Realschulen sollen künftig Hauptschulzweige anbieten können – VBE ist dagegen

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DÜSSELDORF. Immer mehr Hauptschulen in NRW schließen, weil die Anmeldezahlen zurückgehen. Die schwarz-gelben Regierungsfraktionen haben einen Plan zur Zukunft der Schulform vorgelegt, der die Opposition empört.

Die Anmeldezahlen der Haupt- und Werkrealschulen in Baden-Württemberg gehen kontinuierlich zurück. Foto: Anton-kurt /Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
Die Anmeldezahlen der Haupschule in NRW geht kontinuierlich zurück. Foto: Anton-kurt /Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Realschulen in Nordrhein-Westfalen sollen künftig schon ab der fünften Klasse Hauptschulzweige anbieten können. Einem entsprechenden Antrag von CDU und FDP zur Änderung des Schulgesetzes stimmten jetzt die Regierungsfraktionen und die AfD im Landtag zu.

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Mehr als 150 von derzeit 318 Hauptschulen seien von der Schließung bedroht, sagte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP). Diese Schulform sei mangels Nachfrage in vielen Regionen nicht mehr wohnortnah erreichbar. In dem Antrag von CDU und FDP heißt es, die Hauptschule bilde ein wichtiges Rückgrat des dualen Ausbildungssystems und damit des wirtschaftlichen Erfolgs in NRW.

Bei SPD und Grünen lösten die Regierungspläne Empörung aus. Der Antrag sei eine «Kampfansage» an Eltern und Kinder und kündige den 2011 zwischen allen Parteien vereinbarten Schulfrieden, sagte der SPD-Schulexperte Jochen Ott. Der Vorstoß missachte den Willen von Eltern, die ihre Kinder an Gesamtschulen anmelden wollten, aber nicht könnten, weil das Platzangebot dort nicht ausreiche.

Die Grünen-Politikerin Sigrid Beer sagte, die Initiative der Regierung sei «zum Scheitern verurteilt» und «meilenweit weg von einer Pädagogik der Vielfalt». Damit solle das gegliederte Schulsystem aus dem letzten Jahrtausend wiederbelebt werden. Besser wäre es, Haupt- und Realschule gemeinsam in Gesamt- oder Sekundarschulen umzuwandeln. So aber würden künstliche Hauptschulzweige geschaffen und Kinder weiter aussortiert.

Auch die VBE NRW ist gegen die Regierungspläne zu Hauptschulklassen in Realschulen. Die Realschule kämpfe schon jetzt mit zu großen Klassen und einer heterogenen Schülerschaft, sagte der VBE-Landesvorsitzende Stefan Behlau. Bildungswege müssten möglichst lange offengehalten werden.

2011 hatte sich die damalige Minderheitsregierung unter Hannelore Kraft (SPD) mit der Opposition auf einen Konsens geeinigt und die schulformübergreifende Sekundarschule als neue Schulform beschlossen. Die Bestandsgarantie für die immer weniger nachgefragten Hauptschulen wurde aus der Verfassung gestrichen. dpa

Brandbrief an Gebauer – Landeselternschaft klagt über zu wenig Gesamtschulen. GEW: Recht auf freie Schulwahl muss gewährleistet sein!

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8 KOMMENTARE

  1. WARUM sind denn so viele Hauptschulen von Schließung bedroht? Doch wegen bürokratischer Vorschriften zur Mindestgröße. Hier steht, dass eine Hauptschule im Grundsatz mindestens zweizügig sein muss:
    https://www.brd.nrw.de/schule/service/20140522Leitfaden.pdf
    Es gibt Ausnahmen, aber “Ob die Landesregierung einzügige Hauptschulen auf Dauer dulden wird, ist zurzeit nicht absehbar.” Zur Klassengröße heißt es:
    “Die Anzahl der Schülerinnen und Schüler in den Klassen der Hauptschule muss gemäß § 6 Abs. 4 VO zu § 93 Abs. 2 SchulG NRW mindestens 18 betragen und darf die Zahl von 30 nicht überschreiten.”
    Wieso Frau Beer die “Pädagogik der Vielfalt” gerade durch die Abschaffung der Hauptschulen realisiert sieht, bleibt ihr Geheimnis. Welche Vielfalt soll denn da gemeint sein?

