht brave Antworten geben, in der Stunde danach dem Vordermann den Stuhl wegziehen und nach der Schule Mitschüler verprügeln, das war noch nie ein Widerspruch. Unsere sog. “Werte” müssen gelebt werden und nicht irgendwo im Curriculum stehen. Die Werte dürfen nicht nur in der Insel von Religions- und Ethikunterricht existieren. Oben wird das von sofawolf auch schon so ähnlich formuliert. Ich erinnere daran, dass es an mehreren “Schulen ohne Rassismus” nachweislich rassistisches Mobbing gab. Das fiel den Leuten noch nicht einmal auf.

    • “Menschenrechte und Toleranz” sind Produkte des Humanismus und der Aufklärung, welche beide ursprünglich durchaus aus religiöser Quelle kommen, nämlich aus einem endlich rational reflektierten Christentum, welches die richtigen Folgerungen aus den Irrwegen der Religionskriege zog. Schauen Sie sich mal die Überzeugungen der ersten Humanisten an. Thomas More wurde vom engl. König sogar für seine hartnäckige Glaubensüberzeugung hingerichtet. Erst seit der franz. Revolution trennen sich die Wege. Aber außerhalb Europas/Nordamerikas sind weder Menschenrechte noch Toleranz entstanden.
      Ihre Beobachtungen zur Nicht-Wirkung des Religionsunterrichts seit 1950 könnte ich bestätigen. Nun ist seit der Nazi-Zeit die christliche Prägung in D viel geringer geworden, seit 1970 macht die Kirche auch gar keinen Katechismus-Unterricht mehr, verzichtet also auf eine “Erziehung zum Christentum” – kein Wunder, wenn der Effekt gering ist.

      • Aber umso absurder ist es doch, wenn man den Religionsunterricht als unverzichtbar preist und sich speziell vom islamischen Religionsunterricht irgendwelche Wunderdinge verspricht, die schon der christliche in vielen Jahrzehnten nicht erreicht hat.

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