Schüler dürfen nicht machen, was sie wollen: Disziplin, bitte! Ehrenrettung für einen in der Pädagogik verpönten Begriff

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HANNOVER. Der Begriff „Disziplin“ ist mit dem dunkelsten Kapitel der Geschichte der Pädagogik verbunden und seither verpönt. Dabei ist sie auch die elementare Voraussetzung menschlichen Zusammenlebens – und unumgänglich, wenn das Zusammenleben und -lernen in der Schule gelingen soll. Sagt ein Experte: Prof. em. Dr. Manfred Bönsch, einer der renommiertesten Erziehungswissenschaftler in Deutschland. Sein “Plädoyer für die Disziplin”, das wir hier in Auszügen veröffentlichen, ist in vollständiger Form in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift “Grundschule” enthalten.

Hier lässt sich das Heft bestellen und lassen sich einzelne Beiträge – auch das vollständige Interview – herunterladen (kostenpflichtig).

Schüler dürfen nicht machen, was sie wollen. Illustration. Shutterstock

Ein Plädoyer für die Disziplin

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Das Wort „Disziplin“ stammt wie so vieles aus dem Lateinischen (disziplina, disziplinare) und meint einerseits einen Wissenschaftszweig beziehungsweise ein Fach und andererseits ein auf Ordnung bedachtes Verhalten, bewusste Einordnung oder Unterordnung. Wer sich diszipliniert verhält, ist an Einordnung gewöhnt, ist beherrscht und korrekt, lässt sich nicht gehen. Es wird auch von innerer Zucht gesprochen oder es ist das Einhalten einer äußeren Ordnung gemeint, die jemand einhalten soll beziehungsweise will. Wichtig ist, dass Disziplin keinen Selbstzweck hat, sondern höheren Werten und Normen dienen soll wie beispielsweise Respekt, Freundlichkeit, Achtung vor der Würde des Anderen und den Regeln des Zusammenlebens, der Arbeit, des Spiels, des Verkehrs und eines entsprechenden Sprachgebrauchs. Disziplin ist die Voraussetzung für erfreuliche Verhältnisse in fast allen Lebensbereichen (z. B. Familie, Schule, Beruf, Sport; Böhm 1994).

Historische Bezüge

Während früher der Begriff der Disziplin unbestritten war – er gehörte wie selbstverständlich zu einer autoritativ orientierten oder gar autoritären Pädagogik –, ist er seit den 60er/70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mehr und mehr infrage gestellt worden und wurde dann fast zu einem Tabuthema. Im Zuge reformorientierter Pädagogik, antiautoritärer Pädagogik, gar Antipädagogik (von Braunmühl 1983; von Schönebeck 1982) wurde Disziplin zum Signum für Unterordnung, Unterdrückung, die tunlichst aufzuheben sei. Erziehung sei immer eine Art von Imperialismus, es könne nur Freundschaft mit Kindern und Jugendlichen geben! Das Kind müsse sich frei entwickeln können und dann würde alles gut werden. Noch Anfang des 21. Jahrhunderts verursachte die Schrift von Bueb „Lob der Disziplin“ (Bueb 2006) einen Aufschrei. Da war sie wieder, die schwarze Pädagogik! Bis heute sind die Unsicherheiten derer, die mit Erziehung zu tun haben, geblieben. Autoritär möchte man auf keinen Fall sein, aber so ganz ohne Regeln kann der Alltag zu einem Albtraum werden. Was könnte/müsste das Richtige sein?

