Hessens Kultusminister meint, die Schulen seien „hervorragend aufgestellt“ – die GEW spricht von „Realitätsverlust“

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WIESBADEN. In der traditionellen Pressekonferenz zu Schuljahresbeginn kamen vom hessischen Kultusminister Alexander Lorz (CDU) jede Menge Superlative: Hessens Schulen seien „hervorragend“ aufgestellt, Schulen seien „bestens“ ausgestattet, die Lehrerversorgung sei „einmalig“ gut, die Ausgaben für Bildung seien auf einem historischen „Höchststand“. Die Lehrerverbände zeigen sich empört. „Lorz hat offensichtlich den Bezug zur Realität in den Schulen vollkommen verloren“, meinte GEW-Landeschefin Maike Wiedwald.

ucht händeringend Grundschullehrer: Hessens Kultusminister Alexander Lorz. Foto: Hesssisches Kultusministeriums
Sieht sich massiver Kritik ausgesetzt: Hessens Kultusminister Alexander Lorz. Foto: Hesssisches Kultusministeriums

Die Unterrichtsversorgung an Hessens öffentlichen allgemeinbildenden und beruflichen Schulen ist im neuen Schuljahr überall im Land sichergestellt – das hat jedenfalls Kultusminister Alexander Lorz (CDU) am Donnerstag in Wiesbaden versichert. Für die 760.000 Schüler ständen 54.100 Lehrer und pädagogische Fachkräfte zur Verfügung. Das sei ein Plus von 1000 zusätzlichen Stellen im Vergleich zum vergangenen Jahr. Damit seien Hessens Schulen mit einer Lehrerzuweisung von mindestens 105 Prozent im Landesschnitt im Vergleich mit den anderen Bundesländern „einmalig gut versorgt“.

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Die GEW-Chefin Wiedwald meint dagegen: „Lehrkräftemangel und steigende Zahlen von Schülerinnen und Schülern – gerade in den Ballungsräumen – lassen die Klassengrößen häufig bis zur Obergrenze und darüber hinaus anwachsen. Oft sind die Unterrichtsräume zu klein, Schulgebäude sind nicht selten in einem maroden Zustand. Im Frühjahr mussten in Hessen sogar drei Schulen aufgrund von Einsturzgefahr schließen. Dazu verliert der Kultusminister kein Wort.“

Ihre Co-Vorsitzende Birgit Koch fordert darüber hinaus Verbesserungen im Personalbereich: „Es wäre gut, Herr Lorz würde sich mit dem realen schulischen Alltag befassen und keine Märchen erzählen. Um dem bestehenden Lehrkräftemangel zu begegnen, brauchen wir einen deutlichen Ausbau der Ausbildungskapazitäten an den Universitäten und Studienseminaren. Die Anpassung der Besoldung der Grundschullehrkräfte an das Niveau A13 muss endlich erfolgen, um mehr angehende Lehrkräfte für die Grundschulen zu gewinnen und auch zu halten. Ganz generell brauchen alle Lehrkräfte spürbare zeitliche Entlastungen, um ihrem Bildungs- und Erziehungsauftrag nachkommen zu können.“

“Rosarote Brille”

Auch der Philologenverband zeigte sich kritisch. „Kultusminister Lorz blickt durch eine rosarote Brille“, so hieß es in einer Pressemitteilung. „Die erfolgten Maßnahmen des Ministers klingen nach einer positiven Zusage in Sachen Bildungssicherheit, bannen aber nicht die Gefahren für die Bildungsqualität. Eine weitere Aufstockung ausgebildeter Lehrkräfte und weitere finanzielle Ressourcen zur qualitativen Sicherung des Fachunterrichts sind nach wie vor unerlässlich“, so erklärte der Gymnasiallehrerverband.  Auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE) sprach von Selbstbeweihräucherung, da an den Schulen weiter Lehrermangel herrsche. Die Landesregierung müsse deswegen unbedingt weitere Anstrengungen unternehmen, um Lehrernachwuchs zu werben, Lehrkräfte auszubilden und dieses qualifizierte Personal an die Schulen zu bringen, forderte der VBE-Landesvorsitzende Stefan Wesselmann.

«Jedes Schulkind weiß, dass Unterricht ausfällt, weil Lehrermangel herrscht», erklärte der SPD-Bildungsexperte Christoph Degen. Vertretungsunterricht sei reine Betreuung. Der FDP-Angeordnete Wolfgang Greilich sprach von einem wachsenden Problem, dass der Minister nicht wahrhaben wolle. Besonders betroffen seien die Grundschulen und an den weiterführenden Schulen die Fächer Kunst, Physik und Chemie. An den berufsbildenden Schulen betreffe es Fächer wie Metall und Elektro. Die Linken-Bildungsexpertin Gabi Faulhaber warf dem Kultusminister wegen der Probleme Schönfärberei und Selbstlob vor. News4teachers / mit Material der dpa

Lehrermangel: Bleibt ein Problem!

Nach Angaben von Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) stiegen die Bewerberzahlen für ein Referendariat an den Grundschulen zuletzt deutlich an. Die Lage auf dem Lehrkräftemarkt werde aber noch über viele Jahre angespannt bleiben. Insgesamt würden für die Abdeckung des in den Stundenplänen vorgesehenen Unterrichts rund 38.000 der gesamten Stellen benötigt. Der Rest entfalle auf zusätzliche Aufgaben an den Schulen wie die Inklusion, die Ganztagsbetreuung und die Sprachförderung für Flüchtlinge. Inklusive des am kommenden Montag beginnenden neuen Schuljahrs 2018/19 seien in den vergangenen vier Jahren insgesamt rund 4350 neue Stellen in Hessen geschaffen worden.

Von den rund 50 000 Schülern, die seit dem Jahr 2015 durch Flucht und Zuwanderung nach Hessen kamen, seien mittlerweile über 31 000 aus den Intensiv- in die Regelklassen gewechselt, teilte der Minister mit. Voraussetzung dafür waren ausreichende Deutschkenntnisse. Insgesamt ständen über 2400 Stellen für die sprachliche Förderung von Zuwanderern zur Verfügung. Dazu werde im neuen Schuljahr auch die Qualifizierung von Schulleitern ausgebaut, Konrektorstellen an kleinen Grundschulen eingeführt und das Ganztagsangebot weiter verstärkt. Außerdem soll in ausgewählten Schulen die Pilotversion einer digitalen pädagogischen Plattform zum Einsatz kommen, die Schülern und Lehrern als geschlossene Arbeits- und Lernplattform dienen wird.

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