Anmeldungen für Oberstufe an Gemeinschaftsschulen weit hinter den Erwartungen

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STUTTGART. Die Gemeinschaftsschule ist Vertretern anderer Schularten schon lange ein Dorn im Auge. Nun wird bekannt, dass die künftige Oberstufe der «Schule für alle» weniger Schüler hat als erwartet. Der Verein für Gemeinschaftsschulen wirft Kultusministerin Eisenmann mangelnde Unterstützung vor, plädiert aber zugleich für Gelassenheit.

Weniger Schüler als erwartet wollen im Südwesten Abitur an einer Gemeinschaftsschule machen. Das berichten die «Stuttgarter Nachrichten» unter Berufung auf das Kultusministerium. Nach den Sommerferien besuchen demnach 38 Schüler die Oberstufe an der GMS West in Tübingen; an der Gebhardschule in Konstanz gibt es 50 Anmeldungen. Die beiden sind die einzigen Gemeinschaftsschulen im Land, an denen eine gymnasiale Oberstufe eingerichtet wurde.

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Die gymnasiale Oberstufe an Gemeinschaftsschulen erfreut sich geringerer Beliebtheit, als erwartet. Foto: thomas stein / flickr (CC BY-SA 2.0) (Ausschnitt)
Die gymnasiale Oberstufe an Gemeinschaftsschulen erfreut sich geringerer Beliebtheit, als erwartet. Foto: thomas stein / flickr (CC BY-SA 2.0) (Ausschnitt)

Das ist möglich, wenn mindestens 60 Schüler zusammenkommen. Eigentlich führt die Gemeinschaftsschule die Klassen fünf bis zehn. Der Zeitung zufolge war das Land von 70 Abi-Kandidaten in Tübingen und 61 in Konstanz ausgegangen. «Die Anmeldezahlen an diesen starken Standorten haben uns schon ziemlich überrascht», sagte Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) dem Blatt.

Der Verein für Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg betonte, mit den Zahlen zufrieden zu sein. Grundsätzlich benötige gute Akzeptanz beim Aufbau einer neuen Schulart fünf bis acht Jahre und mindestens zwei bis drei Prüfungsdurchgänge, hieß es am Samstag.

Lehrerverbände machen Stimmung gegen Gemeinschaftsschule

Der Verein kritisierte mit Blick auf die Zahlen auch aus seiner Sicht mangelndes Engagement des Ministeriums. «Angesichts der kurzen Vorbereitungsfristen und der geringen Unterstützung, die die beiden Gemeinschaftsschul-Oberstufen seitens des Kultusministeriums erfahren, können wir mit den Anmeldezahlen sehr zufrieden sein», erklärte der Vorsitzende Matthias Wagner-Uhl.

Die Grünen im Landtag sehen die Zahlen gelassen. «Gerade neue Schulformen benötigen etwas Geduld, bis sie sich nach und nach in den Köpfen etabliert haben», erklärte die bildungspolitische Sprecherin Sandra Boser am Samstag. Mit einer Übergangsquote von 90 Prozent von der Mittel- auf die Oberstufe zeige Konstanz, dass Eltern dieses Vertrauen vor allem dann haben, wenn sie die Schule bereits kennen. «Wir sind davon überzeugt, dass die Oberstufen an den Gemeinschaftsschulen das notwendige Vertrauen für eine größere Akzeptanz auch außerhalb der Gemeinschaftsschulen schaffen werden.»

Vertreter anderer Schularten hatten die Gemeinschaftsschule zuletzt immer wieder kritisiert. Die im kommenden Schuljahr startenden Oberstufen an dieser Schulart seien ein kostspieliges Experiment und führten zu Verwerfungen in der Schullandschaft, monieren etwa die Verbände der Berufsschul-, Realschul- und Gymnasiallehrer. (dpa)

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9 KOMMENTARE

  1. “Der Verein für Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg betonte, mit den Zahlen zufrieden zu sein. Grundsätzlich benötige gute Akzeptanz beim Aufbau einer neuen Schulart fünf bis acht Jahre und mindestens zwei bis drei Prüfungsdurchgänge, hieß es am Samstag.”

    Das ist natürlich nur Presse-Blabla. Der Verein ist alles andere als zufrieden. Mit dem zweiten Satz hat der Verein aber recht. Für eine gute Akzeptanz muss es ein gutes Kurswahlsystem und im Vergleich zu den Gymnasien mindestens gleich gute Abschlüsse geben. Die Frage ist allerdings, wo die “fehlenden” Schüler hingegangen sind, ob sie z.B. auf ein Gymnasium wechselten. Außerdem muss man sich fragen, welche der Schüler gewechselt sind. Wenn z.B. die Jahrgangsbesten aufgrund der besseren Wahlmöglichkeiten auf ein Gymnasium in der Nähe wechselten, sehe ich schwarz für im Schnitt vergleichbare Abiturnoten an Gemeinschaftsschulen.