Negative und positive Deutung

In der Tat gibt es einen negativen Disziplinbegriff. Wenn Unterordnung rigide durchgesetzt, gar blinder Gehorsam gefordert wird, regt sich Widerstand. In sehr autoritären Regimen, beim Militär, in Gefängnissen herrscht Machtausübung vor. Wer sich ihr widersetzt, wird hart bestraft, gar gefoltert, im schlimmsten Fall getötet. Goffmans Wort von der totalen Institution – er denkt zum Beispiel an Gefängnisse, an die Psychiatrie, auch an die Schule (die Schule als Zwangsanstalt) – meint ein hartes und nicht hinterfragbares Unterwerfungsszenario, in dem das Individuum seine Würde, sein Ich verliert und zum bloßen Objekt der Gewaltausübung wird. Wenn ein Machtmonopol überstrapaziert wird, regt sich berechtigter Widerstand bei den Unterdrückten. Das Individuum will einen Rest von Selbstbestimmung und Würde. Es gibt in einer milderen Form auch das Phänomen der Überdehnung von Disziplinierungsmaßnahmen und damit eine Überforderung. Genauso kann übrigens der Freiheitsrahmen überdehnt werden. Das kann man erkennen, wenn Kinder in der Grundschule sagen: Müssen wir heute wieder machen, was wir wollen?

Die Zeitschrift 'Grundschule'

Der Text erschien zunächst in der Ausgabe “Gemeinsam erziehen” der Zeitschrift “Grundschule”. Hier lässt sich das Heft bestellen oder lassen sich einzelne Beiträge herunterladen (kostenpflichtig).

Die Arbeit als Lehrkraft umfasst deutlich mehr Aufgaben als nur den reinen Unterricht. Zum Gesamtpaket gehört etwa die Kooperation mit den Erziehungsberechtigten – nicht selten eine enorme Herausforderung. Trotzdem: Eine funktionierende Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus ist von entscheidender Bedeutung – nicht nur für den Lernerfolg des einzelnen Kindes, sondern auch für einen erfolgreichen Unterricht. In diesem Heft bieten wir Ihnen daher Anregungen aus der Theorie und vor allem der Praxis, wie Lehrkräfte Eltern für Ihre Anliegen gewinnen können. Dabei reichen die Impulse von umfassenden Konzepten bis hin zu alltagstauglichen Tipps – und sie zeigen, dass besonders vier Aspekte für eine Erziehungs- und Bildungspartnerschaft ausschlaggebend sind.

Aber dann gibt es eben auch einen positiven Disziplinbegriff. Disziplin ist eine elementare Bedingung menschlichen Zusammenlebens. Der reibungslose Verkehr wird beispielsweise nur dadurch aufrechterhalten, dass sich Verkehrsteilnehmer an die Vorgaben der Straßenverkehrsordnung halten. Spiel macht nur Spaß, wenn sich alle an die Regeln halten. Hochleistungen unterliegen sehr strengen Disziplinierungen (Talent macht 50 % aus, die anderen 50 % sind Mühe und Training!). Klare Regularien geben auch Sicherheit, Verlässlichkeit und Entspannung. Nichts ist schlimmer, als die Welt jeden Tag neu erfinden zu müssen. Sprache ohne Vereinbarungen für den Sprachduktus und die Wortwahl wird schnell zur Belastung, kann verletzend wirken. Zwischenmenschliche Beziehungen, die nicht von Respekt und Rücksichtnahme gekennzeichnet sind, stellen eine Belastung dar. Ein Gemeinwesen ohne akzeptierte Regularien führt zu chaotischen Egotrips. Und Lernen ohne Disziplin führt nicht weit. Leistung ist mit Mühe und Arbeit verbunden und das heißt, Selbstdisziplin zu üben.

Wo immer erfreuliche und bereichernde Beziehungen vorhanden sind, kann sich ein Individuum entfalten. Die Beziehungskultur einer Schule schafft Wohlbefinden. Dann kann man an Herausforderungen wachsen, aber jeder muss sich eben auch an die Regularien halten können, sich disziplinieren können. Wenn Regeln, Routinen, Rituale und Reviere eine äußere Ordnung schaffen, kann sich das eventuell noch vorhandene innere Chaos verlieren. Insofern sind Vereinbarungen, Abmachungen, Verträge interpersonell wichtig und ein akzeptabler Disziplinierungsrahmen (Ordnungen, Strukturen, feste Abläufe).

