PISA-Chef Schleicher fordert Entlastung für Lehrer – und warnt vor Seiteneinsteigern in Brennpunktschulen

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PARIS. Eine neue PISA-Sonderauswertung nimmt die Lehrer in den Blick, „the most important resource in today’s schools“ – die wichtigste Ressource in heutigen Schulen –, wie es in dem Bericht heißt. Und weiter: „Better teachers are crucial to improving the education that schools provide.” (“Bessere Lehrer sind entscheidend, um die Bildung zu verbessern, die Schulen anbieten.”) Doch was macht Lehrer „besser“? In der internationalen Studie zeichnen sich klare Kriterien ab. Was die für Deutschland bedeuten, hat PISA-Koordinator Andreas Schleicher in einem Interview mit dem „Deutschlandfunk“ erklärt. Eins vorab: Der Seiteneinstieg mit berufsbegleitender Ausbildung im Schnellverfahren wird Probleme bereiten, so lässt die Untersuchung erkennen.

Die Studie zeigt laut PISA-Chef Andreas Schleicher, dass die Teamfähigkeit dort besser sei, wo Unterricht mehr Raum für Interaktion biete. Foto: re:publica / flickr (CC BY-SA 2.0)
Äußert sich deutlich: OECD-Direktor und PISA-Chef Andreas Schleicher. Foto: re:publica / flickr (CC BY-SA 2.0)

Insgesamt 18 Staaten haben die PISA-Forscher für die Studie „Effective Teacher Policies“ begutachtet. Jedes Land setzt auf ein eigenes System bei Auswahl und Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern sowie bei der Evaluation ihrer Arbeit. Trotzdem ergibt sich ein klares Bild. Vor allem drei Faktoren beeinflussen die Lehrerleistungen besonders stark, so heißt es:

  1. Angehende Lehrkräfte brauchen verpflichtend eine Praxisphase vor dem eigentlichen Start in den Beruf, in der sie zwar unter realen Bedingungen arbeiten sollen, dabei aber professionell begleitet werden. Besonders gut umgesetzt wird das aus Sicht Schleichers in Finnland, „wo der überwiegende Teil der Lehrerausbildung in Schulen stattfindet – durch gute Mentoren, die Lehrkräfte in dieser Ausbildung mitnehmen. Und diese Erfahrungen sind sehr wichtig, um auch gerade den theoretischen Teil sinnvoll zu gestalten“, wie er im Interview erklärt. Allerdings ist aus der Studie herauszulesen, dass dieses Kriterium auch durch das Referendariat in Deutschland gut abgedeckt ist.
  2. Während der gesamten Laufbahn benötigen Lehrkräfte Fortbildungen, so stellen die Forscher fest, und zwar nicht nur durch qualitativ hochwertige externe Seminare, sondern auch durch gemeinsame interne Workshops an den Schulen. Hieran hapert es offenbar in Deutschland – Lehrkräfte klagen über praxisferne Fortbildungen sowie fehlende Möglichkeiten, sich im Team weiterzubilden.
  3. Drittes Kriterium, das die Wissenschaftler ausmachen, ist ein systematisches Feedback für Lehrerinnen und Lehrer – dabei hat Deutschland wohl das größte Manko zu verzeichnen: Nach wie vor bleiben Lehrer hierzulande mit ihrer Arbeit im Klassenraum weitgehend allein.
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Fazit:  Gut ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer sind die Voraussetzungen für gute Schülerleistungen – und das gilt umso mehr, je schwieriger die zu unterrichtende Schülerklientel ist. Die Mehrzahl der Staaten an Schulen setzt deshalb in sozialen Brennpunkten auf kleinere Klassen und besonders gut ausgebildete Lehrer. Rund ein Drittel der untersuchten Länder beachtet das allerdings nicht. Dort werden an den problematischeren Schulstandorten Lehrer mit niedrigerer Qualifikation eingesetzt – ein schwerer Fehler, meinen die PISA-Forscher.