    • Hauptschulen sind eher in Gefahr, weil die Gymnasien einen großen Teil der Realschüler abgreifen und daher die Realschulen einen großen Teil der halbwegs motivierten Hauptschüler aufnehmen. Dazu kommt der allgemeine Geburtenrückgang. Es bleibt dann nicht mehr viel zwischen nicht mehr Realschule und Inklusionsschüler, wobei sich letzterer so ziemlich jede Schulform aussuchen darf.

      Wieso aber die Vielfalt in Gefahr gerät, wenn Realschulen einen Hauptschulzweig eröffnen, verstehe ich auch nicht. Dann kommt doch eine ganz neue Klientel auf das Schulgelände. Andererseits aber auch nicht wirklich, weil Realschulen zu einem guten Teil aus eigentlich Hauptschülern besteht.

      Ebenfalls verstehe ich nicht, weshalb Realschulen mit einer extremen Heterogenität zu kämpfen haben, sie besuchen ja nur schwache Realschüler und bessere Hauptschüler. Die einzig plausible Erklärung ist für mich die ehrlichere Übersetzung von Heterogenität in “hoher Anteil lernunwilliger Schüler”, wobei das eigentlich Homogenität im Unwillen bedeutet.

      • Es werden so gut wie keine Hauptschulempfehlungen mehr ausgesprochen. In der überwiegenden Anzahl der Fälle erhalten die SuS dann von den GS eine bedingte Realschulempfehlung.

        Realschulen sind da erfolgreich, wo in ihrer Umgebung eine Vielzahl von KMU Arbeitsplätze bzw. Ausbildungsplätze für Realschulabsolventen angeboten werden, wo klar ist, dass nach dem MSA eine Ausbildung begonnen sowie abgeschlossen wird und danach ggf. ein Meister oder Techniker/staatlich geprüfter xyz oder sogar ein Studium an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften angestrebt wird.

        In Gebieten, in denen viele Schulabsolventen sich aufgrund fehlender Angebote in eine schulische Berufsausbildung an einem Berufskolleg flüchten, dürfte die Klientel der Realschüler eine andere sein. Verlässt irgendwer die Realschule eben nicht mit dem MSA, rettet er sich in das Berufsgrundschuljahr.

        Im Grunde wird mit dem ministeriellen Vorschlag die bayrische Mittelschule angestrebt. Sie darf nur nicht so heißen. Ebenfalls verbietet sich der Begriff Werkrealschule. Die Gemeinschaftsschule in NRW ist ein Produkt aus Rüttgers-Club-Zeiten mit “schwarzer” Schulministerin, die blond war. Sie wurde als Schulversuch eingerichtet und von der rot-grünen Folgeregierung im Zuge des ausgerufenen Schulfriedens geduldet, obwohl diese Regierung unter “grüner” Schulministerin die Sekundarschule präferierte. Die Sekundarschule arbeitet integrativ mit HS- und RS-Empfohlenen wie eine Gesamtschule, die Gemeinschaftsschule arbeitet kooperativ. Der historische Witz ist ja, dass die CDU, die sich im Zuge des Kulturkampfes gegen die KOOP-Schule ausgesprochen hatte, diese selbst wieder eingeführt hat, um auf Druck ihrer eigenen Basis im ländlichen Raum die Schulversorgung sicherstellen zu können.

        Warum das FDP-geführte Schulministerium die bereits existierende Schulform Gemeinschaftsschule hier in NRW nicht weiterentwickeln und ausbauen will, hat wohl eher parteipolitische als rationale Gründe.

        Der Schlüssel zu allem liegt übrigens wie immer bei den Gymnasien. Würden diese nicht weit über 40% der Grundschüler “aufstallen” sondern einmal anfangen sich in ihren Expansionsgelüsten zu beschränken und die Zahl der GY-Plätze in den Eingangsklassen zu reduzieren, gäbe es auch ausreichende Anmeldezahlen an anderen Schulformen. Nur leider hat das ja Auswirkungen auf den Stellenkegel bzw. die Zahl der Leitungs- und Funktionsstellen. Und wemm die azhl der SuS an GY sinkt wird man evtl. auch noch an eine andere Schulform abgeodnet …

        • Stimmt! Es wird ständig moniert, dass zu viele Kinder das Gymnasium besuchen und das Abitur nichts mehr taugt. Dass aber die Gymnasien selbst aus Gründen möglichst vieler Lehrerstellen zu dieser expansiven Entwicklung beigetragen haben, wird kaum erwähnt.
          So weicht sich das Gymnasium selbst auf bzw. tut alles, um immer mehr zur Gemeinschaftsschule zu werden.

