Fachkräftemangel: Kita stellt Erzieherin ohne Deutsch-Kenntnisse ein

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LÜNEBURG. Der Fachkräftemangel treibt auch in Kitas originelle Blüten. Das Lüneburger Montessori-Kinderhaus hat nun eine Pädagogin aus Venezuela eingestellt, obwohl diese kein Wort Deutsch spricht. Bislang scheint das Experiment zu funktionieren, doch es gibt bürokratische Hindernisse.

«Buenos dias», sagt die Frau mit dem schwarzen Pony und lacht freundlich. Der vier Jahre alte Nils lächelt zurück und antwortet: «Guten Morgen, Monica!» Die zwei scheinen sich zu verstehen, auch wenn die Erzieherin Spanisch spricht und das Kind kein Wort dieser Sprache kannte – bis Monica Alonso (43) in die Kita kam. Die Pädagogin aus Venezuela ist die Antwort des Montessori-Kinderhauses Lüneburg auf den Fachkräftemangel im Bereich Erziehung und Bildung.

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Eine Erzieherin ohne Deutschkenntnisse – in Lüneburg scheint das Experiment zu funktionieren. Foto: Westfale / Pixabay (CC0)
Eine Erzieherin ohne Deutschkenntnisse – in Lüneburg scheint das Experiment zu funktionieren. Foto: Westfale / Pixabay (CC0)

«Wir haben uns voriges Jahr in unserer Größe verdoppelt und suchten händeringend Personal», sagt Mareike Müller, Leiterin der Kita. «Es war wahnsinnig schwierig, jemanden zu finden. Da beschlossen wir, unsere Stelle international auszuschreiben.» Ein Vorstandsmitglied des Trägervereins übersetzte die Anzeige in Englisch und Spanisch. «Hätten wir noch jemanden für Französisch und Italienisch gehabt, hätten wir auch diese Sprachen genutzt», sagt die Erzieherin (33).

Die Version auf Englisch und Spanisch aber reichte schon aus, um Bewerbungen aus der ganzen Welt zu bekommen, berichtet Müller. So waren Zuschriften aus Rumänien, Brasilien und den USA dabei. Und eben aus Spanien, genauer gesagt: Marbella an der Costa del Sol.

Dort hat Monica Alonso die vergangenen zwei Jahre verbracht, nachdem sie ihre Heimat Venezuela verlassen hatte. Zum Glück ist ihr Vater Spanier, und auch sie besitzt einen spanischen Pass – das macht die Bürokratie weniger aufwendig. Das erste Gespräch lief per Skype, dann lud das Kinderhaus die Erzieherin zu einer vierwöchigen Probezeit ein.

«Uns war klar: Wir begeben uns ins Ungewisse», sagt Mareike Müller. «Denn aus unserem Team spricht niemand Spanisch.» Nach den vier Wochen sei klar gewesen: «Es funktioniert auch ohne gemeinsame Sprache», sagt die Kita-Leiterin lachend. «Mit Händen, Füßen und Google-Übersetzung.» Außerdem besucht die Neue im Team zurzeit einen Intensiv-Deutschkurs.

Den muss die Spanierin letztlich auch deswegen nachweisen, damit ihr Arbeitgeber die Personalkostenzuschüsse vom Land Niedersachsen erhält. Bislang ist das nicht der Fall, der Verein trägt die Kosten alleine. Für die Gewerkschaft Verdi ist die Suche nach Erziehern im Ausland nicht außergewöhnlich. «Dass aber nun eine Kollegin eingestellt wurde, die gar kein Deutsch spricht, ist neu», sagt Matthias Büschking, Sprecher des Verdi-Landesbezirks Niedersachsen-Bremen.

Mehrsprachigkeit müsse in der Kita dabei kein Nachteil sein, so Büschking. «Davon können Kinder in ihrer sprachlichen Entwicklung sehr profitieren.» Gleichzeitig veranschaulicht der Fall laut Büschking ein weiteres Mal den «gravierenden Fachkräftemangel».

Einen Grund dafür sieht der Gewerkschafter in der geringen Vollzeit-Quote: «Nur 24 Prozent der Beschäftigten in Niedersachsen arbeiten Vollzeit, der Rest in Teilzeit.» Der Bundesdurchschnitt liege jedoch bei 40 Prozent Vollzeit. «Hier hat Niedersachsen noch Hausaufgaben zu machen. Eine Lösung wäre, mehr Ausbildungsplätze als berufsbegleitende Ausbildung anzubieten.» Außerdem müsse nach Tarifvertrag bezahlt werden, fordert der Verdi-Sprecher, dann erst werde der Erzieherberuf attraktiv.

Auch der Niedersächsische Städtetag schlägt eine Veränderung der Ausbildung im Erzieherberuf vor, dual und bezahlt. Zurzeit müssen Erzieher noch Schulgeld bezahlen, doch das plant die Landesregierung abzuschaffen. Für das Montessori-Kinderhaus Lüneburg ist aus der Notlösung wegen des Fachkräftemangels mittlerweile ein Weg geworden, den die Kita aktiv weitergehen will. «Die Kollegin ist eine unheimliche Bereicherung», sagt Mareike Müller. «Für uns Erwachsene, was Sichtweisen und Einstellungen angeht, und für die Kinder, weil sie eine fremde Sprache kennen lernen.» (Carolin George, dpa)

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2 KOMMENTARE

  1. In diesem Fall ist wohl nichts gegen eine spanisch sprechende Kindergärtnerin zu sagen, aber irgendwie widerlegt das die übliche Behauptung, wie wichtig doch die Sprachförderung (natürlich im Deutschen, nicht im Spanischen) für Kita-Kinder sei, ja dass der Kitabesuch genau aus diesem Grunde sogar verpflichtend sein solle (so Bürgermeister Hikel). Flächendeckend kann das wohl doch keine Lösung sein, es sei denn, man gibt diese Behauptung wieder auf. Wir leben schon in einer seltsamen Gesellschaft: Nun haben wir bereits ein babylonisches Sprachengewirr, und dann heißt es, wir brauchen mehr Zuwanderung aus fernen Ländern. Dem Bildungssystem kann das alles kaum guttun. Probleme gibt es genug, Lösungen sind Mangelware.

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