Wie Helikopter-Eltern Lehrern das Leben schwer machen

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POTSDAM. Sie bringen ihre Kinder mit dem Auto bis vor die Schultür, klagen einen Platz an der Wunschschule ein oder streiten sich mit Lehrern über Unterrichtsmethoden: Es gibt immer wieder Probleme mit sogenannten «Helikopter-Eltern». Sehr zum Ärger der Pädagogen.

Bereit zum Abflug: Eltern im Helikopter. Foto: Ellie / flickr (CC BY-SA 2.0)
Bereit zum Abflug: Eltern im Helikopter. Foto: Ellie / flickr (CC BY-SA 2.0)

Pädagogen beobachten immer wieder übervorsichtige Eltern, die ihre Kinder bis in den Unterrichtsraum begleiten oder sich penetrant in die schulische Ausbildung ihrer Jüngsten einmischen «Am ehesten begegnet man diesen Eltern vor Grundschulen, aber auch vor Förderschulen», sagt Hartmut Stäker, Präsident des Brandenburgischen Pädagogenverbands. Diese sogenannten «Helikopter-Eltern» würden mit ihrem Auto zum Beispiel so dicht wie möglich an das Schulgelände oder sogar an den Klassenraum heranfahren und Feuerwehrzufahrten zuparken.

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Vereinzelt würden Schüler bis zur fünften Klasse täglich von einem Elternteil bis in den Klassenraum begleitet, berichtet Stäker. Dort packten die Eltern die Schulsachen für die erste Stunde aus und warteten im Klassenraum, bis der Lehrer kommt, um ihn noch über die aktuellen Befindlichkeiten des Kindes zu informieren. Der Verbandspräsident hat auch schon erlebt, dass ein Schüler bis zum Ende der 10. Klasse täglich von einem Familienmitglied bis vor das Schultor gebracht und nach dem Unterricht dort wieder abgeholt wurde.

Der Bürgermeister von Neukirchen im Erzgebirge, Sascha Thamm (Freie Wähler), hatte unlängst seinem Ärger öffentlich im Internet Luft gemacht und damit bundesweite Aufmerksamkeit erregt. Nach einem Unfall in der Kita Pünktchen kam der Rettungswagen nicht durch. Parkende Autos von Eltern blockierten den Weg. Damit nicht genug. Die Eltern hätten in Trauben herumgestanden und die Kinder hochgehoben, damit sie ins Innere des Rettungsfahrzeugs sehen konnten. Erst nach mehrfacher Aufforderung hätten sie Platz gemacht. «Geht’s noch?», wetterte der erzürnte Bürgermeister.

Vor der Grund- und Oberschule in in Bannewitz bei Dresden hat die Gemeindeverwaltung unlängst die Notbremse gezogen. Die Zufahrt ist jetzt von Montag bis Freitag zwischen 7.00 Uhr und 7.30 Uhr gesperrt. In dem Bereich dürfen Autos nur noch zum Ein- und Aussteigen kurz halten. Selbst die Lehrer müssen sich neue Parkplätze suchen. «Wegen der beengten Straßenverhältnisse und auch der Unvernunft vieler Eltern waren viele Schulkinder zu Fuß gefährdet», sagt Sylvia Stiller von der Gemeindeverwaltung. Manche Eltern hätten die Kinder direkt vor die Schulen gefahren, obwohl für Wendemanöver der Platz viel zu eng sei. Sie seien zu schnell gefahren oder hätten sich rücksichtslos verhalten. «Es war gefährlich.» Kontrollen der Polizei und des Ordnungsamtes hätten immer nur kurz gewirkt.

Streitlust vor Gericht

Häufig bleibt es aber nicht nur dabei, dass die Eltern ihre Kinder bis ins Klassenzimmer begleiten. «Diese übervorsichtigen Eltern erschweren die pädagogische Arbeit, da sie viele Anforderungen, die die Lehrer an die Schüler stellen, als zu hoch einschätzen», sagt Lehrerverbandschef Stäker. Eltern erledigten manchmal die Hausaufgaben für ihr Kind, widersprächen Lehrern oder zweifelten deren pädagogische Kompetenzen an. Das gehe bis hin zum Streit mit dem Lehrer und anderen Eltern.

