Algorithmus erkennt Studienabbrecher – Soziologe: gesamtgesellschaftliche Diskussion notwendig

0

CHEMNITZ. Algorithmen beeinflussen schon heute das Leben der meisten Menschen und dabei entwickeln sich die Regelsysteme ständig weiter. Können Algorithmen in Zukunft auch die Studien- und Berufswahl junger Menschen bestimmen? Der Chemnitzer Techniksoziologe Christian Papsdorf sieht die digitalen Instrumente noch nicht so weit. Ignoranz dürfe dennoch keine Option sein.

Algorithmen finden schleichend Einzug in immer mehr Bereiche unsere Lebenswelt: Beim Online-Shopping bieten Algorithmen Käufern und Käuferinnen Kaufentscheidungen an, in der Textverarbeitung korrigieren sie unsere Rechtschreibung und bei der Internet-Recherche suchen sie die für uns vermeintlich besten Suchergebnisse heraus. Jetzt finden sie auch den Weg in die Universität: Erst kürzlich wurde am Karlsruher Institut für Technologie ein Algorithmus entwickelt, der mit Hilfe von Leistungsübersichten und biographischen Daten Studienabbrüche mit hoher Wahrscheinlichkeit schon in den ersten Semestern erkennen kann.

Für Viele sind Algorithmen weitgehend unbekannter „technischer Kram“, dabei beeinflussen sie das moderne Leben durchgreifend. Foto: geralt / Pixabay (CC0)
Für viele Menschen sind Algorithmen weitgehend unbekannter „technischer Kram“, dabei beeinflussen sie das moderne Leben durchgreifend. Foto: geralt / Pixabay (CC0)
Anzeige


Christian Papsdorf Techniksoziologe aus Chemnitz. sieht Algorithmen in einfachen Fällen wie der Produktauswahl auf Basis von Gewohnheiten bereits als verlässlich. Von der komplexen sozialen Wirklichkeit seien sie aber oft überfordert. Den ungeprüften Einsatz digitaler Instrumente zur Beurteilung und Vermessung von Menschen hält er für verantwortungslos.

„Universitäten arbeiten zunehmend kennzifferngetrieben und dabei spielt die Absolventen- und Absolventinnenquote eine Rolle.“ so Papsdorf. Hilfsmittel wie der angesprochene Algorithmus, der viel Wert auf die Beziehung zwischen der Anzahl der bestandenen Klausuren und einem Studienabbruch lege, seien daher sehr willkommen – sie vereinfachen das Beurteilungsverfahren auf der einen Seite und geben auf der anderen eine Prognose.

„Grundlegend finde ich es gut, wenn Studierenden möglichst viele Informationen zur Verfügung gestellt werden, um Entscheidungen zu treffen“, meint Papsdorf. Das Problem sei jedoch, dass Menschen dazu tendieren, solche Empfehlungen eins zu eins umzusetzen. Aus der Forschung zu digitalen Hilfssystemen im Vorfeld von Wahlen, sogenannten „Wahl-O-Maten“, die von vielen Millionen Menschen genutzt werden, sei bekannt, dass die Ergebnisse solcher „Voting Advice Applications“ nicht als Hinweis verstanden werden, sondern als Aufforderung und daher direkt in der Wahlkabine umgesetzt werden. Gerade wenn es um biographische Entscheidungen geht, sei dies sehr problematisch.

Studienabbrüche bei Lehramtsstudenten werden untersucht

„Oft wird erst im Nachhinein erkenntlich, welchen ‚Sinn’ ein Lebensabschnitt hatte. So war das Studium vielleicht nicht erfolgreich, aber man hat währenddessen eine Berufung in einem anderen Feld gefunden“, erklärt Papsdorf. „Oder es wurde ein Studium zwar spät abgebrochen, aber die erlernten Kompetenzen stellen eine wichtige interdisziplinäre Qualifikation für einen späteren Job dar. Auch sind negative Erfahrungen für die Persönlichkeit wichtig und können eine langwährende Motivation bilden.“ Fraglich sei auch, ob durchgeplante Biographien überhaupt erstrebenswert seien. Papsdorf führt aus: „Meines Erachtens ist auf dem Arbeitsmarkt immer häufiger der ‚ganze Mensch’ gefragt. Es sollte also auch Raum dafür geben, sich auszuprobieren, quer zu denken oder zu studieren, einen Irrweg zu gehen und sich das oft zitierte ‚einzigartige’ Bewerberprofil anzueignen.“