Die Wege zur Disziplin

Wenn also der positive Begriff von Disziplin akzeptiert werden kann, weil er so wichtig ist, erhebt sich die Frage, wie er angesichts häufig widriger Verhältnisse angestrebt werden soll. In der Familie wie in jeder Klasse ist die Besprechung und Festlegung von Regeln wichtig. Wenn die Kinder sie als sinnvoll ansehen oder sie sogar mitformulieren dürfen, können sie sie am ehesten einhalten. Und selbst, wenn sie sie inhaltlich nicht ganz akzeptieren, können sie sie eventuell als Kompromiss verschiedener Interessen sehen und befolgen. Grundsätzlich muss der Sinn von Regeln und Abmachungen ersichtlich sein. Häufig wird Spielraum dafür da sein, Ideen und Alternativen aufzunehmen. Aber wenn eine Verabredung – quasi ein Vertrag – beschlossen ist, gilt sie und muss von jedem befolgt werden. Regeln sind veränderbar, solange sie aber gelten, sind sie einzuhalten. Konsequenz ist ein wichtiges Element auf dem Weg zur Disziplin. Die kommunikative Klärung von Regeln und Vorschriften hat den Vorteil, dass Erwachsene sich als Anwalt beschlossener Regeln verstehen können, das Bestehen auf ihrer Einhaltung nicht mehr als Willkür und Machtausübung verstanden zu werden braucht. Das hilfreiche Gerüst der schulischen Ordnung und der geregelten Tagesabläufe stabilisiert den Handlungsrahmen.

Ausgehend von diesem Grundansatz kann man dann flexibel mit dem Postulat „Pflichten und Regeln einhalten“ umgehen. Häufig reichen ja schon Erinnerungen an Vereinbarungen. Aber es gibt eben auch Situationen, in denen die Ermahnungen dringlicher werden. Eine Gruppe von Disziplinlosigkeiten (aggressive Beschimpfungen, körperliche Gewalt, Diebstahl) ist streng zu untersagen.

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Der Autor
Prof. em. Dr. Manfred Bönsch. Foto: privat

Prof. em. Dr. Manfred Bönsch lehrte Schulpädagogik an der Universität Hannover. Nach dem Abitur absolvierte er zunächst ein PH-Studium, um dann sechs Jahre lang als Lehrer an Grund- und Hauptschulen tätig zu sein. Sein Zweitstudium schloss er mit dem Titel Dr. phil. ab. Er übernahm eine Professur an der PH Berlin, dann an der Universität Hannover. Zwischenzeitlich folgten weitere Rufe an mehrere Universitäten (u.a. Wuppertal und Tübingen). Seine Arbeitsschwerpunkte sind Heterogenität und Differenzierung, Konzepte der Binnendifferenzierung, Schulsozialarbeit, Förderung selbstständigen Lernens und kompetenzorientierter Unterricht. 

Motivaton: Warum Lehrer ihre Schüler nicht loben sollten (sondern ermutigen – und wie das geht)

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12 KOMMENTARE

  1. Es ist ein guter Beitrag zum Thema Selbstdisziplin im eigenen Verhalten anderen Mitmenschen gegenüber, hier den Mitschülern und den Lehrern gegenüber, und der Akzeptanz eines Ordnungssystems im Verhalten und Umgang mit anderen Mitmenschen.
    Dazu gehört aber auch die Selbstdisziplin im Zurückstellen eigener sekundärer Bedürfnisse , wie das einstellen des Redens mit Mitschülern während des Unterrichts , des Trinken und des Toilettengangs während des Unterrichts, das Vermeiden eines störenden Verhaltens anderen gegenüber während des Unterrichts , sowie die Selbstdisziplin zum Erreichen der Lerninhalte unter zu Hilfenahme des Lehrers.
    Daran hapert es heute gewaltig. Derartige Schüler wären früher sanktioniert worden, in dem sich die Leistungsabfälle in der Benotung niedergeschlagen hätten. Entweder kann man die Störer den Inhalt wiedergeben lassen. Schlimmsten Falls hätte das Lehrpersonal kurzer Hand diese Schüler examiniert und über die direkte Benotung das Verhalten der Störer verändert.