«Die Eltern entschuldigen das Fehlen ihrer Kinder im Unterricht schon beim kleinsten Schnupfen», sagt der Verbandspräsident. Ein anderes Phänomen bei «Helikopter-Eltern» sei ihre Streitlust vor Gericht. So legten sie bei der Wahl und Zuordnung der weiterführenden Schule gern mal juristische Mittel ein, um ihr Kind doch noch auf die von ihnen gewünschte Schule zu bekommen. Nach Berichten seiner Kollegen haben solche und andere Fälle seit Ende der 90er Jahre zugenommen und sind seitdem zahlenmäßig auf dem gleichen Niveau geblieben. Soziale Unterschiede seien da nicht festzumachen. «Helikopter-Eltern» kämen sowohl aus Hartz-IV-Haushalten als auch aus wohlsituierten Akademikerfamilien.

Übermäßige Vorsicht und Ehrgeiz der Eltern, ihren Jüngsten einen Lebensweg vorschreiben zu wollen, haben nach Ansicht Hartmut Stäkers häufig negative Auswirkungen auf das Kindeswohl. «Überbehütete Kinder sind oft die “besten” Mobbingopfer für ihre Mitschüler», sagt er. Denn sie seien es gewohnt, sich nicht wehren und sich auch nicht selbst durchsetzen zu müssen. Pädagogen reagierten auf die Eltern meist mit Beratungsgesprächen. «Mit viel Einfühlungsvermögen für die Bedürfnisse des Kindes kann man in diesem Gespräch einiges erreichen», sagt Stäker. Wenn sich Eltern zu stark in die pädagogische Arbeit einmischen, sei auch die Zusammenarbeit mit Psychologen, Sozialarbeitern, Schulleitung und Kollegen oft hilfreich. Christian Bark, dpa

Wie die Spaßgesellschaft den Kindern beibringt, jede Anstrengung zu vermeiden (und welche Folgen das hat) – ein Gastbeitrag

 

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14 KOMMENTARE

  1. Ich finde, statt immer nur das Verhalten zu beschreiben, sollte sich Mal jemand daran machen, die Ursachen zu erforschen.
    Ich habe in meiner Klasse überproportional viele Kinder, die traumatisiert sind (mehrheitlich deutsche Kinder), von Behinderung bedroht oder die Erkrankungen haben, die beobachtet gehören, wo die Eltern verständlicherweise um genaue Rücksprache bitten. Das nimmt in meiner Wahrnehmung alles zu, während die Qualität der medizinischen Versorgung zumindest bei uns auf dem Land abnimmt (bzw es kommen dafür so Quacksalber zu Wort, die Krankheiten auspendeln und Krankheiten herbeierfinden um daran Geld zu verdienen, aber das sind die “Ärzte” die noch Patienten aufnehmen) Psychologische Hilfe ist gar nicht zu bekommen und Integrationshelfer habe ich erst einmal erlebt. Einige der Eltern dieser Kinder sind auch extreme Helikoptereltern. Ich sehe da einen Zusammenhang -natürlich sehr subjektiv und nicht statisch relevant.

    • Auch wenn ein Kind behindert ist, bringt es dem nichrs ständig Mama am Arsch zu haben.Gerade die müssen frei sein.Alle Kinder sollten ein freies entspanntes Leben führen dürfen.

  2. Also ganz ehrlich…mich nervt das. In einem Land mit Schulzwang statt Bildungspflicht verwundert mich nichts. Wenn ich jetzt aus der Sicht Fachperson Wochenbett und Erziehungsarbeit berichten würde..
    Nun ja…ich sage ja auch nicht, dass Lehrer keine Kinder bekommen sollten, weil sie es überdurchschnittlich oft nicht schaffen, ihre Kinder zu pflegen und zu begleiten. Das Beispiel musste jetzt wirklich sein. Es gibt natürlich überall Eltern, die über das Ziel hinausschiessen oder aber sich schlicht nicht kümmern. Aber ständig das Gehacke auf den Eltern!!