Doch auch Arbeitgeber greifen bei der Suche nach passenden Kandidaten und Kandidatinnen immer stärker auf Bewertungssoftware zurück, die auf Algorithmen basieren. Diese sieben Kandidaten automatisch aus, die nicht bestimmten Kriterien, wie beispielsweise der Abschlussnote, entsprechen. „Gleichwohl können Algorithmen heutzutage nur die ‚einfachen Fälle’, das heißt solche mit klar strukturierten Informationen und festen Kriterien, verlässlich bearbeiten und operieren häufig mit Wahrscheinlichkeiten. Die soziale Wirklichkeit ist aber komplex. Oft noch zu komplex für Algorithmen.“ Sollte sich die Lebenswirklichkeit, also die Biographie oder das Qualifikationsprofil von Bewerbern, nicht in bestimmte Muster oder Formulare fügen lassen, kann es sein, dass diese im Auswahlprozess benachteiligt werden.

Ebenfalls in den Fokus von Arbeitgebern sei auch die Netzaktivität potentieller Nutzer geraten. Papsdorf erklärt: „Technisch und wissenschaftlich gesehen ist das extrem spannend. Das Problem sei, dass über den Einsatz derartiger Instrumente weder politisch noch gesellschaftlich ausreichend debattiert wurde. Vielmehr würden Anbieter solcher Dienste die Gesellschaft und damit auch einzelne Menschen als Real-Labore nutzen.

Konkret bedeute das: Die digitalen Instrumente werden nicht erprobt, geschweige denn zertifiziert, sondern direkt angewendet und im Laufe der Zeit verbessert. Dies sei laut Papsdorf „riskant und auch verantwortungslos“. Eine besondere Brisanz liege in der Tatsache, dass Empfehlungen von Algorithmen als besonders genau oder objektiv wahrgenommen werden, obwohl dies eher die Ausnahme sei.

Eine dystopische Zukunft wie in vielen Filmen und Büchern beschrieben, in denen Menschen etwa von Maschinen bestimmt und gesteuert werden, hält Christian Papsdorf jedoch für unwahrscheinlich. Technisierungsprozesse laufen nicht autonom ab, sie seien sozial gestaltbar – dazu der Forscher: „Bürger sollten sich jetzt Gedanken darüber machen, welche Bereiche der Gesellschaft wir automatisieren wollen und bei welchen dies eher nachteilig wäre.“ In Ansätzen sei dies bereits passiert: So gäbe es in westlichen Gesellschaften beispielweise kaum Akzeptanz dafür, die Erziehung von Kindern an Technik auszulagern.

Papsdorf plädiert für eine gesamtgesellschaftliche Diskussion über den Einsatz von digitalen Technologien wie Algorithmen zur Entscheidungsfindung. Überraschend ignorant gegenüber Algorithmen sei seit dem Verschwinden der Piratenpartei jedoch die Politik. Papsdorf: „Hier wird oft nach der Formel: ‚Je mehr Digitalisierung, desto mehr Wohlstand’ operiert, anstatt die Auswirkungen auf die Lebenswirklichkeit der Menschen zu betrachten.“

Als Reaktion sieht der Forscher die Einführung eines eigenen medienpädagogischen Schulfachs dringend geboten, um die Schüler und Schülerinnen so früh wie möglich aufzuklären. Auch wenn technikinduzierte Veränderungen schneller als je zuvor gesellschaftliche Strukturen verändern, dürfe Ignoranz oder gar Resignation gegenüber der fortschreitenden Digitalisierung keine Option sein.

Informatik im Kindergarten – Digitalisierung schon bei den Kleinsten ein Thema?

Algorithmus, Studienabbrecher, Digitalisierung

Anzeige


HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here