          • Die Gymnasien wollen wie jede andere Schulform auch ihre Zügigkeit erhalten. Dazu kommt die von der OECD geforderte hohe Akademikerquote. Wenn man jetzt noch beachtet, dass besonders Akademikerinnen aufgrund der 10 Jahre längeren Ausbildung deutlich später mit dem Kinderkriegen anfangen als nicht-Akademikerinnen und damit auch tendenziell weniger Kinder bekommen, dann verstärkt sich der Teufelskreis mit dem Niveauverlust am Gymnasium und allen anderen Schulformen. Das kaum noch den Namen werte Abitur kann man den Gymnasien nicht anlasten, das haben die Bildungspolitiker zu verantworten, die das als einfachste Methode sahen, möglichst viele Studenten in die Hochschulen zu spülen. Das Niveau des MSA und HSA ist aber in ähnlichem Maße gesunken.

  2. Gibt es in NRW noch so viele eigenständige HS und RS?
    Der Schulverbund, der im Artilel als „schulformübergreifende Sekundarschule“ bezeichnet ist und in jedem Bundesland anders benannt wurde, führt dazu, dass vorherige HS+RS-Standorte, die man Schulzentren nannte, die aber beide Schulen als nahezu getrennte Schulen anbot, zu einer Schule zusammengeschlossen werden. Und was früher KGS hieß, heißt nun Realschule Plus oder Oberschule oder sonstige, bietet aber eben auch den Hauptschülern einen Platz.
    Auf dem Land bleibt dieses Schulzentrum dem Wohnort am nächsten und es ist vielen Eltern herzlich egal was außen am Gebäude steht, in dem die gleichen Lehrkräfte wie früher unterrichten.
    In der Stadt waren die Standorte von HS und RS getrennt und sind es bisher noch. Da würde ich vermuten, dass schwache SuS eher an der RS angemeldet werden, es sei denn die HS hat einen guten Ruf hinsichtlich der Berufsvorbereitung.

    • NRW ist das bevölkerungsreichste Bundesland – von dieser seite gäbe es genügend SuS um Hs- und RS-Standorte in ausreichender Anzahl zu erhalten. Nur eben nicht in jeder politischen Gemeinde. Es waren die Kommunalpolitiker aus dem ländlichen Raum, die zu Rüttgers-Zeiten Druck auf die Schulpolitik bzw. die Landesregierung gemacht haben. Sie hatten schlichtweg Angst, dass es in einigen Gemeinden kein weiterführendes Schulangebot mehr geben könnte. Wegen der sinkenden Schülerzahlen und den damaligen Prognosen sah sich die Landesregierung gezwungen, HS und RS in den ländlichen Räumen unter einer Leitung und einem Kollegium zusammen zu schließen. So entanden die ersten NRW-Gemeinschaftsschulen als kooperative Versuchsschulen. Dieser Schulversuch wurde von Rot-Grün fortgeführt. Gleichzeitig führte Rot-Grün die integrativen Sekundarschulen ein, die aber wegen der fehlenden Oberstufe von den meisten Eltern nicht präferiert werden. Einige dieser Sekundarschulen sind inzwischen, da die Schülerzahlen wieder ansteigen und eine durchgehende Vierzügigkeit sichern, zu Gesamtschulen umgewidmet worden. Im Gegenzug sind die meisten Hauptschulen als eigenständige Schulform verschwunden und die Zahl der Realschulen gesunken. Eine allgemeingültige Tendenz ist nicht zu erkennen, da die Entwicklungen in den ländlichen Bereichen und den Ballungszentren der Rhein-Ruhr-Schiene unterschiedlich verlaufen. Bezüglich der Schulform entscheiden Kommunalpolitiker wesentlich pragmatischer als die dogmatischen Vertreter der landespolitik. Den Kommunalpolitikern geht es darum, dass nicht noch mehr staatliche Institutionen aus der Fläche verschwinden. In vielen Gemeinden ist die “staatliche Schule” die letzte Bastion nachdem Post, Zoll, Bundeswehr, Bundespolizei und tlw. auch die Landespolizei sowie andere staatliche bzw. halbstaatliche Institutionen ihre Präsens vor Ort abgebaut haben. Lieber eine ungeliebte Schulform als gar keine weiterführende Schule vor Ort, ist die Devise.

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