    • Die frühere schulische Disziplinierung entsprach der häuslichen Erziehung. Da war es leichter für die Lehrkräfte, die Verhaltensweisen und Konsequenzen, die Sie beschreiben, durchzusetzen.

      Heute wird in den wenigsten Elternhäusern dieser Grad von Selbstdisziplin verlangt und auch konsequent durchgesetzt wie Sie beschreiben. Das macht die Arbeit in der Schule auf diesem Feld sehr viel schwerer.

      Beispiele: Ich habe immer mehr Grundschüler, die so gut wie kein Gefühl mitbringen, was höfliche und wertschätzende Sprache bedeutet. Wie oft muss ich den Schülern sagen: “Das war jetzt unhöflich. Sage es höflicher.” Perplexe Antwort: “Ich weiß nicht wie.” Viele lernen dies nicht mehr zu Hause.
      Prinzipiell unterbrechen Grundschüler immer irgendwelche Gespräche (auch wenn der Lehrer nu rmit Mitschülern spricht) um mit ihren Bedürfnissen dazwischenzugrätschen, obwohl man es ihnen schon 100mal gesagt hat und sie warten ließ. Das können Sie auch bei Eltern und ihren Kindern beobachten. Sofort werden Gespräch unterbrochen, wenn das Kind etwas will.

      • Die Beispiele von ysnp zeigen auf, dass man bestimmtes Verhalten zwar erwartet, aber dies nicht erlernt wurde oder mitgebracht wird. Einiges war sicher früher anders, da mit Kindern anders umgegangen wurde, anderes mussten Kinder auch früher lernen, wenn sie zur Schule kamen.

        Letztlich hilft es nichts, man muss die Regeln in der Klasse besprechen, transparent aufstellen und einüben (siehe Artikel).

        Einüben muss man auch sprachlichen Fähigkeiten und ebenso Konfkliktlösungen, denn auch da fehlt vielen die Sprache und eine Idee davon, wie man sich austauschen und einigen kann. Genau das sind die Inhalte des sozialen Lernens, die in vielen Schulen seit vielen Jahren aufgegriffen werden.

        Von einer hohen Erwartungshaltung und Sanktionen allein werden Kinder nicht lernen, wie es besser gehen könnte.

        • ich finde es so traurig, dass viele Kinder mit Eintritt in die Grundschule die einfachsten Regeln für das Zusammenleben in einer Gruppe noch üben oder gar erlernen müssen. In der elterlichen Erziehung muss da eiine Menge schief gelaufen sein sein..

          • Da ist sicher eine Menge anders gelaufen, als es sich die meisten Lehrktäfte vorstellen oder wünschen würden. Und traurig sein kann man darüber, bei manchem auch wütend oder fassungslos, das hilft aber den Kindern nicht.

            Ebenso wie beim Spracherwerb bin ich nicht der Meinung, dass man abwarten solle, bis die erwünschten Fähigkeiten außerhalb von Institutionen entwickelt wurden. Was 6Jahre nicht gelang, wird meist in den nachfolgenden Jahren im gleichen Umfeld nicht besser.
            Mehr als sonst gehört in den Erziehungsauftag, den Schule hat, dass die Fähigkeiten für ein Zusammenleben entwickelt werden, zum einen für die Umgebung „Schule“, zum anderen allgemein.
            Das, was unter „Disziplin“ zusammengefasst wird, kann dann nicht allgemein erwartet werden, sondern wird damit ein Lernziel und ein Lerninhalt, der auf unterschiedliche Weise vermittelt werden muss.
            Habe ich Regeln vereinbart oder Konfliktlösungen erarbeitet und geübt, sind diese dann auch einzufordern.