    • Das Problem ist, dass diese kleine Gruppe von Eltern unglaublich viel Arbeitszeit bindet, die anderen Kindern dann fehlt. Sie verhalten sich schlicht asozial. Sie haben nur ihr Kind im Blick, zweifeln die Arbeit der Profis ständig an, als ob Lehrer alles nur Idioten wären und helfen damit weder allen Schülern noch ihrem Kind.
      Ein Beispiel findet sich in den Kommentaren unter diesem Artikel:
      https://www.news4teachers.de/2018/05/news4teachers-dossier-gratis-herunterladbar-das-inklusions-chaos/
      In der Grundschule machen die Lehrer alles falsch, am Gymnasium auch und die Schulleiterin ist auch unfähig. Keiner erkennt, was das beste für das Kind ist, nur Mutti weiß alles ganz genau (besser).

      Das wäre alles kein Problem, wenn der Aufstand solcher Eltern arbeitszeit- und nervenneutral wäre. Ist es aber leider nicht.

  3. “Ich habe in meiner Klasse überproportional viele Kinder, die traumatisiert sind (mehrheitlich deutsche Kinder), von Behinderung bedroht oder die Erkrankungen haben, die beobachtet gehören”
    Kann ich ebenso sagen.
    Bei mir sind es aber gerade die anderen, bei denen ich Helikopter-Verhalten attestieren würde.

    Den Grund sehe ich darin, dass diese Eltern
    a) entweder ein Menschenbild haben, dass man andere nur dann dazu bekomme, sich opitmal um den einzelnen eigenen Nachwuchs zu kümmern, wenn man von Beginn an den Druck möglichst hoch hält (ob sie da von sich aus auf andere schließen, ist mir nicht klar)
    oder
    b) sich gerade wegen der schlechten Bedingungen, nicht vorhandenen ärztlichen Versorgung, gestrichenen allgemeinen Förderung etc. sozusagen “vernachlässigt” oder unbeachtet oder zu wenig unterstützt fühlen und deshalb dies möglichst selbst kompensieren wollen, dies aber so weit “optimieren”, dass weder die Kinder noch sonstige Beteiligte ein Recht auf Mitsprache oder eigene Handlung erhalten.

    Dazu kommen andere Ansichten, dass womöglich der Wunsch des Kindes immer über allem stehen muss (siehe Artikel über Spaßgesellschaft) oder dass man sich von anderen abgrenzen möchte.

  4. Aber wo bitte wurde in dem Artikel in Beispielen dargelegt, dass sich Helikoptereltern über die Methodik aufregen, denn dass unterlassen diese tunlichst um nicht in Ungnade zu fallen.
    Diese Leute sind in dieser Beziehung die unkritischen Eltern, weil sie durch zunächst vermeintlich positive Zuwendung für ihre Kinder das Optimum herausholen wollen.
    Man kann mit diesen Leuten auf Grund des egozentrischen Denkens keinen “Staat” machen, geschweige denn konstruktiv mit dem Lehrer zusammenarbeiten. Kritik an der Methodik trägt man sowieso nicht öffentlich aus , sondern in einem offenen , direkten Lehrergespräch, wenn es wirklich an der Methodik liegen sollte. Ansonsten kann man sowieso selber gegensteuern,

    • Helikoptereltern ist es herzlich egal, ob sie in Ungnade fallen. Vermutlich sehen sich diese Eltern in der Pflicht, mit aller Vehemenz für die Rechte des eigenen Kindes einzutreten.
      Sie beschweren sich gleich morgens beim Direktor und haben sie keinen Erfolg zu ihren Gunsten, drohen sie mit einem Schulwechsel und rufen umgehend bei der Dezernentin an, damit diese ihnen zu ihrem vermeintlichen Recht verhelfe.

      • Dieser Beobachtung kann ich auf Grund von eigenen Beobachtungen nur zustimmen.
        Im Prinzip ist durch dieses Verhalten niemandem gedient, außer der Freude, wenn sich die Wege endlich, in Folge eines anschließenden Schulwechsels, nicht mehr kreuzen,
        da diese Leute konstruktiv agierenden Eltern auch noch in den Rücken fallen und falsches Zeugnis ablegen.
        Erst durch ein konstruktives Gespräch mit der Lehrerin können dann Dinge wieder richtig dargestellt werden, weil diese Leute einen noch als vorgeschobenes Vehikel benutzen.