  2. Dieses Gerede über die Zahlen halte ich für kontraproduktiv. Es stärkt nur Gerüchte des Inhalts, dass “der Mensch beim Abitur erst anfängt” und alles andere nur als Vorstufen betrachtet werden kann. Viel wichtiger dürfte doch sein, was die Leute bis Klasse 10 an diesen Schulen gelernt haben. Ob man das mal testen will?

    • Man lässt das wahrscheinlich nur dann testen, wenn das erzielte Ergebnis den Verfechtern aller Voraussicht nach genehm sein wird oder ohne sich zu viel zu verbiegen schön gequatscht werden kann.

  3. “Die beiden sind die einzigen Gemeinschaftsschulen im Land, an denen eine gymnasiale Oberstufe eingerichtet wurde.”

    Wie viele Gemeinschaftsschulen gibt es denn im Land?
    Wann wurde entschieden, dass an diesen auch das Abitur abgelegt werden kann?
    War den Eltern dies bei der Wahl zur 5. Klasse bereits bekannt oder haben sie sich bereits damals anders entschieden?

    Welche anderen Wahlmöglichkeiten bestehen nach Klasse 5 und Klasse 10?
    Wo gehen die SuS hin, die ihren erweiterten Abschluss z.B. an einer Realschule erwerben?
    Gibt es Wechsler, die an ein Gymnasium gehen oder besuchen sie eher die Angebote der Berufsschulen?

    Letztlich muss man inzwischen immer die speziellen Bedingungen der Bundesländer mit in den Blick nehmen, wenn es in der SekI zwischen 2 und 7 verschiedenen Schulformen je nach Bundesland gibt.

  4. Gesamt- und Gemeinschaftsschulen haben keine Chance, sich zu entfalten, wenn nebenher die Gymnasien bestehen bleiben.

    • Warum konnten sich denn jahrzehntelang die Realschulen entfalten? Sie waren angesehen und ermöglichten z.B. eine “mittlere” Karriere über Fachschulen, Fachhochschulen bis zum graduierten Ingenieur oder Diplom-Ingenieur (FH).
      Vielleicht meinen Sie “… wenn nebenher die Gymnasien bestehen bleiben und jeder (!) mit dem reinen Elternwillen (!) aufs Gymnasium gehen darf ” ? Wenn man wieder gewisse Hürden einführen würde, dann sähe das alles ganz anders aus. Das würde beiden Seiten helfen: Sowohl Gymnasien wie Gemeinschaftsschulen hätten dann im Durchschnitt bessere Schüler und könnten sich besser entfalten.

    • Wenn wie Cavalieri schrieb der Elternwille bleibt, haben Sie recht. Wenn ein anständiges Niveau am Gymnasium an den Tag gelegt werden würde, sprich eines, das nur die besten 33% des Jahrgangs schaffen können, dann haben die anderen Schulformen eine Chance.

    • Irrtum, dass nebeneinander von GY und GE ist kein Problem. Die Zahl bedingt gymnasialempfohlener Viertklässler, die aus Kapazitätsgründen zunächst von den GY aufgenommen werden, ist das Problem.
      Uneingeschränkt gymnasial taugliche Schüler und Schülerinnen sollen auch an ein GY gehen, sie sind an GE nicht wirklich zu fördern – außer man ist bereit, diese über die köpfe der anderen hinweg zu unterrichten.

      Die GY müssen aus meiner Sicht wieder dazu übergehen, eine stringentere Auswahl bei den Aufnahmen vorzunehmen. das kostet ggf. Lehrerplanstellen, verhindert aber Frust auf Eltern- und Schülerseite sowie auf der Räteseite.

      Das Revival der RS ist für GE und SekS wesentlich bedrohlicher, vor allem wenn wegen des Vorhandenseins einer GE oder SekS die RS keine Hauptschüler respektive HS-Empfohlene aufnehmen muss. Es fehlt dann den GE/SekS der Mittelbau, der den Unterricht trägt. Der leistungsschwächere Teil – abgesehen von den amtlich testierten Lernern – um die 15% – 20% sowie der leistungsstärkere Teil 10% bis 15% hindern den Unterrichtsfluss nur gerinfügig. Die einen brauchen zusätzliche Hilfen, die anderen Zusatzaufgaben. Die breite Masse – etwa zwei Drittel der Klasse – werden durch die Leistingsschwächeren nicht beeinträchtigt und durch die Leistungsstärkeren eher in ihrem Ehrgeiz angestachelt. Die haben richtig Spaß inne backen, wenn ihnen etwas gelingt, das die Klassenbesten ins Schwitzen oder sogar zum Scheitern gebracht hat.

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