    • @AvL
      “Derartige Schüler wären früher sanktioniert worden, in dem sich die Leistungsabfälle in der Benotung niedergeschlagen hätten. (…) Schlimmsten Falls hätte das Lehrpersonal kurzer Hand diese Schüler examiniert und über die direkte Benotung das Verhalten der Störer verändert.”

      Das hätte dann auch gelten müssen und sollte auch heute gelten, wenn sich Schüler gegen angesagte Methoden, wie z.B. Gruppenarbeiten, aussprechen. Auch da kann man erwarten, dass SuS ihr “eigenen sekundären Bedürfnisse” zurückstellen und Aufgabenstellungen nicht diskutiert, sondern angenommen und erfüllt werden.

      • Was ist das für ein Bezug von Ihnen zu einer der ineffektivsten und schlechtesten Methode, Wissen sich anzueignen und eigene Ideen zu entwickeln und diese umzusetzen, da die Gruppenarbeit die Unterordnung des Einzelnen erfordert.
        Durch die Gruppenarbeit wird Ihnen als Lehrer viel Arbeit abgenommen und der einzelne hat sich der dominierenden Person innerhalb der Gruppe unterzuordnen.
        Das man sich innerlich einer derartige Organisationsform der Arbeit widersetzt, bedeutet ja nicht , dass man laut polternd gegen diese vorgeht, denn es geht besser durch sachliche Kritik, die wir diese auch so vorbrachten, dem Wunsch folgend , jeweils eigene Ideen individuell zu entwickeln zu dürfen.
        Individualisierung ist doch Ihr ureigenes Thema, dass Sie ständig ins Feld führen, und Individualität entwickelt sich meines Erachtens erst, wenn man die Grundlagen eigenständigen Arbeitens beherrscht. Das ist wie in der Musik.
        Derartige Spiele in Gruppenarbeit durften unsere Rettungsassistenten im Oberbrandmeisterkurs ausstehen, in dem diese vor das Problem eines Schautages einer Berufsfeuerwehr für die Öffentlichkeit ausarbeiten sollten.
        Das eigentliche Ziel war es, dass die Gruppe den Lehrgangsteilnehmer auswählen sollte, der von der Mehrheit getragen wurde. Und dieser sollte den Ablauf und die Organisation mit der Verteilung der Unteraufgaben festlegen.
        Wie war noch der Bezug zu Petersens Pädagogik. Es geht um die Unterordnung des Einzelnen unter den Gruppengedanken. Uns wurde aus dem Lehrgang beschrieben, dass die Selbstständigkeit jedes Einzelnen, bis auf den Führer, eingeschränkt wurde. Was ist das für eine ineffektive Methode, die die Entwicklung des Individuums unterdrückt.

        • Die Methode “Gruppenarbeit” ist nicht gleichzusetzen mit Arbeit in Gruppen und schon gar nicht mit hierarchischer Struktur von Zivil- und Katastrophenschutzorganisation. Diskutieren Sie vorab mit allen, die im gleichen Raum ihrer Arbeit nachgehen, jeden Ihrer Arbeitsschritte?

          “Individualisierung ist doch Ihr ureigenes Thema, dass Sie ständig ins Feld führen.”
          Wenn Sie das so sehen wollen. Wenn Sie sich so sehr von Petersen vereinnehmen lassen und abgrenzen wollen und Kritik an der Führung der Besseren über andere und Gruppenzwang üben, kann Ihnen die Individualisierung ja nicht gleichgültig sein.
          Mir zumindest ist es wichtig, Individuen zu sehen und zu fördern, jedoch nicht allein darum, dass jeder für sich lebt und sich nicht mit anderen und anderem auseinandersetzen müsste.