Am Rande der Belastungsfähigkeit

Und den begeht auch Deutschland gerade, wie Schleicher im Interview erläutert. Zwar gelinge es inzwischen, mehr Lehrer an sogenannten Problemschulen zu beschäftigen und damit einzelnen Schülern eine bessere Betreuung zukommen zu lassen, immerhin. Aufgrund des Lehrermangels ergibt sich aber an Brennpunktschulen zunehmend die Situation, dass – um freiwerdende Stellen dort überhaupt noch besetzen zu können – immer mehr Seiteneinsteiger in die ohnehin stark belasteten Kollegien gelangen. Schleicher: „Das heißt, die Schulen mit den größten Herausforderungen haben in der Regel die Lehrkräfte, die weniger Erfahrung haben oder auch einen geringeren Grad der Ausbildung. Also da muss Deutschland noch sehr viel mehr tun, um sicherzustellen, dass die schwierigsten Schulen auch am attraktivsten sind für die besten Lehrer.”

Ohnehin: Schleicher sieht die deutschen Lehrer am Rande ihrer Belastungsfähigkeit. Er schlägt vor, die Zahl der von jeder Lehrkraft zu unterrichtenden Pflichtstunden zu senken. Dann hätten die Pädagogen  mehr Zeit, ihren Unterricht vor- und nachzuarbeiten – und mehr Freiraum, sich weiter zu qualifizieren und im Team auszutauschen. bibo / Agentur für Bildungsjournalismus

Hier geht es zu der neuen PISA-Sonderauswertung.

Auf der Facebook-Seite von News4teachers wird das Thema heiß diskutiert:

Neue PISA-Erhebung: Das deutsche Schulsystem ist deutlich gerechter geworden (heißt auch: Es geht!)

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4 KOMMENTARE

  1. Zitat1: “Angehende Lehrkräfte brauchen verpflichtend eine Praxisphase vor dem eigentlichen Start in den Beruf, in der sie zwar unter realen Bedingungen arbeiten sollen, dabei aber professionell begleitet werden.”

    Das habe ich immer gesagt. Die 2. Phase der Lehrerausbildung (Referendariat / Vorbereitungsdienst) sit die wichtigere.

    Seiteneinsteiger sind eine Notlösung. Klar. Niemand sagt, dass künftig nur noch Seiteneinsteiger als Lehrer ausgebildet werden sollen. Je mehr “grundständig” ausgebildete Lehrer es wieder gibt, desto weniger Seiteneinsteiger werden benötigt.

    Jetzt aber sind Seiteneinsteiger unsere letzte Rettung, wenn wir eine Erhöhung von Stundensoll und Klassenstärken aus der Not heraus vermeiden wollen.

    Die Kürzung der Stundentafel wäre die andere Alternative.

  2. Zitat2: “Schleicher sieht die deutschen Lehrer am Rande ihrer Belastungsfähigkeit. Er schlägt vor, die Zahl der von jeder Lehrkraft zu unterrichtenden Pflichtstunden zu senken.”

    Richtig (!!!), aber dafür braucht man mehr Lehrer. Einerseits haben wir die nicht, andererseits kostet das und die Gelder dafür wollen ja manche hier lieber in die eigene Tasche bekommen (Gehaltserhöhung).

    Ist auch mein Reden seit Jahren. Danke, dass das mal empirisch unterstützt wird.

  3. Kann doch gar nicht sein. Stimmt doch gar nicht. Wir Hessen machen das halt besser. Regelschullehrkraefte werden hier mit eine 2 Std. Powerpointpraesentation fit gemacht fuer den Sonderpaedagogen hen Bereich zur Förderung hoergeschaedigter Kinder.
    Klappt prima.
    Echt.
    Schwoere

  4. Wahnsinn, was Herr Schleicher so alles aus den PISA-Studien herausliest, extrahiert und gewinnt, es ist atemberaubend, abenteuerlich , einfach Wahnsinn. Und was will er uns immer wieder sagen ?

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