Hessen: Fast jeder dritte Student bricht früh ab

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FRANKFURT/MAIN. Fast jeder dritte Student kehrt der Uni nach einigen Semestern wieder den Rücken. Manchen ist der Stoff zu schwer, andere sind durch Prüfungen gefallen. Gescheitert sind sie aber nur auf den ersten Blick.

Zu hohe Anforderungen, verpatzte Prüfungen, Geldsorgen oder fehlende Motivation – das sind nach Angaben des hessischen Wissenschaftsministeriums die Gründe für zwei von drei Studienabbrüchen. Das Ministerium stützt sich dabei auf eine Untersuchung der Gesellschaft Hochschul-Informations-System (HIS). Fast jeder dritte Hochschüler in Deutschland bricht in der Frühphase sein Studium ab, wie eine im Jahr 2017 vorgelegte Studie ermittelt hat.

Studienabbrecher sind eine gesuchte Spezies. Foto: geralt / Pixabay (CC0)
Studienabbrecher sind eine gesuchte Spezies. Foto: geralt / Pixabay (CC0)
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Es sei weder ein großes Drama noch ein Stigma, sein Studium zu schmeißen, zumindest in unteren Semestern, sagt Harald Parzinski. Er ist Koordinator des Landesprogramms «Netzwerk – berufliche Integration von Studienabbrechenden in Hessen». Der Studienabbruch sei deshalb oftmals kein Beinbruch, weil viele Ausbildungsbetriebe sehr interessiert an den Ex-Studenten seien. «Sie sind die ideale Zielgruppe, weil sie älter und erfahrener sind.» Und die formalen Qualifikationen stimmten dank Abitur auch.

Rein ins Biologie-Studium, gewechselt zur Geografie – und nun steht für Max Groß Krawattenbinden an. Der 25-Jährige hat sein Studium abgebrochen und beginnt bald bei der Sparkasse eine Ausbildung zum Bankkaufmann. Warum es an der Uni nicht geklappt hat? Da war zunächst unter anderem fehlendes Vorwissen in Chemie und später die Erkenntnis, «dass Studieren an sich vielleicht doch nichts für mich ist». Zumal ihm lange nicht klar gewesen sei, welchen Beruf er nach dem Studium eigentlich ergreifen soll, wie Groß erzählt.

Bei manchen spielt auch die Unsicherheit über die Jobaussichten ihres Faches eine Rolle, wie Andrea Heinz von der Zentralen Studienberatung der Universität Gießen sagt. Sie berät Studenten mit Fächerfrust und weiß aus Erfahrung: «Studienzweifel kann in verschiedene Richtungen führen.» Für den einen sei ein anderer Abschluss – Germanistik auf Lehramt statt Bachelor – die Lösung, für den anderen ein Wechsel des Studienfachs oder eben als Alternative eine betriebliche Ausbildung.

«Studienabbrecher sind eine gesuchte Spezies», bestätigt Frank Ziemer, der stellvertretende Geschäftsführer im Bereich Aus- und Weiterbildung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Frankfurt. Das sagt er auch mit Blick auf den Fachkräftemangel und darauf, dass viele der heutigen Hochschüler früher eine Lehre begonnen hätten. Für Unternehmen sei häufig auch unerheblich, dass die Ex-Studenten keine geradlinige Vita mehr vorweisen könnten. «Die meisten Lebensläufe sind heute ganz bunt.» Wichtiger sei die Persönlichkeit, die Motivation und die Aussicht für Betriebe, die Kandidaten am Ende der Ausbildung halten zu können.

Dass auf die Abbrecher alternative Karrierechancen warten, zeigt auch die Untersuchung aus dem Jahr 2017: Die Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) kam zu dem Ergebnis, dass bereits ein halbes Jahr nach dem Abschied von der Uni 43 Prozent eine schulische oder betriebliche Berufsausbildung aufgenommen hatten und 31 Prozent erwerbstätig waren.

Trotz der Chancen – eines darf Parzinski zufolge nicht passieren: Dass Studenten jahrelang in einer «Leerlaufphase» bleiben, es jedes Semester aufs Neue mit ihren Vorlesungen und Seminaren versuchen, aber nicht weiterkommen. Und nicht nach beruflichen Alternativen suchen oder nach Hilfe, um das Studium vielleicht doch noch zu packen. «Je älter man wird, desto schwieriger fällt der Schritt.»

Experten wie Parzinski und Heinz geht es darum, den Betroffenen auf die diversen Beratungs- und Hilfsangebote von Hochschulen, Arbeitsagentur, IHKs oder Handwerkskammern aufmerksam zu machen. So gibt es zum Beispiel an der Uni Frankfurt am 2. Juli ein «Speed-Dating». Bei diesen kurzen Vorstellungsrunden, die es an mehreren Hochschulen gibt, kommen Studienzweifler oder -abbrecher mit Unternehmen in Kontakt. Das brachte auch Max Groß die Wende.

Der junge Mann brauchte nach eigenen Angaben etwa sechs Semester, bis ihm klar wurde, dass er einen Schlussstrich ziehen und neu anfangen muss. Die Phase sei auch von Ängsten begleitet gewesen und dem Gedanken: «Was habe ich eigentlich die letzten Jahre gemacht?» Doch er informierte sich über Alternativen und erhielt von der Arbeitsagentur schließlich den Tipp, bei einem «Speed Dating» mitzumachen. Dort sei er auf eine Mitarbeiterin der Sparkasse getroffen. Es gab Informationen, ein nettes Gespräch – «und es lief danach alles wie am Fließband», sagt Groß. Am 1. August beginnt der 25-Jährige nun seine Ausbildung. (Carolin Eckenfels, dpa)

Studenten in Hessen
An Hessens Hochschulen waren im Wintersemester 2017/18 rund 260 000 Studenten eingeschrieben. Die meisten von ihnen studierten an einer der fünf Universitäten in Frankfurt, Darmstadt, Gießen, Marburg oder Kassel. Hinweise darauf, wie viele Studenten landesweit ihr Examen machen, liefern Zahlen des Statistischen Bundesamts. Demnach lag bei Hochschülern, die im Jahr 2008 ihr Studium begonnen haben, die «Studienerfolgsquote» bei 78,5 Prozent (ohne Masterabschlüsse). «Bei diesen Zahlen werden allerdings wichtige Faktoren wie beispielsweise Studiengangwechsel, Wechsel der Hochschule auch über Ländergrenzen hinweg sowie lange Studienzeiten nicht berücksichtigt», erläutert das hessische Wissenschaftsministerium die Statistik. (dpa)

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1 KOMMENTAR

  1. “Zu hohe Anforderungen,” sagt das Wissenschaftsministerium. Man könnte ja auch sagen “zu geringe schulische Vorkenntnisse, zu wenig Studierfähigkeit”. Aber ein Ministerium kann ja kein anderes MInisterium kritisieren, lieber schiebt man den Schwarzen Peter den bösen Hochschulen zu.
    Zur aktuellen Fußball-WM: Niemand sagt nach einer Pleite, die Anforderungen dort seien zu hoch. Es heißt eher, diese oder jene Mannschaft hätte sich nicht gut vorbereitet. Dass Studenten nicht gut vorbereitet sein könnten, dies kommt den auf reine Quantität bedachten Politikern nie in den Sinn. Irgendwo las ich schon die Frage: “Was machen wir denn, wenn wir eine Akademikerquote von 100 Prozent haben?”

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