          “Individualität entwickelt sich meines Erachtens erst, wenn man die Grundlagen eigenständigen Arbeitens beherrscht.”
          Dann würden manche Menschen nie dazu kommen.

          Individualität entwickelt sich m.E. bereits vor der Geburt und prägt sich weiter aus, gerade in Auseinandersetzung mit anderen.
          Und es ist eben das, was den Kindern fehlt, die ohne entsprechende Fähigkeiten zur Schule kommen, weil sie noch nicht gelernt haben, wie sie sich in Unterrichtssituationen aber auch in Auseinandersetzung mit anderen verhalten sollen und weil ihnen u.a. die sprachlichen Fähigkeiten fehlen.

          “Das ist wie in der Musik.”
          Stimmt.
          a) Da gibt es gemeinsames Musizieren in Gruppen unter einem Dirigenten oder Spielleiter (“Führer”) und es dürfen nur die mitmachen, die in der Lage sind, Noten und Tempo zu folgen.
          b) Es gibt eigenständiges Musizieren nach Noten, also auch angeleitet und rein reproduzierend, da man übt und abspielt, was andere erdacht und zu Papier gebracht haben. Dabei kann man die Fähigkeiten am eigenen Anspruch messen.
          c) Und es gibt die eigenständige Auseinandersetzung und kreatives Schaffen in der Musik, sobald man einzelne Töne produzieren kann, selbst ohne Kenntnis von Noten. Hat man Musik rezipiert, kann man sich dadurch inspirieren lassen und dennoch kreativ werden: Variationen, Improvisationen, Crossover oder ganz anderes.

          Gruppenarbeit wäre, wenn sich Menschen zusammenfinden und gemeinsam musizieren, dabei aber niemand ein ausgearbeitetes Stück in Noten verteilt (siehe a), sondern jeder Ideen und Fähigkeiten einbringen kann. Tatsächlich muss dabei nicht jeder jedes Instrument gleich gut spielen können, kann aber dennoch Vorschläge unterbreiten, die andere umsetzen. Es geht um das Teilen von Ideen, ums Ausprobieren, Abwägen von Lösungen, Kompromisse …

          Unterricht ist übrigens eine Mischung aus allem zu unterschiedlichen Anteilen.

  2. “Während früher der Begriff der Disziplin unbestritten war – er gehörte wie selbstverständlich zu einer autoritativ orientierten oder gar autoritären Pädagogik –, ist er seit den 60er/70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mehr und mehr infrage gestellt worden und wurde dann fast zu einem Tabuthema.”

    Auffällig ist aber doch, dass es sich gut 28 Jahre nach der Wiedervereinigung bei Darstellungen dieser Art im heutigen gesamtdeutschen Kontext doch immer wieder nur um eine reine westdeutsche Sichtweise handelt. Im anderen Deutschland, sprich DDR, war Disziplin kein Tabuthema, schon gar nicht im Bildungswesen, sondern nach wie vor ein Wert an sich. Das scheint an ostdeutschen Schulen bis heute nachzuwirken.

  3. “Was 6 Jahre nicht gelang, wird meist in den nachfolgenden Jahren im gleichen Umfeld nicht besser.”

    Eben. Schule arbeitet dann oft gegen das Umfeld und den seltensten Fällen gewinnt die Schule. Übrigens gab es vor der Schule einen Kindergarten o. ä.. Der hat auch kräftig versagt, weil die Kinder dann noch formbarer sind.

    • Ich sehe so gut wie immer, wie Kinder gewinnen, dazu lernen, Regeln verstehen und einhalten, Kommunikation und Konfliktlösung anwenden.
      Im übrigen weiß ich auch, welche Kinder wirklich in den KiGa gingen und dort nicht nur angemeldet waren. Passt Eltern im KiGa etwas nicht, bringen Sie ihr Kind nicht mehr hin. In meinem Umfeld nimmt das zu.
      Die Hürde bei der Schule ist höher, da Schulpflicht besteht.

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