  5. “Autos vor dem Schultor”
    Das ist nicht nur die Dämlichkeit der Eltern, sondern es ist auch der Tatsache geschuldet, dass oft die öffentlichen Verkehrsmittel jammervoll sind. Da fährt etwa einmal pro Stunde ein Bus von der kleinen Stadt A in die nur 7 km entfernte größere Stadt B. Aber er kommt einiges nach 8 Uhr erst an (also müssten die Kinder entsprechend eine Stunde früher fahren), und der Fahrplan nimmt überhaupt keine Rücksicht auf die Bedürfnisse der Schüler. Oft fährt dieser Bus nahezu leer, das habe ich schon erlebt. Für die elterlichen Autos ist aber einfach kein Platz in der Nähe der Schule (besonders wenn es über 1000 Schüler gibt).
    Ich habe auch schon mitbekommen, dass der Schulbeginn in einer Grundschule vorverlegt werden musste, nur damit nach Schulschluss der (innerstädtische) Bus erreicht werden konnte. Es soll andere Länder geben, wo gebührenfreie Schulbusse eine Selbstverständlichkeit sind (z.B. Skandinavien). Diese Länder werden uns dann bei PISA ggfs. als Vorbild gepriesen, aber Schulbusse können wir uns ja nicht leisten. Selbst in Großstädten ist das ein Problem, auch wenn es gute Verkehrsverbindungen gibt: Wenn alle Schulen um 8 Uhr beginnen, sind die Busse vor 8 Uhr vollgestopft mit Schulkindern und danach erstmal ziemlich leer. Am Nachmittag entsprechend. Extrabusse gibt es nur wenige. Und immer weitere Wege müssen zurückgelegt werden.

    • Mal eine andere Perspektive:
      Grundschule im ländlichen Gebiet, Einzugsgebiet im Radius von ca. 2 km, keine Landstraße, keine Hauptstraße, sondern Siedlungsgebiet. Das morgendliche Verkehrsaufkommen entsteht überwiegend aus Eltern-Verkehr, abgesehen von Schülerbeförderung per Taxen/ Kleinbus.
      Auch hier gibt es Eltern, die ihre Kinder bis zur 4. Klasse und darüber hinaus lieber bis direkt vor die Tür tragen, als dass sie es zulassen, dass das Kind selbst und selbstständig mit dem Rad oder zu Fuß zur Schule gelangt.
      Und es gibt Eltern, deren Kinder über die üblichen Einzugsgebiete hinweg zur Schule gehen (müssen/dürfen), wobei die Eltern auf die BEZAHLTE Möglichkeit des Transfers lieber verzichten, weil sie ihr Kind höchstpersönlich und selbst in die Schule tragen möchten.

      • In diesem Fall haben die Kinder ein richtiges Problem, nämlich die unterbundene Entwicklung eines selbständigen Menschen auf immer bis in die Universität hinein..

  6. Kranke Menschen…einfach.Die Eltern gehören zum Psychologen, das ist weil die warscheinlich selbst krank erzogen wurden.

  7. Auch den sogenannten “Hubschrauber-Eltern” könnten Schulgesetze und Verordnungen besser Grenzen setzen ( = mein Wunsch). Schließlich sind es diese schulgesetzlichen Bestimmungen, die ihnen erlauben, ihr Kind (bis zu 3 Tage?) selbst vom Unterricht zu entschuldigen, ohne dass ein Arzt das attestieren muss.

    So manches scheint mir da heutzutage auf den Kopf gestellt, wenn ich z.B. Schreiben von Eltern erhalte (nicht selten auf zerknülltem Papier und ohne Anrede), dass ihr Kind im Unterricht Hustenbonbons lutschen darf, weil es heiser ist. Nein, nicht die Eltern bestimmen das. Ich (!) erlaube das oder nicht. Schreibt man das zurück, herrscht mindestens vorübergehend dicke Luft.

    Und dann gibt es da ja auch noch die “Bestseller” (Verkaufshits) von Büchern, was Lehrer alles dürfen und nicht dürfen. Trinken im Unterricht, Sitzplatzzuweisung, Handys wegnehmen … Diese Bücher alleine zeigen doch zur Genüge, wo Handlungsbedarf in Schulgesetzen und Verordnungen bestünde, um Hubschraubereltern Einhalt zu gebieten!

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